Laut Landesmedien handelt es sich um Lehrbücher für die Militär-Mittelschulen Brasiliens, die es in allen Großstädten gibt. Erschreckend sei, daß solche Lehrinhalte auch noch mit öffentlichen Mitteln finanziert würden.
http://www.bundestag.de/dasparlament/2010/12/Beilage/006.html
Bonns Haltung zu Brasiliens Diktaturgenerälen nach dem Militärputsch von 1964:
Laut Geschichtsdaten erfolgte der erste Besuch eines deutschen Bundespräsidenten mit Heinrich Lübke kurz nach dem Militärputsch vom 31. März 1964, vom 7. bis 14. Mai des betreffenden Jahres.
Laut Nationaler Wahrheitskommission waren bereits im Putschjahr 1964 über 50000 Menschen verhaftet worden. Wie die Wahrheitskommission weiter mittteilte, wurden die Regimegegner in Fußballstadion und Schiffen gefangen gehalten. Zu den Stadien zählte das Fußballstadion “Caio Martins” in Rio de Janeiro. Schon im Putschjahr 1964 sei vom Militärregime die Folter eingeführt worden - dazu Mord, Verschwindenlassen und Entführung.
“A história oficial contada aos alunos dos 12 colégios militares do país omite a tortura praticada na ditadura e ensina que o golpe ocorrido em 1964 foi uma revolução democrática; a censura à imprensa, necessária para o progresso; e as cassações políticas, uma resposta à intransigência da oposição.
É isso que está no livro didático “História do Brasil -Império e República”, utilizado pelos estudantes do 7º ano (antiga 6ª série) das escolas mantidas com recursos públicos pelo Exército.
O Exército afirma que o material “atende adequadamente às necessidades do ensino de História no Sistema Colégio Militar”.
…Já a obra da Bibliex narra uma história diferente: Goulart cooperava com os interesses do Partido Comunista, que já havia se infiltrado na Igreja Católica e nas universidades. Do outro lado, as Forças Armadas, por seu “espírito democrático”, eram a maior resistência às “investidas subversivas”.
No caderno de exercícios, uma questão resume a ideia. Qual foi o objetivo da tomada do poder pelos militares? Resposta: “combater a inflação, a corrupção e a comunização do país”.
TORTURA
A obra não faz menção à tortura e ao desaparecimento de opositores ao regime militar. Cita apenas as ações da esquerda: “A atuação de grupos subversivos, além de perturbar a ordem pública, vitimou numerosas pessoas, que perderam a vida em assaltos a bancos, ataques a quartéis e postos policiais e em sequestros”.
http://www.hart-brasilientexte.de/2011/08/28/brasilien-milliarden-fur-fusball-wm-und-olympische-spiele-wahrend-bildungswesen-weiter-sehr-niedriges-niveau-aufweist-entsprechende-strasenproteste-in-sao-paulo/
“Bereits im Juni 1968 hatte BRD-Außenminister Willy Brandt bei einem Besuch in Brasilien das deutsche Interesse dargelegt, Brasilien mit Nukleartechnologie zu beliefern. 1969 unterzeichneten Brasilien und Deutschland ein bilaterales Abkommen zu wissenschaftlicher und technischer Kooperation. “Dominik Hauber, “Was passiert in Resende?
Tags: Brasiliens Militärdiktatur, Clarice Herzog, Hans-Dietrich Genscher, Waldemar Rossi, Willy Brandt
Clarice Herzog und Waldemar Rossi auf Veranstaltung des Stadtparlaments zu Ehren von Kardinal Paulo Evaristo Arns.
http://www.bundestag.de/dasparlament/2010/12/Beilage/006.html
Waldemar Rossi, Führer der Arbeiterpastoral der Erzdiözese Sao Paulo, wurde damals vom Militärregime eingekerkert, gefoltert - die auch von der SS benutzte Foltermethode der Papageienschaukel(das Opfer wird mit den Kniekehlen mit dem Kopf nach unten an einer Eisenstange aufgehängt,Handgelenke werden an den Fußgelenken oder der Stange befestigt; dazu täglich stundenlang Elektroschocks. Dom Paulo macht Druck, alarmiert den Vatikan, holt Waldemar Rossi und andere Widerstandskämpfer heraus, besucht sie vorher in ihrer Zelle - heute Teil des Widerstands-Memorials von Sao Paulo.
Dem Vernehmen nach sind Clarice Herzog und Kardinale Paulo Evaristo Arns für eine brasilianische Wahrheitskommission vorgesehen, die sich mit der Aufklärung der Diktaturverbrechen befassen soll.
In einer großen Ausstellung in der City Sao Paulos erinnert die Qualitätszeitung an die beiden für das Jahr 1975 bedeutenden historischen Fakten - die Unterzeichnung des Atomvertrages unter Schmidt-Genscher mit der brasilianischen Militärdiktatur sowie die Folterung und Ermordung des jüdischen Journalisten Herzog durch das Militärregime unter dem deutschstämmigen General Ernesto Geisel. Die Herzog-Familie war aus Jugoslawien vor dem Nazismus nach Brasilien geflüchtet - die brasilianische Militärdiktatur war laut Historikerbewertung nazistisch-antisemitisch orientiert.
“Juni 1975. Brasilien und Deutschland schließen Abkommen zum Bau von Atomkraftwerken in Angra dos Reis.
1. November 1975. Etwa 8000 Menschen nehmen am Gottesdienst auf dem Sé-Platz zur Erinnerung an den Journalisten Vladimir Herzog teil, ermordet unter der Folter.
Diktator Ernesto Geisel, in dessen Amtszeit der jüdische Journalist Herzog gefoltert und ermordet wurde - und Willy Brandt, Ausriß. http://www.hart-brasilientexte.de/2011/11/16/helmut-schmidt-und-lula-lulas-sonderbeziehungen-zu-deutschland/
“Die Zeit” 1974 über den General der Folter-Diktatur, Ernesto Geisel: “In Brasilien ist am Freitag voriger Woche der 65jährige Ernesto Geisel als brasilianischer Präsident vereidigt worden. Die Zeremonie fand unter strengen Sicherheitsmaßnahmen statt: die Kontrolleure verweigerten sogar dem neuen Industrieminister, einem aus Japan stammendem Brasilianer, wegen seines „fremden” Aussehens den Zutritt. Ehrengäste waren die drei Staats- bzw. Regierungschefs Pinochet (Chile), Banzer (Bolivien) und Bordaberry (Uruguay). Die Vereinigten Staaten wurden durch Patricia Nixon und den stellvertretenden Leiter des CIA vertreten.”
Diktaturopfer - getötete Regimegegnerin, Foto von kirchlichen Menschenrechtsaktivisten.
Treffen Nixon - Brandt in Florida 1971, laut US-Dokumenten - die Frage des Verhältnisses zur Militärdiktatur der Foltergeneräle:
“President Nixon asked for the Chancellor’s view on Brazil.
Chancellor Brandt stated that Germany has some trade and investment there, especially in the Sao Paolo area. He noted that political relations are good.”
Nixon über Militärdiktator General Ernesto Geisel : “On the other hand, the Brazilian leader9 has been good for Brazil and we continue to maintain that if he takes no foreign policy actions against us, then what he does is acceptable.”
Wer war Herzog? http://educacao.uol.com.br/biografias/vladimir-herzog.jhtm
Nach Folter und Mord an dem jüdischen Journalisten Herzog rief der deutschstämmige Kardinal Paulo Evaristo Arns in Sao Paulo zu einer ökumenischen Trauerfeier in die Kathedrale, zelebrierte mit zwei Rabbinern die Messe,die mit etwa 8000 Teilnehmern zu einem Symbol des Protestes gegen die Folter-Diktatur wurde. Nach der Beerdigung von Herzog auf dem jüdischen Friedhof von Butantá streikten etwa 30000 von 35000 Studenten der Bundesuniversität USP von Sao Paulo - Herzog war dort Professor.
Auffällig, daß außer Brandts Äußerung, die politischen Beziehungen zur Militärdiktatur unter General Ernesto Geisel seien gut, zumindest im Internet keinerlei Brandt-Bewertung der Diktaturverbrechen zu finden ist.
http://womblog.de/die-brasilianische-bombe
Die Diktatur begann mit dem Militärputsch von 1964 - 1969 schloß Bonn mit dem Militärregime laut Jahreschronik ein Kulturabkommen.
“Wo sind unsere Toten?” (Protestkundgebung in Sao Paulo 2012)
Wie Brasiliens katholische Kirche betont, wissen sehr viele Angehörige von “Verschwundenen” der Militärdiktatur bis heute nicht, was mit diesen geschah.
Brasiliens Militärdiktator Emilio Medici, Vorgänger von Geisel, laut Wikipedia:
http://www.bundestag.de/dasparlament/2010/12/Beilage/006.html
“Bereits im Juni 1968 hatte BRD-Außenminister Willy Brandt bei einem Besuch in Brasilien das deutsche Interesse dargelegt, Brasilien mit Nukleartechnologie zu beliefern. 1969 unterzeichneten Brasilien und Deutschland ein bilaterales Abkommen zu wissenschaftlicher und technischer Kooperation. “Dominik Hauber, “Was passiert in Resende?
Der Spiegel 1975, im Jahr der Ermordung des jüdischen Journalisten Herzog, zu den Beziehungen des Außenministers Hans-Dietrich Genscher(FDP) zur brasilianischen Militärdiktatur:
Zugleich hofft Genscher, seiner FDP mit solchen Ideen das Image einer Fortschrittspartei zu erhalten, zumal die Freidemokraten nach seiner Ansicht “das Wählerpotential haben, das das am ehesten versteht”.
Die außenpolitische Tauglichkeit seines Plans wollte Genscher vor allem in Brasilien überprüfen, das ihm als “Schwellenmacht zum Industriestaat” (AA-Definition) als Testobjekt besonders geeignet scheint. Das Regime des deutschstämmigen Generals Ernesto Geisel versucht sich mit Macht aus der alten Abhängigkeit von Washington zu lösen und hält in Europa nach potenten Partnern für seine ehrgeizigen Industrialisierungspläne Ausschau.
Die Bundesrepublik gilt den Brasilianern als erste Wahl, denn die Deutschen halten im volkreichsten Staat Südamerikas (über 100 Millionen Einwohner) in der Rangliste ausländischer Investoren hinter den USA den zweiten Platz. Mehr als 500 westdeutsche Unternehmen produzieren bereits im Lande. Friedrich Wilhelm Christians, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank und gemeinsam mit anderen Wirtschaftsgrößen in Genschers Begleitung, schätzt die Summe der westdeutschen Anlagewerte auf mittlerweile vier bis viereinhalb Milliarden Mark.
Erst recht als Schlaraffenland für Exporteure gilt Brasilien, seit es der deutschen Wirtschaft den fettesten Ausfuhrauftrag ihrer Geschichte versprochen hat: den Bezug von acht Kernkraftwerken samt Zusatzeinrichtungen im Wert von mindestens zwölf Milliarden Mark.
Politisch ist das Atomgeschäft nicht ohne Sprengkraft. Um den Vorwurf zu entkräften, Brasilien könne mit deutscher Hilfe künftig Atombomben bauen, machte die Bundesregierung ihre Zustimmung von einem Abkommen zwischen Bonn, Brasilia und der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) in Wien abhängig, das regelmäßige Überwachungen durch IAEO-Inspektoren garantieren soll.
Damit geriet die Bundesregierung unversehens in Konflikt mit der verzwickten brasilianischen Innenpolitik. Denn starke nationalistische Gruppen fordern nun von der Regierung Geisel, sie müsse, um den Großmachtanspruch Brasiliens zu wahren, die Option für den Bau der Bombe offenhalten.
Unmittelbar nach Genschers Abflug reiste eine Bonner Expertendelegation an, die in Brasilia die dreiseitige Übereinkunft aushandeln soll. Prompt verbreiteten “gut unterrichtete Kreise” (Nachrichtenagentur Reuter), Brasilien werde sich gegen jede Verabredung wehren, die IAEO-Mitarbeiter jederzeit ins Land lasse. Setzen sich die Kontrollgegner durch, wäre das Atomgeschäft gefährdet, und Genscher, der die Nuklear-Allianz mit den Südamerikanern befürwortet, müßte erkennen, daß sich die Vision vom weltweiten Engagement der Bundesrepublik leichter entwickeln als durchsetzen läßt.
Auf seinem Südamerika-Trip konnten derlei Widrigkeiten die gute Laune des Bonner Chefdiplomaten nicht beeinträchtigen. Da sonnte er sich, zwischen Rio und Lima, im Gefühl, den großen Wurf gelandet zu haben. Bankier Christians: “Dem Genscher macht das richtig Spaß, der kriegt eine ganz lange Zunge.”
Der Spiegel zum deutsch-brasilianischen Atomgeschäft: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41019615.html
In den Archiven des Weltkirchenrates in Genf lagern Dokumente der brasilianischen Kirche, die laut Brasiliens Medien für das Diktaturjahr 1970 von “Bürgerkrieg” und etwa 12000 politischen Gefangenen sprechen. Die Diktatur erlaubte dem Internationalen Roten Kreuz nicht den Zugang zu den Gefängnissen, Diktator Medici erklärte, es gebe keine politischen Gefangenen in Brasilien. 1971 wurde ein Appell an die UNO wegen der gravierenden Menschenrechtsverletzungen gerichtet. In den Dokumenten des Weltkirchenrates werden die sadistischen Foltertechniken detailliert beschrieben, Folter werde als politische Waffe angewendet. Die Zahl der Folterzentren wird mit 242 angegeben, weibliche Gefangene seien häufig vergewaltigt worden. Zu den Taktiken gehörte, Oppositionelle in Gegenwart ihrer Ehepartner, teils sogar ihrer Kinder zu foltern.
Hintergrundtext:
„Wenn die Toten da reingeschmissen werden, sind das Szenen wie in diesen
Holocaustfilmen“, beklagen sich Anwohner von Massengräber-Friedhöfen der größten lateinamerikanischen Demokratie. In der Tat wird seit der Diktaturzeit vom Staat die Praxis beibehalten, nicht identifizierte, zu „Unbekannten“ erklärte Tote in Massengräbern zu verscharren.
Die Kirche protestiert seit Jahrzehnten dagegen und sieht darin ein gravierendes ethisch-moralisches Problem, weil es in einem Land der Todesschwadronen damit auch sehr leicht sei, unerwünschte Personen verschwinden zu lassen. In der Megacity Sao Paulo mit ihren mehr als 23 Millionen Einwohnern empört sich der weltweit angesehene Menschenrechtspriester Julio Lancelotti: „In Brasilien wird monatlich eine erschreckend hohe Zahl von Toten anonym in Massengräbern verscharrt, verschwinden damit Menschen auf offiziellem Wege, werden als Existenz für immer ausgelöscht. Wir von der Kirche nehmen das nicht hin, versuchen möglichst viele Tote zu identifizieren, um sie dann auf würdige Weise christlich zu bestatten. Wir brauchten einen großen Apparat, ein großes Büro, um alle Fälle aufklären zu können – dabei ist dies eigentlich Aufgabe des Staates!“
Padre Lancelotti erinnert daran, daß während der 21-jährigen Diktaturzeit in
Sao Paulo von den Machthabern 1971 eigens der Friedhof Dom Bosco geschaffen wurde, um dort zahlreiche ermordete Regimegegner heimlich gemeinsam mit jenen unbekannten Toten, den sogenannten Indigentes, in Massengräber zu werfen. Wie die Menschenrechtskommission des Stadtparlaments jetzt erfuhr, wurden seit damals allen Ernstes 231.000 Tote als Namenlose verscharrt – allein auf diesem Friedhof. Heute kommen Monat für Monat dort zwischen 130 und 140 weitere Indigentes hinzu.
Nach einem Massaker an Obdachlosen Sao Paulos kann Priester Lancelotti zufällig auf dem Friedhof Dom Bosco beobachten, wie sich der Staat der Namenlosen entledigt: “Als der Lastwagen kommt und geöffnet wird, sehe ich mit Erschrecken, daß er bis obenhin voller Leichen ist. Alle sind nackt und werden direkt ins Massengrab geworfen. Das wird zugeschüttet – und fertig. Sollten wir später noch Angehörige ermitteln, wäre es unmöglich, die Verstorbenen in der Masse der Leichen wiederzufinden. Was sage ich als Geistlicher dann einer Mutter?“ Lancelotti hält einen Moment inne, reflektiert: „Heute hat das Konzentrationslager keinen Zaun mehr, das KZ ist sozusagen weit verteilt – die Menschen sind nach wie vor klar markiert, allerdings nicht auf der Kleidung, sondern auf dem Gesicht, dem Körper. Und sie werden verbrannt, verscharrt, wie die Gefangenen damals, und es gibt weiter Massengräber.“
Was in Sao Paulo geschieht, ist keineswegs ein Einzelfall. In der nordostbrasilianischen Millionenstadt Fortaleza leiden die Anwohner des Friedhofs „Bom Jardim“ seit Jahren bei den hohen Tropentemperaturen unter grauenhaftem Leichengeruch. „Die Toten werden oft schon verwest hergebracht, wie Tiere verscharrt, wir müssen zwangsläufig zusehen, es ist grauenhaft“, klagt eine Frau. „Fast jeden Tag kommt der Leichen-LKW – doch bei den heftigen Gewitterregen wird die dünne Erdschicht über den Toten weggeschwemmt, sehen wir die Massengräber offen, wird der Geruch im Stadtviertel so unerträglich, daß viele Kopfschmerzen kriegen, niemand hier eine Mahlzeit zu sich nimmt.“ Der Nachbar schildert, wie das vergiftete Regenwasser vom Friedhof durch die Straßen und Gassen des Viertels läuft: „Das Wasser ist grünlich und stinkt, manchmal werden sogar Leichenteile mitgeschwemmt – und weggeworfene Schutzhandschuhe der Leichenverscharrer. Die Kinder spielen damit – haben sich an die schrecklichen Vorgänge des Friedhofs gewöhnt. Wir alle haben Angst, daß hier Krankheiten, Seuchen ausbrechen.“
Selbst in Rio de Janeiro sind die Zustände ähnlich, werden zahllose Menschen von Banditenkommandos der über 1.000 Slums liquidiert und gewöhnlich bei Hitze um die 35 bis 40 Grad erst nach Tagen in fortgeschrittenem Verwesungszustand zum gerichtsmedizinischen Institut abtransportiert. Wie aus den Statistiken hervorgeht, werden in den Großstädten monatlich stets ähnlich viele Tote als „Namenlose“ in Massengräber geworfen wie in Sao Paulo, der reichsten Stadt ganz Lateinamerikas.
Priester Julio Lancelotti und seine Mitarbeiter stellen immer wieder Merkwürdigkeiten und verdächtige Tatbestände fest. „Werden Obdachlose krank und gehen in bestimmte öffentliche Hospitäler, bringt man an ihrem Körper eine Markierung an, die bedeutet, daß der Person nach dem Tode zu Studienzwecken Organe entnommen werden. Die Männer registriert man durchweg auf den Namen Joao, alle Frauen als Maria. Wir streiten heftig mit diesen Hospitälern und wollen, daß die Obdachlosen auch nach dem Tode mit den echten Namen geführt werden. Schließlich kennen wir diese Menschen, haben über sie Dokumente. Man meint eben, solche Leute sind von der Straße, besitzen also weder eine Würde noch Bürgerrechte. Wir haben in der Kirche eine Gruppe, die den illegalen, kriminellen Organhandel aufklären will, aber rundum nur auf Hindernisse stößt. Denn wir fragen uns natürlich auch, ob jenen namenlos Verscharrten vorher illegal Organe entnommen werden.“
Fast in ganz Brasilien und auch in Sao Paulo sind Todesschwadronen aktiv, zu denen Polizeibeamte gehören, wie sogar das Menschenrechtsministerium in Brasilia einräumt. Tagtäglich würden mißliebige Personen außergerichtlich exekutiert, heißt es. Darunter sind auch Obdachlose, von denen allein in Sao Paulos Zentrum weit über zehntausend auf der Straße hausen. Wie Priester Julio Lancelotti betont, ist zudem die Zahl der Verschwundenen auffällig hoch. „Auf den Straßen Sao Paulos werden viele Leichen gefunden. Denn es ist sehr einfach, so einen Namenlosen zu fabrizieren. Man nimmt ihm die Personaldokumente weg, tötet ihn und wirft ihn irgendwo hin. Wir gehen deshalb jeden Monat ins gerichtsmedizinische Institut, um möglichst viele Opfer zu identifizieren. Die Polizei ist immer überrascht und fragt, warum uns das interessiert. Das Identifizieren ist für uns eine furchtbare, psychisch sehr belastende Sache, denn wir müssen monatlich stets Hunderte von Getöteten anschauen, die in großen Leichenkühlschränken liegen – alle schon obduziert und wieder zugenäht. Und man weiß eben nicht, ob da Organe
entnommen wurden.“
Solchen Verdacht hegen nicht wenige Angehörige von Toten, die seltsamerweise als „Namenlose“ im Massengrab endeten. In der nordostbrasilianischen Küstenstadt Maceio ging letztes Jahr der 69-jährige Sebastiao Pereira sogar mit einem Protestplakat voller Fotos seines ermordeten Sohnes auf die Straße. Dem Vater hatte man im gerichtsmedizinischen Institut die Identifizierung der Leiche verweigert – diese dann mysteriöserweise auf einen Indigentes-Friedhof gebracht. Kaum zu fassen – ein Friedhofsverwalter bringt es fertig, Sebastiao Ferreira später mehrere Leichenteile zu zeigen, darunter einen Kopf. „Mein Sohn wurde allein am Kopf von vier MG-Schüssen getroffen – und dieser Kopf war doch intakt! Ich setzte eine DNA-Analyse durch – der Kopf war von einem Mann, das Bein von einem anderen, der Arm wiederum von einem anderen – doch nichts stammte von meinem Sohn“, sagt er der Presse.
In Sao Paulo hat Priester Lancelotti durchgesetzt, daß ein Mahnmal auf dem Friedhof Dom Bosco an die ermordeten Regimegegner, aber auch an die mehr als 200.000 „Namenlosen“ erinnern wird.
Neuerdings macht der Friedhof in Brasilien immer wieder Schlagzeilen, allerdings nicht wegen der Massengräber von heute. Progressive Staatsanwälte versuchen das Oberste Gericht in Brasilia zu überzeugen, den zur Diktaturzeit für den Friedhof verantwortlichen Bürgermeister Paulo Maluf und den damaligen Chef der Politischen Polizei, Romeu Tuma, wegen des Verschwindenlassens von Oppositionellen vor Gericht zu stellen. Erschwert wird dies jedoch durch den Politikerstatus der Beschuldigten: Paulo Maluf ist Kongreßabgeordneter und Romeu Tuma sogar Kongreßsenator – beide gehören zum Regierungsbündnis von Staatspräsident Lula.
Wie es unter Berufung auf die Zivilpolizei heißt, existieren in Lateinamerikas reichster Stadt Sao Paulo 2 Todesschwadronen, die aus Militärpolizisten bestehen. Die Militärpolizei, die für die “öffentliche Ordnung” zuständig ist, den Streifendienst auf den Straßen leistet, ist ein Relikt der Militärdiktatur(1964-1985) und wurde trotz Forderungen der Menschenrechtsbewegung auch unter Lula-Rousseff nicht abgeschafft. Die mindestens 150 Menschen seien in Sao Paulo zwischen 2006 und 2010, also in der Amtszeit von Lula und dessen Chefministerin Dilma Rousseff, umgebracht worden. Weitere 54 Menschen seien bei Attentaten verwundet worden, wo Militärpolizisten tatverdächtig seien. Rund 50 Militärpolizisten würden verdächtigt, Gruppen zu bilden, die den Rauschgifthandel kontrollieren.
Außergerichtliche Exekution in Sao Paulo - anklicken: http://www.hart-brasilientexte.de/2011/04/04/ausergerichtliche-exekution-durch-militarpolizisten-auf-friedhof-sao-paulos-eine-couragierte-zeugin-schildert-dem-polizeinotruf-live-den-ablauf-stellt-den-todesschutzen-zur-rede-anklicken-menschen/
In meinungsbildenden deutschen Analysen wird die brasilianische Regierung ausdrücklich als “progressiv” eingestuft.
Todesschwadronen agieren gemäß den Angaben landesweit und sind ebenfalls ein Relikt der Militärdiktatur. Barack Obama hatte jetzt während seines Brasilienbesuchs einen namhaften Diktaturaktivisten des Militärregimes, José Sarney, in Brasilia getroffen. Sarney war damals Chef der Folterdiktatorenpartei ARENA.
Wie Brasiliens größte Qualitätszeitung “Folha de Sao Paulo” schreibt, seien 12 Getötete in dem Untersuchungsbericht nicht aufgeführt, die auf das Konto der Todesschwadron “Os Highlanders”, ebenfalls Militärpolizisten, gehe. Diese Schwadron habe den Opfern stets den Kopf abgeschlagen.
Obama und Letelier in Chile: http://www.hart-brasilientexte.de/2011/03/30/barack-obama-und-juan-pablo-letelier-sohn-des-in-washington-ermordeten-allende-ausenministers-orlando-letelier-es-fehlen-noch-schuldeingestandnis-und-reue-des-nordens-wegen-dessen-verantwortung-fu/
Brasilien, Vergangenheitsbewältigung: http://www.bundestag.de/dasparlament/2010/12/Beilage/006.html
Zeitungsausriß.
Große Gefahren für Systemkritiker, Menschenrechtsaktivisten: http://www.hart-brasilientexte.de/2011/03/24/attentat-auf-brasilianischen-systemkritiker-ricardo-gama-in-rio-de-janeirocopacabana-anwalt-von-drei-schussen-darunter-in-kopf-getroffen/
Amnesty Journal 2009:
“KOPF UNTER WASSER
Gravierende Menschenrechtsverletzungen offiziell abzustreiten oder zu vertuschen, kommt heutzutage bei der internationalen Gemeinschaft schlecht an. Das weiß auch die brasilianische Regierung und geht deshalb seit langem einen anderen Weg: Mit erstaunlicher, entwaffnender Offenheit wird in- wie ausländischen Kritikern bestätigt, dass sie völlig im Recht seien. Man sehe die Dinge ganz genau so und habe bereits wirksame Schritte, etwa zur Abschaffung der Folter, eingeleitet. Doch auf die Worte folgen meist keine Taten.
Menschenrechtsaktivisten wie der österreichische Pfarrer Günther Zgubic, der die bischöfliche Gefangenenseelsorge in Brasilien leitet, vermissen seit Jahren deutliche Worte von deutscher Seite. Schließlich ist Lateinamerikas größte Demokratie ein wichtiger strategischer Partner von Deutschland, und die Regierung in Berlin spricht gerne von den “gemeinsamen Werten”, die beide Staaten verbinden würden. Mit dem Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung, Günter Nooke, hat jetzt zum ersten Mal endlich ein hochrangiger deutscher Politiker in der Hauptstadt Brasilia die Probleme offen angesprochen.
Zgubic erinnert immer wieder an die wohlklingenden Versprechungen, die Präsident Luiz Inácio Lula da Silva bei seinem Amtsantritt 2003 verkündet hat: “Er hat öffentlich erklärt, dass er Folter und andere grausame, unmenschliche Praktiken nicht mehr duldet.” Leere Worte aus Brasilia, denn nach Informationen von Zgubic existiert die Folter in allen Varianten, um Geständnisse zu erzwingen: “Es werden Elektroschocks eingesetzt, man presst den Kopf unter Wasser. Auf allen Polizeiwachen Brasiliens werden Häftlinge gefoltert”, meint Zgubic.
Nun sieht er sich überraschend durch Nooke bestätigt. “Stehen Menschenrechtsprobleme wie die unsägliche Folterpraxis beim Staatspräsidenten ganz oben auf der Prioritätenliste? Wieso wird nicht stärker kritisiert, dass die Regierung alle internationalen Verpflichtungen eingeht, ohne sie dann auch konsequent umzusetzen? Wir merken, dass sich Brasilien beim Thema Menschenrechte von Europa entfernt”, erklärte Nooke kürzlich. Brasilien dürfe im Menschenrechtsbereich nicht abdriften.
Doch vielleicht ist dies längst passiert. Paulo Vannuchi, Leiter des Staatssekretariats für Menschenrechte in Brasilia, hatte in der Zeitung “Folha de São Paulo” betont, dass das brasilianische Strafgesetz die Todesstrafe zwar nicht vorsehe, dennoch aber täglich außergerichtliche Exekutionen stattfinden würden. Gemeinsame Werte? Pedro Ferreira, Anwalt bei der bischöflichen Gefangenenseelsorge, findet es bedrohlich, dass selbst nach offiziellen Angaben derzeit über 126.000 Häftlinge trotz verbüßter Strafe illegal weiter festgehalten werden.
Ehemalige Gegner der Diktatur (1964 bis 1985) weisen zudem auf die fatalen Folgen der nicht bewältigten Gewaltherrschaft hin. Nicht einmal die Öffnung der Geheimarchive aus der Zeit der Diktatur sei unter Lula veranlasst worden, kritisiert Bundesstaatsanwalt Marlon Weichert aus São Paulo. Die Straflosigkeit inspiriert seiner Meinung nach jene Staatsfunktionäre, die heute im Polizeiapparat und im Gefängnissystem “Folter und Ausrottung” betrieben. Mit leeren Worte kann man an diesen Zuständen wohl kaum etwas ändern.
Von Klaus Hart.
Der Autor ist Journalist und lebt in São Paulo.
Scheiterhaufen in Brasilien: http://www.hart-brasilientexte.de/2011/03/17/barack-obama-redet-in-scheiterhaufen-stadt-rio-de-janeiro-brasiliens-filmemacher-jose-padilha-thematisierte-rios-scheiterhaufen-in-filmen-von-zwei-berlinalen-kaum-reaktionen-aus-der-gutmenschenszen/
Scheiterhaufen in Sao Paulo: http://www.hart-brasilientexte.de/2010/07/05/scheiterhaufen-in-sao-paulo-mindestens-15-menschen-in-der-megacity-seit-jahresbeginn-lebendig-verbrannt-laut-landesmedien-fogo-para-matar-rivais/
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Zeitungsausriß.
Brasiliens größte Qualitätszeitung “Folha de Sao Paulo” erinnert am Sonntag des Obama-Besuchs in einer politischen Analyse an die praktische Unterstützung der USA für den Militärputsch - durch Entsendung von Kriegsschiffen:”Ou quando mandou uma frota para auxiliar os golpistas de 1964, just in case.” Dilma Rousseff stand in Opposition zur Militärdiktatur, wurde damals zu ARENA-Zeiten eingesperrt und gefoltert.
Lula hatte die Einladung zu dem zu Ehren des Friedensnobelpreisträgers Obama gegebenen Essen abgelehnt, stimmt indessen dem Vernehmen nach in kontinuierlichen Telefonaten mit Dilma Rousseff bis ins Detail das politische Vorgehen ab.
In den Archiven des Weltkirchenrates in Genf lagern Dokumente der brasilianischen Kirche, die laut Brasiliens Medien für das Diktaturjahr 1970 von “Bürgerkrieg” und etwa 12000 politischen Gefangenen sprechen. Die Diktatur erlaubte dem Internationalen Roten Kreuz nicht den Zugang zu den Gefängnissen, Diktator Medici erklärte, es gebe keine politischen Gefangenen in Brasilien. 1971 wurde ein Appell an die UNO wegen der gravierenden Menschenrechtsverletzungen gerichtet. In den Dokumenten des Weltkirchenrates werden die sadistischen Foltertechniken detailliert beschrieben, Folter werde als politische Waffe angewendet. Die Zahl der Folterzentren wird mit 242 angegeben, weibliche Gefangene seien häufig vergewaltigt worden. Zu den Taktiken gehörte, Oppositionelle in Gegenwart ihrer Ehepartner, teils sogar ihrer Kinder zu foltern.
Üblich war zudem, besonders sadistisch gefolterte Regimegegner schließlich durch eine Giftinjektion zu töten, statt diese zu erschießen.
Bonns Haltung zu Brasiliens Diktaturgenerälen nach dem Militärputsch von 1964:
Laut Geschichtsdaten erfolgte der erste Besuch eines deutschen Bundespräsidenten mit Heinrich Lübke kurz nach dem Militärputsch vom 31. März 1964, vom 7. bis 14. Mai des betreffenden Jahres. Es war der erste offizielle Besuch eines ausländischen Staatschefs nach dem Militärputsch. Zum Lübke-Besuch wurde auch eine deutsche Sonderbriefmarke herausgegeben.
Laut Nationaler Wahrheitskommission waren bereits im Putschjahr 1964 über 50000 Menschen verhaftet worden. Wie die Wahrheitskommission weiter mittteilte, wurden die Regimegegner in Fußballstadion und Schiffen gefangen gehalten. Zu den Stadien zählte das Fußballstadion “Caio Martins” in Rio de Janeiro. Schon im Putschjahr 1964 sei vom Militärregime die Folter eingeführt worden - dazu Mord, Verschwindenlassen und Entführung.
1969 schloß Bonn mit dem Militärregime laut Jahreschronik ein Kulturabkommen.
Chile, die Militärdiktatur, Salvador Allende, Letelier, der Obama-Besuch:
Brasiliens Landesmedien berichten, daß in Chile während des Obama-Besuchs die Diktaturproblematik anders behandelt wurde. Während der Obama-Pressekonferenz im Regierungssitz “Palacio de la Moneda” habe ein chilenischer Journalist gefragt, ob Obama und dessen Regierung bereit seien, sich für die Beteiligung am Militärputsch vom 11. September 1973 zu entschuldigen - und ob man bereit sei, bei den gerichtlichen Ermittlungen über Diktaturverbrechen zu kooperieren. Der chilenische Journalist habe bezeichnende Fälle erwähnt, darunter die Ermordung von Orlando Letelier, Außenminister von Salvador Allende, 1976 in Washington. Barack Obama habe sich auch angesichts derartiger öffentlicher Forderungen bereiterklärt, entsprechend jeglicher Bitte Chiles zusammenzuarbeiten. Obama habe indessen vermieden, um Entschuldigung zu bitten.
Anders als in Chile, wurde während Obamas Besuch in Brasilien das sehr heikle Diktatur-Thema nicht berührt, dem Vernehmen nach auch nicht von der militanten Diktaturgegnerin Dilma Rousseff. Während in Chile überhaupt die Möglichkeit geschaffen wurde, daß chilenische Journalisten direkte Fragen an Obama stellen, war in Brasilien eine solche Möglichkeit verhindert worden, gab es gar kein Zusammentreffen von Obama mit brasilianischen Journalisten. Die angesehene Journalistin und Kommentatorin Miriam Leitao äußerte sich daher zur Pressefreiheit und betonte in den Qualitätsmedien der größten Demokratie Lateinamerikas:”Der schwächste Punkt des Lateinamerika-Besuchs war die völlig fehlende Beziehung zur brasilianischen Presse.” Das Stellen heikler Fragen war daher nicht möglich.
In meinungsbildenden deutschen Analysen wird die brasilianische Regierung ausdrücklich als “progressiv” eingestuft.
Laut brasilianischen Medien wurde in Chile die wichtigste Protestmanifestation gegen den Obama-Besuch von Greenpeace veranstaltet.
Deutsche Welle:
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Einer Forderung von chilenischen Parlamentariern, Menschenrechtsorganisationen, Studenten und sozialen Bewegungen, er solle sich für die Rolle seines Landes während der Militärdiktaturen in Lateinamerika und vor allem in Chile (1973-1990) offiziell entschuldigen, kam Obama nicht nach. “Ich kann für vergangene US-Politik nicht die Verantwortung übernehmen, nur für gegenwärtige und künftige”, so der US-Präsident.
In den 60er bis 80er Jahren hatten die USA politisch, logistisch und finanziell mehrere Militärputschs in lateinamerikanischen Staaten gegen demokratisch gewählte linksgerichtete Regierungen unterstützt. Während der Diktaturen wurden zehntausende Andersdenkende verfolgt, gefoltert und ermordet. Viele Militärs waren zuvor in der US-Militärakademie “School of Americas» in Panama ausgebildet worden. 1973 unterstützten die USA in Chile das Militär, als sie den gewählten sozialistischen Präsidenten Salvador Allende stürzten.”
Brasilien, Vergangenheitsbewältigung: http://www.bundestag.de/dasparlament/2010/12/Beilage/006.html
Clemens Schrage im “Spiegel” über Diktaturmethoden: http://www.hart-brasilientexte.de/2009/12/23/clemens-schrage-in-brasilien-zur-diktaturzeit-gefoltert-torturen-einst-und-jetzt/
Mauricio Pestana, Herausgeber von Brasiliens Schwarzen-Zeitschrift “Raca Brasil” 2010:”Es gibt keinerlei Zweifel, daß im `demokratischen` Brasilien von heute schwarze Bürger mehr Opfer von Folter, Mord und Verschwindenlassen sind als in irgendeiner autoritären Epoche unserer Geschichte.”
Mauricio Pestana, Herausgeber der Schwarzenzeitschrift “Raca Brasil” im Website-Interview wenige Tage nach dem Obama-Besuch in Brasilien: “Ich saß im Opernhaus von Rio de Janeiro direkt vor Obama, nur etwa fünf Meter entfernt. Hätten wir einen großen nationalen Schwarzenführer, der den Willen der dunkelhäutigen Gemeinde ausdrückt - und hätte dieser mit Obama gesprochen, hätte er sich in Brasilien vielleicht zur Rassenfrage geäußert. In der brasilianischen Schwarzenbewegung war vor Obamas Ankunft allgemeine Hauptposition, daß der US-Präsident zur hiesigen Rassenproblematik Stellung beziehen muß. Die Rassismusfrage ist in der heutigen Welt schließlich gravierend. Ich persönlich bin indessen der Meinung, daß wir in Brasilien in dieser Beziehung erst einmal unsere Hausaufgaben machen müssen, bevor wir Forderungen an Obama stellen können. Ein Krieg, wie jetzt der Libyenkrieg, ist schlecht unter jedem Blickwinkel - wir dürfen nicht vergessen, daß dort in Libyen Zivilisten sterben. ”
Die brasilianische Schwarzenbewegung hatte versucht, über die neue Rousseff-Ministerin für Rassengleichheit, Luiza Bairros, Brasiliens Rassenproblematik auf die Agenda des Obama-Besuchs zu setzen. Wie Afropress meldete, habe man indessen von der Ministerin keinerlei Antwort erhalten. Zudem gebe es keinerlei Informationen über unabhängige Initiativen der brasilianischen Regierung in dieser Richtung.
Gemäß den Qualitätszeitungen ist Präsidentin Rousseff gegen die Teilnahme von Arbeiterpartei-Kadern an den geplanten Anti-Obama-Protesten. Derartige Kader, Unzufriedene sollten auf Linie gebracht werden. Anweisung sei, Aktivitäten dieser Art zu ersticken - wie jene des PT-Sekretärs der Volksbewegungen in Rio de Janeiro, Indalecio Silva, der eine Manifestation gegen Obama in einer Partei-Note angekündigt hatte und Obama als “persona non grata” bezeichne. “Ich glaube, er hat vergessen, daß wir Regierung sind und das Interesse haben, mit Obama Geschäfte zu machen”, sagte der Arbeiterpartei-Kommunikationschef Andre Vargas. Erste Proteste sind bereits am Freitag, einen Tag vor der Obama-Ankunft, in Rio de Janeiro vorgesehen.

Protest an der Copacabana - Zeitungsausriß.
Lulas Abhör-Demokratie: http://www.hart-brasilientexte.de/2008/09/04/lulas-abhor-demokratie2-der-rechtsstaat-wurde-zum-schnuffelstaat/
Dissident Indalecio Silva sagte, zudem zum (regierungshörigen) Gewerkschaftsdachverband CUT zu gehören, der sich offiziell von einem Protest-Manifest der Sozialbewegungen distanziert hatte. “Gab es eine Intervention der USA in Brasilien während der Diktatur? Die Arbeiterpartei ist nicht Besitzer der Sozialbewegungen - diese kommen aus dem Volk.”
Brasiliens katholische Nachrichtenagentur ADITAL zu Anti-Obama-Protesten: http://www.adital.com.br/site/noticia.asp?lang=PT&cat=1&cod=54717
Dilma Rousseff feiert ihren Wahlsieg mit Sarney und Lula - Zeitungsausriß. http://www.hart-brasilientexte.de/2010/11/01/dilma-rouseff-siegesfeier-auf-der-avenida-paulista-in-sao-paulo-gesichter-brasiliens/
Daß der Führer einer der archaischsten Oligarchien Brasiliens selbst unter Staatspräsidentin Dilma Rousseff - und mit ihrem Segen - erneut Senatschef werden kann, spricht Bände über die innenpolitische Lage des Landes.
Barack Obama und Sarney: http://www.hart-brasilientexte.de/2011/03/21/das-historische-foto-barack-obama-und-diktaturaktivist-jose-sarney-damaliger-chef-der-folterdiktatorenpartei-arena-des-militarregimes1964-1985-prosten-sich-in-brasilia-2011-zu/
Obama trifft 2011 Ex-Diktaturparteichef Sarney in Brasilia - Zeitungsausriß.
Geköpfte in Maranhao 2011: http://www.hart-brasilientexte.de/2011/02/08/gekopfte-in-brasilien-landesmedien-zeigen-realitat-des-gefangnishorrors-haftlingsaufstand-beendet-laut-amtlichen-angaben/
Lula und Sarney im Nationalkongreß, stets enge politische Kooperation - Zeitungsausriß.
Sarneys Erbe: http://www.bundestag.de/dasparlament/2010/12/Beilage/006.html
Lage in Maranhao, Heimat des Sarney-Clans: http://www.hart-brasilientexte.de/2010/02/22/wir-leben-in-zeiten-in-denen-der-kapitalismus-die-liebe-zwischen-den-menschen-vernichtet-jose-belisario-da-silva-erzbischof-von-sao-luis-maranhao-zur-neuen-bruderlichkeitskampagne-der-katholi/
Ebenso aufschlußreich ist, daß laut Statistik dem neuen Kongreß-Abgeordnetenhaus nicht weniger als 22 Parteien angehören - in Kolumbien sind es 12, in Chile 8, in Mexiko 7. Unvergessen ist Lulas Mensalao-Skandal um Abgeordneten-und Parteienkauf: http://www.hart-brasilientexte.de/2010/12/27/brasiliens-politik-insider-noblat-zu-hintergrunden-von-lulas-parteien-und-stimmenkaufskandal-mensalao-nach-enthullungen-habe-lula-deprimiert-von-rucktritt-gesprochenwikileaks-und-mensalao/
http://www.bundestag.de/dasparlament/2010/12/Beilage/006.html
Brasiliens Landesmedien haben in Analysen auf die Verurteilung des argentinischen Diktators Videla zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verwiesen und die Weitergeltung des brasilianischen Amnestiegesetzes aus der Diktaturzeit beklagt, das internationalen Menschenrechtsabkommen widerspricht. Besonders hervorgehoben wird, daß die gewählte Präsidentin Dilma Rousseff ausgerechnet Verteidigungsminister Nelson Jobim aus der Lula-Regierung in ihr Kabinett übernahm, der zu den wichtigsten Blockierern der Vergangenheitsbewältigung in Brasiliens gezählt wird.
In den Archiven des Weltkirchenrates in Genf lagern Dokumente der brasilianischen Kirche, die laut Brasiliens Medien für das Diktaturjahr 1970 von “Bürgerkrieg” und etwa 12000 politischen Gefangenen sprechen. Die Diktatur erlaubte dem Internationalen Roten Kreuz nicht den Zugang zu den Gefängnissen, Diktator Medici erklärte, es gebe keine politischen Gefangenen in Brasilien. 1971 wurde ein Appell an die UNO wegen der gravierenden Menschenrechtsverletzungen gerichtet. In den Dokumenten des Weltkirchenrates werden die sadistischen Foltertechniken detailliert beschrieben, Folter werde als politische Waffe angewendet. Die Zahl der Folterzentren wird mit 242 angegeben, weibliche Gefangene seien häufig vergewaltigt worden. Zu den Taktiken gehörte, Oppositionelle in Gegenwart ihrer Ehepartner, teils sogar ihrer Kinder zu foltern.

Viel Lob aus Europa für “Armutsbekämpfung” unter Lula in der achtgrößten Wirtschaftsnation: http://www.hart-brasilientexte.de/2010/12/15/lulas-anti-hunger-programm-uber-40-prozent-der-empfanger-bleiben-weiter-im-elend-laut-regierungsstudie/
Brasilianische Widerstandskämpfer beklagten, daß Tuma zu Lebzeiten straffrei blieb und kritisieren Lulas Haltung gegenüber dem Folterchef:
http://www.brasildefato.com.br/node/4507
Wikipedia :”Romeu Tuma war DOPS-Chef, Repressionsorgan, das dem Militärregime diente. Während seiner Amtszeit in diesem Organ wurden viele Regimegegner gefoltert und getötet.”
Drei Kongreßsenatoren von Lulas Arbeiterpartei PT, darunter Eduardo Suplicy und Aloisio Mercadante, nehmen an der offiziellen Totenfeier für Tuma in Sao Paulo teil. Mercadante, unterlegener Gouverneurskandidat für den Teilstaat Sao Paulo, lobte das politische Wirken von Senator Tuma.
Präsident Lula: “Romeu Tuma dedicou grande parte da vida à causa pública, atuando de forma coerente com a visão que tinha do mundo e, por isso, merece o reconhecimento e o respeito dos brasileiros.
No Senado, deu contribuição especial ao debate da segurança pública no país, sempre com empenho e ideias inovadoras.”http://www.hart-brasilientexte.de/2009/08/25/brasiliens-grunen-politiker-uber-ex-chef-des-diktatur-folterzentrums-heutiger-kongressenator-und-lula-freundheute-sind-wir-freunde-haben-alles-komplett-vergessen-romeu-tuma-uber-diktaturgegner/
Ex-Folterzentrum der nazistisch inspirierten brasilianischen Militärdiktatur.
Francisco Prado, grauenhaft gefolterter politischer Gefangener der Diktaturzeit, erinnert sich gut an Romeu Tuma:”Tuma war ein sadistischer Folterer. Am Diktaturende säuberte er hier die Archive, nahm die Hälfte der Dokumente mit. Wir wissen, wo sie sind, aber man kommt nicht ran. Als Lula zum Staatschef gewählt wurde, dachten wir, er öffnet die Geheimarchive der Diktaturzeit - doch er tut es eben nicht. Heute werden auf allen Polizeiwachen Brasiliens die Festgenommenen, die Häftlinge gefoltert.”
http://www.bundestag.de/dasparlament/2010/12/Beilage/006.html
http://www.bundestag.de/dasparlament/2010/12/Beilage/006.html
Zeitungsausriß
Brasiliens Landesmedien vermerken mit Überraschung, daß Niemeyer die Wiederwahl Maciels zum Kongreßsenator aktiv unterstützt. Maciel gehört immerhin zur Rechtspartei DEM, in der es von Diktaturaktivisten wie Maciel wimmelt.
“Ele é inteligente, discreto, honesto, honestissimo.”
Maciels Rolle im Fall Paula Oliveira Maciel: http://www.hart-brasilientexte.de/2009/12/16/paula-oliveira-maciel-schweizseit-ihrem-gestandnis-ist-das-volk-wutend-auf-paula-noblat-last-die-rolle-des-diktaturaktivisten-und-rechtsgerichteten-senators-marco-maciel-im-fall-paula-oliveira/
Maciel leitet seit 2007 die Oscar-Niemeyer-Stiftung
fernando dias disse:
Não deixa de ser curioso o fato que um dos mais antigos representantes da direita brasileira, egresso dos quadros da Arena, PDS, PFL e atualmente no DEM, seja o presidente de uma fundação que leva o nome do mais antigo membro do partido comunista no Brasil.
http://www.hart-brasilientexte.de/2009/11/11/brasilia-50-und-das-massaker-an-bauarbeitern/
http://resistenciamilitar.blogspot.com/2009/02/motim-na-capital-faz-50-anos.html
Bisher fehlt in der auch in den deutschsprachigen Raum durchgeschalteten Niemeyer-und Brasilia-Propaganda jeglicher Hinweis auf das Massaker an Bauarbeitern sowie auf den Terror der Bauplatzpolizei. Besonders deutlich wurde das auch beim Propagandafilm “Oscar Niemeyer - das Leben ist ein Hauch” und den entsprechenden Filmkritiken. Brasilianische Kritiker wiesen natürlich auf das Massaker und die unter Niemeyers Bauaufsicht herrschenden Zustände hin.
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43065536.html
Architekt Joaquim Guedes, bestinformierter Niemeyer-Kritiker: ”In der Menscheitsgeschichte gab es keinen anderen Architekten, für den der Staat soviel nationale und internationale Reklame organisierte wie für Niemeyer - denn Niemeyer machte ja auch kräftig Reklame für den Staat. Über Niemeyer wurde nur verbreitet, was dieser selber hören wollte.”

” O acampamento era de tábua. A náo precisa contar muito… As balas vararam as tábuas. E depois de alguns minutos de tiroteio, carga firme em cima do acampamento, eles fizeram um corredor polonês, colocaram policiais de um lado e do outro e obrigaram os operários a passarem no meio, náo sem aplicar umas cacetadas. E a parte final da historia: os proprios operários carregaram os mortos e feridos e colocaram no basculante de dois caminhoes. E desapareceram. Inclusive os motoristas que foram conduzindo estes caminhoees teriam morrido também, de acordo com a versáo que ouvi dos operários.”
http://www.welt.de/die-welt/reise/article7220592/Brasilia-oder-die-Lust-auf-Zukunft.html
Schweizer Brasilia-Film “Oscar Niemeyer - ein engagierter Architekt”: http://www.tvprogramm.sf.tv/details/4c38cce9-4825-4d84-9998-6973374cb8b7
http://derstandard.at/1269449699872/Rote-Erde-weisser-Beton
“Überzeugter Kommunist”: http://www.magazin-world-architects.com/ch_09_51_onlinemagazin_gemeldet_de.html
“Während der Militärdiktatur (1964-1985) wurde Niemeyer verfolgt und mit einem Arbeitsverbot belegt.”(deutscher Medientext)http://www.hart-brasilientexte.de/2010/01/20/weltsozialforum-2010-in-porto-alegre-und-brasilien-das-system-hier-ist-einfach-verfault-weltsozialforum-erfinder-oded-grajew-in-sao-paulo/
tags: architektur, brasilia, brasilien, dokumentarfilm, kultur, menschenrechte, oscar niemeyer
Kritische Stellungnahmen aus Brasilien - und eine Band, die an das Brasilia-Blutbad erinnert
In bestimmten europäischen Medien, manchen Feuilletonredaktionen, Verlagen und PR-Agenturen herrscht seit Jahrzehnten panische Angst vor dem Thema, wird jeder Hinweis unterdrückt. Indessen existieren die Fakten: Der vielfach preisgekrönte brasilianische Dokumentarfilmer Vladimir Carvalho hörte von einem Blutbad, gar einem Massaker an protestierenden Bauarbeitern Brasilias von 1959, holte zahlreiche Zeitzeugen vor die Kamera, erhielt für den das erste Mal auf dem Brasilia-Filmfestival von 1990 gezeigten Streifen zahlreiche Auszeichnungen, sogar von der brasilianischen Bischofskonferenz CNBB, von der Kritikerassoziation Sao Paulos. In einem langen Website-Exklusivinterview äußerte sich Carvalho zu den Vorgängen beim Bau Brasilias, der von Oscar Niemeyer mitbeaufsichtigt wurde. Es gibt jene Heldensage, jenen regelrechten Mythos um die Errichtung der brasilianischen Hauptstadt, wonach der große Architekt immer nahe bei seinen geliebten Arbeitern war, im Staub der Savanne - alle ziehen an einem Strang, vollbringen das große Werk, schließlich zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt.

Und es gibt viele widersprechende Darstellungen, darunter Carvalhos Dokumentarfilm „Conterraneos Velhos de Guerra” und einen ebenfalls exklusiv für diese Website interviewten Bauarbeiter.
„Der Bauplatz von Brasilia war damals ein Wilder Westen”, sagt Carvalho, „alles mußte schnell gehen, die Fristen waren kurz. Entsprechend wurden die Arbeiter behandelt. Wie berichtet wird, gab es sogar verdorbenes Essen, wurde während eines Karnevals das Wasser des Bauarbeiterlagers abgestellt, um zu verhindern, daß diese sich waschen konnten, um danach in Nachbarstädten des Teilstaates Goias Karneval zu feiern. Eines Tages war das Essen wieder verdorben “ das brachte das Faß zum Überlaufen. Die Arbeiter verloren die Geduld, warfen die Teller mit dem Essen aus dem Fenster, aus Protest. Da rief man die Bauplatzpolizei, die Guarda Especial de Brasilia, die sollte eingreifen. Die Arbeiter wehrten sich nach Kräften, schafften es sogar, die Bauplatzpolizei zurückzutreiben. Der Tag verging “ doch nachts, als alle im Bauarbeitercamp schliefen, kam die Polizei erneut und feuerte mit Maschinenpistolen in das Lager. In Brasilien sagt man, das Volk übertreibt, aber erfindet nichts („O povo aumenta, mas nao inventa”). Das Volk könnte also die Vorfälle übertrieben geschildert haben “ hat aber nichts erfunden, ging von einem konkreten Fall aus. So könnte man die Zahl der Ermordeten zu hoch angegeben haben. Im Film sagt einer “ 30 Tote, ein anderer 60, wieder ein anderer 120, einer sogar etwa 500. Ich habe im Dokumentarfilm Positionen von Personen aneinandergereiht, die damals dabei waren, oder die Vorfälle mitbekommen hatten. Ich habe nichts bewiesen “ der Film war ein Wort gegen alle, die heute sagen, es gab kein Blutbad. Und die in der Regel mit der damaligen Administration liiert waren, den damaligen Staatspräsidenten Juscelino Kubitschek loben. Es handelte sich damals um eine Repressalie gegen revoltierende Arbeiter. In Brasilia kann man heute noch Ältere, auch Taxifahrer von damals treffen, die davon berichten und klar sagen, ja, es gab diese Toten! Nur eine einzige Zeitung, „O Binomio” aus Belo Horizonte, die in Opposition zur Kubitschek-Regierung stand, berichtete über eine Revolte von Bauarbeitern, die gewaltsam unterdrückt worden sei, daß es offenbar Tote gegeben habe. Wegen dieser Toten, wegen des ganzen Falles wurde Brasiliens erste Bauarbeitergewerkschaft gegründet. Es gab damals viele Unfälle. Viele Bauarbeiter fielen von den Gerüsten, Tote wurden rasch beseitigt, damit die Lebenden nicht die Lust verloren, der Bau in hohem Tempo fortgesetzt werden konnte. Zeugen sagten: Die Bauarbeiter konnten nur wenige Stunden schlafen, sich nur wenig ausruhen, mußten den Bau ja beenden. Die Arbeiter waren schlichtweg fix und fertig, deshalb kam es zu den Unfällen. Weil man eben die Sicherheitsbestimmungen stark gelockerte hatte.”
Vladimir Carvalho befragte für den Dokumentarfilm auch Oscar Niemeyer:”Ich ging zu ihm, weil ich dachte, er kennt die ganze Geschichte, kann alles bezeugen, kann bestätigen, was die anderen mir sagten. So wie die einfache Wäscherin. Am Tage des Massakers wollte sie den Arbeitern die sauberen Sachen ins Lager bringen, doch man ließ sie nicht hinein. Sie hob die Sachen ein ganzes Jahr lang auf “ und als sie wußte, was da im Lager passiert war, hat sie die Sachen der Bauarbeiter an andere Leute verschenkt. Doch Oscar Niemeyer hat verneint, daß das Blutbad geschehen ist, er sagte, davon weiß ich nichts, davon habe ich noch nie etwas gehört. Er war ein großer Freund von Juscelino Kubitschek. Auch über die Arbeitsunfälle wollte Niemeyer nicht reden. Und heute will gleich gar keiner von den Leuten oben über die Vorfälle sprechen. Niemeyer wird jetzt hundert Jahre alt, niemand will ihn verärgern. Für dessen Biographie ist der Fall nicht gut.”
Carvalho befragte für den Film auch den Architekten Lucio Costa, der mit Niemeyer in Brasilia zusammenarbeitete. „Als ich Costa auf den Fall ansprach, sagte er mir, was willst du denn, das war der Bau einer Stadt, kein Duett tanzender Kavaliere.”
Laut Carvalho wurde zwar eine Untersuchung zu den Vorgängen gestartet, doch seien, wie es heiße, die Unterlagen verbrannt.
Gemäß den Aussagen eines Zeitzeugen im Film wurden die ermordeten Bauarbeiter dort verscharrt, wo heute in Brasilia der Fernsehturm steht. Einige hätten noch gelebt, als die Planierraupe über sie Erde geschoben habe.
1997 wurde in Brasilien das Buch „Conterraneos Velhos de Guerra” herausgegeben, welches das gesamte Drehbuch sowie die Kritikerstimmen über den Dokumentarfilm enthält. Es liegt allen vor, die über Oscar Niemeyer und Brasilia schreiben, Ausstellungen, PR organisieren.
Oscar Niemeyers Fehlleistungen Anklicken.
Massaker, Karneval, Mythen & Brasilienklischees
Im mehrfach preisgekrönten Dokumentarfilm „Conterraneos Velhos de Guerra” von Vladimir Carvalho wird Oscar Niemeyer gefragt, wie er zu jenem Massaker stehe, das 1959 in einem Bauarbeiterlager Brasilias verübt worden sei. Oscar Niemeyer, der die Errichtung Brasilias mitbeaufsichtigte, antwortet:”Davon weiß ich nichts, was denn für ein Blutbad?”
Brasilia-Bauarbeiter Wagner M. , 2007 bei Sao Paulo auf das Blutbad angesprochen, erinnert sich im Website-Exklusivinterview sofort: „Ja, das ist damals tatsächlich passiert.”
Es heißt, bei Protesten, etwa gegen verdorbenes Essen, seien Hunderte von der Bauplatzpolizei erschossen worden? „Das gab es immer wieder, ich habe das gesehen, ich war Zeuge. Es war diese Bauplatzpolizei, die gemordet hat. Doch man konnte sie nicht anzeigen, alle hatten Angst vor ihr. Es gab Repression. Und wer gar etwas gesehen hatte und darüber offen redete “ solche Zeugen wurden liquidiert. So war das damals in Brasilia.”
Im Drehbuch zum Dokumentarfilm, das im gleichnamigen Buch nachzulesen ist, sagen Arbeiter von damals, daß es keinen Arbeitsschutz gegeben habe, sich deshalb viele tödliche Unfälle ereigneten, die Leichen sofort weggeschafft wurden. Fiel einer vom Gerüst, liefen seine Kollegen rasch nach unten, wo er aufgeschlagen sein könnte “ doch die Leiche war bereits nicht mehr da, wird berichtet.
Dann die Schilderungen über das „Massacre” von 1959. „Es gab einen Protest gegen verdorbenes Essen, fehlendes Wasser, verspätete Lohnzahlungen…Das geschah so ungefähr am zweiten Tag des Karnevals…Man hat die aus dem Lager rausfahrenden LKWs gesehen - die Leute sagten, alle beladen mit Toten, die in Gruben bei Brasilia geworfen werden sollten…”
Architekt Lucio Costa wird befragt “ hätte er damals Kenntnis von dem Blutbad gehabt, wie hätte er reagiert? „Ich hätte dem nicht die geringste Bedeutung gegeben. Keine. Das sind Episoden. Vom Gesichtspunkt der Errichtung dieser Stadt her, sind das Episoden ohne die geringste Bedeutung…Ich sehe kein Motiv, das zu dramatisieren.”
Zeitzeuge Heraldo: „ Ja, da sind viele Männer umgekommen. Wir haben auf die alle gewartet, aber keinen mehr gesehen. Zwei Tage später mußten wir wieder arbeiten “ die Armee dabei mit Maschinengewehren, damit wir arbeiten. Denn der ganze Bau sollte eben nie stocken.”
Das Buch enthält zahlreiche Kritikerstimmen. Während des Karnevals von 1959 seien etwa 500 Bauarbeiter erschossen und an einem nie identifizierten Ort verscharrt worden “ ein Fakt, der wie viele andere von den Autoritäten dieser Zeit vor der Öffentlichkeit versteckt worden sei, ist zu lesen. Präsident Kubitschek habe von dem Massaker gewußt, doch Lucio Costa und Oscar Niemeyer lehnten es ab, den Fall zu kommentieren. Was Lucio Costa sage, sei enttäuschend “ was Oscar äußere, sei bedrückend. „Man lernt - unter den monumentalen Palästen von Brasilia liegen Kadaver, viele Kadaver.”
Ex-Bildungsminister Cristovam Buarque, heute Kongreßsenator, zählt zu den Qualitäten des Films die „Authentizität”.
Erinnert wird im Buch, daß der Streifen auf dem Festival des neuen lateinamerikanischen Films in Havanna den großen Preis der Jury erhalten hat. Brasiliens Presse, die Präsident Kubitschek unterstützte, habe das Massaker bewußt versteckt, auffällig sei, wie nervös sich im Film Oscar Niemeyer während seiner Äußerungen gebärde. „Übrigens “ diese niederträchtige Episode wurde mit absoluter Scheinheiligkeit durch Zeitzeugen der Epoche verborgen, verheimlicht “ allen voran durch Niemeyer”, schreibt die in Paris erscheinende Zeitung „Temoignage Chretien”.
Der Dokumentarfilm von Carvalho, so ein brasilianisches Blatt, sei die „Geschichte der Zerstörung von Mythen”. Demontiert würden Figuren wie Oscar Niemeyer “ als „Architekt des Sozialen”. Nicht zufällig hätten sich Niemeyer und Costa stets geweigert, sich den Dokumentarfilm anzusehen.
Der Streifen wurde in der DDR auf dem Dokumentarfilmfestival von Leipzig gezeigt, ferner in Paris, Havanna und Toulouse.
Wie Vladimir Carvalho im Blog-Exklusivinterview sagte, befindet sich eine Kopie des Films im Centre Pompidou von Paris “ mit dem Titel ”Glanz und Elend von BrasÃlia.
Die brasilianische Nachrichtenagentur Agencia Camara über das Massaker an Bauarbeitern während der Errichtung Brasilias
Zeitzeuge: Arbeiter sogar im Schlaf getötet
Em 1991, um desses operários gravou um depoimento ao Arquivo Público do Distrito Federal. Eronildes Guerra de Queiroz foi servente de pedreiro e depois cozinheiro nos canteiros de obra da empresa Pacheco Fernandes Dantas. Ele tinha 22 anos quando chegou em BrasÃlia, em 1957, vindo de Sáo José de Siriji (PE). Da cozinha do acampamento da empresa, perto do Palácio da Alvorada, Eronildes presenciou um episódio até hoje envolto em mistério: um massacre de operários que a história oficial nega ter ocorrido.
Era sábado de carnaval de 1959. Eronildes conta que três operários começaram a quebrar o refeitório. Alguém chamou a GEB e os peões da obra uniram-se para impedir a prisáo dos companheiros. Os policiais pediram reforços. “O comandante, me parece que era o major Gastáo, mandou a turma entrar e todo mundo fazer fila para apanhar. Quem corresse levava chumbo. A turma, coitada, ficou apavorada e começou a correr. Aà eles meteram fogo. Sem dó”, afirmou o ex-operário, acrescentando que muitas balas perdidas fizeram vÃtimas nos dormitórios. “Teve gente que morreu na cama, dormindo. Justamente aqueles que trabalhavam a noite inteira e iam levantar para trabalhar novamente”.
Versáo oficial
Um detalhe do depoimento de Eronildes coincide com a versáo oficial do episódio. Ele garante que os corpos foram levados para Formosa, em Goiás. Só um ficou para trás, o de um operário que tinha se escondido depois de ferido e foi achado morto no dia seguinte. Oficialmente, só houve um morto no confronto. Eronildes náo sabe quantos morreram, mas lembra que, depois do massacre, metade dos 4 mil operários da Pacheco Fernandes abandonou a empresa e vários colegas desapareceram. Oficialmente, o massacre da Pacheco Fernandes náo existiu. Náo passou de um acidente isolado com o saldo de um morto e três feridos graves.
Reportagem especial da Rádio Câmara sobre o aniversário de BrasÃlia
Die brasilianische Linkspartei PSTU erinnert an den Dokumentarfilm von Vladmir Carvalho über das in Brasilia verübte Blutbad an Bauarbeitern, die gegen “absurde Ausbeutung” revoltierten - siehe die Stellungnahmen von Oscar Niemeyer und Lucio Costa (Website-Texte)
Olhares mais realistas sobre JK
Wilson H. Silva
da redaçáo do Opiniáo Socialista e membro da Secretaria Nacional de Negros e Negras dos PSTU
Outros textos deste(a) autor(a)
¢ Diante do fantasioso e heróico retrato que a Rede Globo vem fazendo do ex-presidente Juscelino Kubitschek através de sua minissérie (vide artigo no Opiniáo Socialista 245), cabe revisitar algumas produções cinematográficas que trataram a figura de JK e sua época de uma forma muito mais complexa e ”realista.
Para tal, pelo menos dois documentários, disponÃveis em vÃdeo, servem como interessantes contrapontos para a minissérie global.
Os Anos JK: uma trajetória polÃtica (SÃlvio Tendler, 1980)
Apesar de ainda estar impregnado por uma certa exaltaçáo do presidente, principalmente por ter sido feito sob o impacto de sua morte “ e da presença massiva de pessoas em seu funeral “ e ainda durante a vigência da ditadura que o havia cassado JK, o filme de Tendler explora muito mais as contradições históricas do perÃodo e o real papel do ex-presidente.
Um ponto inquestionavelmente forte do filme é localizar a trajetória de JK dentro de um contexto internacional, apresentando outros ”personagens como Kennedy, Fidel Castro e Che Guevara. Também é dado um importante destaque para o ambiente cultural da época, marcado pelo advento da bossa nova, do cinema-novo e tantas outras manifestações estéticas e comportamentais.
Conterrâneos velhos de guerra (Vladimir Carvalho, 1990)
Excelente retrato sobre a construçáo de BrasÃlia concebido a partir do olhar dos operários que participaram da construçáo da cidade (os candangos, na sua maioria migrantes nordestinos como o próprio diretor, que é paraibano e também transferiu-se para a capital federal). Gente que viu na construçáo da capital uma perspectiva de melhoria de suas condições de vida e, depois de trabalharem sob condições subumanas nos canteiros de obra, foi expulsa para as cidades satélites.Além desta perspectiva rara no cinema brasileiro, também merece destaque o resgate que o filme faz de um episódio que todos os envolvidos no processo de construçáo da cidade “ inclusive o próprio JK “ sempre procuraram abafar: o massacre de um grupo de trabalhadores da empreiteira Pacheco Fernandes Dantas que se rebelaram contra a absurda exploraçáo a que estavam submetidos.
Einfach mal in deutschsprachigen Buchtexten über Niemeyer und Brasilia nachschauen, was dort über das Massaker vermerkt ist.
Pacheco Fernandes - eine brasilianische Band erinnert mit ihrem Namen an das Massaker von Brasilia - verübt an protestierenden Bauarbeitern während der Errichtung der Hauptstadt. Erinnerung an die ermordeten BauarbeiterDer Protestsong: Massacre Pacheco Fernandes
por: LauroConstruçáo de um nova cidade
Iniciu de uma capital
Náo nós mostraram a realidade
Aus für hochgejubeltes Spaßbad - doch Niemeyer sackte eine Million Euro ein
Potsdams Präfekturspitze unter SPD-Oberbürgermeister Jann Jacobs hatte ausgerechnet den wegen seiner zahlreichen Fehlleistungen stark umstrittenen brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer damit beauftragt, für die Stadt ein “Spaßbad” zu entwerfen. Nicht wenige Propagandajournalisten - im Internet nachzulesen - wurden damit beauftragt, das fragwürdige Projekt, Niemeyers schwache Entwürfe in den deutschen Medien hochzujubeln. Die Sache ging indessen daneben - zahlreiche Potsdamer Bürger, aber auch Experten und Politiker durchschauten die Tricks und protestierten erfolgreich. “Stararchitekt” Niemeyer sackte zwar für seine Entwürfe rund eine Million Euro ein, doch das Bauprojekt mußte zurückgezogen werden. In den deutschen Architekturmedien waren Niemeyers Pläne stark kritisiert worden, das Architekten-Netzwerk “Baunetz” sprach bereits vor dem Projektstopp von “uninspiriertem und teurem Murks”: Wie lange darf man eigentlich als Architekturjournalist schweigen, ohne sich mitschuldig zu machen?
Mitschuldig an baukulturellem Unfug? Denn genau dieser soll offenbar in Potsdam gebaut werden. Die neuesten Modellsimulationen der Stadtwerke Potsdam zeigen banale Architektur-Versatzstücke, die man von einer Messebaufirma erwarten würde, nicht jedoch von einem „Klassiker der Moderne”, als der Oscar Niemeyer in Potsdam gern apostrophiert wird.
Die Geschichte dieses Unfugs beginnt damit, dass irgendwelche Granden der Potsdamer Lokalpolitik und -verwaltung unbedingt einen Bilbao-Effekt für ihre Stadt herbeiführen wollen. Jemand muss ihnen eingeflüstert haben, der heute 98-jährige Niemeyer sei der einzige lebende Architekt, der eine solche Aufgabe bewältigen könnte. Man kauft also “ gegen bestehende Vergaberegeln, die einen Wettbewerb erfordert hätten “ einen „Stararchitekten” und nimmt diesem gläubig jedwede noch so hanebüchene Hervorbringung als begnadeten Entwurf eines Pritzker-Preisträgers ab.
Tatsächlich sehen wir vier verschieden große und schematisch verglaste Kugelsegmente, die an Schalenbauten von Heinz Isler in der Schweiz erinnern “ Sixties-Science-Fiction, aber kein Beitrag zur aktuellen Architektur. Verbunden sind die Kuppeln mit einem dazwischen ausgekippten Flachbau, dessen Außenwände im Grundriss leicht wellenförmig angeordnet sind. Davor steht, den Flachbau halb durchdringend, eine entsetzlich banale, kreisrunde Keksdose, die man auf dem Hof einer Gebrauchtwagenhandlung im Gewerbegebiet verorten würde, nicht aber am Potsdamer Brauhausberg. Das Absurdeste ist aber, dass die bestehende Schwimmhalle nun einbezogen wird und ebenfalls „niemeyermäßig” überdacht werden soll. Damit verliert die Halle ihr bestimmendes architektonisches Ausdrucksmittel, das Hängeseiltragwerk mit 40 Metern Spannweite, eine Errungenschaft der DDR-Moderne von 1969.
Niemand will Niemeyer seine Verdienste absprechen, aber seine Potsdamer Freizeitbad-Entwürfe sollte man als das bezeichnen dürfen, was sie sind: uninspirierter und teurer Murks. Solange man (nur) den großen Namen will, wird sich an den Plänen der Stadt und ihrer Stadtwerke wenig ändern “ dann muss eben die nächsthöhere Instanz den Geldhahn zudrehen. Wenn aber die Bedürfnisse der Bevölkerung nach einem funktionierenden und gut gestalteten Freizeitbad vernünftigerweise die Oberhand gewännen, dann sollte man das machen, was zu Beginn dieser Geschichte versäumt wurde: einen offenen Architekturwettbewerb durchführen. Dann werden die Architekten aus Berlin und Brandenburg beweisen, dass sie innovativer, besser und preiswerter bauen können als der alte Herr aus Rio.”
Brasilia, UNESCO-Weltkulturerbe der Menschheit, wird 50 – und im Tropenland erinnert man sich des Massakers an Bauarbeitern, des Terrors der Bauplatzpolizei damals, als Chefarchitekt Oscar Niemeyer, der sich immer Kommunist nennt, die Errichtung beaufsichtigt. Und wie er nach dem Militärputsch von 1964 mit den Folter-Diktatoren zusammenarbeitet, ihnen in Brasilia den Generalstab der Regime-Streitkräfte und noch vieles andere hinstellt. Obwohl doch bis heute in ungezählten deutschsprachigen Gazetten steht, Niemeyer sei während der 21 Jahre währenden Militärdiktatur verfolgt und mit einem Arbeitsverbot belegt worden. Schon 1960, bei der Einweihung Brasilias, sind kritische Brasilianer über die vielen Baufehler, die Pfuscharbeit entsetzt: Risse in Beton und Asphalt, bröckelnder Putz allerorten, sodaß Nachbesserungskolonnen noch jahrelang zu tun haben – genauer gesagt, bis heute. Daß die Hauptstadt so überstürzt in nicht einmal vier Jahren errichtet wird, damit sie der damalige Präsident Juscelino Kubitschek noch in seiner Amtszeit einweihen kann, hat zudem offenbar en masse Architektenfehler begünstigt.
Nach scharfer Kritik der neuen Nutzer muß Oscar Niemeyer schon wenige Jahre später einräumen, daß in den offiziellen Gebäuden viel mehr Platz benötigt wird, zahlreiche nicht eben schöne Anbauten angeklebt werden müssen. Gleiches gilt für hingeschusterte, überaus hellhörige Wohnhäuser – sogar per Aushang wird aufgefordert, doch bitte, bitte beim Geschlechtsverkehr leiser zu sein, schon wegen der Kinder im Block. Wie es heißt, wurde der Präsidentenpalast für etwa 100 Menschen entworfen, doch heute arbeiten dort an die 700. Bereits jetzt, zum Stadtjubiläum am 21. April, fürchten sich den hiesigen Medien zufolge die Stadtbehörden vor dem Besuch von UNESCO-Experten im Juni, die zahlreiche Niemeyer-Bauten in sehr schlechtem Zustand oder sogar gesperrt antreffen werden. Womöglich droht die Aberkennung des Welterbe-Titels.
50 Jahre später bezeichnet Brasiliens führende Qualitätszeitung Folha de Sao Paulo dieses von Slums umzingelte Brasilia als „projektierte Apartheid“ und die brasilianischen Architekturkritiker erinnern an entsetzliche Wahrheiten, dunkle Punkte der Errichtung Brasilias. Dort, wo die Bauarbeiter massakriert wurden, gibt es heute ein Kreuz und eine Gedenktafel, zeigte man gar im Freien jenen mehrfach im In-und Ausland preisgekrönten Dokumentarfilm vom Vladimir Carvalho. Der Regisseur befragt darin Niemeyer eingehend über das Blutbad, doch dieser sagt immer wieder höchst irritiert: davon weiß ich nichts, davon habe ich noch nie etwas gehört und will deshalb darüber auch nicht reden. Carvalho läßt im Film, wie Niemeyer ärgerlich wird, herumschimpft, das Abstellen der Scheinwerfer befiehlt, im Dunkeln weiterredet – ein ganz außergewöhnlicher Streifen, das Centre Pompidou in Paris hat ihn parat. Andere Zeitzeugen berichten in dem Film vom Massaker an bis zu 500 Bauarbeitern. „Der Bauplatz von Brasilia war damals ein Wilder Westen“ sagt Carvalho im Interview, „alles mußte schnell gehen, die Fristen waren kurz. Es gab damals viele Unfälle, viele Bauarbeiter fielen von den Gerüsten. Tote wurden rasch beseitigt, damit die Lebenden nicht die Lust verloren und der Bau in hohem Tempo fortgesetzt werden konnte. Die Bauarbeiter konnten nur wenige Stunden schlafen, sich nur wenig ausruhen, waren schlichtweg fix und fertig – deshalb kam es zu den Unfällen.
Eines Tages war das Essen wieder verdorben – das brachte das Faß zum Überlaufen. Die Arbeiter protestierten – doch nachts kam die Bauplatzpolizei.“ Was dann geschah, hat eine Zeitung Brasilias inzwischen noch genauer rekonstruiert. Danach feuerte diese berüchtigte Spezialgarde zuerst mit Maschinenpistolen in die Bretterbaracken, bildete danach einen „polnischen Korridor“, zwang die überlebenden Arbeiter, dort durchzulaufen, grauenhaft mißhandelt zu werden. Zum Schluß, so das Blatt gemäß den aufgetriebenen Zeugen, mußten die Arbeiter ihre Toten und Verwundeten auf zwei LKW laden – die Opfer, sogar die Verwundeten, habe man dort, wo heute der TV-Turm Brasilias stehe, verscharrt – die LKW-Fahrer als lästige Zeugen ebenfalls liquidiert.
„Für Niemeyers Biographie ist das nicht gut“, meint Regisseur Carvalho. Völlig egal – wer weiß davon schon, in deutschsprachigen Medien oder Biographietexten beispielsweise wird seit 50 Jahren so gut wie ausnahmslos das Massaker, der Dokumentarfilm nicht erwähnt.
Eigentlich sollten die Reparaturen an prägenden Gebäuden wie dem Präsidentenpalast oder der Kathedrale rechtzeitig vor den 50-Jahr-Feiern fertig sein – doch nun dauern sie noch Monate, Staatschef Lula muß weiter vom Kulturzentrum einer Bank aus regieren. Zudem landete ausgerechnet der federführende Hauptstadtgouverneur wegen Abgeordnetenkauf im Gefängnis.
Doch an offiziellen Huldigungen für Oscar Niemeyer fehlt es natürlich nicht, wenngleich die brasilianischen Architekturkritiker und zahllose Leserbriefschreiber Brasilias die mangelnde Funktionalität der Niemeyer-Bauten betonen. So sind die eckigen Blöcke der Ministerien alle gleich und zudem in Ost-West Richtung aufgereiht. Das gilt für ein Tropenland als schlechteste Lösung, weil dann die Morgen-und Nachmittagssonne direkt auf die großen Fenster knallt, furchtbare, unerträgliche Hitze erzeuge, gegen die keine Klimaanlage ankomme. Staatsangestellte würden dann eben eher nach Hause geschickt, kriegen sozusagen hitzefrei.
Besonders vertrackt wird es, wenn man sich Niemeyers Aktivitäten zur Diktaturzeit widmet. Gemäß den deutschen, aber auch vielen brasilianischen Quellen haßte der famose Kommunist die nazistisch orientierten Putschgeneräle natürlich aus tiefstem Herzen, wollte mit ihnen nichts zu tun haben, ging flugs in Exil – das Arbeiten hatten sie ihm ohnehin verboten. „Gerade während der Militärdiktatur von 1964 bis 1985 realisierte Niemeyer viele Projekte“, sagt mir vor einigen Jahren der angesehene Architekt und Universitätsprofessor Joaquim Guedes, bestinformierter Niemeyer-Kritiker, in Sao Paulo. Ich will es anfangs kaum glauben, doch eine seriöse Werke-Liste des „Stararchitekten“ und brasilianische Fachtexte bestätigen Guedes: 1967, drei Jahre nach der Machtübernahme, projektiert Niemeyer in Brasilia eine imposante, nach Diktator Costa e Silva benannte Brücke. Und ausgerechnet in der grausamsten, schwärzesten Phase der Folterdiktatur, unter Generalspräsident Medici, entwirft der „Kommunist“ den Generalstab in Brasilia, 1973 wird er mit großem Pomp eingeweiht. „Und dies unter dem Säbel der Medici-Regierung“, bemerkt der brasilianische Autor Marcos Sá Correa zu Niemeyers damaligem Wirken. 1971 realisiert dieser in der nordostbrasilianischen Millionenstadt Recife sogar ein Stadion, das just nach dem berüchtigten Diktator Medici benannt ist – und für die Fußball-WM 2014 genutzt wird. Laut Werke-Liste projektierte Niemeyer allein in Brasilia während des Militärregimes über 20 Bauten, auch eine Militärschule ist darunter. Guedes übrigens kann an ihm nichts Kommunistisches entdecken, nennt ihn einen Stalinisten.
2001 wird Niemeyer gefragt, warum er zwar Villen baue, aber keine einfachen Wohnhäuser, keine Viertel für die Armen. „Weshalb verzichteten Sie darauf, für jene, deren Schicksal Ihnen am Herzen liegt, ein architektonisch ansprechendes Zuhause zu errichten?“ Der Pritzker-Preisträger mag mit seiner Antwort manchen perplex machen:“Weil sich unsere Brüder in den Slums wohler fühlen als in geplanten Siedlungen, die keinerlei Komfort bieten und oft noch öder sind.“Komisch, daß europäische, darunter deutsche Architekturexperten, gar Architekturfeuilletonisten und Fernsehteams, dem in Brasilien wegen seiner originellen, umfassenden Niemeyer-Kritik so hochgeschätzten Guedes nicht die Bude einrannten. Jetzt ist es zu spät. 2008 wird Guedes auf nie geklärte Weise getötet. Direkt vor seinem Büro rast ein Stadtjeeplenker auf ihn zu, überrollt ihn, prescht gemäß den Zeugenberichten davon, und wird nie gefaßt. „In der Menschheitsgeschichte gab es keinen anderen Architekten, für den der Staat soviel nationale und internationale Reklame organisierte wie für Niemeyer“, sagt mir Guedes, „denn Niemeyer machte ja auch kräftig Reklame für den Staat. Über Niemeyer wurde nur verbreitet, was dieser selber hören wollte.“ Besonders deutlich wird das im Propagandafilm “Oscar Niemeyer – das Leben ist ein Hauch”, der auch in den deutschen Kinos läuft. In Brasilien erntete der Film Verrisse, in Deutschland dagegen höchstes Lob.
Die Folha de Sao Paulo gibt 2012 die Position des Herausgebers des Mondadori-Verlags in Milano über Oscar Niemeyer, den Architekten des Verlagsgebäudes, gegenüber einer brasilianischen Journalistin wieder:
“Sage ihm, daß es eine Folter ist, in diesem Ambiente zu sein. Das Licht von draußen knallt einem direkt ins Genick, die Belüftung ist unerträglich und thermisch, von der Wärmeregulierung her, ist es die Hölle.”
Die Niemeyer-Links: http://www.hart-brasilientexte.de/2012/12/08/wurdigung-niemeyers-wie-angeli-karikaturist-von-brasiliens-groster-qualitatszeitung-folha-de-sao-paulo-das-thema-reflektiert/
Wahlhilfe für Diktaturaktivisten: http://www.hart-brasilientexte.de/2010/09/10/kommunist-oscar-niemeyer-macht-wahlwerbung-fur-den-oligarchie-rechten-marco-macieldem-maciel-ist-intelligent-und-uberaus-ehrlich-wie-brasiliens-politik-funktioniert-stalin-war-phantasti/
Niemeyer-PR in Deutschland: http://www.hart-brasilientexte.de/2010/01/14/oscar-niemeyer-das-leben-ist-ein-hauch-pr-film-nun-auch-in-den-deutschsprachigen-kinos-was-alles-fehlt/
Deutschlandfunk: - Der Betonmythos bröckelt -
Brasilien stürzt das Archi-
tektendenkmal Oscar Niemeyer
vom Sockel - http://www.podcast.de/episode/1467036/Der_Betonmythos_br%C3%B6ckelt_-_Oscar_Niemeyer
http://www.ila-bonn.de/brasilientexte/niemeyer.htm

Joaquim Guedes in Sao Paulo beim Website-Interview.
http://www.hart-brasilientexte.de/2009/11/11/brasilia-50-und-das-massaker-an-bauarbeitern/
Architekt Oscar Niemeyer arbeitete laut brasilianischen Quellen auch für die Putschgeneräle des Militärregimes - zu den bekanntesten Werken gehört der brasilianische Generalstab in Brasilia: http://www.gigapan.org/gigapans/25567/
“Während der Militärdiktatur (1964-1985) wurde Niemeyer verfolgt und mit einem Arbeitsverbot belegt.” (deutscher Medientext)http://www.zeit.de/2007/15/Traum-Oscar-Niemeyer
http://www.bpb.de/publikationen/JU16H0,0,Vom_Umgang_mit_der_Diktaturvergangenheit.html
Architekt Joaquim Guedes, bestinformierter Niemeyer-Kritiker:”In der Menscheitsgeschichte gab es keinen anderen Architekten, für den der Staat soviel nationale und internationale Reklame organisierte wie für Niemeyer - denn Niemeyer machte ja auch kräftig Reklame für den Staat. Über Niemeyer wurde nur verbreitet, was dieser selber hören wollte. Er arbeitete für das Militärregime, obwohl er es gleichzeitig kritisierte.”
Gerade während der Militärdiktatur von 1964 bis 1985 realisierte Niemeyer viele Projekte. http://www.magazin-world-architects.com/ch_09_51_onlinemagazin_gemeldet_de.html
“Ich bin traurig - mit dieser formalistischen Prestigearchitektur, die nichts taugt, aber furchtbar teuer ist, hat Niemeyer meiner Architektengeneration objektiv sehr geschadet. Doch leider leben wir heute in einer Zeit, in der die Erscheinung, die Fassade, das Spektakel, die Propaganda so ungemein wichtig genommen werden.”(Joaquim Guedes)
Die Folha de Sao Paulo gibt 2012 die Position des Herausgebers des Mondadori-Verlags in Milano über Oscar Niemeyer, den Architekten des Verlagsgebäudes, gegenüber einer brasilianischen Journalistin wieder:
“Sage ihm, daß es eine Folter ist, in diesem Ambiente zu sein. Das Licht von draußen knallt einem direkt ins Genick, die Belüftung ist unerträglich und thermisch, von der Wärmeregulierung her, ist es die Hölle.”
http://www.hart-brasilientexte.de/2009/11/15/lula-wer-alles-kippte-mensalao-youtube/

Niemeyer-Konzertsaal in Sao Paulo.
Oscar Niemeyer und die Militärdiktatur: http://www.hart-brasilientexte.de/2010/04/13/wie-oscar-niemeyer-mit-der-brasilianischen-militardiktatur-zusammenarbeitete-die-liste-aller-projekte-in-den-jahren-des-folterregimes-von-1964-bis-1985/
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/einewelt/555570/
Brasilia, UNESCO-Weltkulturerbe der Menschheit, wird 50 – und im Tropenland erinnert man sich des Massakers an Bauarbeitern, des Terrors der Bauplatzpolizei damals, als Chefarchitekt Oscar Niemeyer, der sich immer Kommunist nennt, die Errichtung beaufsichtigt. Und wie er nach dem Militärputsch von 1964 mit den Folter-Diktatoren zusammenarbeitet, ihnen in Brasilia den Generalstab der Regime-Streitkräfte und noch vieles andere hinstellt. Obwohl doch bis heute in ungezählten deutschsprachigen Gazetten steht, Niemeyer sei während der 21 Jahre währenden Militärdiktatur verfolgt und mit einem Arbeitsverbot belegt worden. Schon 1960, bei der Einweihung Brasilias, sind kritische Brasilianer über die vielen Baufehler, die Pfuscharbeit entsetzt: Risse in Beton und Asphalt, bröckelnder Putz allerorten, sodaß Nachbesserungskolonnen noch jahrelang zu tun haben – genauer gesagt, bis heute. Daß die Hauptstadt so überstürzt in nicht einmal vier Jahren errichtet wird, damit sie der damalige Präsident Juscelino Kubitschek noch in seiner Amtszeit einweihen kann, hat zudem offenbar en masse Architektenfehler begünstigt.
Nach scharfer Kritik der neuen Nutzer muß Oscar Niemeyer schon wenige Jahre später einräumen, daß in den offiziellen Gebäuden viel mehr Platz benötigt wird, zahlreiche nicht eben schöne Anbauten angeklebt werden müssen. Gleiches gilt für hingeschusterte, überaus hellhörige Wohnhäuser – sogar per Aushang wird aufgefordert, doch bitte, bitte beim Geschlechtsverkehr leiser zu sein, schon wegen der Kinder im Block. Wie es heißt, wurde der Präsidentenpalast für etwa 100 Menschen entworfen, doch heute arbeiten dort an die 700. Bereits jetzt, zum Stadtjubiläum am 21. April, fürchten sich den hiesigen Medien zufolge die Stadtbehörden vor dem Besuch von UNESCO-Experten im Juni, die zahlreiche Niemeyer-Bauten in sehr schlechtem Zustand oder sogar gesperrt antreffen werden. Womöglich droht die Aberkennung des Welterbe-Titels.
50 Jahre später bezeichnet Brasiliens führende Qualitätszeitung Folha de Sao Paulo dieses von Slums umzingelte Brasilia als „projektierte Apartheid“ und die brasilianischen Architekturkritiker erinnern an entsetzliche Wahrheiten, dunkle Punkte der Errichtung Brasilias. Dort, wo die Bauarbeiter massakriert wurden, gibt es heute ein Kreuz und eine Gedenktafel, zeigte man gar im Freien jenen mehrfach im In-und Ausland preisgekrönten Dokumentarfilm vom Vladimir Carvalho. Der Regisseur befragt darin Niemeyer eingehend über das Blutbad, doch dieser sagt immer wieder höchst irritiert: davon weiß ich nichts, davon habe ich noch nie etwas gehört und will deshalb darüber auch nicht reden. Carvalho läßt im Film, wie Niemeyer ärgerlich wird, herumschimpft, das Abstellen der Scheinwerfer befiehlt, im Dunkeln weiterredet – ein ganz außergewöhnlicher Streifen, das Centre Pompidou in Paris hat ihn parat. Andere Zeitzeugen berichten in dem Film vom Massaker an bis zu 500 Bauarbeitern. „Der Bauplatz von Brasilia war damals ein Wilder Westen“ sagt Carvalho im Interview, „alles mußte schnell gehen, die Fristen waren kurz. Es gab damals viele Unfälle, viele Bauarbeiter fielen von den Gerüsten. Tote wurden rasch beseitigt, damit die Lebenden nicht die Lust verloren und der Bau in hohem Tempo fortgesetzt werden konnte. Die Bauarbeiter konnten nur wenige Stunden schlafen, sich nur wenig ausruhen, waren schlichtweg fix und fertig – deshalb kam es zu den Unfällen.
Eines Tages war das Essen wieder verdorben – das brachte das Faß zum Überlaufen. Die Arbeiter protestierten – doch nachts kam die Bauplatzpolizei.“ Was dann geschah, hat eine Zeitung Brasilias inzwischen noch genauer rekonstruiert. Danach feuerte diese berüchtigte Spezialgarde zuerst mit Maschinenpistolen in die Bretterbaracken, bildete danach einen „polnischen Korridor“, zwang die überlebenden Arbeiter, dort durchzulaufen, grauenhaft mißhandelt zu werden. Zum Schluß, so das Blatt gemäß den aufgetriebenen Zeugen, mußten die Arbeiter ihre Toten und Verwundeten auf zwei LKW laden – die Opfer, sogar die Verwundeten, habe man dort, wo heute der TV-Turm Brasilias stehe, verscharrt – die LKW-Fahrer als lästige Zeugen ebenfalls liquidiert.
„Für Niemeyers Biographie ist das nicht gut“, meint Regisseur Carvalho. Völlig egal – wer weiß davon schon, in deutschsprachigen Medien oder Biographietexten beispielsweise wird seit 50 Jahren so gut wie ausnahmslos das Massaker, der Dokumentarfilm nicht erwähnt.
Eigentlich sollten die Reparaturen an prägenden Gebäuden wie dem Präsidentenpalast oder der Kathedrale rechtzeitig vor den 50-Jahr-Feiern fertig sein – doch nun dauern sie noch Monate, Staatschef Lula muß weiter vom Kulturzentrum einer Bank aus regieren. Zudem landete ausgerechnet der federführende Hauptstadtgouverneur wegen Abgeordnetenkauf im Gefängnis.
Doch an offiziellen Huldigungen für Oscar Niemeyer fehlt es natürlich nicht, wenngleich die brasilianischen Architekturkritiker und zahllose Leserbriefschreiber Brasilias die mangelnde Funktionalität der Niemeyer-Bauten betonen. So sind die eckigen Blöcke der Ministerien alle gleich und zudem in Ost-West Richtung aufgereiht. Das gilt für ein Tropenland als schlechteste Lösung, weil dann die Morgen-und Nachmittagssonne direkt auf die großen Fenster knallt, furchtbare, unerträgliche Hitze erzeuge, gegen die keine Klimaanlage ankomme. Staatsangestellte würden dann eben eher nach Hause geschickt, kriegen sozusagen hitzefrei.
Besonders vertrackt wird es, wenn man sich Niemeyers Aktivitäten zur Diktaturzeit widmet. Gemäß den deutschen, aber auch vielen brasilianischen Quellen haßte der famose Kommunist die nazistisch orientierten Putschgeneräle natürlich aus tiefstem Herzen, wollte mit ihnen nichts zu tun haben, ging flugs in Exil – das Arbeiten hatten sie ihm ohnehin verboten. „Gerade während der Militärdiktatur von 1964 bis 1985 realisierte Niemeyer viele Projekte“, sagt mir vor einigen Jahren der angesehene Architekt und Universitätsprofessor Joaquim Guedes, bestinformierter Niemeyer-Kritiker, in Sao Paulo. Ich will es anfangs kaum glauben, doch eine seriöse Werke-Liste des „Stararchitekten“ und brasilianische Fachtexte bestätigen Guedes: 1967, drei Jahre nach der Machtübernahme, projektiert Niemeyer in Brasilia eine imposante, nach Diktator Costa e Silva benannte Brücke. Und ausgerechnet in der grausamsten, schwärzesten Phase der Folterdiktatur, unter Generalspräsident Medici, entwirft der „Kommunist“ den Generalstab in Brasilia, 1973 wird er mit großem Pomp eingeweiht. „Und dies unter dem Säbel der Medici-Regierung“, bemerkt der brasilianische Autor Marcos Sá Correa zu Niemeyers damaligem Wirken. 1971 realisiert dieser in der nordostbrasilianischen Millionenstadt Recife sogar ein Stadion, das just nach dem berüchtigten Diktator Medici benannt ist – und für die Fußball-WM 2014 genutzt wird. Laut Werke-Liste projektierte Niemeyer allein in Brasilia während des Militärregimes über 20 Bauten, auch eine Militärschule ist darunter. Guedes übrigens kann an ihm nichts Kommunistisches entdecken, nennt ihn einen Stalinisten.
2001 wird Niemeyer gefragt, warum er zwar Villen baue, aber keine einfachen Wohnhäuser, keine Viertel für die Armen. „Weshalb verzichteten Sie darauf, für jene, deren Schicksal Ihnen am Herzen liegt, ein architektonisch ansprechendes Zuhause zu errichten?“ Der Pritzker-Preisträger mag mit seiner Antwort manchen perplex machen:“Weil sich unsere Brüder in den Slums wohler fühlen als in geplanten Siedlungen, die keinerlei Komfort bieten und oft noch öder sind.“Komisch, daß europäische, darunter deutsche Architekturexperten, gar Architekturfeuilletonisten und Fernsehteams, dem in Brasilien wegen seiner originellen, umfassenden Niemeyer-Kritik so hochgeschätzten Guedes nicht die Bude einrannten. Jetzt ist es zu spät. 2008 wird Guedes auf nie geklärte Weise getötet. Direkt vor seinem Büro rast ein Stadtjeeplenker auf ihn zu, überrollt ihn, prescht gemäß den Zeugenberichten davon, und wird nie gefaßt. „In der Menschheitsgeschichte gab es keinen anderen Architekten, für den der Staat soviel nationale und internationale Reklame organisierte wie für Niemeyer“, sagt mir Guedes, „denn Niemeyer machte ja auch kräftig Reklame für den Staat. Über Niemeyer wurde nur verbreitet, was dieser selber hören wollte.“ Besonders deutlich wird das im Propagandafilm “Oscar Niemeyer – das Leben ist ein Hauch”, der auch in den deutschen Kinos läuft. In Brasilien erntete der Film Verrisse, in Deutschland dagegen höchstes Lob.