Klaus Hart Brasilientexte

Aktuelle Berichte aus Brasilien – Politik, Kultur und Naturschutz

Ten Yad – Juden helfen bedürftigen Juden in Sao Paulo/Brasilien. In der Krise besonders wichtig. “To fight hunger and rescue dignity!” UNIBES, CIP. Gesichter Brasiliens.

http://www.tenyad.org.br/en/index.htm

tenyadessende.jpg

Gratis-Kantine mit Klub-Treffpunkt –  im ehemals traditionellen Judenviertel Bom Retiro

http://www.ajudabrasil.com.br/dadosentidade.asp?identidade=236

http://www.cip.org.br/acaosocial/index.jsp

http://www.unibes.org.br/

http://www.hart-brasilientexte.de/2009/05/26/adidas-festa-nazistanazi-fest-in-rio-de-janeiro-titelt-o-globo-judische-gemeinde-kritisiert-nazi-symbole/

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/17232

tenyadsozialarbeiter.jpg

Ten-Yad-Sozialarbeiterin Marli Blacher(links) mit Projektkollegin

Brasiliens Juden:

Solidarisch in der Krise(2009)

„Wir lassen keinen im Slum”

Beim jüngsten Unabhängigkeitstag im September unterzeichnete Staatschef Lula mit Nicolas Sarkozy in Brasilia ein milliardenschweres Rüstungsabkommen, gegen das Brasiliens Kirche  unter Hinweis auf mehr als 15 Millionen Hungernde heftig protestiert. Die Wirtschafts-und Finanzkrise hat das Heer der Obdachlosen in den Millionenstädten sichtlich vergrößert und das Slumwachstum enorm beschleunigt. Geht Boris Ber, Präsident der Israelitischen Föderation Sao Paulos, durch die reichste lateinamerikanische Megacity, beobachtet er zwangsläufig ungezählte Szenen schockierenden Elends:  Abgerissene, verdreckte Gestalten, darunter sogar alte kranke Frauen, wühlen in Müllsäcken, schlingen stinkende, teils völlig verdorbene Nahrungsreste in sich hinein. „Die wissen gar nicht mehr, daß sie Menschen sind und leben wie Tiere”, sagt Hedwig Knist, eine deutsche Obdachlosenbetreuerin, bitter. Boris Ber fragt sich stets besorgt, ob zu diesen Krisenopfern womöglich auch Juden gehören. „Unsere Gemeinde ist sehr gut organisiert “ hilft auch Nicht-Juden, administriert sogar Sozialprojekte der Präfektur “ aber wir können nicht in jedem Moment überall sein und sind auf Spenden angewiesen.” Viele Juden schämen sich jetzt in der Krise, ihre Gemeinde um Unterstützung zu bitten “ und dann passiert es: Immer wieder stürzen manche  jäh ins Elend, sehen keinen anderen Ausweg mehr und ziehen in eine Baracke der über 2000 extrem gewaltgeprägten Slums von Sao Paulo. „Wir haben immer wieder Juden dort rausgeholt, ich bin ganz sicher – derzeit haust keiner mehr von uns in Zonen absoluter Misere. Aber die Grundprobleme der brasilianischen Gesellschaft können wir nun einmal nicht lösen, vor allem die für Europäer schwer vorstellbaren Sozialkontraste.” Brasilien hat rund 190 Millionen Einwohner, die jüdische Gemeinde zählt aber nur  200000 Mitglieder, ist  die größte Lateinamerikas und konzentriert sich in Sao Paulo.  Die Hilfsaktivitäten sind breit gefächert.  Zu den typischen Fällen zählt, daß Firmen jetzt in der Krise ihren langjährigen jüdischen Anwalt entlassen und dafür einen jungen für den halben Lohn beschäftigen. Der Gefeuerte hofft, möglichst rasch über die Stellenbörse der jüdischen Gemeinde wieder vermittelt zu werden “ doch das dauert und eine Arbeitslosen- oder Sozialhilfe wie in Deutschland ist in Brasilien unbekannt. Die Ersparnisse der Familie schmelzen rasch dahin, bis der Vater seine Kinder vom jüdischen Gymnasium nehmen müßte, das Schulgeld nicht mehr aufbringen kann. Dann springt die Gemeinde ein, zahlt den Kindern Stipendien und verhindert so deren Wechsel auf die beinahe unbeschreiblich schlechten, chaotischen öffentlichen Schulen. Für Frühstück und Mittagessen der Sprößlinge ist auf dem Gymnasium gesorgt “ aber wie ernähren sich unterdessen die Eltern und beschaffen die nötigen Lebensmittel für den Abend, das Wochenende, die Ferien?  Dafür sorgt die jüdische Hilfsorganisation „Ten Yad” mit ihrer Garküche in der Rua Ribeiro de Lima 530, in Sao Paulos früherem Judenviertel Bom Retiro. „Combate à fome e à miseria”, Kampf gegen Hunger und Misere, ist der Ten-Yad-Leitspruch. Über dreihundert Freiwillige und etwa ein Dutzend Festangestellte verköstigen täglich rund 2100 bedürftige Juden, bringen Kranken und Alten die Mahlzeiten auch nach Hause. In Räumen neben der Kantine packen Henny Schleier und Dora Pressel, beide bereits über siebzig, Brot für die Grundnahrungsmittel-Pakete  ab, andere Freiwillige stellen den „Kit Laticinios”, große Taschen mit Milchprodukten zusammen, die ebenfalls wöchentlich an arme jüdische Familien verteilt werden. Hinzu kommen noch Frischfleisch-Rationen. Ten Yad analysiert beständig, welche Lebensmittel jede Familie, jeder Alleinstehende  unbedingt braucht. Denn leider ist es unmöglich, alle mit allem zu versorgen, dafür reichen die Mittel nicht. In der Krise haben die Spenden spürbar abgenommen. „Die allermeisten Juden der Gemeinde leben jetzt knapper “ zu uns kommen viel mehr Hungernde, vor allem junge Menschen”,  sagt Ariane Stern, eine der Ten-Yad-Leiterinnen. Viele Betroffene fahren zwei Stunden mit dem Bus durch Sao Paulos Verkehrschaos, nur um einen Teller Mittagessen zu ergattern. Marly Blacher ist die zuständige Sozialassistentin des Hilfsprojekts und präzisiert: Aus ihrer Sicht steckt das Tropenland seit Jahrzehnten in einer Dauerkrise, die sich durch die jüngste Finanz-und Wirtschaftskrise lediglich verschärft hat. Daß die Slums immer rascher wachsen und sogar Lepra, die typische Elendskrankheit, weiter grassiert, ist schließlich nicht neu. Brasilien zählt zu den zehn führenden Wirtschaftsnationen, exportiert Flugzeuge und Hightech, hat aber gleichzeitig die weltweit höchste Lepradichte, mit jährlich über fünfzigtausend Neuansteckungen, bei großer Dunkelziffer auch in Sao Paulo. „Krisenfolgen sind bei uns viel drastischer als bei euch, da der Staat den Mittellosen weder Wohnung noch Nahrung garantiert”, betont Marly Blacher. „Juden im Slum anzutreffen, ist schockierend, wird häufiger “ aber wir lassen keinen dort drin!” Manche, die mit ihr an der Uni studierten, Ingenieure oder Rechtsanwälte wurden, schlagen sich heute mühselig als Straßenverkäufer durch, mit den entsprechenden Wirkungen auf die Psyche. Als Grunderfahrung ihrer Arbeit nennt sie: „Wer hungert, einfach nichts zu essen hat, fühlt sich gedemütigt,  erniedrigt, auch tief gekränkt “ und für den, der körperlich geschwächt, mit leerem Bauch bei uns um Nahrung bittet, gilt dies umso mehr.” Dem Ten-Yad-Team sei es daher wichtig, nicht nur Essen zu verteilen, sondern das Selbstwertgefühl der betroffenen Juden zu heben, sie aus ihrer Isolation zu holen. Die Kantine von Bom Retiro fungiert daher auch als Begegnungsstätte, Treffpunkt der jüdischen Gemeinde, ist schon vormittags geöffnet, hat ein Lesecafe. „Für mich ist Ten Yad wie ein Teil der Wohnung, ein Geschenk des Himmels, ” kommentiert Menachem Rechtmann und plauscht weiter mit einem jüdischen Freund, der in Berlins Kantstraße wohnt und einen Monat lang das ganz andere Gemeindeleben Sao Paulos studiert. Wollen wegen der Krise mehr brasilianische Juden nach Israel auswandern? Boris Ber, Marly Blacher und alle anderenBefragten haben davon bisher noch nichts bemerkt. tenyadalterlachend.jpg

Menachem Rechtmann

tenyadspielendejuden.jpg

tenyadschildklein.jpg

http://www.hart-brasilientexte.de/2008/11/18/junge-judinnen-in-sao-paulos-club-a-hebraica/

http://www.hart-brasilientexte.de/2008/11/07/noite-dos-cristais-brasiliens-deutschstammige-juden-gedenken-der-reichskristallnacht/#more-1177

http://www.hart-brasilientexte.de/2008/04/20/brasiliens-grostes-bestes-meistbesuchtes-buchkaufhaus-von-berliner-juden-1948-in-sao-paulo-gegrundet/#more-385

 

 

Ten Yad Video: http://videolog.uol.com.br/video.php?id=430586

http://www.hart-brasilientexte.de/2009/01/18/pro-israel-kundgebung-der-judischen-gemeinde-in-sao-paulo-das-bild-sagt-alles/#more-1645

http://www.hart-brasilientexte.de/2008/12/19/mein-vater-lud-zur-nazizeit-die-eltern-und-geschwister-aus-deutschland-nach-london-ein-nahm-ihnen-die-passe-weg-sagte-ihr-seid-hier-nicht-in-den-ferien-ihr-lebt-jetzt-hier-so-rettete-er-allen-d/

http://www.hart-brasilientexte.de/2009/05/13/judas-verbrennenqueima-do-judas-antisemitisches-ritual-in-brasilien-bayerisches-brauchtum-bizarr-der-jud-mus-verbrannt-werden/

http://www.hart-brasilientexte.de/2009/02/26/xenofobia-no-brasil-fremdenfeindlichkeit-in-brasilien/

http://www.hart-brasilientexte.de/2009/01/19/israel-du-bist-nicht-allein-evangelische-marien-schwesternschaft-darmstadt-bei-pro-israel-kundgebung-in-sao-paulo-hitler-hat-sich-an-martin-luthers-schriften-angelehnt-in-brasilien-gibt-es/

http://www.hart-brasilientexte.de/2009/01/07/lulas-arbeiterpartei-ist-solidarisch-mit-antisemitismus-und-terrorismus-kritisiert-simon-wiesenthal-zentrum-arbeiterpartei-kooperiert-mit-syriens-baath-partei-die-adolf-eichmanns-helfer-alois-bru/

http://www.hart-brasilientexte.de/2009/01/06/brasiliens-judische-und-arabische-gemeinde-und-der-nahostkrieg-brasilianer-in-gaza-und-israel/
Jüdische Prostituierte in Brasilien – der einzige denkmalsgeschützte Friedhof jüdischer “putas”/”polacas”, der Zuhälterinnen und Zuhälter – in Cubatao. Fotoserie.
http://www.hart-brasilientexte.de/2015/10/29/juedische-prostituierte-in-brasilien-der-einzige-denkmalsgeschuetzte-friedhof-juedischer-putaspolacas-der-zuhaelterinnen-und-zuhaelter-in-cubatao-fotoserie/

 

Dieser Beitrag wurde am Mittwoch, 27. Mai 2009 um 19:37 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Kultur, Politik abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen.

«  –  »

Keine Kommentare

Noch keine Kommentare

Die Kommentarfunktion ist zur Zeit leider deaktiviert.

    NEU: Fotoserie Gesichter Brasiliens

    Fotostrecken Wasserfälle Iguacu und Karneval 2008

    23' K23

interessante Links

Seiten

Ressorts

Suchen


RSS-Feeds

Verwaltung

 

© Klaus Hart – Powered by WordPress – Design: Vlad (aka Perun)