Klaus Hart Brasilientexte

Aktuelle Berichte aus Brasilien – Politik, Kultur und Naturschutz

Juden in Brasilien, Lateinamerika – Hintergrundtexte. “Doch hinter Kritik am Staat Israel verbirgt sich häufig Judenhass.” DER SPIEGEL 2017

 

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http://www.hart-brasilientexte.de/2010/04/17/jude-in-sao-paulo-gesichter-brasiliens-judisches-lateinamerika-ila-bonn/

 

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10.03.2011 [ Ausg. 10 ] Eine halbe Stunde gegen den Hass von Klaus Hart / Das wöchentliche Fernsehprogramm »Mosaico« möchte über Antizionismus aufklären … mehr

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Roni Gotthilf, TV Mosaico:  “Von nahem besehen, ist alles ganz anders, als in den großen Medien meist dargestellt. Heute ist es schwieriger, die Fakten zu sehen und zu begreifen, weil sie immer mehr durch Meinungen über Fakten ersetzt werden. Die Wahrheit hat immer viele Gesichter. Die heutigen Medien verbreiten über Nachrichten sehr stark Meinung – doch getarnt, versteckt. Es gibt leider keine klare Trennung. Wir sind völlig außerhalb des Mainstreams. Was die anderen nicht zeigen, zeigen wir – immer die Kehrseite der Medaille.”

“Du verdammter Jude – zurück ins Konzentrationslager”.

Ein Theaterskandal erster Ordnung, mit antisemitischem Hintergrund, schlägt in Brasilien hohe Wellen. Im Mittelpunkt – der in Rio de Janeiro geborene avantgardistische Regisseur Gerald Thomas, Weltbürger, deutscher Jude mit deutschem Paß.

http://www.hart-brasilientexte.de/2009/05/27/ten-yad-juden-helfen-bedurftigen-juden-in-sao-paulo-in-der-krise-besonders-wichtig/

“Schönheit und Fäulnis”. Neue Zürcher Zeitung/NZZ – Klaus Hart:https://www.nzz.ch/schoenheit_und_faeulnis-1.700750

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Junge mit Hakenkreuz-Drachen in den siebziger Jahren,  während der Militärdiktatur, im Stadtpark Sao Paulos.

Als Thomas bei der August-Premiere der von ihm inszenierten Wagner-Oper „Tristan und Isolde” im alten, prunkvollen Opernhaus Rio de Janeiros von Teilen des Publikums antisemitisch beschimpft wird, reagiert er spontan, hat deshalb jetzt ein polizeiliches Ermittlungsverfahren wegen Obszönität in der Öffentlichkeit am Hals. Im Opernhaus, an dessen Frontseite ganz groß der Name Goethe prangt, hatte es über zwanzig Jahre lang keine Tristan-Aufführung mehr gegeben – mit umso mehr Spannung wurde daher die Version des auch in Deutschland sehr bekannten Regisseurs erwartet. Beim Website-Interview ist er sichtlich gezeichnet von dem Konflikt, oder besser, völlig fertig. ”Es gab ein Publikum – und Nazis, Neonazis, Faschisten – die sind einfach unmöglich – und unfaßbar. Für diese Leute ist Wagner ein Gott – kein Mensch in dieser Welt soll bitte ein Gott sein. Und diese Leute, diese verrückten Leute waren da in der ersten, zweiten und dritten Reihe – und als ich beim Schlußapplaus auf die Bühne kam, konnte ich ganz deutlich hören, was sie da schrien: Du Jude, zurück ins Lager, Konzentrationslager, du Mörder. Zuerst habe ich gedacht, das ist doch ein Albtraum, das kann doch nicht wahr sein – ich bin doch in Brasilien. Zwischen zwanzig und dreißig Leute haben da wirklich diese Worte geschrien – Mörder, Jude, du verdammter Jude – geh zurück ins Lager. Und da hatte ich wirklich keine Alternative, da ist mir das Blut zu Kopf gestiegen, es war alles n`bißchen zuviel. Denn ich bin ein Jude, ich hab acht Leute in Auschwitz verloren. Ich hab noch viele Verwandte in Deutschland, in Würzburg und Wiesbaden, Berlin und überall. Und da habe ich eben gemacht, was ich gemacht hab – die Hosen heruntergelassen – und mich rumgedreht – mit dem Popo zum Rio-Opernhaus.”Daraufhin erntete er von einem Großteil des beträchtlich elitären Premierenpublikums noch mehr Pfiffe, Buhrufe, Wutschreie als zuvor, wurde noch mehr beschimpft, sogar als Betrüger, Gassenjunge – ein Tumult, wie er in einer Oper Deutschlands wohl undenkbar wäre. Festzuhalten ist, daß sich die Attacken bedenklicherweise nur gegen ihn richteten, nicht gegen das von ihm geführte Ensemble, gegen die Sänger, gegen das Orchester – allesamt wegen ihrer Leistungen zumeist mit heftigem Applaus bedacht. Gerald Thomas ist umstritten, kann mit Protesten, mit Buhrufen des Publikums umgehen – doch antisemitisch attackiert zu werden – das war ihm in seiner Laufbahn noch nie passiert. ”Ich liebe Buhs, ich glaube, die sind viel mehr organisch als Applaus – der ist eigentlich eine Formalität. Und Buhs, organisch und gutgemeint, sind doch eine großartige Sache.”Gerald Thomas zeigte seinen Gegnern den nackten Hintern – Zeitungen haben alle Phasen seiner Entblätterung in Farbe und Großformat abgebildet. Hätte er sich mit jenen, die ihn als Juden beschimpften, nicht auch verbal anlegen können, wäre das nicht besser gewesen?”Ich hatte keine Stimme, um mich gegen die über tausend Leute, die ganze Schreierei, die Buhs, den Applaus durchzusetzen. Ohne Mikrophon wäre es nicht gegangen. Ich hätte schreien können, so laut wie möglich – man hätte es nicht gehört.”Erst vor wenigen Jahren hatte Gerald Thomas Wagners „Tristan und Isolde” in Weimar inszeniert – mit Erfolg.”In Weimar lief alles in Ruhe, so pazifisch ab – das war doch die ehemalige DDR – nix ist passiert. Klar gab es ein paar Proteste. Neonazis waren auf der Straße, nicht in der Vorführung. Indessen – meine Weimarer Inszenierung war komplett anders – in die hatte ich keinen Sigmund Freud eingebaut. Ein Jude, ein Psychoanalytiker, ein Mann, der alles umgedreht, verändert hat. Seit Freud, ebenso wie seit Marx, Hegel und Kant und Descartes und Michelangelo und Leonardo da Vinci und Galileo sind wir nicht mehr dieselben. Diese Leute haben die Welt umgedreht. Und wenn Wagner, der Antisemit, und Freud, der Jude, auf der Bühne zusammentreffen – das ist doch sehr interessant.”Während der Ouvertüre masturbiert eine Frau, Sigmund Freud konsumiert reichlich Kokain, hat Tristan und Isolde als Patienten. Die Kritik wirft Thomas vor, eine Spaßversion mit derart vielem Grotesken, Absurden, Unerhörten abgeliefert zu haben, daß einem die so nötige Konzentration auf Wagnersche Musik, auf den Text verlorengehe. Wagner sei in die Ecke geflogen, dafür stehe Gerald Thomas im Mittelpunkt. Die Operndirektorin verteidigt ihn – ein Kunstwerk erster Ordnung sei entstanden.Thomas sieht sich in Brasilien wie einen Popstar behandelt, muß auf der Straße ständig Autogramme geben. Er hat Erfolg, wie im Ausland, brachte frischen Wind in die nationale Theaterszene, führte auch an Theatern, Opernhäusern von Berlin, München, Mannheim, Hamburg, Köln, Stuttgart Regie. In Brasilien mischt sich Thomas permanent auch ins politische Leben ein, hat in der Qualitätszeitung „Jornal do Brasil” von Rio eine vielbeachtete provokante Wochenkolumne. „Wir erleben ein neues Mittelalter, in dem die Städte von Slums überwuchert werden.” Das beste Beispiel hat er vor der Haustür – Rio ist leider nicht Havanna.Nur dreimal wird Tristan und Isolde in Rio de Janeiro aufgeführt – schon beim zweiten Mal sah die Sache anders aus. Über 150, denen die Inszenierung nicht gefiel, gingen in der ersten Pause – aber jene, die blieben, applaudierten enthusiastisch. Brasiliens Wagnerfreunde sind nun neugierig, wie die zweite Tristan-Inszenierung dieses Jahres ausfällt. Die zu sehen, ist ein bißchen kompliziert. Denn der andere Tristan wird im November im ebenfalls wunderschönen alten Opernhaus von Manaus zu sehen sein. Die Zwei-Millionen-Stadt liegt mitten im Amazonasurwald, über viertausend Kilometer von Rio de Janeiro entfernt.

Regisseur Gerald Thomas live – zum Anhören – in der SWR-Sao-Paulo-Reportage:

http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/-/id=660374/nid=660374/did=1641370/svtjys/

(Thomas:

”Als ich beim Schlussapplaus auf die Bühne kam, konnte ich ganz deutlich hören, was sie schrien: Du Jude, zurück ins Lager, ins Konzentrationslager, du Mörder. Denn ich bin Jude, ich habe acht Leute in Auschwitz verloren. Und da habe ich eben gemacht, was ich gemacht hab. “ die Hosen heruntergelassen “ und mich rumgedreht, mit dem Hintern zum Rio-Opernhaus.”

Erzähler:In Sao Paulo sind solche Publikumsreaktionen schwerlich vorstellbar. Bei Podiumsgesprächen übergießt Gerald Thomas das von Dekadenz gezeichnete Rio gerne mit Hohn und Spott:

Thomas: Übersetzer:”Ein Scheiß-Badeörtchen, ein Cancun, ein Acapulco voller Schwätzer, Neider, Kanaillen, oberflächlich, boshaft, eng. Sao Paulo ist dagegen eine echte Metropole, hier ist Leben und Bewegung!” )

https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/das-kappchen-kilometerweit-fliegen-sehen

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http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/fazit/676160/

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Vorname: Hitler, Interviewpartner in Sao Paulo.

Hitler, Himmler, Göring – amtlich registrierte Vornamen in Brasilien

Von Gesellschaft und Politik akzeptiert – Naziideologie verbreitet
Uninformierte Reisende aus Europa fühlen sich in Lateinamerika zunächst arg veralbert, wenn ihnen nicht nur in Millionenstädten wie Rio de Janeiro, Sao Paulo, Santiago de Chile oder La Paz, sondern sogar in Dörfern des Amazonasurwalds auf einmal ein Hitler, Himmler oder Eichmann vorgestellt wird. Doch es stimmt, im Ausweis, auf der Visitenkarte, steht nichts anderes – und nach Landessitte redet man sich stets mit dem Vornamen an. Im tiefreligiösen Lateinamerika wurden alle jene Hitlers, selbst die Indios darunter, von evangelischen oder katholischen Pfarrern getauft. Wollten deutsche Eltern ihre Kinder mit nazistischen Vornamen registrieren lassen, gäbe es natürlich einen Riesenskandal. Doch niemand mag Brasilien in dieser Frage zu nahe treten, politisch korrekte Drittweltbewegte gleich gar nicht. Dabei hatte das Tropenland die letzten beiden Jahre des Zweiten Weltkrieges noch mit Truppen in Italien gegen Hitlers Wehrmacht gekämpft, erinnern gewaltige Munumente an die Gefallenen. Aber in Lateinamerika gehen die Uhren anders, ist eine oft unbegreifliche Toleranz und Indifferenz anzutreffen. Als Hitler, Himmler, Göring sogar im Telefonbuch stehen, in einer nach angesehenen Juden benannten Straße wohnen – was soll schon dabei sein?

Das hat einen interessanten historischen Hintergrund: Nach der Machtübernahme Hitlers gelang es der NSDAP, die Deutschstämmigen Lateinamerikas und deren Vereine weitgehend gleichzuschalten, hatte das Dritte Reich dabei vor allem die protestantischen Pfarrer auf seiner Seite. Diese waren den reichsdeutschen Kirchenorganisationen angeschlossen, predigten teilweise sogar von der Kanzel herab Nazi-Ideologie. Drei von vier evangelischen Pfarrern der südbrasilianischen Synode waren im nationalsozialistischen Pfarrerbund. Die katholischen Padres der deutschstämmigen Gemeinden verhielten sich dagegen zunehmend distanzierter. In Brasilien beispielsweise war damals der Diktator, Hitlerverehrer und Judenhasser Getulio Vargas an der Macht “ kein Wunder, daß angesichts der bis heute fast grenzenlosen Vornamenfreiheit nicht wenige Eltern ihren Sprößlingen den Vornamen Hitler gaben. Und offenbar fanden nur zu viele Padres “ ob deutscher, italienischer oder portugiesischer Herkunft “ überhaupt nichts dabei, Kinder auf diesen Namen zu taufen.
“Position der katholischen Kirche”
Doch auch nach dem Zweiten Weltkrieg gaben lateinamerikanische Pfarrer vielen kleinen Hitlers den Segen. Für Bischof Amaury Castanho im brasilianischen Teilstaat Sao Paulo ist die Kirche des größten katholischen Landes bis heute dabei in einer schwierigen, delikaten Situation. „Natürlich sind wir vehement gegen nazistische Vornamen – durchweg raten wir den Eltern, ihren Kindern wegen der schrecklichen Rolle Hitlers in der Geschichte auf keinen Fall diesen Namen zu geben.” Wer Hitler heiße, könne später zudem große Probleme im Zusammenleben mit Kindern, Erwachsenen bekommen. „Aber wenn die Familie darauf besteht, akzeptieren wir den Vornamen notgedrungen, legen es nicht auf einen Streit an, lehnen die Taufe nicht ab. Denn schließlich gibt es keine kirchliche Vorschrift, die Namen solcher extrem negativ besetzten Persönlichkeiten untersagt.” Jemanden heute in Deutschland auf den Namen Hitler zu taufen, so der Bischof, „gäbe natürlich einen Skandal. Denn dort sind Hitlers Untaten im öffentlichen Bewußtsein.” Für ein Tropenland, das sogar gegen Hitler kämpfte, seien nazistische Vornamen natürlich eine Schande. Ein staatliches Gesetz sollte sie verbieten. „Aber ich weiß auch von katholischen Palästinensern Brasiliens, die ihr Kind nach dem Terroristen Osama Bin Laden nannten.” Bekannt ist zudem, daß Adolf Hitler von vielen Arabern als Held betrachtet wird, Palästinenser in Nahost ihren Kindern ebenfalls diesen Namen geben. Auch Brasiliens Bischof Demetrio Valentini nennt es bedenklich, daß Hitler-Vornamen keineswegs als problematisch angesehen werden. „Nicht immer hat der Pfarrer die Möglichkeit, sie zu verhindern “ da sie ja zuvor schon behördlich registriert worden sind.” Hinzukomme, daß ausländische Namen einfach beliebt seien, deren Bedeutung aber nur zu oft völlig ignoriert werde. „Es mag Leute geben, die den Namen Hitler einfach schön finden “ und überhaupt nicht wissen, wer das war.”
Adolfo Hitler Ferreira Santos, ein 35-jähriger Apotheker in Sao Paulo “ Lateinamerikas Industrielokomotive, über tausend deutsche Firmen – weiß es jedenfalls genau, bezeichnet den Vornamen als entsetzliche Bürde. „Ich saß im Kino, habe mir den Film `Schindlers Liste` angesehen – ich, mit diesem grauenhaften Vornamen, mir war zum Heulen zumute – ich war in allen Filmen über den Holocaust!” Beim Blutspenden wollte ihm eine schwarze Krankenschwester wegen des Namens nicht die Hand geben, hielt Distanz “ derartiges macht Adolfo Hitler Ferreira Santos zu schaffen. Sein Vater, über siebzig, ist bis heute ein Hitler-Bewunderer “ „wie Brasiliens Militärdiktatoren, die das Land von 1964 bis 1985 beherrschten, ebenfalls Hitler verehrten.” Adolfo Hitlers Bruder hat es noch schlimmer getroffen, weil ihn der Vater allen Ernstes „Himmler Hitler Göring” nannte – so steht er auch im Telefonbuch der Megametropole, will über diese schreckliche Last aber nicht reden. „Wir beide sind in einer katholischen Kirche Sao Paulos von einem Pfarrer ganz normal getauft worden.”
–Umbenennung möglich “ doch kaum vollzogen”
In der Rua Isaac Tabacow, benannt nach einer angesehenen jüdischen Persönlichkeit der Stadt, wohnt Familienvater Hitler Cazella, ein freundlicher Mann, Anfang sechzig. „Mein Vater, aus italienischer Familie, mochte die Nazis, hat mir deshalb diesen Vornamen verpaßt.” Im Berufsleben frozzelten ihn immer wieder Kollegen, was ihm manchmal lästig fiel.”Die nannten mich einen Nazi, sogar Mussolini. Unter Freunden ging das ja noch, aber von Fremden hörte ich das gar nicht gerne. Denn ich war ja nie ein fanatischer Hitler-Anhänger, habe bei den brasilianischen Nazis nie aktiv mitgemacht “ und Hitler nicht gerade bewundert.”
Das neue brasilianische Zivilrecht kommt zahllosen Brasilianern stark entgegen, die in einem Lande fast unbegrenzter Vornamenfreiheit nicht länger Rommel, Eisenhower, Rambo, Xerox, Goethe, Elvis Presley, Einstein, Rummenigge, Beckenbauer, Hirohito, Stalin oder Mao-Tse-Tung heißen wollen. Ohne Angabe von Gründen ist man den Namen nach höchstens sechs Monaten los, braucht allerdings einen Anwalt. Angesichts von Massenelend, derzeit auch die Mittelschicht treffender Massenarbeitslosigkeit macht dies die Sache für viele allerdings teuer. Und so bleibt es dabei, daß weiße Hitler in Universitätshörsälen sitzen, schwarze Hitler in Slums der Sklavennachfahren hausen, es sogar Hitler-Straßen wie die Avenida Hitler Sansao gibt. Der rührige Polizeichef Hitler Mussolini Pacheco im Teilstaate Goiania, der angesehene Richter Hitler Cantalice in Nordostbrasilien, beide öfters in den Medien, hätten schon längst anders heißen können, wollten aber nicht. die ebenfalls ihre Vornamen behalten. Und Senhor Hitler Cazella in der Rua Isaac Tabacow will auch nicht: ”Bei meinen erwachsenen Kindern stehe ich so in den Personalausweisen, Pässen “ auch in vielen anderen Dokumenten, Urkunden. Mir zu kompliziert, das alles wieder zu ändern. Meine Frau kennt mich nun schon über dreißig Jahre als Hitler “ die will auch nicht, daß ich mich umbenenne.”
Gleiches gilt für Hitler de Lima – seine Straße am großen Ibirapuera-Park Sao Paulos heißt „Rua Estado de Israel” “ in Würdigung des Nahoststaates. Er fand nichts dabei, dorthin zu ziehen: „Einmal bin ich sogar einem anderen Hitler begegnet. Weil der Name mir nie geschadet hat, trenne ich mich von dem auch nicht. Obwohl ich das natürlich könnte.” Hitler de Lima bestreitet, wegen des Namens jemals mit der großen jüdischen Gemeinde Sao Paulos aneinandergeraten zu sein. „Nein, nie “ ich habe ja sogar jüdische Bekannte, arbeitete als Buchhalter in Unternehmen, die Juden gehören. Auch dort – nie Probleme! In der Schule sagten sie manchmal `Heil Hitler` zu mir “ das habe ich als Kompliment aufgefaßt, nie als Beleidigung. Ich glaube, hier machen sich die Leute keine Gedanken über Hitler. Die Mehrheit der Brasilianer sieht die Person Hitlers und seine Rolle in der Geschichte völlig neutral, ist weder für noch gegen ihn.”
Da untertreibt Senhor Hitler de Lima leider. Wie Studien belegen, hat der Nazi-Führer in Brasilien erschreckend viele Sympathisanten, selbst unter den Intellektuellen. Und es gibt viele Neonazis, gut organisiert etwa in Sao Paulo. Einer davon, Automobilarbeiter bei einem deutschen Multi, betonte öffentlich:”Unser Hauptfeind sind die Juden “ sie kontrollieren die Medien, die großen Unternehmen, finanzieren die Schwarzen “ und Homo-Bewegung.”
–Staatschef Lula über Hitler”
Rio de Janeiros Rabbiner Nilton Bonder bestätigt: „Teile der frustrierten Stadtjugend sind von Adolf Hitler, der Naziideologie und deren Rassentheorien fasziniert.” Doch die Gesellschaft, die Politiker machen davon kein Aufhebens; Vornamen wie Hitler regen niemanden auf. Denn in Brasilien, das zahlreichen Nazi-Verbrechern wie Josef Mengele Unterschlupf und neue Aufstiegschancen bot, werden ja selbst in Wörterbüchern Juden als „Individuo mau”, als schlechte Menschen definiert. Trotz aller Proteste der jüdischen Gemeinde. Und zahlreiche hohe Politiker, wie der Ex-Gouverneur Leonel Brizola, Vizepräsident der Sozialistischen Internationale, haben jenen verstorbenen Diktator und Hitlerverehrer Vargas als geistigen Ziehvater, politisches Idol. Nach dessen deutschstämmigen Chef der gefürchteten politischen Polizei, Filinto Müller, der die kommunistische Jüdin Olga Benario an die Gestapo auslieferte, sind bis heute in Brasilien sogar Schulen, Plätze, öffentliche Gebäude benannt. In Geschäften, sehr vielen Privathäusern, einem Theater Rios geht man über Hakenkreuzfliesen. Und Brasiliens neuer Staatschef Luis Inacio Lula da Silva, jener Ex-Gewerkschaftsführer, der einst bei Volkswagen do Brasil in Sao Paulo als Dreher arbeitete “ was hält der von Hitler? In einem Interview sagte er wörtlich:”Hitler irrte zwar, hatte aber etwas, das ich an einem Manne bewundere “ dieses Feuer, sich einzubringen, um etwas zu erreichen.” Auch das spricht Bände.
In La Paz studiert der Indianer Hitler Apazi Cutili Medizin, zwei fernab der Hauptstadt lebende indianische Brüder heißen Hitler Mamani und Eichmann Mamani, wurden so getauft. Und auch in Peru gibt es viele Hitlers. „Zu Ehren einer historischen Persönlichkeit” nannte der in einem Amazonasdorf lebende Indio Manuel Garcia seinen Sohn Adolfo Hitler. Als dieser tödlich verunglückte, gab er dem nächstgeborenen Sohn ebenfalls diesen Namen. 2003 kam auch der ums Leben, als ein Auto mit weiteren drei Personen in einen Gebirgsfluß stürzte. Jetzt glauben dort viele in der Region, daß dieser Vorname Unglück bringt.

siehe auch: „Nazis und Juden unterm Zuckerhut “ Hitler und Mussolini als akzeptierte Vornamen, Hakenkreuze als Theaterschmuck”
in: Klaus Hart, Unter dem Zuckerhut “ Brasilianische Abgründe
Picus Reportagen, Hardcover
Picus-Verlag Wien, 2001

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“Das Bild sagt alles”. Pro-Israel-Kundgebung in Sao Paulo.

“Der Antisemitismus in Brasilien und den anderen Ländern Nord-und Südamerikas tarnt sich heute gewöhnlich als Antizionismus, als Haß auf Israel. Doch wenn man genau hinschaut, geht es gegen die Juden, sehen wir jenen tiefsitzenden traditionellen Antisemitismus.” Maria Luiza Tucci Carneiro, Antisemitismus-Expertin von der Bundesuniversität in Sao Paulo. ” A raça indesejavel” – die unerwünschte Rasse.

http://www.hart-brasilientexte.de/2009/05/13/judas-verbrennenqueima-do-judas-antisemitisches-ritual-in-brasilien-bayerisches-brauchtum-bizarr-der-jud-mus-verbrannt-werden/

http://www.hart-brasilientexte.de/2008/11/02/hitler-anrufen-telefonnummern-anklicken-brasiliens-internet-telefonlisten-haben-unzahlige-nummern-parat/

Brasilien feiert Diktator, Hitlerverehrer und Judenhasser Getulio Vargas / Neuer Spielfilm verfälscht Olga Benarios Lebensgeschichte

In Lateinamerikas größter Demokratie Brasilien geschieht derzeit politisch und zeitgeschichtlich Außergewöhnliches: Die Nation feiert schon seit Monaten das Andenken des Diktators, Hitlerverehrers und notorischen Judenhassers Getulio Vargas, dessen Todestag sich im August zum fünfzigsten Male jährte. Zeitgleich kam in die Kinos ein brasilianischer Spielfilm über die deutsche Jüdin und linksgerichtete Vargas-Gegnerin Olga Benario, die der Diktator an Hitlerdeutschland auslieferte, wo man sie 1942 in der Gaskammer des KZs Bernburg umbrachte. Der Film ist ein Publikumserfolg, betreibt indessen nach Ansicht von Historikern Geschichtsfälschung, weil er Olga Benario verkitscht und entpolitisierend darstellt, den Diktator Vargas sogar reinwäscht.

Präsident Getulio Vargas “ Mann des Volkes, Vater der Armen, der Arbeiter, größter Staatsmann in der brasilianischen Geschichte, Förderer der Industrialisierung, Patriot “ so wird der Diktator derzeit in den brasilianischen Medien, auf Festakten, bei der Einweihung neuer Denkmäler, eines großen Memorials in Rio de Janeiro und gar eines Mausoleums glorifiziert. Beinahe wie zu Lebzeiten, zelebriert von seinem Propagandaministerium. Landesweit tragen längst ungezählte Straßen und Avenidas, und auch das wichtigste Wirtschaftsforschungsinstitut, seinen Namen. Und man spielt wieder die vielen, Getulio Vargas gewidmeten Sambas “ alles Lob und Hudel. Denn jenes Bild von Brasilien als Land von Samba, Karneval und Fußball, Rassendemokratie und moderner Architektur wurde unter Vargas produziert. Zahlreiche Politiker nennen sich seine Erben. Aber ist denn Vargas, seine Regierung, nicht gleichzeitig mitschuldig an der Judenvernichtung, hat der Diktator, Repräsentant der Eliten und Oligarchien, denn nicht Adolf Hitler selbst im Auftreten, im Führungsstil regelrecht kopiert, trägt denn nicht Brasilien bis heute schwer am faschistischen Vargas-Erbe?

”Dieser Teil der Geschichte wird vergessen, unterdrückt, zensiert “ da türmen sich Barrieren auf”, betont die angesehene Historikerin Maria Luiza Tucci Carneiro von Brasiliens größter Bundesuniversität in Sao Paulo, Vargas “ und Antisemitismus-Expertin, mit zahlreichen Buchveröffentlichungen. „Vargas hielt engste Beziehungen zu Nazideutschland, kooperierte mit der Gestapo, die seine politische Polizei ausbildete, trainierte. Man redet heute nicht über jene Geheimdekrete, mit denen Vargas Einreisevisa für bedrohte, verfolgte Juden verbot “ der sichere Tod für viele von ihnen in den Konzentrationslagern. Allein für Deutschland habe ich bisher über fünftausend abgelehnte Visaanträge dokumentiert “ und es sind noch viel mehr! Auch polnischen, österreichischen Juden wurde die Einreise verweigert. Man redet heute nicht über die Mitverantwortung Brasiliens an der Judenvernichtung. Und nicht nur Olga Benario wurde ja deportiert, viele andere Jüdinnen ebenfalls.Vargas förderte die Ausbreitung der NSDAP in Brasilien, ließ Nazi-Instrukteure ins Land, die auch an den deutschen Schulen indoktrinierten.”

Und nicht zufällig werde es unter Vargas Mode, Söhnen den amtlichen Vornamen Hitler zu geben. „Die Bewunderung für Hitler, den Nazismus, das Dritte Reich war groß. Es gibt anonyme Briefe nicht deutschstämmiger Brasilianer, welche nach Brasilien geflohene Juden denunzierten. Während des gesamten Zweiten Weltkriegs war die Aversion gegen Juden in Brasilien groß.” Grausamste Folter, politische Gefangene, Schüsse auf protestierende Studenten, Gleichschaltung der Medien durch Vargas, ein „Tag der Rasse” – selbst der Einmarsch der Wehrmacht in Frankreich wird von ihm als Anbruch einer neuen Ära groß gefeiert.

Juden “ „gefährliche Subjekte”

1930 kommt Vargas durch einen Putsch an die Macht “ doch wie die Historikerin Carneiro belegte, gab es bereits ab 1922 antisemitische Regierungsdokumente gegen eine jüdische Einwanderung. Juden werden als „gefährliche Subjekte” definiert, brasilianische Diplomaten in Europa argumentieren stets radikal antisemitistisch, empfehlen der Regierung, die Pforten für Juden zu schließen. Ab 1933 betreibt Vargas bereits eine starke Annäherung an Hitlerdeutschland, gleichzeitig nimmt die Repression gegen linksgerichtete Juden zu, werden die jüdischen Gemeinden immer stärker überwacht. Zwischen 1935 und 1938 kann die Vargas-Expertin Carneiro allein für den Teilstaat Sao Paulo zweiunddreißig Fälle von Juden nachweisen, die als „unerwünschte Elemente” aus dem Land mußten, nach Deutschland, Litauen, Rußland, Rumänien zurückkehrten “ wo sich ihre Spur verliert. „Oft geschah die Ausweisung unter Vorwänden, lag gar kein politisches Delikt vor, nannte man sie gefährliche Agitatoren gegen den Staat. Die von Vargas gesteuerte Presse, die politische Polizei beschrieb die Frauen stets als `gefährliche jüdische Terroristen aus Moskau, oder Moskauer Emissäre`.”

1936 das erste Geheimdekret gegen jüdische Einwanderung. Viele brasilianische Juden versuchten ihre Verwandten aus Deutschland nachzuholen, doch Visa wurden stets abgelehnt. „Man weiß, daß solche Antragsteller in Deutschland daraufhin verhaftet wurden, im KZ endeten. Brasilianische Diplomaten wie Jorge Latour beschrieben in ihren Berichten an die Vargas-Regierung die Juden in dem von der Wehrmacht besetzten Polen als abstoßende Figuren.”

Erst 1942 bricht Diktator Vargas mit Nazideutschland, um nicht auf der Verliererseite zu stehen “ auch unter dem Druck der USA. Brasilien schickt noch ein Expeditionskorps auf den Kriegsschauplatz nach Italien. 1945 wird Vargas durch einen seiner wichtigsten Köpfe, den germanophilen Marschall Eurico Dutra ersetzt – Kriegsverbrecher, hohe Funktionäre Hitlers finden nun auch in Brasilien geradezu massenhaft Unterschlupf. Historikerin Carneiro stöbert ein Geheimdekret auf, durch das Präsident Dutra immerhin noch 1949, vier Jahre nach Kriegsende, ebenfalls Einreisevisa für Juden verbieten läßt. Das offizielle Argument: Es handele sich um Überlebende der KZs, also psychisch gestörte Leute, an denen Brasilien kein Interesse haben könne. In einer offiziellen Zeitschrift „begründen” unter anderem Mediziner, welche Gefahren Brasilien durch solche Einwanderer entstünden. Zum Chef der Einwanderungsbehörde macht die Dutra-Regierung bezeichnenderweise jenen Diplomaten Jorge Latour, der polnische, italienische Juden stets am übelsten verunglimpft hatte. Ein weiteres interessantes Detail: Während des Zweiten Weltkriegs gingen zahlreiche Deutsch-Brasilianer ins Reich zurück, um in der Wehrmacht, SS mitzukämpfen. Ihre brasilianische Staatsbürgerschaft gaben sie auf. Nach dem Krieg wollten sie gerne nach Brasilien zurückkehren, baten die brasilianische Regierung untertänigst wieder um die Staatsbürgerschaft. „Die ließ man bevorzugt rein, erleichterte die Rückkehr “ doch die Juden, Opfer der Nazis, die wollte man nicht!” 1950 kommt

Vargas durch bürgerliche Wahlen erneut an die Macht, regiert mit demokratischer Maske, begeht 1954 Selbstmord. Fünfzig Jahre später wird er immer noch glorifiziert. „Das stellt die demokratischen Prinzipien der brasilianischen Nation in Zweifel. Wir haben heute eine Krise der Werte und politischen Grundsätze in Brasilien, eine Stärkung autoritärer Prinzipien “ was sich an diesen Vargas-Feiern deutlich zeigt.” Nach Filinto Müller, dem berüchtigten Chef und Oberfolterer der politischen Polizei von Vargas, sind in Brasilien Schulen, Plätze, Straßen und sogar ein Plenarsaal im Nationalkongreß benannt.

Schwäche der Demokratie als Vargas-Erbe”

Mit Hilfe des Propagandaministeriums und seines brasilianischen Goebbels hatte man seinerzeit, wie im Falle Hitlers, ein offizielles, manipuliertes Vargas “ Image konstruiert. „Daß man heute neue Denkmäler, ein Memorial in Rio einweiht, zeigt, wie lebendig die offizielle Geschichtsschreibung, das manipulierte Vargas-Bild noch ist. Als Vargas-Erbe haben wir bis heute eine Schwäche der Demokratie, eine verzögerte Demokratisierung. Konservatives Denken in den politischen Eliten. Ich sehe heute noch Reste dieses Autoritarismus in der brasilianischen Politik. Wenn beispielsweise die Lula-Regierung einen Rat zur Medienregulierung schaffen will.”

Autoritarismus nur in der Politik? Joao Ricardo Dornelles, Soziologe an der Katholischen Universität Rio de Janeiro, bezeichnet den in den menschlichen Beziehungen der brasilianischen Gesellschaft tiefverwurzelten Autoritarismus als wichtige Ursache, gar den Hauptgrund für die hohe Gewaltrate in dem Macholand. Autoritär-rücksichtsloses Alltagsverhalten ist Regel, nicht Ausnahme. Aber Getulio Vargas wird doch immer wieder wegen des von ihm eingeführten Arbeitsrechts, wegen sozialer Verbesserungen gerühmt? Historikerin Carneiro widerspricht. „Die Arbeitsgesetzgebung war weitgehend wirkungslos, wir haben keine bessere Einkommensverteilung, die sozialen Kontraste blieben scharf.”

1979, während der Militärdiktatur, sagte ein großer Gewerkschaftsführer Brasiliens:”Hitler irrte zwar, hatte aber etwas, das ich an einem Manne bewundere “ dieses Feuer, sich einzubringen, um etwas zu erreichen…Was ich bewundere, ist die Veranlagung, Bereitschaft, die Kraft, die Hingabe.” Historikern Carneiro nennt diese Äußerung schockierend. Der Gewerkschaftsführer war Luis Inacio Lula da Silva “ heute ist er Staatschef.

„Linke” Vargas-Glorifizierer

Und noch heute bleibt ein Teil der Polizeiarchive über die Vargas-Ära geheim, beispielsweise in Rio de Janeiro „Weil Personen verwickelt sind, die noch leben “ also Folterer, Amtsträger des Vargas-Regimes. Man will die historische Verantwortung dieser Leute gering halten. Auch das erklärt die derzeitige Vargas-Glorifizierung.”

Leonel Brizola, populistischer Führer der Demokratischen Arbeitspartei (PDT), war einer dieser Vargas-Glorifizierer, nannte den Diktator stets seinen politischen Mentor. Bis zu seinem Tode war Brizola Vizepräsident der Sozialistischen Internationale, bezeichnete Willy Brandt stets als seinen persönlichen Freund. Die PDT beruft sich weiter auf Vargas. Zu allem paßt der neue Streifen über Olga Benario, der sicherlich auch in die deutschen Kinos kommt. ”Ein entpolitisierter Film, der Erinnerung, Geschichte auslöschen soll. Der autoritäre Kontext, die engen Beziehungen von Vargas zu Nazideutschland werden nicht gezeigt. Man lenkt den Blick der Brasilianer ab auf die Liebesbeziehung zwischen Olga Benario und Luis Carlos Prestes. Der Film unterwirft sich der offiziellen Geschichtsschreibung, stärkt just in diesem Moment das gängige Vargas-Bild, das durch den Film nicht angekratzt wird.”

Aber hätte man deshalb nicht eine Reaktion der Lula-Regierung, ihr nahestehender Intellektueller erwarten können? „Es gibt kein politisches Interesse, diese Seite der Geschichte aufzuarbeiten, der Vergessenheit zu entreißen, man sieht dafür keine Notwendigkeit. Politische Schritte zugunsten von Bewußtseinsbildung bleiben aus. Doch ein Land ohne historisches Erinnerungsvermögen hat keine Identität! Da Geschichtsbewußtsein fehlt, haben die Historiker jetzt eine noch größere Verantwortung, über die Vargas-Diktatur aufzuklären.”

Historikerin Carneiro tut an der Bundesuniversität von Sao Paulo, was sie kann, forscht teils auf eigene Kosten, gründete mit Gleichgesinnten ein Studienzentrum über Intoleranz. „Wir wollen die jungen Studenten über den Holocaust informieren, der Bevölkerung mit Ausstellungen, Büchern zeigen, wie es unter Vargas wirklich war. In ganz Brasilien müssen endlich die Archive der Diktatur, der Repression geöffnet werden. Nur in Sao Paulo besteht freier Zugang.”

Manipulierender Spielfilm über Olga Benario

Da Brasiliens führender Medienkonzern Globo an Produktion und Vertrieb des Olga-Benario-Films beteiligt ist, läuft die Werbung auf Hochtouren, die Kinos sind voll. Nur hier und da in wenig gelesenen Qualitätszeitungen ein paar Kritiken gegen den Trend: Globo-Regisseur Jaime Monjardim wird vorgeworfen, lediglich eine Seifenoper, nach Art seiner TV-Serien, verbrochen zu haben, die erzählerische Armseligkeit sei direkt skandalös, der Stoff, selbst die erbitterte Vargas-Gegnerin Olga Benario, entpolitisiert. Eine brutale Simplifizierung der Personen, der Geschichte. Der Streifen könne als Musterbeispiel für manipulierendes Kino dienen, das dem Zuschauer weder die Freiheit des Sehens noch des Denkens lasse.

Olga Benarios Tochter Anita Prestes, in einem Berliner Gefängnis geboren, ist Geschichtsprofessorin an der Bundesuniversität von Rio de Janeiro, lehnt derzeit jede Meinungsäußerung, jedes Interview zu dem Film ab. Er machte sie sprachlos, ließ sie entsetzt, wird von ihr abgelehnt, wie aus ihrem Freundeskreis verlautete. Für Anita Prestes ist bitter, was mit dem Andenken ihrer Mutter nach dem Machtwechsel in Ostdeutschland am Ort der Ermordung geschah. Der im Osten nach dem Anschluß geförderte Neonazismus ist ihr ebenfalls nicht entgangen. „Sogar in Bernburg haben sie den Namen Olgas von einer Schule entfernt, ein Mahnmal ebenfalls.”

Wer sich unter geschichtsbewußten, progressiv eingestellten Brasilianern umhört, bekommt zum Film stets sehr ähnliche Antworten: Eine Seifenoper, die suggeriere, daß Olga Benario besser die Finger von der Politik hätte lassen sollen, denn die typische Frauenrolle, als Liebhaberin, Weibchen, Mutter stehe ihr doch viel besser zu Gesicht. Olga Benarios politisches Engagement als Antifaschistin erscheine sinnlos, dilletantisch wie das von Prestes – eine Spinnerei, der völlig falsche Weg, zum Scheitern verurteilt. „Lider” Vargas dagegen ein großer, vernünftiger Präsident, der dem Land den inneren Frieden erhalten wollte.

„Nur zu oft in der Geschichte feiert man die falschen Helden “ nicht nur in Brasilien”, kommentiert Maria Luiza Tucci Carneiro.

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Maria Luiza Tucci Carneiro in Sao Paulo beim Website-Interview.

http://www.freitag.de/2001/28/01281001.php

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Jüdische Prostituierte in Brasilien

Die große jüdische Gemeinde des Tropenlandes brach ein heikles Tabu ihrer Geschichte
Jahrzehntelang hüteten die “Judeus” Brasiliens einen dunklen, wunden Punkt ihrer Vergangenheit wie ein Geheimnis, die junge Generation der Gemeinden erfuhr in den Kursen über die Geschichte des Judentums nicht ein einziges Wort darüber. Sao Paulos Rabbiner Henry Sobel machte damit Schluß, berichtete auch den Jugendlichen beschämende Wahrheiten, räumte auf mit den letzten Tabus: Sogar in den Edelbordellen der lateinamerikanischen Wirtschaftsmetropole, wo heute weit über einhunderttausend Juden leben, dominierten einst jüdische Prostituierte aus Europa, viele davon tiefreligiös. Den Freiern gaben sie sich wider Willen hin – gewzungen von jüdischen Zuhältern.

Für den Rabbiner Sobel gehört das Drama dieser Frauen zur Chronik der Judenunterdrückung –  zu der in diesem Falle Juden selber beigetragen hätten. „Das müssen wir jetzt offenlegen, wenngleich wir die Prostitution nicht billigen.”
Auf einem jüdischen Friedhof der drittgrößten Stadt des Erdballs gab es viele Gräber ohne Namen, nur mit Nummern. Denn dort lagen die „Putas”, andere auf Extra-Friedhöfen nur für jene „zweite” jüdische Gemeinde. Rabbiner Sobel half mit, sie zu identifizieren, ihre Namen auf den Grabsteinen anzubringen, betete in einer speziellen Zeremonie für sie.
Brasiliens jüdischer Regisseur Iacov Hillel bringt die „Prostitutas judias” mit großem Erfolg sogar auf die Bühne, erzählt das Leben von Sarah aus Polen: Eines Tages kommt ein Fremder ins Dorf, bittet um ihre Hand, heiratet sie nach jüdischem Brauch, macht große Versprechungen, reist mit ihr nach Brasilien. Entpuppt sich dort als mieser Zuhälter mehrerer Frauen, zwingt Sarah ebenfalls zur Prostitution. Für Hillel alles bislang tabuisiert aus mehreren Gründen: „Jüdische Frauen wurden getäuscht und ausgebeutet von den eigenen Juden. Und außerdem “ der Jude, immer so verfolgt, sucht das Image des perfekten, vollkommenen Volkes zu wahren. Wir sind nicht perfekt “ und können diese Geschichte nicht unter den Teppich kehren.” Jüdische Brasilianerinnen hatten sich indessen als erste an das Thema herangewagt, Romane, Doktorarbeiten veröffentlicht, sogar an der Hebräischen Universität von Jerusalem drüber referiert.
–Die „Polacas” von Rio”
Alles beginnt im Jahre 1867, als in Rio de Janeiro siebzig Frauen an Land gehen. Sie stammen aus Polen und werden deshalb im Volksmund ebenso wie ihre Nachfolgerinnen aus Rußland, Litauen, Rumänien und auch Österreich, Deutschland und Frankreich bald nur noch pejorativ „Polacas” genannt. Die wenigsten hatten zuvor bereits in den Bordellen der osteuropäischen Ghettos gearbeitet, wollen Misere und Pogromen entfliehen, die Mehrzahl wird, wie Hillels Sarah, Opfer der jüdischen Zuhältermafia Zwi Migdal, die bis in die dreißiger Jahre hinein ihren Sitz in Warschau hatte. Deren Mitglieder reisen in verarmte jüdische Dörfer Osteuropas und geben sich als in Lateinamerika wohletablierte Geschäftsleute auf Brautschau aus. Ohne Kenntnis der Landessprache und ohne Beruf, dazu finanziell völlig abhängig, war das Schicksal der getäuschten Jüdinnen besiegelt, zumal die örtlichen brasilianischen Behörden von Zwi Migdal bestochen werden und deshalb mitspielen. 1888 wird in Brasilien die Sklaverei offiziell abgeschafft, doch auch in den Jahrzehnten danach nennt man die ins Land gelockten Jüdinnen „Escravas brancas”, weiße Sklavinnen. Der Schriftsteller Stefan Zweig besucht 1936 Rios berüchtigtes Bordellviertel Mangue und schreibt in sein Tagebuch:”Jüdinnen aus Osteuropa versprechen die aufregendsten Perversionen “ was führte sie dazu, so zu enden, sich für den Gegenwert von drei Francs zu verkaufen? Einige Frauen sind wirklich schön “ über allen liegt eine diskrete Melancholie “ und deshalb erscheint ihre Erniedrigung, das Ausstellen in einem Schaufenster, nicht einmal vulgär, berührt mehr, als daß es erregt. Ein unvergeßlicher Anblick.”
–„Sie beschmutzen das ganze jüdische Volk””
Von Anfang an wollten sich jüdische Zuhälter, Prostituierte und deren Angehörige in die lokalen jüdischen Gemeinden eingliedern. Sie werden indessen gemieden, ausgeschlossen und sogar hart bekämpft. 1924 schreibt das „Iidiche Vochenblat” von Rio:”Sie bedecken uns hier in Brasilien mit Schande, beschmutzen das ganze jüdische Volk!” Denn nach jüdischem Recht ist Prostitution strengstens verboten. In-und ausländische Organisationen, darunter die „Jüdische Vereinigung zum Schutz von Mädchen und Frauen” mit Sitz in London, attackieren die Zwi-Migdal-Zuhälter auch in Argentinien und Uruguay, wollen die Frauen aus deren Fängen befreien, doch ohne größeren Erfolg. Ein Rabbiner telegraphiert Jüdinnen in Rio de Janeiro stehts die Ankunftsdaten von Schiffen mit „Polaca”-Nachschub. „Meine Mutter ging dann immer zum Hafen, um die Bräute aufzuklären”, so Berta Sapolnik, „aber die meisten glaubten ihr nicht.”
Den „Unreinen” gelingt es vielmehr, parallele jüdische Gemeinden mit eigenen Synagogen, Wohlfahrtsverbänden, Friedhöfen und sogar Schauspielhäusern zu gründen. Zuhälter sind wichtige Sponsoren des jüdischen Theaters, bei den Premieren sitzen luxuriös zurechtgemachte Polacas in den ersten Reihen und werden so der potentiellen Kundschaft präsentiert. 1931 zählt Brasilien 431 jüdische Bordelle. In Rio und Sao Paulo werden sogar regelrechte Hurenschulen eingerichtet, in denen die noch ungeübten Jüdinnen trainiert werden. Ihr Prostituiertenslang ging vielfach ins brasilianische Portugiesisch über. Wenn ein Freier vermutlich geschlechtskrank war, sie anstecken könnte, raunten sich die Huren „ en Krenke” zu. Heute sagt in Brasilien jedermann „encrenca”, meint damit Probleme, Unannehmlichkeiten, oder eine Person, von der sie ausgehen.
Erst 1970 endet das triste Kapitel der jüdischen Prostitution mangels Nachschub definitiv, die letzte Wohlfahrtsorganisation der Polacas löst sich auf. Deren Präsidentin, Rebecca Friedman, stirbt 1984 mit 103 Jahren. Die jüdische Historikerin Kushnir beschreibt sie als tiefreligiös und zitiert auch ihre Haltung zum Geschäft:”Der Kunde konnte treife “ schmutzig “ sein, aber das Geld war koscher.” Diktator Getulio Vargas läßt bis 1945 viele ausweisen “ ein Teil klinkt sich in die Gangsterszene der USA ein “ niemand beschrieb das besser als der Publizist Rich Cohen und der Historiker Robert Rockaway, beide angesehene Juden von heute.
–nur noch drei Prostituiertenfriedhöfe–
In der heruntergekommenen Hafenregion Rio de Janeiros liegt der Friedhof – rivalisierende Banditenmilizen angrenzender Slums liefern sich dort regelmäßig Schießereien auch mit deutschen, schweizerischen Waffen. Will die Polizei eingreifen, rückt sie ebenfalls an jenem Tor mit dem Davidstern vor. Die Schüsse stören die Ruhe von 797 jüdischen Prostituierten, ihren Kindern und einigen Zuhältern. Andere liegen in Sao Paulo begraben, der Rest im nahen Cubatao, neben Chemiefabriken. Derzeit stoßen die drei letzten noch existierenden Prostituiertenfriedhöfe auf großes Interesse “ Versuche der jüdischen Gemeinde, den „Schandfleck” auszutilgen, wegzuplanieren, waren in den letzten Jahrzehnten stets fehlgeschlagen.

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Brasilien: Kleiderständer selbst
bei C & A in Hakenkreuzform
Hakenkreuzornamente aus der Nazizeit in Wohngebäuden, einem Theater, amtliche Vornamen wie Hitler und Himmler  –  auch für die Lula-Regierung kein Grund zum Eingreifen

In Deutschland machen Hakenkreuzschmierereien von Neonazis immer wieder Schlagzeilen, erregen die Öffentlichkeit “ auch die brasilianischen Medien kommentieren ausführlich. Doch in dem sehr konservativ geprägten Tropenland, das im zweiten Weltkrieg die letzten beiden Jahreauf der Seite der Alliierten gegen die Wehrmacht kämpfte, dominiert dagegen erstaunliche, schockierende Indifferenz, Toleranz gegenüber Nazisymbolen, die man im Alltag geradezu häufig antrifft. Für Juden, die Auschwitz überlebten, ist eine ungeheure Provokation, daß überall in den Modegeschäften, selbst bei C & A, schwarze Kleiderständer im Hakenkreuz-Design stehen. Praktischerweise nennt man diese auch gleich Suastica, Hakenkreuz – so werden sie in den Katalogen der entsprechenden Fabriken, Vertriebsgesellschaften angeboten, kosten umgerechnet pro Stück etwa 28 Euro. Befragte Durchschnittsbrasilianer wissen durchaus um die symbolische, historische Bedeutung des Hakenkreuzes, wissen von Hitler, der Judenvernichtung “ aber Hakenkreuz-Kleiderständer “ warum denn nicht, was soll denn da schon dabei sein? In deutschen Geschäften wären diese „Suasticas” natürlich ein Skandal, ein Medienthema, in Brasilien überhaupt nicht.

Der polnische Jude Aleksander Laks war in Auschwitz, seine Mutter wurde dort vergast, sein Vater erschlagen “ er selbst wurde von KZ-Arzt Josef Mengele selektiert, der seinen Lebensabend geruhsam und ungestört wie viele andere Kriegsverbrecher in Brasilien verbrachte. Laks wanderte nach Brasilien aus, leitet in Rio de Janeiro eine Assoziation der Holocaust-Überlebenden. Wenn er unweit seiner Wohnung bei C & A vorbeikommt, die Hakenkreuze sieht, sind die Erinnerungen an das Grauen sofort wieder da. „Es es nicht zu fassen “ solche Kleiderständer selbst bei einer so großen Kette wie C & A, ebenso in den anderen Modegeschäften!” Produziert und vertrieben werden die „Suasticas” landauf, landab, ob in Pernambuco oder in Sao Paulo. Laut Gesetz, Verfassung sind solche Nazisymbole verboten “ das Justizministerium in Brasilien sieht auf Anfrage keinen Grund, von sich aus etwas zu unternehmen. An den vielen Hakenkreuzfliesen aus der Nazizeit, damals aus Sympathie für Hitler millionenfach in Gebäuden und sogar amZiembinski-Theater Rios verlegt, stößt sich der Staat, die Regierung ebensowenig wie an den amtlichen Vornamen Hitler, Himmler, Göring, Eichmann. Ziembinski war ein polnischer jüdischer Regisseur, der vor den Nazis nach Brasilien geflüchtet war, dort die Theaterszene von Grund auf modernisierte. Hakenkreuzornamente an dem nach ihm benannten Theater “ seit der Einweihung des Hauses 1988 sah man darin kein Problem, trotz Kritik von Stückeschreibern.

Der Auschwitz-Überlebende Laks ist enttäuscht, daß auch die jetzige Regierung weder die Nazi-Vornamen verbietet noch die Hakenkreuzornamente, Hakenkreuzfliesen entfernen läßt.„Daß so etwas existiert, ist gefährlich, ohne Zweifel, besorgniserregend. Es gibt hier Nazis, nazistische Websites, Antisemiten, die den Holocaust leugnen. Aber organisierten Neonazismus, Skinheads wie in Europa und den USA sehe ich hier nicht.” Auch Dora Finkielsztajn in Rio, als Folge der Lagerhaft von schweren Krankheiten gezeichnet und fast blind, traf in Auschwitz auf Dr. Mengele, verlor dort fast alle Angehörigen. Der heutige Antisemitismus in Brasilien, die Hakenkreuzornamente, die nazistischen Vornamenerschrecken die 78-jährige “ Neonazismus müßte hier, aber auch in Deutschland ganz radikal bekämpft werden. Selbst in ihrem Wohnblock werde sie, ihre Tochter Ana grob antisemitisch beschimpft.

„Eine sehr häßliche Sache  –  als sie an eine Schulmauer in Rio große Hakenkreuze malten, haben wir die Polizei gerufen. Die Ornamente aus dem Ziembinski-Theater müssen weg  –  obwohl man diese dann sicher woanders anbringen wird. Viele Leute in Brasilien mögen keine Juden  –  undbetonen dies ganz offen.” Tochter Ana reagiert wegen der täglichen Erfahrungen sehr erregt, Sympathien für Hitler sind schließlich bei vielen Brasilianern nicht zu übersehen. ”Die Regierung, die Politiker wissen von den nazistischen Vornamen, den Hakenkreuzornamenten  –  doch niemand tut etwas dagegen. Hier gibt es alle Formen von Antisemitismus und Rassismus  –  man mag weder Schwarze noch Juden. Der Deutsche hier im Haus sagte zu mir: Juden dürften hier nicht leben, die müssen sterben, die müssen ins Massengrab!”

Die Auschwitz-Überlebenden Dora Finkielsztajn und Aleksander Laks wohnen nur wenige Schritte von der „Praca Filinto Müller” entfernt. Filinto Müller war unter Diktator Getulio Vargas Chef der Geheimpolizei, gelehriger Schüler der Gestapo. Er sorgte für die Auslieferung der Jüdin Olga Benario an Hitlerdeutschland  –  in Bernburg wurde sie vergast. Nach Filinto Müller sind in Brasilien viele Schulen und Plätze, sogar ein Parlamentssaal benannt.

John Neschlings lateinamerikanische Klassik-Kulturrevolution

Mancher mag vorschnell denken, Brasilien ist das Land des Samba, aber doch nicht der klassischen Musik! Und dürfte, etwa als Kulturtourist vor Ort, erstaunt sein. 137 Sinfonieorchester , in einer 17-Millionen-Stadt wie Sao Paulo an die zwanzig Klassikkonzerte pro Woche, ein jährliches Opernfestival gar in der Urwaldmetropole Manaus, in Amazonien. Die Verbindungen brasilianischer Dirigenten, Solisten, Konzertmusiker zu Deutschland sind eng, aus keinem anderen Land gastieren so viele Orchester und Solisten in Brasilien. Und John Neschling, 55, Neffe Arnold Schönbergs, seit 1997 Dirigent des Sinfonieorchesters von Sao Paulo, hat eine regelrechte Klassik-Kulturrevolution ausgelöst “ durch ihn besitzt Lateinamerika erstmals ein Orchester von Weltgeltung, internationalem Niveau, das dieses Jahr erstmals in den zwanzig besten Konzertsälen der USA auftritt, nächstes Jahr in Deutschland. Kurt Masur ist alle zwei Jahre Gastdirigent. Alle anderen Klangkörper Brasiliens, Lateinamerikas müssen sich jetzt an Neschlings Orchester messen lassen  –  das gab einen enormen Qualitätsschub. Die mit Abstand meistgespielte Musik in der drittgrößten Stadt der Welt, Sao Paulo, ist nicht von irgendeinem Sambakomponisten, sondern von Beethoven. Man entgeht ihr nicht “ auch nicht bei Temperaturen von über vierzig Grad im Schatten. Sitzt Klassik-Experte Irineu Franco Perpetuo am Computer, um Konzertkritiken oder ein neues Buch zu schreiben, kann er sie ebenfalls nicht überhören. „Für Elise, von Beethoven, ist die Erkennungsmelodie dieser vielen Lastwagen, die Gasflaschen verkaufen, zu den Leuten bringen, ständig durch Sao Paulo fahren. Für Elise hört man wirklich die ganze Zeit. Das Stück wurde nicht zufällig ausgewählt, es ist hier einfach sehr bekannt, leicht zu identifizieren.

Mozarts, Beethovens, Schuberts, Wagners

Nicht das einzige Kuriosum. „Der Brasilianer ist bei der Namensgebung sehr kreativ, würdigt gerne Persönlichkeiten. Deshalb trifft man hier viele Mozarts, Rossinis, viele Beethovens, Schuberts  –  und das zeigt, daß diese Komponisten eben auch in der brasilianischen Kultur verankert sind, wichtiggenommen werden. Wer seinen Sohn Mozart nennt, kennt vielleicht nicht das ganze Werk Mozarts, aber weiß eben, daß der ein genialer Musiker war.” Schon vor der Wiedervereinigung waren die beiden Deutschländer in der brasilianischen Musikszene Synonym für Qualität  –  viele Brasilianer studierten auch an der Hochschule für Musik „Hans Eisler” in Ostberlin.

Neschlings Konzertbahnhof

Im alten riesigen, palastartigen Bahnhof von Sao Paulo spielt sich 2002 unverkennbar ein Sinfonieorchester ein. Hinten fahren Züge ab, vorne in der Bahnhofshalle tritt John Neschling ans Pult. Die Halle, man muß es sehen und vor allem hören  –  wurde aufwendig umgebaut, zählt heute zu den besten Konzertsälen der Welt, mit hervorragender Akustik. Neschling hebt den Taktstock “ für ihn und das Orchestra Sinfonica do Estado de Sao Paulo/OSESP sozusagen ein historischer Moment. Erstmals nimmt ein lateinamerikanisches Orchester für eine große europäische Plattenfirma Sinfonien brasilianischer Komponisten auf “ inzwischen ist die erste von insgesamt zwölf CDs auch in den deutschen Läden. Noch 1997, als Neschling nach Sao Paulo kam, völlig undenkbar. ”Als ich berufen wurde, stellte ich eine ganze Serie von Forderungen, war überzeugt, die werden nie akzeptiert. Schließlich verlangte ich einen Konzertsaal nur für das Orchester. Denn den gab es bisher nicht, die Musiker verdienten schlecht, die Arbeitsbedingungen unter jeder Kritik. Das in Sao Paulo, Lateinamerikas wichtigster Stadt. Und außerdem – es gab überhaupt keine Nachfrage nach einem lateinamerikanischen Orchester in Europa oder Amerika, man hielt die hiesigen für absolut zweitrangig.” Doch Neschling, Sohn österreichischer Juden, die 1938 vor den Nazis nach Rio flüchteten, hatte Glück “ einflußreiche Leute der Teilstaatsregierung wollten ein ordentliches Sinfonieorchester, und sei es aus Gründen des Imagegewinns. „Ich bin überzeugt, diese Politiker hatten keine Ahnung, wie weit das führen kann “ wenn man so einen Elefanten erst einmal zum Traben bringt.” An die achtzig Leute saßen zuvor nur im Konzert  –  weniger als oben im Orchester. Längst vorbei. Heute ist Neschlings OSESP ein Hit, hat über 5000 Abonnenten, man muß sich sehr rechtzeitig um Karten kümmern, wie bei Popstars. „Wir sind jetzt über dreihundert Leute, die in diesem Projekt, dieser `Fabrik` arbeiten, die voriges Jahr für 180000 Leute gespielt hat. Die internationalen Plattenfirmen laufen uns nach.” 2002 Jahr holte Neschling zudem an die 18000 Kinder in den Bahnhof “ ebenfalls bisher einmalig. Das Orchester “ auch darauf ist Neschling stolz – zudem eine Augenweide. „Maestro mit der eisernen Hand”” Feinde, NeiderJedes Konzert muß mindestens dreimal wiederholt werden, der Saal stets ausverkauft. Neschling sprudelt vor Energie, Temperament, Willen, Ehrgeiz “ stellt an sich, aber auch die Musiker höchste Ansprüche. In einem Land des Laissez-faire nennt ihn deshalb die Presse den „Maestro mit der eisernen Hand”, autoritär, gefürchtet.„Die Musiker mußten sich auf meine Arbeitsweise einstellen – deswegen kam es zu Konflikten. Denn ich habe das Orchester wirklich umgekrempelt habe, über die Hälfte entlassen, die Hälfte neu berufen. Denn es wird einfach mittelmäßig, wenn einer weiß, die nächsten vierzig Jahre garantiert am vierten Pult der Violinen zu sitzen. Künstler müssen jedes Jahr beweisen, daß sie wirklich gut sind, bei jedem Konzert. Man sagt ja auch im Theater, in der Oper, das Stück sei so gut wie der schlechteste Schauspieler. Aber soziale Sicherheit muß da sein “ jemanden von einem Tag auf den anderen auf die Straße setzen, das geht nicht”, betont er im Interview. Neschling, in Rio, Wien, den USA aufgewachsen, mußte einen Teufelskreis durchbrechen  –  sozusagen erst einmal das Ausland von der OSESP-Qualität überzeugen, um dann auch von den Brasilianern akzeptiert zu werden.Durch ihn verdienen die Musiker heute das dreifache “ umgerechnet über 2500 Euro “ im Billigstlohnland Brasilien ein hervorragendes Gehalt. Auch Neschling verdient nicht schlecht, ähnlich wie Dirigenten in Europa. Der Erfolg schuf ihm Feinde und Neider, die keinen Pelè oder Ronaldo, keine Popstars oder Banker wegen ihrer Jahres-Millionen attackieren würden “ aber gegen Neschling wegen dessen vergleichsweise harmlosen Salärs eine üble Medienkampagne starteten. Ohne Erfolg. Nur ein Orchester leiten? Das ist jemandem wie Neschling zu wenig: Er gründete eine Musikakademie für den Nachwuchs, einen sinfonischen und einen Kinderchor, einen Verlag, ein Dokumentationszentrum “ alles lebte auf in einem völlig heruntergekommenen alten Stadtteil, macht ihn wieder attraktiv. „Die meisten Top-Musiker Brasiliens sind schon bei uns “ viele, die in erstklassigen Orchestern Nordamerikas und Europas spielten, weil in Brasilien für sie kein Platz war, kamen zurück, spielen jetzt im OSESP.Hat sein Orchester eine typisch brasilianische Klangfarbe?” Nur wenn wir brasilianische Musik spielen “ denn gäbs die bei Brahms, wärs schlecht. Andererseits muß ein gutes Orchester eine eigene Klangfarbe haben “ und entwickeln: Die Streicher sind manchmal dunkler, manchmal heller, oder virtuoser, wärmer oder unterkühlt. Die Bläser eher amerikanisch, europäisch, mit präziserem Einsatz, oder eher französisch oder deutsch “ das gibts alles. Ich möchte ein Orchester aufbauen, das sozusagen die besten Qualitäten aller Länder hat: Den warmen Klang der Wiener oder Leipziger Streicher, aber mit der Virtuosität der Chicagoer – dazu eher amerikanisches Blech, aber mit der Weichheit des deutschen. Doch das Schlagzeug muß brasilianisch sein, sehr brasilianisch.”

Wer kennt Santoro, Mignone, Guarnieri, Villa-Lobos, Krieg?

Kurios, er, der Weltbürger, legt sich für die selbst im eigenen Land verkannten, mißachteten brasilianischen Komponisten “ wie Claudio Santoro oder Francisco Mignone, ins Zeug. Ein Camargo Guarnieri habe dieselbe Qualität wie Prokoffjew oder Hindemith oder Schostakowitsch. „Nur kennt kein Mensch Camargo Guarnieri!”, ärgert er sich heftig.

Kritik an der Mitte-Rechts-Regierung des Staatschefs und FU-Berlin-Ehrendoktors Fernando Henrique Carcoso? „Absolut! Brasiliens Kulturministerium ist eigentlich inexistent “ ohne Idee, Ideologie, Geld wird aus dem Fenster geworfen. Neschling erleidet dasselbe Drama wie Musiker, Komponisten, Bands der Musica Popular Brasileira, die von den eigenen Leuten zuhause, Betonköpfen, engstirnigen Managern, der laut Chico Buarque „kulturlosen Elite” blockiert werden, keinen Rückenwind, keine Unterstützung bekommen “ etwa für Auslandsauftritte, die Brasiliens Ansehen als Musiksupermacht nützen würden. So viele Musiker und Komponisten, die keine Lobby haben. „Meine Idee, Absicht ist, diese Lobby jetzt zu schaffen “ Platten brasilianischer Komponisten aufzunehmen, brasilianische Orchester in die ganze Welt zu schicken.”

An Auslandserfahrung mangelt es Neschling wahrlich nicht, er dirigierte “ und dirigiert “ in Berlin, Hamburg, Lübeck, Stuttgart, Bonn, Rom, Neapel, Palermo, Wien, Genf, Bordeaux, Washington, ob als Gast oder fest engagiert.

Brasilien, annähernd so groß wie Europa, sehr widersprüchlich. Elftgrößte Wirtschaftsnation, aber noch Teil der Dritten Welt, enorme regionale Unterschiede. Misere wie in Afrika und sogar noch Sklaverei. Doppelt so viele Einwohner wie Deutschland, immerhin jene 137 Sinfonieorchester “ doch 95 davon und fast alle nennenswerten Konzerte im Südosten, in den Teilstaaten Sao Paulo, Minas Gerais und Rio de Janeiro. Dort stehen die meisten Fabriken, Banken, Hospitäler, dort wohnt die zahlungskräftige Mittel-und Oberschicht, die Klassik-CDs kauft, sich die besten Orchester des Auslands holt. Da kostet die billigste Karte umgerechnet vierzig Euro “ mehr, als fünfzig Millionen Brasilianer im Monat verdienen. Anders bei John Neschling. Er setzte bei der Staatsregierung durch, daß die meisten OSESP-Karten höchstens umgerechnet fünf Euro kosten, die teuersten fünfzehn. Ähnlich wie vor der „Wende” in Osteuropa. Neschlings Publikum ist absolut nicht elitär, sogar Leute aus den Slums sind darunter. „Ich meine, in Brasilien ist es heute politisch wichtig, daß ein Großteil der Bevölkerung diese Musik hören kann, die er nie hörte. Mein Saal ist heute der demokratischste in Südamerika. Es kommen alle, wirklich alle Klassen, und hören alle den Kurt Masur hier für ein Zehntel des Preises von New York. Das ist mir wichtig, das habe ich als Bedingung gestellt.”

Authentisches Publikum

Wie reagiert das Publikum, anders als in Europa, in Deutschland?

”Ich spüre, daß es hier vielleicht aufrichtiger reagiert als woanders – manchmal überreagiert, manchmal zu enthusiastisch, auch wenn die Qualität nicht so gut ist. Man weiß noch nicht ganz genau, was phantastisch ist und was nicht.Vor jedem Konzert spreche ich ja zum Publikum, erzähle n`bißchen die Geschichte der Musik, die wir spielen, und auch die des Orchesters. Das hat ein Riesenerfolg hier, die Leute fühlen sich als Teil der Orchester-Familie. sagen, `unsere` Musiker”. Seit Neschling, man siehts auch in den Medien, ist klassische Musik auf einmal ein Thema in Brasilien, wird zunehmend höher bewertet.

Filmmusik, Sambas für großes Orchester

Deutsche Komponisten von heute, zu Gast in Brasilien, waren geschockt über den unglaublichen Krach in Brasiliens Städten “ dazu die Billigstpopmusik in Supermärkten, Aufzügen. Das nervt auch Neschling:”Fünfundneunzig Prozent von dem, was wir täglich hören müssen, ist Scheiße. Sogar in Neapel, ich habs grade erlebt, hat die Präfektur überall Lautsprecher angebracht, spielt nur Schweinemusik, einfach furchtbar.” Das heißt keinesfalls, daß Neschling, wie im Elfenbeiturm, nur Klassisches erträgt und akzeptiert. Immerhin komponiert er seit Jahrzehnten Filmmusik, sogar für Brasiliens hochpopuläre allabendliche Telenovelas, mag Jazz und natürlich besten Samba, von Chico Buarque, Edu Lobo, Ivan Lins, Guinga. Und bringt es fertig, seine Musiker einen ganzen Abend lang nur Samba, Bossa Nova und Karnevalsmusik, in eigenem, vorzüglichsten Orchesterarrangement spielen zu lassen, daß der Bahnhof in Schwingungen gerät. Natürlich muß Chico Buarques „Würdigung eines Gauners” mit dabeisein “ Anspielung auf die politischen Zustände von heute “ auf tiefkorrupte Kongreßabgeordnete, Regierungspolitiker, Kandidaten, Polizisten, Unternehmer…

Über letztere Klasse hat sich Neschling grade schwarzgeärgert. Zum ersten Mal für Brasilien, wollte er Wagners „Ring” sinfonisch aufführen, fand jedoch nicht einen einzigen Sponsoren:”Eine Schande für das nationale Unternehmertum “ ich mußte das Projekt notgedrungen wieder abblasen. Ich habe auch bei allen großen deutschen Firmen hier angeklopft, die in Brasilien immerhin Vermögen verdienen “ keine hat mir auch nur einen Pfennig gegeben. Das ist die Kultur der Mittelmäßigkeit.”

Neschling weicht offenem Streit nicht aus, legt sich an, sagt ganz erfrischend und notfalls herrlich politisch unkorrekt, was er denkt “ hängt an seiner Idee: „Brasilien ist so ein unglaublich musikalisches, so unglaublich talentiertes Land “ und verdient es einfach, eines der größten Orchester zu haben!”

Späte Ehrung für jüdische
Prostituierte Brasiliens

Rio de Janeiros große jüdische Gemeinde hat jetzt erstmals mit einer nur von Frauen gestalteten Sabbat-Zeremonie der jüdischen Prostituierten gedacht. Die Feier wurde nicht in einer Synagoge, sondern in einem populären Kulturzentrum des Stadtteils Lapa abgehalten. „Das Thema ist unter uns Juden weiterhin sehr heikel, Vorurteile bestehen weiter”, sagte Rios Rabbiner Nilton Bonder, der die Zeremonie organisierte, im Website-Interview „Es geht um ein Kapitel der jüdischen Einwanderung nach Brasilien “ Geschichte darf nicht versteckt werden.” Denn 1867, vor genau 140 Jahren, gehen im Hafen von Rio de Janeiro siebzig Jüdinnen an Land. Sie stammen aus Polen und werden deshalb ebenso wie ihre vielen Nachfolgerinnen aus Rußland, Litauen, Rumänien, Österreich und selbst Frankreich im Volksmund bald nur noch „Polacas” genannt. Etwa 1200 kommen jährlich. Die allermeisten wurden Opfer der jüdischen Zuhältermafia Zwi Migdal. Deren Mitglieder reisen in verarmte jüdische Dörfer Osteuropas, geben sich als in Lateinamerika wohletablierte Geschäftsleute auf Brautschau aus.

„Viele wollten dem Elend entfliehen, kamen aus sehr religiösen Familien, wurden in die Prostitution von Rio gezwungen und ausgebeutet”, so Rabbiner Bonder. Doch die Frauen seien von der jüdischen Gemeinde Rios verachtet, diskriminiert worden. „Die wußte nicht, wie sie mit diesem Phänomen umgehen sollte, das ja antisemitische Gefühle weckte, antijüdische Stereotype verstärkte.” Die Gemeinde habe versucht, das Problem zu verstecken, unter den Teppich zu kehren. Für Bonder, gleichzeitig ein sehr erfolgreicher Theaterregisseur und Schriftsteller, bringen Misere und Entwürdigung überall auf der Welt, unter allen Völkern stets komplexe soziale Phänomene hervor. „Ich erinnere nur an den zweiten Weltkrieg, den Holocaust, als sich Juden in den Konzentrationslagern extrem grausam gegenüber anderen Juden verhielten.”

Um 1870 herrscht im kolonialistischen Brasilien enormer Männerüberschuß. Zeitzeugen berichten erschreckt von langen Schlangen vor den Zimmern der Polacas. Sogar in den Edelbordellen der lateinamerikanischen Wirtschaftsmetropole Sao Paulo, wo heute weit über einhunderttausend Juden leben, dominierten einst Polacas, viele davon tiefreligiös. 1931 zählt Brasilien über vierhundert jüdische Bordelle. 1936 besucht der Schriftsteller Stefan Zweig Rios berüchtigtes Hurenviertel Mangue und schreibt in sein Tagebuch, daß jene Jüdinnen aus Osteuropa die aufregendsten Perversionen versprächen. „Was führte sie dazu, so zu enden, sich für den Gegenwert von drei Francs zu verkaufen?”

Notgedrungen gründen die Prostituierten in Rio eine zweite jüdische Gemeinde, mit eigenem Friedhof, eigener Synagoge. „Die Polacas feierten dort die jüdischen Feste, obwohl es damals noch gar keine Liturgie für Frauen gab”, hebt Rabbiner Bonder hervor. „Die jüdischen Prostituierten waren von beachtlicher Wirkung auf das kulturelle Leben, die Künstlerszene Rio de Janeiros “ sie inspirierten Musiker zu vielen Kompositionen.” Natürlich stelle sich auch die Frage, warum die Polacas dieses Gewerbe, dieses Leben nicht aufgaben. Denn im Durchschnitt wurden sie nur vierzig Jahre alt.
Von ihren Friedhöfen gibt es derzeit in Brasilien nur noch drei – das triste Kapitel der jüdischen Prostitution endete 1970. Die vielen Nachfahren der Polacas wahren Diskretion. Rabbiner Bonder nennt die jüngste Zeremonie von Rio einen Akt der Gerechtigkeit gegenüber diesen Jüdinnen “ jetzt seien sie endlich Teil der Gemeinde.

http://www.hart-brasilientexte.de/2015/10/29/juedische-prostituierte-in-brasilien-der-einzige-denkmalsgeschuetzte-friedhof-juedischer-putaspolacas-der-zuhaelterinnen-und-zuhaelter-in-cubatao-fotoserie/

Er hat die Augen vor vielem verschlossen
Stefan Zweig und Brasiliens Auslandspropaganda

Zu den geschicktesten Schachzügen der antisemitischen Diktatur des Hitlerverehrers Getulio Vargas gehörte, den Schriftsteller Stefan Zweig in die Auslandspropaganda des Regimes einzuspannen und gewünschte Brasilienklischees weltweit zu verbreiten. Die Wirkungen sind bis heute spürbar: Vor 65 Jahren veröffentlichte Stefan Zweig sein Buch “Brasilien – ein Land der Zukunft” – bis heute ist es ein Weltbestseller, ein Klassiker der Brasilienliteratur und weckt auch bei Deutschen aller Generationen nach wie vor Interesse, sogar Begeisterung für das Tropenland.

Wer Brasiliens gravierende Menschenrechtsprobleme, Rassismus und fortexistierende Sklavenhaltermentalität, die keineswegs neuen Sozialkontraste indessen genauer kennt, fragt sich bei der Lektüre des literarischen Meisterwerks, ob Zweig nicht gelegentlich irrte, idealisierte, romantisierte, übertrieb, gar opportunistisch mit historischen Wahrheiten umsprang, sich da realitätsfremd ein Tropenparadies zurechtschrieb. Der brasilianische Zweig-Biograph Alberto Dines aus Sao Paulo spart just aus solchen Gründen nicht mit Kritik. Dines hat bei der edition Büchergilde in Frankfurt am Main seine rund 700 Seiten starke Zweig-Biographie „Tod im Paradies” veröffentlicht. Der Journalist und Autor Alberto Dines zählt zu den bekannten jüdischen Persönlichkeiten Brasiliens und hat als Junge Stefan Zweig in Rio de Janeiro noch persönlich kennengelernt. Wer heute dessen Werk „Brasilien “ ein Land der Zukunft” lesen und verstehen wolle, so Dines, müsse stets die Persönlichkeit, das Charakterprofil des Dichters sowie den damaligen historischen Kontext im Blick haben. Dies betreffe Zweigs Lob für Brasiliens Rassenharmonie ebenso wie seine Beschönigung des Lebens in den Slums.

Neue Studien brasilianischer Wissenschaftler, aber auch der Vereinten Nationen, beschreiben das grauenhafte Ausmaß von Rassismus und Diskriminierung in Brasilien. „Just der brasilianische Staat”, so 2006 Lucia Xavier von der NGO „Criola” in Rio, „welcher den Mythos von der Rassendemokratie konstruierte, pflegt den institutionalisierten Rassismus.” War er während Stefan Zweigs Aufenthalt etwa abgemildert, schwächer als heute? „Damals war all das noch viel grauenhafter”, konstatiert Alberto Dines im Website-Interview. Laut Stefan Zweig löste Brasilien die Rassenfrage geradezu beispielhaft und bewundernswert. Alle Rassen, so der Dichter, lebten in vollster Eintracht miteinander. Dines setzt dagegen, daß von einer Lösung der Rassenfrage weder damals noch heute die Rede sein kann. „Aber es gab damals nicht jenen aggressiven Rassismus, den Zweig aus Europa kannte. Stefan Zweig war kein Sozialwissenschaftler, kein Anthropologe, kein Wirtschaftsexperte “ und sprach auch nicht portugiesisch.” Deshalb kommt er wohl zu der irrigen Annahme, in Brasilien fehlten ein abfälliges, rassistisches Vokabular, herabsetzende Worte über Negros. „Solche Begriffe gibt es durchaus”, meint Dines. „Es ist unbestreitbar, daß man viele Jahre braucht, um in das Leben Brasiliens wirklich einzutauchen “ und Stefan Zweig sagt selbst, er sei nur kurze Zeit hier gewesen, habe nur wenige Orte besucht.

Er war auch kein politisierter Mensch, er täuschte, irrte sich, auch in politischen Fragen Brasiliens. Ich denke, er hat die Augen vor vielem verschlossen, ich bin da sehr kritisch.” So behauptet Zweig realitätswidrig, in Brasilien habe man noch nie von Brutalität gegenüber Tieren, gar von Hahnenkämpfen gehört. Der große Zweig kann für diese Anmerkung nur ungläubiges Kopfschütteln ernten – denn gerade die grausamen Hahnenkämpfe waren damals in Brasilien – und auch in der Region von Rio de Janeiro – außerordentlich beliebt. Schwer vorstellbar, daß Zweig davon nichts mitbekommen hatte. Das entsetzliche Vergnügen hatten die portugiesischen Kolonisatoren mitgebracht, seit 1530 gibt es darüber Berichte. Und selbst Staatschef Lulas PR-Manager Duda Mendonca ist bis heute Fan von Hahnenkämpfen, die ganze Spitze der Arbeiterpartei wußte stets davon. Bei den von Anbeginn der Kolonisierung bis heute üblichen Brandrodungen sterben ungezählte, auch seltenste, vom Aussterben bedrohte Tiere auf grausamste Art, verbrennen lebendig – und jeder Brasilianer weiß das genau.

Angesichts des heute wie damals extrem sozialdarwinistischen Alltags von Brasilien erscheint Zweigs Beschreibung des brasilianischen Nationalcharakters, der Landesmentalität teilweise wie ein schlechter Witz. Hans Stern aus Rio, jüdischer Besitzer eines Juwelierkonzerns, nennt Zweigs Brasilienbuch daher „opportunistisch”:”Da schwärmt er von der Harmonie der Rassen, von der Herzensgüte des Volkes, von den bunten, lebhaften Tropen, in denen alles blüht, auch wenn es mal welkt.” Zu Zweigs Zeiten, in den vierziger Jahren sei Brasilien ein ganz primitiver Staat gewesen.

–Zweigs „Geschäft” mit der Vargas-Diktatur “ Buch im Tausch gegen Dauervisum

Alberto Dines erinnert daran, daß damals, 1941, in Brasilien der Diktator Getulio Vargas an der Macht war, es eine faschistische Partei mit 600000 Mitgliedern gab, die Politik, die öffentliche Meinung von grauenhaftem, aggressivem Antisemitismus geprägt waren. Das Außenministerium “ voller Antisemiten. „1941 schrieben Zeitungen, die Copacabana sei nicht wiederzuerkennen – verpestet von Leuten mit Judennasen!” Regimegegner wurden gefoltert. Ein Vargas-Dekret verbot zur Hitlerzeit, europäischen Juden, die nach Brasilien flüchten wollten, ein Einreisevisum auszustellen “ ungezählte endeten deshalb in den KZs. Für die brasilianische Historikern Maria Tucci Carneiro aus Sao Paulo ist die Vargas-Regierung mitschuldig an nazistischer Ausrottung, was sich jeder Brasilianer endlich einmal bewußt machen sollte.

Schon 1936 hatte der als antisemitisch verschriene Diktator Vargas in Rio taktisch geschickt Stefan Zweig empfangen “ genau zwei Tage später lieferte Vargas die Jüdin Olga Benario an Hitlerdeutschland aus, in Bernburg wurde sie vergast. „Am 27.August 1936 war die Nachricht von der Auslieferung in den brasilianischen Zeitungen.” Damals ist der deutschstämmige Filinto Müller gefürchteter Chef der politischen Polizei, hält mit seinen Leuten enge Kontakte zur GESTAPO, läßt von ihr in Berlin seine Nachwuchskader ausbilden. Alberto Dines konstatiert: ”Dieses Visum war damals eine kostbare Sache für jeden Juden, der aus Europa flüchten wollte. Und Stefan Zweig machte eben ein Negocio, Geschäft mit der Vargas-Regierung “ er schrieb ein Buch zugunsten Brasiliens im Tausch gegen ein Dauervisum, erhielt es mit unglaublicher Leichtigkeit. Und wenn er ein Buch verfaßt, das günstig für das Land ist, wird er eben bestimmte Dinge nicht sagen.” Jorge Amado nennt es ein Auftragswerk. Zweig, so heißt es, habe enge Kontakte zu Diktator Vargas unterhalten. Dieser wird stets positiv erwähnt. Das Vargas-Regime macht vorhersehbar offen Propaganda für „Brasilien “ ein Land der Zukunft”. Lourival Fontes, rechte Hand von Vargas und sein Propagandachef, charakterisiert das Buch als Dienst an der brasilianischen Nation.

Ausgerechnet vom Goebbels dieses Vargas ließ sich Zweig, der sich mit Brasilianern nicht in ihrer Landessprache unterhalten konnte(!), einen Übersetzer stellen sowie eine Reise in den Nordost-Teilstaat Pernambuco finanzieren. Biograph Dines erinnert daran, daß ausgerechnet Mussolini jenen hochintelligenten Propagandachef überschwenglich lobte. In der ganzen Welt verstünden nur drei Personen den Faschismus “ Fontes sei einer davon. „Mit Stefan Zweig und anderen jüdischen Persönlichkeiten ging Fontes sehr freundschaftlich um – dem vor den Nazis geflohenen französischen Juden Max Fischer half er sogar, einen Verlag zu gründen. Das ist wichtig “ man muß die brasilianische Ambiguidade, Zweideutigkeit verstehen, Brasilien ist ein zweideutiges Land.” Hat Zweig dies verstanden? „Ah “ das weiß ich nicht.” Zudem war Stefan Zweig laut Dines eine empfindsame, ängstliche Person, die nicht polemisierte und auch nicht diskutierte. „Ich hätte nicht wie Zweig reagiert “ der damals bereits tief depressiv war. Denn Zweig hatte ja Angst vor dem Krieg, flüchtete deshalb nach Brasilien “ doch der Krieg kam ihm nach. In Rio wurden Zivilschutzübungen abgehalten, wegen der deutschen U-Boote lag nachts die Copacabana im Dunkel.”

Dines zitiert Zweigs Gastgeber in Rio, Abrahao Koogan, der über den Dichter auf einer Konferenz sagte: ”Er war ein feiger Mensch.” Als „Brasilien “ ein Land der Zukunft” herauskam, wurde es von der Presse wegen verschiedenster Ungereimtheiten arg verrissen “ doch jeglicher Hinweis auf politische Aspekte, gar auf die unterlassene Kritik am Antisemitismus, fehlte durchweg. Denn wer dies gewagt hätte, so Alberto Dines, wäre unter der Vargas-Diktatur womöglich verhaftet worden. Zweig antwortet auf die Vorwürfe “ ausgerechnet in einer wenig gelesenen Zeitung der Vargas-Regierung. Manche Buch-Zitate Zweigs wirken wie pure Vargas-PR: “Wer das Brasilien von heute erlebt, hat einen Blick in die Zukunft getan.” Oder: “Wer Brasilien wirklich zu erleben weiß, der hat Schönheit genug für sein halbes Leben gesehen.” Bis heute werden solche Zweig–Sprüche selbst von der Reisebürowerbung gerne übernommen. In dem Brasilienbuch brilliert er mit anschaulichen Beschreibungen der nationalen Industrie, der enormen Bodenschätze, der Landwirtschaft. Nichts davon stammt von ihm, alles hat er von dem Wirtschaftsexperten Roberto Simonsen übernommen, wie Alberto Dines betont. Dann zählt er verschiedene Irrtümer Zweigs auf. In Sao Paulo begeisterte sich dieser an einem Modellgefängnis, das nach den Methoden eines deutschen Pädagogen und Mediziners geführt wurde. ”Stefan Zweig glaubte damals, Brasilien nutze Wissen und Erfahrung anderer Völker landesweit und habe daher alle Möglichkeiten zum Wachsen. Doch just dieses Modellgefängnis von Sao Paulo wurde zu einer entsetzlichen riesigen Anstalt namens Carandirù ausgebaut, zur Hölle für unzählige Häftlinge. Zweig konnte nicht voraussehen, daß Brasilien ins Stocken, ja zum Stillstand kommen würde. Man investierte weder in die Gefängnisse noch in die Schulbildung. Statt echter Entwicklung nur pharaonische Projekte, dazu die Auswirkungen der Bevölkerungsexplosion, der Korruption und vieler anderer negativer Faktoren. Brasilien hat sich brutalisiert.”

Stefan Zweig hätte auch die Folgen der tiefverwurzelten Sklavenhaltermentalität erwähnen, den Horror der brasilianischen Sklaverei schildern müssen. Nichts davon “ stattdessen betont er, in keinem anderen Land seien die Sklaven so relativ humanitär behandelt worden. Er gewinnt dem elenden Leben der schwarzen Sklavennachfahren sogar pittoreske Seiten ab, beschreibt die Schwarzen als fröhlich und glücklich.

–Dichterisch-journalistische Sorgfaltspflicht”„Er erfand das Paradies”–

”Nur ein einziges Mal war er in einem Slum und idealisierte daraufhin das einfache Leben der Leute dort. Andere prominente Zugereiste, darunter Soziologen und selbst Orson Welles, hoben ebenfalls nur die pittoresken Aspekte der Armut hervor. Zweig täuschte sich “ aber das entsprach ja seinem idealisierenden, romantisierenden Naturell. Er erfand das Paradies. Sicherlich hatte er dafür einige konkrete Elemente, denn es gab gute Dinge in Brasilien. Doch jenes Paradies, das er da erdichtete, hat seinen Selbstmord nicht verhindert.”

Die problematische Art Stefan Zweigs, ein großes, bedeutendes Land wie Brasilien zu beschreiben, findet bis heute viele Nachahmer und ist zwecks Beeinflussung der öffentlichen Meinung sehr wirkungsvoll. In Zeiten von weitreichender Zensur und Mediensteuerung aus politisch-wirtschaftlichen Gründen veröffentlichen Nicht-Journalisten, Nicht-Autoren, käufliche PR-Leute weiterhin über sehr komplex strukturierte Länder wie Brasilien die abenteuerlichsten Dinge, häufig aus ebenso fragwürdigen Motiven wie damals. Motto: Das macht doch nichts, es merkt doch keiner “ und wenn, heute, bei raschem Kulturverlust, eigentlich völlig egal. Nicht selten “ so wie Zweig “ ohne die Landessprache zu sprechen sowie nach möglichst kurzer Verweildauer im Land. Triste, beispielsweise mit ansehen zu müssen, wenn sehr bekannte hochbezahlte TV-Korrespondenten aus Europa in Brasilien Interviews führen, dabei aber ohne ihre Dolmetscher sowie extra eingeflogenen Medienberater völlig hilflos, verloren wären. Manche verheddern sich bei wichtigen Terminen gar mit ihren Übersetzern vor den spöttisch wartenden Persönlichkeiten, blicken nicht durch, blamieren sich mit ihrer Arroganz zudem vor der Schlange langsam ärgerlich werdender brasilianischerJournalisten, die ebenfalls ein Interview brauchen. Zusätzlich kurios, wenn Dolmetscher europäischen Korrespondenten grotesk falsch übersetzen oder zu Dutzenden eingeflogenen Sonderkorrespondenten auf Anweisung von interessierter Seite nur das übersetzen, was sie hören sollen – bzw. die Übersetzung „frisieren”. Preisfrage “ welche Korrespondenten oder Reisejournalisten in welchen Ländern wären ohne Dolmetscher völlig verloren?

http://www.hart-brasilientexte.de/2008/02/21/der-judische-arzt-zelick-trajber-und-die-indiokinder-brasiliens/

http://www.hart-brasilientexte.de/2008/11/05/was-europas-juden-beunruhigt-zum-jahrestag-der-reichskristallnacht-frankfurter-rundschau/#more-1157

http://www.hart-brasilientexte.de/2008/04/20/brasiliens-grostes-bestes-meistbesuchtes-buchkaufhaus-von-berliner-juden-1948-in-sao-paulo-gegrundet/

http://www.hart-brasilientexte.de/2008/04/09/parabens-aracy-guimaraes-rosa-die-judenretterin-von-hamburg-wird-hundert/

http://www.hart-brasilientexte.de/2008/02/11/holocaust-darstellung-im-rio-karneval-judische-gemeinden-protestieren/

http://www.hart-brasilientexte.de/2008/05/28/o-antisemitismo-nas-americas-der-antisemitismus-in-amerika-738-seiten-98-real-das-neue-werk-von-brasiliens-fuhrender-antisemitismus-expertin-maria-luiza-tucci-carneiro-diesmal-herausgeberin/

Kriegsverbrecher Gustav Wagner, stellvertretender Kommandant des KZ Sobibor, SS-Oberscharführer,  berüchtigter sadistischer Judenmörder – von der Militärdiktatur Brasiliens nicht ausgeliefert:   ”Die deutsche Regierung stellte ebenfalls ein Ersuchen auf Auslieferung, das jedoch vom Obersten Gerichtshof Brasiliens am 22. Juni 1979 zurückgewiesen wurde.” Wikipedia

Im KZ Sobibor wurden etwa 250000 Juden ermordet.

http://www.hart-brasilientexte.de/2008/07/17/von-den-juden-und-ihren-lugen1543-martin-luther-und-die-antisemitismus-diskussion/

Diogo Mainardi, Veja: http://veja.abril.com.br/idade/exclusivo/210508/mainardi.shtml

http://www.hart-brasilientexte.de/2008/11/07/noite-dos-cristais-brasiliens-deutschstammige-juden-gedenken-der-reichskristallnacht/

http://www.hart-brasilientexte.de/2008/12/19/mein-vater-lud-zur-nazizeit-die-eltern-und-geschwister-aus-deutschland-nach-london-ein-nahm-ihnen-die-passe-weg-sagte-ihr-seid-hier-nicht-in-den-ferien-ihr-lebt-jetzt-hier-so-rettete-er-allen-d/

“Bad People”: http://www.jcrelations.net/en/?item=3036

http://www.freitag.de/2001/28/01281001.php

http://www.hart-brasilientexte.de/2008/11/18/junge-judinnen-in-sao-paulos-club-a-hebraica/

http://www.hart-brasilientexte.de/2009/05/13/judas-verbrennenqueima-do-judas-antisemitisches-ritual-in-brasilien-bayerisches-brauchtum-bizarr-der-jud-mus-verbrannt-werden/

laksklein.jpgAuschwitz-Überlebender Aleksander Laks in Rio de Janeiro.
kzdoraklein.jpgAuschwitz-Überlebende Dora Finkielsztajn in Rio de Janeiro.

http://www.hart-brasilientexte.de/2009/12/13/deutschland-und-japan-wurden-nach-dem-zweiten-weltkrieg-jahrelang-dafur-bestraft-das-sie-der-angelsachsischen-welt-fuhrung-getrotzt-diese-herausgefordert-hatten-die-sicht-der-lula-regierung-zu/

http://www.hart-brasilientexte.de/2010/04/19/gestapo-folter-unter-brasiliens-diktator-getulio-vargas-trager-des-bundesverdienstkreuzes-der-fall-des-deutschen-harry-berger/

Deutschlands merkwürdige Sonderbeziehungen zu Brasilien

 

1953 geht das allererste deutsche Bundesverdienstkreuz der Spitzenklasse, die nur an Staatschefs verliehene „Sonderstufe des Großkreuzes“, ausgerechnet an den berüchtigten brasilianischen Ex-Diktator Getulio Vargas. Bundeskanzler Konrad Adenauer und Bundespräsident Theodor Heuss festigen damals zielstrebig die Beziehungen zu den USA und Westeuropa, hätten durchaus einen dortigen Politiker  für außerordentliche Verdienste ehren können. Indessen wird Getulio Vargas aus dem fernen Tropenlande vorgezogen – ganz offensichtlich aus wohlerwogenen Gründen. Vargas und seine preußisch-deutsch geprägten Militärs sind nach 1945 regelrecht scharf darauf, möglichst viele hohe Nazis, Kriegsverbrecher wie belastete Fachleute aufzunehmen, von ihren Kenntnissen zu profitieren, sie auf guten, lukrativen Posten unterzubringen, auch in den Massenmedien mitmischen zu lassen. Während der blutigen lateinamerikanischen Militärdiktaturen sind deutsche Kriegsverbrecher länderübergreifend beim Verfolgen und Ermorden von Oppositionellen mit federführend. „Die hohen Nazis haben allein jüdisches Vermögen im Schätzwert von dreihundert Millionen Dollar nach Brasilien gebracht“, sagt Sao Paulos Rabbiner Henry Sobel, „das Tropenland am Zuckerhut erschien ihnen geradezu als Paradies!“ Mit dem vielen Geld, dazu einem Teil des legendären Schatzes der SS, hätten sie nicht nur extrem rechte Organisationen finanziert, sondern auch Grundbesitz und Firmen gekauft. Josef Mengele, der als KZ-Arzt von Auschwitz gleich an der Eisenbahnrampe Hunderttausende für die sofortige Vergasung bestimmt, lebt bis zu seinem Tode unbehelligt in Südbrasilien, hält unter den Augen Bonns engste Kontakte zu Altnazis und SS-Größen in Deutschland und Österreich. Franz Stangl, Kommandant des KZ Treblinka, verantwortlich für den Mord an etwa neunhunderttausend Juden, lebt sechzehn Jahre lang unbehelligt in Sao Paulo, bekommt von VW do Brasil einen guten Job, wird erst 1967 an Deutschland ausgeliefert, stirbt ein Jahr darauf im Gefängnis. Gustav Wagner, KZ-Chef von Sobibor, wo rund 250000 Juden umkamen, ist in Sao Paulo, wegen der enormen teutonischen Wirtschaftskapazitäten auch „größte deutsche Industriestadt“ genannt, ebenfalls hoch willkommen. Gleiches gilt für Herbert Cukurs, den Massenmörder von Riga. Er wird sogar von Sao Paulos Polizei beschützt, hat Wachposten vor seinem Haus, nachdem ihn zwei nach Brasilien ausgewanderte KZ-Insassen wegen der Massenmorde angezeigt hatten. 1950, drei Jahre vor der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Getulio Vargas, sagen Cukurs brasilianische Generäle und Generalmajore, mit denen er eng befreundet ist:“Du hast einen einzigen Fehler begangen – du hättest alle Juden töten sollen.“ Zu dieser Zeit ist in Bonn längst Hans Globke, der als Referent für Staatsangehörigkeitsfragen im Reichsinnenministerium den offiziellen Kommentar zu den Nürnberger Rassegesetzen der Nazis verfaßte und antijüdische Gesetze mitformulierte, Adenauers rechte Hand, enger Vertrauter – von 1953 bis 1963 sogar Staatssekretär. Getulio Vargas ist seit dem Beginn der Nazizeit sein Mann: 1930 kommt Vargas durch einen Putsch an die Macht, wird es unter ihm in Brasilien Mode, Söhnen den amtlichen Vornamen Hitler zu geben. Auf Hitlers, gar Eichmanns, trifft man bis heute – im Telefonbuch von Sao Paulo steht allen Ernstes ein „Himmler Hitler Göring Ferreira Santos“. Brasiliens führende Antisemitismus-Expertin Maria Luiza Tucci Carneiro, Professorin an der Uni Sao Paulo: „Vargas hielt engste Beziehungen zu Nazideutschland, kooperierte mit der GESTAPO, die seine politische Polizei ausbildete. Per Geheimdekret verbot Vargas Einreisevisa für bedrohte, verfolgte Juden – der sichere Tod für viele von ihnen in den Konzentrationslagern. Die Vargas-Regierung ist mitschuldig an nazistischer Ausrottung, an der Judenvernichtung. Vargas förderte die Ausbreitung der NSDAP in Brasilien, ließ Nazi-Instrukteure ins Land, die auch an den deutschen Schulen indoktrinierten.“ In keinem Land außerhalb Deutschlands hat die NSDAP mehr Mitglieder als in Brasilien. Auch an den deutschen Schulen grüßt man „Heil Hitler“, singt bei Aufmärschen der Ortsgruppen Rio und Sao Paulo alle gängigen SA-und SS-Lieder.  Nach Filinto Müller, dem berüchtigten Chef und Oberfolterer der politischen Polizei von Getulio Vargas, sind bis heute Schulen, Plätze, Straßen und sogar ein Plenarsaal im Nationalkongreß benannt. Erst 1942 bricht Diktator Vargas mit Nazideutschland, um nicht auf der Verliererseite zu stehen – auch auf Druck der USA. Doch schon 1949, nur vier Jahre nach Kriegsende, werden wiederum Einreisevisa für Juden per Geheimdekret verboten. Das offizielle Argument: Es handele sich um Überlebende der KZs, also psychisch gestörte Leute, an denen Brasilien kein Interesse haben könne. Während des zweiten Weltkrieges gehen ungezählte Deutsch-Brasilianer heim ins Reich, um in Wehrmacht, SS mitzukämpfen, führende Positionen zu besetzen. Ein Nicht-Deutschstämmiger ist sogar Aufseher im KZ Auschwitz, nimmt als SS-Unterscharführer an den entsetzlichen Verbrechen teil. Nach 1945 kehren alle Belasteten problemlos und ungeschoren nach Brasilien zurück – erst heute, wo es zu spät ist, will man die Kriegsverbrecher unter den Rückkehrern ermitteln. Leonel Brizola, bis zu seinem Tode 2004 Vizepräsident der Sozialistischen Internationale, gehört neben vielen namhaften Intellektuellen zu den Vargas-Glorifizierern, nennt den Diktator stets seinen politischen Mentor, bezeichnet Willy Brandt als persönlichen Freund.

Tucci Carneiro, die den Klassiker „ O Antisemitismo na Era Vargas“ schrieb, wirft den brasilianischen Regierungen vor, ab1946 nach Brasilien geflüchtete Kriegsverbrecher gedeckt zu haben. Dafür sind die alten und neuen Nazis, die alte und neue Rechte dieser Erde, aber auch Teile von Deutschlands Eliten, Brasilien ewig dankbar, zeigen sich erkenntlich, wirken unermüdlich für ein möglichst positives Image der inzwischen zehntgrößten Wirtschaftsnation. Jenes bis heute in Deutschland kultivierte Klischeebild vom fröhlichen, aufstrebenden Zukunftsland Brasilien wird nach Goebbels-Manier unter Diktator Vargas produziert.

Gemäß brasilianischen Qualitätszeitungen belegen Dokumente, daß Multis wie VW und Mercedes-Benz nach 1964 mit der politischen Diktaturpolizei DOPS kooperierten. Diese Firmen hätten Namen oder andere Angaben über Gewerkschafter und Streikende an DOPS weitergegeben oder nachgefragt, ob gegen bestimmte Arbeitskräfte, die man einstellen wolle, „etwas vorliegt“.

Zu den deutsch-brasilianischen Sonderbeziehungen zählt natürlich auch die Menschenrechtsfrage: Einen so netten, entgegenkommenden Partner setzt man wegen alltäglicher Folter und Todesschwadronen, wegen Massakern und Sklavenarbeit, Terror und Gewalt gegen Umwelt-und Menschenrechtsaktivisten natürlich nicht unter Druck. Das Nuklearabkommen war 1975 mit dem Militärregime geschlossen worden – Bundeskanzler Helmut Schmidts Außenminister Hans-Dietrich Genscher unterzeichnete, Siemens-KWU  – jetzt im Boot mit der französischen AKW-Industrie –  sollte die Atommeiler errichten. Unweit des Bauplatzes, so Zeitzeugen, werden damals politische Häftlinge lebendig den Haien zum Fraß vorgeworfen, im fernen Amazonien hoch über der Wildnis aus Helikoptern gestoßen. Viele Greueltaten bleiben im Dunkeln, weil auch unter dem jetzigen Staatschef Luis Inacio Lula da Silva die wichtigsten Dokumente der Diktaturzeit geheim bleiben. 1979, als die Foltergeneräle regieren, läßt der damalige Gewerkschaftsführer Lula durch seine teilweise Bewunderung für Adolf Hitler aufhorchen:“Hitler irrte zwar, hatte aber etwas, das ich an einem Manne bewundere – dieses Feuer, sich einzubringen, um etwas zu erreichen…Was ich bewundere, ist die Veranlagung, Bereitschaft, die Kraft, die Hingabe.“ Brasilianische Konzernchefs und Multimillionäre betonen regelmäßig, daß Lula niemals ein Linker war. Das nicht-linke politische Spektrum befindet sich gerade in Brasilien, dem Testlaboratorium des Neoliberalismus, in einer besonders komfortablen Situation. „Hier gibt es keine linke Organisation – soetwas ist hier nicht verwurzelt“, sagt der renommierte Sozialwissenschaftler Claudio Abramo aus Sao Paulo, Exekutivdirektor der Anti-Korruptions-NGO „Transparencia Brasil“. „Und ein gesellschaftliches Segment, das eine linke Partei tragen könnte, existiert auch nicht. Wir sind ein unterentwickeltes Land.“

“Professor Mamlock” – DEFA-Film von Konrad Wolf, am 6.2. 2017 im MDR-TV, in Zeiten geförderten Judenhasses in Deutschland…https://www.amazon.de/Professor-Mamlock-Wolfgang-Heinz/dp/B00FGUJ6RC

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Hitler, Himmler, Göring – amtlich registrierte Vornamen in Brasilien
Von Gesellschaft und Politik akzeptiert, toleriert
Naziideologie verbreitet

   

Uninformierte Reisende aus Europa fühlen sich in Lateinamerika zunächst arg veralbert, wenn ihnen nicht nur in Millionenstädten wie Rio de Janeiro, Sao Paulo, Santiago de Chile oder La Paz, sondern sogar in Dörfern des Amazonasurwalds  auf einmal ein Hitler, Himmler oder Eichmann vorgestellt wird. Doch es stimmt, im Ausweis, auf der Visitenkarte steht nichts anderes – und nach Landessitte redet man sich stets mit dem Vornamen an. Im tiefreligiösen Lateinamerika wurden alle jene Hitlers, selbst die Indios darunter, und viele derzeit erst im Kindesalter, von evangelischen oder katholischen Pfarrern getauft –  theoretisch ein Grund auch für deren Glaubensbrüder in Deutschland sowie für den Vatikan, mal nachzufragen, wie das denn mit christlicher Ethik zu vereinbaren sei. Wollten deutsche Eltern ihre Kinder mit nazistischen Vornamen registrieren lassen,  gäbe es natürlich einen Riesenskandal. Doch niemand mag Brasilien, wie es aussieht, auch in dieser Frage zu nahe zu treten, obwohl das Tropenland die letzten beiden Jahre des Zweiten Weltkriegs noch mit Truppen gegen Hitlers Wehrmacht gekämpft hatte, gewaltige Monumente an die Gefallenen erinnern.  Aber in Lateinamerika gehen die Uhren anders,  ist eine oft unbegreifliche Toleranz und Indifferenz anzutreffen. Als Hitler, Himmler, Göring sogar im Telefonbuch stehen, in einer nach angesehenen Juden benannten Avenida wohnen – was soll schon dabei sein? Das hat einen interessanten historischen Hintergrund: Nach der Machtübernahme Hitlers gelang es der  NSDAP,  die Deutschstämmigen Lateinamerikas und deren Vereine weitgehend gleichzuschalten, hatte das Dritte Reich dabei vor allem die protestantischen Pfarrer auf  seiner Seite. Diese waren den reichsdeutschen Kirchenorganisationen angeschlossen, predigten teilweise sogar von der Kanzel herab Nazi-Ideologie. Drei von vier evangelischen Pfarrern der südbrasilianischen Synode waren im nationalsozialistischen  Pfarrerbund. Die katholischen Padres der deutschstämmigen  Gemeinden verhielten sich dagegen zunehmend distanzierter. In Brasilien beispielsweise war damals der Diktator, Hitlerverehrer und Judenhasser Getulio Vargas an der Macht – kein Wunder, daß angesichts der bis heute fast grenzenlosen Vornamenfreiheit nicht wenige Eltern ihren Sprößlingen den Vornamen Hitler gaben. Und offenbar fanden nur zu viele Padres – ob deutscher, italienischer oder portugiesischer Herkunft – überhaupt nichts dabei,  Kinder auf diesen Namen zu taufen. –Position der katholischen Kirche—

Doch auch nach dem Zweiten Weltkrieg gaben lateinamerikanische Pfarrer vielen kleinen Hitlers den Segen. Für Bischof Amaury Castanho im brasilianischen Teilstaat Sao Paulo ist die Kirche des größten katholischen Landes bis heute dabei in einer schwierigen, delikaten Situation. „Natürlich sind wir vehement gegen nazistische Vornamen – durchweg raten wir den Eltern, ihren Kindern wegen der schrecklichen Rolle Hitlers in der Geschichte auf keinen Fall diesen Namen zu geben.“ Wer Hitler heiße, könne später zudem große Probleme im Zusammenleben mit Kindern, Erwachsenen bekommen. „Aber wenn die Familie darauf besteht, akzeptieren wir den Vornamen notgedrungen, legen es nicht auf einen Streit an, lehnen die Taufe nicht ab. Denn schließlich gibt es keine kirchliche Vorschrift, die Namen solcher extrem negativ besetzten Persönlichkeiten untersagt.“ Jemanden heute in Deutschland auf den Namen Hitler zu taufen, so der Bischof, „gäbe natürlich einen Skandal. Denn dort sind Hitlers Untaten im öffentlichen Bewußtsein.“ Für ein Tropenland, das sogar gegen Hitler kämpfte, seien nazistische Vornamen natürlich eine Schande. Ein staatliches Gesetz sollte sie verbieten.  „Aber ich  weiß auch von katholischen Palästinensern Brasiliens, die ihr Kind nach dem Terroristen Osama Bin Laden nannten.“ Bekannt ist zudem, daß Adolf Hitler von vielen Arabern als Held betrachtet wird, Palästinenser in Nahost ihren Kindern ebenfalls diesen Namen geben. Auch Brasiliens Bischof Demetrio Valentini nennt es bedenklich, daß Hitler-Vornamen keineswegs als problematisch angesehen werden. „Nicht immer hat der Pfarrer die Möglichkeit, sie zu verhindern – da sie ja zuvor schon behördlich registriert worden sind.“ Hinzukomme, daß ausländische Namen einfach beliebt seien, deren Bedeutung aber nur zu oft völlig ignoriert werde. „Es mag Leute geben, die den Namen Hitler einfach schön finden – und überhaupt nicht wissen, wer das war.“

Adolfo Hitler Ferreira Santos, ein 35-jähriger Apotheker in Sao Paulo – Lateinamerikas Industrielokomotive, über tausend deutsche Firmen –  weiß es jedenfalls genau, bezeichnet den Vornamen als entsetzliche Bürde. „Ich saß im Kino, habe mir den Film `Schindlers Liste` angesehen –  ich, mit diesem grauenhaften Vornamen, mir war zum Heulen zumute – ich war in allen  Filmen über den Holocaust!“  Beim Blutspenden wollte ihm eine schwarze Krankenschwester wegen des Namens nicht die Hand geben, hielt Distanz – derartiges macht Adolfo Hitler Ferreira Santos zu schaffen. Sein Vater, über siebzig,  ist bis heute ein Hitler-Bewunderer – „wie Brasiliens Militärdiktatoren, die das Land von 1964 bis 1985 beherrschten, ebenfalls Hitler verehrten.“ Adolfo Hitlers Bruder hat es noch schlimmer getroffen, weil ihn der Vater allen Ernstes „Himmler Hitler Göring“ nannte –  so steht er auch im Telefonbuch der Megametropole, will mit dem Trend über diese schreckliche Last aber nicht reden. „Wir beide sind in einer katholischen Kirche Sao Paulos von einem Pfarrer ganz normal getauft worden.“

Umbenennung möglich – doch kaum vollzogen

In der Rua Isaac Tabacow, benannt nach einer angesehenen jüdischen Persönlichkeit der  Stadt, wohnt Familienvater Hitler Cazella, ein freundlicher Mann, Anfang sechzig. „Mein Vater, aus italienischer Familie, mochte die Nazis, hat mir deshalb diesen Vornamen verpaßt.“ Im Berufsleben frozzelten ihn immer wieder Kollegen, was ihm manchmal lästig fiel.“Die nannten mich einen Nazi, sogar Mussolini. Unter Freunden ging das ja noch, aber von Fremden hörte ich das gar nicht gerne. Denn ich war ja nie ein fanatischer Hitler-Anhänger, habe bei den brasilianischen Nazis nie aktiv mitgemacht – und Hitler nicht gerade bewundert.“

Das neue brasilianische Zivilrecht kommt  zahllosen  Brasilianern stark entgegen, die in einem Lande fast unbegrenzter Vornamenfreiheit nicht länger Rommel, Eisenhower, Rambo, Xerox, Goethe, Elvis Presley, Einstein, Rummenigge, Beckenbauer, Hirohito, Stalin oder Mao-Tse-Tung heißen wollen. Ohne Angabe von Gründen ist man den Namen nach höchstens sechs Monaten los, braucht allerdings einen Anwalt. Angesichts von Massenelend, derzeit auch die Mittelschicht treffender Massenarbeitslosigkeit macht dies die Sache für viele allerdings teuer. Und so bleibt es dabei, daß weiße Hitler in Universitätshörsälen sitzen, schwarze Hitler in Slums der Sklavennachfahren hausen, es sogar Hitler-Straßen wie die Avenida Hitler Sansao gibt. Der rührige Polizeichef Hitler Mussolini Pacheco im Teilstaate Goiania, der  angesehene Richter Hitler Cantalice in Nordostbrasilien, beide öfters in den Medien, hätten schon längst anders heißen können, wollten aber nicht. die ebenfalls ihre Vornamen behalten. Und Senhor  Hitler Cazella in der Rua Isaac Tabacow will auch nicht:  “Bei meinen erwachsenen Kindern stehe ich so in den Personalausweisen, Pässen – auch in  vielen anderen  Dokumenten, Urkunden. Mir zu kompliziert, das alles wieder zu ändern.  Meine Frau kennt mich nun schon über dreißig Jahre als Hitler – die will auch nicht, daß ich mich umbenenne.“

Gleiches gilt für Hitler de Lima –  seine Straße am großen Ibirapuera-Park Sao Paulos  heißt „Rua Estado de Israel“ – in Würdigung des Nahoststaates. Er fand nichts dabei, dorthin zu ziehen: „Einmal bin ich  sogar einem  anderen Hitler begegnet. Weil der Name mir nie geschadet hat, trenne ich mich von dem auch nicht. Obwohl ich das natürlich könnte.“ Hitler de Lima bestreitet,  wegen des Namens jemals mit der großen jüdischen Gemeinde Sao Paulos  aneinandergeraten zu sein. „Nein, nie – ich habe ja sogar jüdische Bekannte, arbeitete als Buchhalter in Unternehmen, die Juden gehören. Auch dort – nie Probleme! In der Schule  sagten sie manchmal `Heil Hitler` zu mir – das habe ich als Kompliment aufgefaßt, nie als Beleidigung. Ich glaube, hier machen sich die Leute keine Gedanken über Hitler. Die Mehrheit der Brasilianer sieht die Person Hitlers und seine Rolle in der Geschichte völlig neutral, ist weder für noch gegen ihn.“

Da untertreibt Senhor Hitler de Lima leider. Wie Studien belegen, hat der Nazi-Führer in Brasilien erschreckend viele Sympathisanten, selbst unter den Intellektuellen. Und es gibt  viele Neonazis, gut organisiert  etwa in Sao Paulo. Einer davon, Automobilarbeiter bei einem deutschen Multi, betonte öffentlich:“Unser Hauptfeind sind die Juden – sie kontrollieren die Medien, die großen Unternehmen, finanzieren die Schwarzen – und Homo-Bewegung.“

Staatschef Lula über Hitler

Rio de Janeiros Rabbiner Nilton Bonder bestätigt: „Teile der frustrierten Stadtjugend sind von Adolf Hitler, der Naziideologie und deren Rassentheorien fasziniert.“ Doch die Gesellschaft, die Politiker machen davon kein Aufhebens; Vornamen wie Hitler regen niemanden auf. Denn in Brasilien, das zahlreichen Nazi-Verbrechern wie Josef Mengele Unterschlupf  und neue Aufstiegschancen bot, werden ja selbst in Wörterbüchern Juden als „Individuo mau“, als schlechte Menschen definiert. Trotz aller Proteste der jüdischen Gemeinde. Und zahlreiche hohe Politiker, wie der Ex-Gouverneur Leonel Brizola, Vizepräsident der Sozialistischen Internationale, haben jenen  verstorbenen Diktator und Hitlerverehrer Vargas als geistigen Ziehvater, politisches Idol. Nach dessen deutschstämmigen Chef der gefürchteten politischen Polizei, Filinto Müller, der die kommunistische Jüdin Olga Benario an die Gestapo auslieferte, sind bis heute in Brasilien sogar Schulen, Plätze, öffentliche Gebäude benannt. In Geschäften, sehr vielen Privathäusern, einem Theater Rios geht man über Hakenkreuzfliesen. Und Brasiliens neuer Staatschef Luis Inacio Lula da Silva, jener Ex-Gewerkschaftsführer, der einst bei Volkswagen do Brasil in Sao Paulo als Dreher arbeitete – was hält der von Hitler? In einem Interview sagte er wörtlich:“Hitler irrte zwar, hatte aber etwas, das ich an einem Manne bewundere – dieses Feuer, sich einzubringen, um etwas zu erreichen.“ Auch das spricht Bände.

In La Paz studiert der Indianer Hitler Apazi Cutili Medizin, zwei fernab der Hauptstadt lebende indianische Brüder heißen Hitler Mamani und Eichmann Mamani, wurden so getauft. Und auch in Peru gibt es viele Hitlers. „Zu Ehren einer historischen Persönlichkeit“ nannte der  in einem Amazonasdorf lebende Indio Manuel Garcia seinen Sohn Adolfo Hitler. Als dieser tödlich verunglückte, gab er dem nächstgeborenen Sohn ebenfalls diesen Namen. 2003 kam auch der ums Leben, als ein Auto mit weiteren drei Personen in einen Gebirgsfluß stürzte. Jetzt glauben dort viele in der Region, daß dieser Vorname Unglück bringt.

hitlervornamesp.JPG

Vorname: Hitler, Interviewpartner in Sao Paulo.

Beziehungen Bonn-Brasilia während der nazistisch-antisemitisch orientierten Militärdiktatur: 

http://www.hart-brasilientexte.de/2013/11/19/brasiliens-folter-diktatur1964-1985-mit-wem-bundesausenminister-willy-brandt-damals-bilaterale-vertrage-unterzeichnet-das-massaker-an-stahlarbeitern-unter-gouverneur-jose-magalhaes-pinto/

Diktator Geisel und Bundeskanzler Schmidt.

Presidente Ernesto Geisel e Primeiro-Ministro Helmut Schmidt. Der Geisel-Besuch von 1978 in der Bundesrepublik Deutschland – Geisel nimmt im TV auch zur Kritik an der Menschenrechtslage Stellung – die offiziellen Dokumente Brasiliens: http://cafemundorama.files.wordpress.com/2011/11/rpeb_16_jan_fev_mar_1978.pdf

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Die Amtszeit von Diktator Ernesto Geisel: Das offizielle Foto vom angeblichen Selbstmord des jüdischen Journalisten und Fernsehdirektors von TV Cultura, Vladimir Herzog 1975 in einer Polizeizelle Sao Paulos – in Wahrheit wurde er totgefoltert.  Bundesrichter Marcio José de Morais annullierte 1979 das offizielle Dokument der Diktatur über die Todesursache, gab indessen Zeugen recht, denen zufolge Herzog gefoltert worden war, machte den Staat für den Tod des Juden verantwortlich. Unterdessen wurde ermittelt, daß unter Geisel gefolterte Regimegegner auch durch Giftspritzen umgebracht wurden, das Militär zahlreiche Oppositionelle außergerichtlich exekutierte.

1978 traf General Geisel in der Bundesrepublik Deutschland während des offiziellen Besuchs nach eigenen Angaben mit Bundeskanzler Helmut Schmidt, Außenminister Hans-Dietrich Genscher, Walter Scheel, Helmut Kohl, Franz-Josef Strauß, Hans Filbinger(Schloß Schwetzingen) zusammen, sprach etwa anderthalb Stunden mit Willy Brandt, Präsident der Sozialistischen Internationale. Geisel war zudem im Kernforschungszentrum Jülich. In Bonn auf einer Pressekonferenz auf die Menschenrechte angesprochen, sagte Geisel, Brasilien sorge sich außerordentlich um die Menschenrechte – obwohl oft in schlecht informierten oder tendenziösen Organen anderes gesagt werde. 

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Diktator  General Ernesto Geisel(Operation Condor), deutschstämmig, in dessen Amtszeit der jüdische Journalist Herzog gefoltert und ermordet wurde –  und Willy Brandt, Ausriß. General Geisel war 1976 zu einem offiziellen Besuch in Großbritannien.

Wikipedia:

A morte[editar]

Serviço Nacional de Informações recebeu uma mensagem em Brasília de que naquele dia 25 de outubro: “cerca de 15h, o jornalista Vladimir Herzog suicidou-se no DOI/CODI/II Exército“. Na época, era comum que o governo militar divulgasse que as vítimas de suas torturas e assassinatos haviam perecido por “suicídio”, fuga ou atropelamento, o que gerou comentários irônicos de que Herzog e outras vítimas haviam sido “suicidados” pela ditadura. O jornalista Elio Gaspari comenta que “suicídios desse tipo são possíveis, porém raros. No porão da ditadura, tornaram-se comuns, maioria até.”

Conforme o Laudo de Encontro de Cadáver expedido pela Polícia Técnica de São Paulo, Herzog se enforcara com uma tira de pano – a “cinta do macacão que o preso usava” – amarrada a uma grade a 1,63 metro de altura. Ocorre que o macacão dos prisioneiros do DOI-CODI não tinha cinto, o qual era retirado, juntamente com os cordões dos sapatos, segundo a praxe naquele órgão.14 No laudo, foram anexadas fotos que mostravam os pés do prisioneiro tocando o chão, com os joelhos fletidos – posição em que o enforcamento era impossível. Foi também constatada a existência de duas marcas no pescoço, típicas de estrangulamento15 5

Vladimir era judeu, e a tradição judaica manda que suicidas sejam sepultados em local separado. Mas quando os membros da Chevra kadisha – responsáveis pela preparação dos corpos dos mortos segundo os preceitos do judaísmo – preparavam o corpo para o funeral, o rabino Henry Sobel, líder da comunidade, viu as marcas da tortura. “Vi o corpo de Herzog. Não havia dúvidas de que ele tinha sido torturado e assassinado”, declarou.16 Assim, foi decidido que Vlado seria enterrado no centro do Cemitério Israelita do Butantã, o que significava desmentir publicamente a versão oficial de suicídio. As notícias sobre a morte de Vlado se espalharam, atropelando a censura à imprensa então vigente. Sobel diria mais tarde: “O assassinato de Herzog foi o catalisador da volta da democracia”.17

Anos depois, em outubro de 1978, o juiz federal Márcio Moraes, em sentença histórica, responsabilizou o governo federal pela morte de Herzog e pediu a apuração da sua autoria e das condições em que ocorrera. Entretanto nada foi feito.6 Em 24 de setembro de 2012, o registro de óbito de Vladimir Herzog foi retificado, passando a constar que a “morte decorreu de lesões e maus-tratos sofridos em dependência do II Exército – SP (Doi-Codi)”, conforme havia sido solicitado pela Comissão Nacional da Verdade.18

Brasilien – das Gewalt-Gesellschaftsmodell und die wichtige Rolle der Slums/Favelas. Hintergrundtexte:http://www.hart-brasilientexte.de/2017/01/01/brasilien-das-gewalt-gesellschaftsmodell-und-die-wichtige-rolle-der-slumsfavelas-hintergrundtexte-warum-brasilien-strategischer-partner-der-merkel-gabriel-regierung-ist-von-der-deutschen-regieru/

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Kirche in Brasilien – Hintergrundtexte:http://www.hart-brasilientexte.de/2013/11/05/brasilien-%E2%80%93-kirche-und-gesellschaft-sammelbandtexte/

Juden in Brasilien, Lateinamerika – Hintergrundtexte:http://www.hart-brasilientexte.de/2008/11/05/juden-in-brasilien-hintergrundtexte-der-letzten-jahre-mit-dem-arsch-zum-publikum/

Österreichs katholischer Priester Günther Zgubic – unter den besten Kennern Brasiliens. Hintergrundtexte:http://www.hart-brasilientexte.de/2016/12/27/oesterreichs-katholischer-priester-guenther-zgubic-unter-den-besten-kennern-brasiliens/

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Brasilien – Kultur, Mentalität, soziokulturelle Faktoren. Hintergrundtexte:http://www.hart-brasilientexte.de/2013/11/08/brasilien-kultur-und-gesellschaft-sammelbandtexte/

Indianer in Brasilien – Hintergrundtexte:http://www.hart-brasilientexte.de/2015/11/25/indianer-lateinamerikas-moegen-politisch-unkorrekt-coca-cola-diabetes-rate-etc-entsprechend-hoch/

Obdachlose, Straßenbewohner in Brasilien – Hintergrundtexte:http://www.hart-brasilientexte.de/2016/02/12/mensch-und-muell-2016-die-verelendete-sklavennachfahrin-von-sao-paulo-muelltueten-muellsaecke-als-einzige-kleidung-vergebliches-betteln-um-ein-paar-muenzen-keinerlei-zeichen-von-solidaritaet-mi/

Unter dem Zuckerhut

Rio de JaneiroZwölf Jahre lebte Klaus Hart in Rio de Janeiro als freier Korrespondent für diverse Magazine und Tageszeitungen und studierte dabei ausgiebig den Alltag seiner heißblütigen Mitmenschen. Er mischte sich unter entfesselte Karnevalstruppen, hatte es mit charismatischen Tanzlehrern und lebte die Erotik des Alltags aus, ebenso wie er die Anatomie eines Slums charakterisiert. Natürlich nimmt er auch das Thema Nazis unterm Zuckerhut ins Visier, gleichzeitig mit seinen Betrachtungen, die Juden unterm Zuckerhut betreffend. Und auch die Umweltsheriffs von Santarém, die auf verlorenem Posten gegen Wilderer, Dynamitfischer und Urwaldvernichter kämpfen. Aber dann wieder die Erotik im Alltag – intensiv wie eine Tropengewitter, wie Hart das nennt und seine Betrachtungen in diesem sehr langen Kapitel von allen Seiten schildert.

Dieses Buch als Einstieg zu der ersten Brasilienreise zu lesen, wäre zwar nicht fatal, aber auch nicht angenehm. Denn die Folgen wären unerreichbare Erwartungen. Klingt doch in jedem Kapitel, in jedem Thema die enorme Erfahrung des Brasilienkorrespondenten an. Das gereicht zu einem phantastischen Einstieg in die Seele des Landes, die uns so fremd ist, denen unsere Kultur aber noch fremder erscheint. Das lernt man bei Hart, auf stellenweise recht direkte, andererseits wundervoll einfühlsame Weise.

usch@saw

 

Dieser Beitrag wurde am Mittwoch, 05. November 2008 um 12:03 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Kultur, Politik abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen.

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