Brasiliens Presse hat herausgestellt, daß Staatspräsident Lula erneut berüchtigte Diktaturpräsidenten aus der Zeit des brasilianischen Militärregimes (1964-1985) gewürdigt hat. Anläßlich des 35. Gründungstags des brasilianischen Instituts für Agrarforschung(EMBRAPA) hob Lula hervor, daß General Emilio Garrastazu Médici die entsprechende Urkunde unterzeichnet habe. Unter Médici sei nicht nur EMBRAPA, sondern auch Brasiliens größtes Wasserkraftwerk von Itaipú geschaffen worden. „Mit Stolz sagen die Leute manchmal: Lula verteidigt die Regierung Geisel. Wir können doch Menschen nicht ewig nur wegen ein oder zwei Gesten beurteilen, statt für deren Gesamtwerk.“
Über Médici bemerkte Lula lediglich, daß die Brasilianer während dessen Amtszeit den kritischsten Moment in der Landesgeschichte erlebten. In der Diktaturzeit hatte Lula 1979 auch seine Sicht zu Adolf Hitler klargegestellt:“Hitler irrte zwar, hatte aber etwas, das ich an einem Manne bewundere – dieses Feuer, sich einzubringen, um etwas zu erreichen…Was ich bewundere, ist die Veranlagung, Bereitschaft, die Kraft, die Hingabe.“
Brasiliens Presse veröffentlicht regelmäßig ganze Sammlungen von Lula-Zitaten, die für bemerkenswert gehalten werden. Dazu zählen auch als machistisch definierte Sätze. In einer Rede in Pelotas hatte er nach dem Amtsantritt von 2003 über seine Frau Marisa Leticia erklärt:”Sie wurde gleich am ersten Tag der Ehe schwanger, denn ein richtiger Pernabucaner versagt dabei nicht.”
Wegen des neuerlichen Lobs von Generalspräsidenten der Militärdiktatur stellte Brasiliens Presse die Frage, ob Lula dann nicht eigentlich auf seine hohe “Verfolgten-Rente” verzichten sollte. Gemäß den Zeitungsangaben erhält Lula seit seinem 51. Lebensjahr eine Rente für Verfolgte der Militärdiktatur in Höhe von umgerechnet über 1500 Euro monatlich. Brasiliens Mindestlohn liegt derzeit bei umgerechnet rund 170 Euro monatlich. Im Rahmen des Anti-Hungerprogramms können verarmte, verelendete Familien, die meist kinderreich sind, maximal umgerechnet monatlich rund 45 Euro erhalten. Festangestellte Arbeiter in Brasiliens Privatindustrie bekommen einen durchschnittlichen Bruttolohn von umgerechnet etwa 400 Euro. Der Ex-Gewerkschaftsführer erhalte indessen, wie es heißt,  zu seinen sonstigen Einkünften noch jene “Verfolgtenrente” von umgerechnet über 1500 Euro.  Sie sei ihm zugesprochen worden, weil er zur Diktaturzeit ein Gewerkschaftsmandat verloren und 1980 insgesamt 51 Tage im Gefängnis gesessen habe. Es handele sich um eine “Pensao imoral”, eine unmoralische Pension -  Lula zähle seit langem zu den wohlhabenden Brasilianern.
Hintergrund zur Militärdiktatur:
Die „furchtbaren Fehler“ der USA
CIA kooperierte mit Repressionsapparat der Diktatur
Brasiliens Militärregime herrschte von 1964 bis 1985 ebenso grausam und perfide wie Diktaturgeneräle benachbarter Staaten – Todesschwadronen ermordeten Ungezählte vor allem in den Elendsvierteln der Großstädte, politische Gefangene wurden Haien lebendig zum Fraß vorgeworfen oder über Amazonien aus Helikoptern gestoßen. In Stücke gehackt, verscharrte man Diktaturgegner selbst an Traumstränden Rio de Janeiros. Folter war Normalität – und die CIA immer dabei.Â
Helio Bicudo aus Sao Paulo, kirchlicher Menschenrechtsaktivist, untersuchte bereits damals die CIA-Aktivitäten ebenso wie das Wüten der Todesschwadronen, die Verfolgung von Geistlichen, schrieb darüberein Buch. Es blieb außerhalb des Landes unbeachtet. Späte Genugtuung für Bicudo, daß ein neues, aufsehen erregendes Buch der nordamerikanischen Uni-Soziologin Martha Huggins seine Recherchen vollauf bestätigt, das State Department sprach von „furchtbaren Fehlern“. Die Brasilienexpertin konnte als erste in Washington über 600 bislang geheim gehaltene Dossiers und Akten einsehen. In Interviews brachte die 54-Jährige ihre Untersuchungsergebnisse auf den Punkt: “Die Teilnahme der CIA am Alltag der politischen Repression ist bewiesen – die Dokumente sprechen sogar von gemeinsamen Operationen – die amerikanische Demokratie partizipierte an der Schaffung eines unterdrückerischen Staates“.Â
Besonders gravierend, daß die CIA Polizei-Eliteeinheiten ausbildete, bei denen es sich um „staatlich legalisierte Todesschwadronen“ gehandelt habe. CIA-Agenten hätten diese bei den Einsätzen begleitet, sich generell völlig frei im Repressionsapparat bewegt, alles Gesehene ausführlich nach Washington berichtet. Die politische Polizei DOI-CODI, auf US-Anregung entstanden, sei trotz ihrer Methoden, darunter Folter aller Art, nie kritisiert, sondern stets als „gute Sache“ gelobt worden. Bis heute, so die Autorin, sei in den USA wenig bekannt, daß die CIA beim Schulen von Polizisten aus der Dritten Welt mitwirkte, allein rund 100 000 brasilianische Beamte trainierte: “Sie lernten Bombenbasteln, Verhörtechniken, Psycho-Operationen, bekamen außerdem beigebracht, wie man sich in Demonstrationen, Kundgebungen infiltriert und Verwirrung, Durcheinander erzeugt.Â
“Ein anderes interessantes Detail: Die CIA half beim Aufbau des brasilianischen Diktaturgeheimdienstes SNI mit, “lieferte sogar eine Liste mit den Namen geeigneter, vertrauenswürdiger Mitarbeiter.“ Auf einer anderen Liste waren alle Personen verzeichnet, die gemäß CIA-Einschätzung nach dem Militärputsch von 1964 verhaftet werden sollten. Man habe, so Martha Huggins, „still lächelnd mit Folterknechten und Mördern zusammengearbeitet.“ In mühseliger Kleinarbeit gelang es der Expertin, sechsundzwanzig Folterer politischer Gefangener ausfindig zu machen und unter Wahrung der Anonymität zu interviewen. Menschenrechtsaktivist Helio Bicudo: “Polizisten, aber auch Armeeoffiziere, sind in den USA selbst, darunter in Washington, ausgebildet worden – manche, die zum Repressionsapparat gehörten, machten – und machen Karriere.“ Bicudo nennt Romeu Tuma – nach der Diktatur Chef der Bundespolizei, heute Kongreßsenator der starken Rechtspartei PPB, dessen gerade wieder gewählter Parlaments-Flügelmann Jair Bolsonaro offen für Folter und Massaker an Landlosen oder Gefängnisinsassen plädiert.Â
 Ausgerechnet der belastete Diktaturaktivist Marco Maciel war einflußreicher Vize von Staatschef Lulas Vorgänger Fernando Henrique Cardoso, Ehrendoktor der Freien Universität Berlin. Die Generalität würdigt nach wie vor den Militärputsch von 1964, lud lange Zeit regelmäßig den hoch verehrten Kollegen Pinochet nach Brasilien ein. In Berlin oder Frankfurt hätte dieser schwerlich ungestört von Protesten, lediglich mit zwei diskreten Leibwächtern einen lockeren Einkaufsbummel machen können – in Rio de Janeiro schon. Nach Seminaren, Konferenzen, Vorträgen in der Militärakademie direkt unterm Zuckerhut schlenderte der Ex-Diktator gerne durch den von vielen Künstlern und Intellektuellen bewohnten Strandstadtteil Ipanema, kaufte in Buch- und Musikläden, trank hier und da einen Expresso, wurde zwar bemerkt, aber bestenfalls durch aufdringliche Pressefotografen belästigt. Wie die Jahresberichte von Amnesty International und Human Rights Watch zeigen, gehören Folter und Todesschwadronen weiterhin zum Alltag der führenden Wirtschaftsmacht Lateinamerikas, „verschwinden“ sogar mehr Menschen als damals nach der polizeilichen Festnahme. Washingtons „furchtbare Fehler“ hatten entsetzliche Folgen.
Diktator und Judenhasser Getulio Vargas erhielt 1953 höchste Stufe des Bundesverdienstkreuzes
Die Brasilianerin Aracy Guimaraes Rosa trägt den Beinamen „Engel von Hamburg“, weil sie zur Nazizeit in der Hansestadt als brasilianische Konsularbeamtin zahlreichen Juden Einreisevisa für das Tropenland ausstellte und damit bewußt gegen antisemitische Dekrete ihrer eigenen Regierung verstieß. Im Holocaust-Memorial von Washington steht ihr Name - einziger brasilianischer, ebenso wie  im „Garten der Gerechten“ von Jerusalem, zusammen mit Oskar Schindler und anderen. Im April 2008 wurde Aracy Guimaraes Rosa hundert – in Brasilien erinnert man sich deshalb auch an ein dunkles Kapitel der eigenen Geschichte.
 Dona Aracy, deren Mutter ein Deutsche war,  lebt mit ihrem Sohn im Zentrum der brasilianischen Megacity Sao Paulo, ganz in der Nähe von Buchläden, die den Bestseller „Mein Kampf“ von Adolf Hitler in portugiesischer Sprache als Prachtausgabe feilbieten. Sie leidet unter der Alzheimerschen Krankheit und kann sich nicht im geringsten an die Jahre in Hamburg erinnern. Damals rettet sie über einhundert Juden vor dem KZ, stellt ihnen Einreisevisa nach Brasilien aus. Im Kofferraum ihres Diplomatenwagens, einem Opel Olympia, bringt sie die Juden durch die Sperren am Freihafen bis zu den Kabinen der  Dampfer nach Rio de Janeiro. Bleibt, um jegliche unvorhergesehene Probleme zu vermeiden, noch bis zum Einziehen der Passagierbrücke auf dem Schiff. Wird der Wagen  zuvor von der GESTAPO zur Kontrolle gestoppt, verliert sie nie die Nerven, fordert in perfektem Deutsch Respekt vor einer Diplomatin, kann weiterfahren. Aracys erster Ehemann ist ein Deutscher, ihr zweiter Mann, der Vizekonsul Guimaraes Rosa, deckt ihre Aktivitäten – später wird er einer der berühmtesten Schriftsteller Brasiliens. Aracy Guimaraes Rosa ist dagegen eine fast vergessene Heldin – wird indessen von der jüdischen Gemeinde und von renommierten Historikerinnen wie Maria Luiza Tucci Carneiro als „Anjo de Hamburgo“, Engel von Hamburg verehrt. “Dieser Teil unserer Geschichte wird vergessen, unterdrückt, zensiert, da türmen sich Barrieren auf“, sagt die Antisemitismus-Expertin und Professorin der Bundesuniversität von Sao Paulo. „Man redet nicht über jene Geheimdekrete, mit denen Diktator Getulio Vargas ab 1936 Einreisevisa für bedrohte, verfolgte Juden verboten hat – der sichere Tod für viele von ihnen in den Konzentrationslagern. In den Tagebüchern von Vargas kann man alles über diese Geheimdekrete nachlesen – er wußte genau, was mit den Juden in Europa damals geschah. Vargas hielt engste Beziehungen zu Nazideutschland, kooperierte mit der GESTAPO, die seine politische Polizei ausbildete.“ Allein für Deutschland – natürlich mit Ausnahme Hamburgs – hat die Historikerin Tucci Carneiro über fünftausend abgelehnte Visaanträge dokumentiert. Auch polnischen, österreichischen Juden habe man damals die Einreise verweigert. Damit sei die Vargas-Regierung mitschuldig an nazistischer Ausrottung der Juden, was sich jeder Brasilianer endlich einmal bewußt machen sollte. Diktator Vargas habe zudem die Ausbreitung der NSDAP in Brasilien gefördert – er ließ Nazi-Instrukteure ins Land, die auch an den deutschen Schulen indoktrinierten. Vor diesem historischen Hintergrund ist bemerkenswert und sehr aufschlußreich, daß Vargas von der Bundesrepublik Deutschland als erster ausländischer Staatsmann 1953 mit der höchsten Stufe des Bundesverdienstkreuzes ausgezeichnet wurde.   Sicher ein interessantes Thema für Historiker und Geschichtsstudenten - falls sie sich trauen.
     Im Zentrum Rio de Janeiros wurde erst vor wenigen Jahren ein gewaltiges Memorial eingeweiht, mit dem die Nation den Judenhasser Getulio Vargas als größten Staatsmann der brasilianischen Geschichte, als Vater der Armen, der Arbeiter, als Förderer der Industrialisierung würdigt. Kein Wort, kein Hinweis auf seine antisemitische Politik. Noch 1949, also Jahre nach dem Krieg, verbietet ein Geheimdekret wiederum Einreisevisa für Juden. Das offizielle Argument: Es handele sich um Überlebende der KZs, also psychisch gestörte Leute, an denen Brasilien kein Interesse haben könne. Die Historikerin Tucci Carneiro: “Es gibt kein politisches Interesse, diesen Teil unserer Geschichte aufzuarbeiten, der Vergessenheit zu entreißen, die Bedeutung all dieser Vorgänge unserem Volke bewußt zu machen. Und ein Land ohne historisches Erinnerungsvermögen, so meine ich, hat keine Identität.“Nach Filinto Müller beispielsweise, dem GESTAPO-Schüler und berüchtigten Chef der politischen Polizei von Diktator Vargas, sind in Brasilien zahlreiche Schulen, Plätze, Straßen und sogar ein Plenarsaal im Nationalkongreß benannt. Nicht zufällig wird es unter Vargas Mode, Söhnen den amtlichen Vornamen Hitler zu geben. Auf Hitler-Vornamen trifft man bis heute – im Telefonbuch von Sao Paulo steht allen Ernstes ein „Himmler Hitler Göring Ferreira Santos“.Aber hatte nicht der große jüdische Schriftsteller Stefan Zweig just unter Diktator Getulio Vargas Zuflucht in Brasilien gefunden? Erst 1942 bricht Vargas mit Nazideutschland, um nicht auf der Verliererseite zu stehen. Und um den schönen Schein einer vorurteilsfreien, antirassistischen Nation zu wahren, wurden ausnahmsweise ganz bestimmte Juden durchaus ins Land gelassen: Jene, die eine hohe Summe bei der Banco do Brasil deponierten, oder jene, von denen man sich Vorteile versprach. Der angesehene jüdische Publizist und Stefan-Zweig-Biograph Alberto Dines aus Sao Paulo erinnert daran, daß Diktator Vargas den Dichter Stefan Zweig schon 1936 in Rio de Janeiro empfangen hatte – genau zwei Tage später lieferte Vargas die Jüdin Olga Benario an Hitlerdeutschland aus, in Bernburg wurde sie vergast.“Dieses Visum war damals eine kostbare Sache für jeden Juden, der aus Europa flüchten wollte. Und Stefan Zweig machte eben ein Geschäft mit der Vargas-Regierung – er schrieb ein Buch zugunsten Brasiliens im Tausch gegen ein Dauervisum, erhielt es mit unglaublicher Leichtigkeit. Und wenn er ein Buch verfaßt, das günstig für ein Land ist und idealisiert, wird er eben bestimmte Dinge nicht sagen. Stefan Zweig war kein politisierter Mensch, er hat die Augen vor vielem verschlossen. Er erfand das Paradies.“Das sehr realitätsfremde Buch heißt „Brasilien – ein Land der Zukunft“ und ist bis heute ein Weltbestseller, kurioserweise ein Klassiker der Brasilienliteratur. Natürlich verschweigt Stefan Zweig darin auch den grauenhaften Antisemitismus von Diktator Vargas. Über den „Engel von Hamburg“ Aracy Guimaraes Rosa und ihre bewundernswerte Zivilcourage wird wenigstens ein Dokumentarfilm berichten – ein brasilianisches Team dreht derzeit in Deutschland.   Â
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Simon-Wiesenthal-Zentrum in Israel: Brasilia kooperiert nicht bei Fahndung nach Kriegsverbrechern   Â
Efraim Zuroff, Direktor des Simon-Wiesenthal-Zentrums, sagte im Dezember 2007 in Sao Paulo, die brasilianische Regierung kooperiere mit seiner Institution bei der Fahndung nach Kriegsverbrechern nicht. Entsprechende alljährliche Bitten um sachdienliche Auskünfte seien  nie beantwortet worden. Daher müsse befürchtet werden, daß sich Brasilien in ein “Paradies der Nazis†verwandelt habe. In keinem südamerikanischen Land werde ernsthaft nach Kriegsverbrechern gesucht. Â
Bekanntlich hat unter anderem der berüchtigte KZ-Arzt Josef Mengele gemäß den Dokumenten bis zu seinem Tode im Jahre 1979 unbehelligt in Brasilien gelebt und in dieser Zeit engen Kontakt zu Angehörigen in der Bundesrepublik Deutschland unterhalten.   Â
Und wie agierte Aracy Guimaraes Rosa während der Militärdiktatur, mit der nach Brasilien geflüchtete Kriegsverbrecher, Altnazis sehr eng kooperierten? Sie half Verfolgten, ins Exil zu gehen und versteckte sogar einen von der politischen Polizei gesuchten Musiker in ihrer Wohnung.
« “Weit verbreitete Gleichgültigkeit gegenüber der Situation in Lateinamerika”. Bischof Erwin Kräutler im ORF. – Brasilianischer Priester klagt paramilitärische Milizen an - “Mörder, Räuber, Entführer”. »
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