Frei Betto, der bekannteste, wichtigste und meistgelesene Befreiungstheologe Brasiliens, hat im Exklusivinterview gegenüber dieser Website Angaben von Staatschef Lula, aber auch der Vereinten Nationen zurückgewiesen, wonach unter der Lula-Regierung die soziale Ungleichheit in Brasilien zurückgegangen sei. Frei Betto erklärte wörtlich: “Die soziale Ungleichheit hat sich erhöht und wurde keineswegs reduziert. Denn zwei Drittel des nationalen Reichtums sind in der Hand von nur zehn Prozent der Bevölkerung - das sind skandalöse Zahlen, das ist gravierend! http://www.hart-brasilientexte.de/2009/09/26/wohlhabende-verbrauchen-in-drei-tagen-wozu-arme-ein-ganzes-jahr-brauchen-brasiliens-soziale-kontraste-ipea-studie/

Die Einkommenskonzentration ist nach wie vor in Brasilien sehr stark. Zwar ist die Zahl der Verelendeten zurückgegangen, sind die Allerärmsten heute weniger arm, wurde der Mindestlohn angehoben - doch gleichzeitig sind die reichsten Bevölkerungsschichten heute dermaßen reicher, daß die soziale Ungleichheit in Wahrheit zugenommen hat.” Frei Betto wies unter anderem auf die rasche Zunahme der Zahl brasilianischer Millionäre.
–Argumentationstricks–
In Europa wird gewöhnlich die Version der Lula-Regierung verbreitet, wonach sich die soziale Ungleichheit verringert habe. Gemäß Experten, darunter auch aus der katholischen Kirche Brasiliens, bedienten sich Partei-und Staatsfunktionäre gewöhnlich einiger Argumentationstricks: So würden Studien herangezogen, die geringere Einkommensunterschiede seit dem Amtsantritt Lulas betonten. Indessen würden bei diesen Studien nur die puren Arbeitseinkommen berücksichtigt, nicht aber andere wichtige Einkommensformen. So betonte der Wirtschafts-und Sozialexperte Marcio Pochmann bereits 2006, daß solche anderen Einkommen, wie Profite, Zinsgewinne oder Mieteinnahmen und Verpachtungen, in derartigen Studien nicht ausreichend berücksichtigt würden. “Wenn wir uns nur auf das Arbeitseinkommen beziehen, können wir eine Reduzierung der Ungleichheit sehen. Falls wir indessen die anderen Einkommensformen einbeziehen, dürften wir feststellen, daß die Ungleichheit bestehen bleibt, sofern sie nicht sogar angestiegen ist. Man muß sehen, daß das Arbeitseinkommen nur 36 Prozent des Bruttosozialprodukts repräsentiert, während es 1980 noch 50 Prozent waren.” In den entwickelten Ländern seien es heute immerhin über 60 Prozent. Der oft herangezogene Gini-Koeffizient, so Pochmann 2007, sei keine gute Meßeinheit für Ungleichheit.
Andere Wirtschaftsexperten bestätigten Pochmann, wiesen auf die starke Zunahme bei Profiten, Zinsgewinnen und anderen Einkommensformen unter Lula, sprachen daher von einem “Spiel mit Halbwahrheiten und Lügen”. Brasiliens größte Qualitätszeitung “Folha de Sao Paulo” wies zudem 2007 und 2008 wiederholt auf den Umstand, daß gerade Besserverdienende und Betuchte bei Befragungen, die die Basis derartiger Studien bildeten, just jene anderen Einkommensformen gewöhnlich unterschlagen, nicht erwähnen. All dies weise auf eine Zunahme der Einkommensungleichheit.
Frei Betto : “Auch ein weiteres Phänomen blieb erschreckend - die Migration vom Land in die Stadt, die Zunahme der Slums, das Explodieren der städtischen Gewalt. Das sind Faktoren, die die Regierung nicht kontrolliert -  und auch nicht verhindert.” Offenbar wegen dieser Zustände wird Brasilien in Deutschland häufig als “stabile, moderne Demokratie” eingestuft.
Schriftsteller Joao Ubaldo Ribeiro über Statistik-Tricks: http://arquivoetc.blogspot.com/2008/09/joo-ubaldo-ribeiro-no-somos-todos.html
Frei Betto war rund zwei Jahre lang Berater von Lula, verließ den Präsidentenpalast jedoch aus Unzufriedenheit mit der Sozial-und Wirtschaftspolitik. Vor ihm hatte bereits Oded Grajew, von dem die Idee zum Weltsozialforum stammt, nach nur einem Jahr seinen Beraterposten aufgegeben.
Lula hatte vor der UNO erklärt, seiner Regierung gelinge es, Wirtschaftswachstum mit einer Reduzierung der sozialen Ungleichheit zu verbinden. “Es gibt jetzt Möglichkeiten für alle.” (”As oportunidades agora sao para todos.”)
Anders als sein Kollege Leonardo Boff, der fern in den Bergen bei Rio de Janeiro lebt, agiert Frei Betto mitten in der brodelnden Megacity Sao Paulo, der Wirtschafts-und Kulturhauptstadt Lateinamerikas. Frei Betto ist mit politischen und befreiungstheologischen Texten täglich in den großen brasilianischen Medien - ins Englische übersetzt, werden all diese Beiträge rund um den Erdball gelesen. Frei Betto berät katholische Pastoralen wie die Arbeiterseelsorge, ist bei allen gesellschaftlichen Debatten dabei. Um den Bestsellerautor, der Brasiliens wichtigsten Literaturpreis, doch auch in Europa derartige Preise erhielt, reißen sich die Verlage. Seine 52 Bücher, darunter Romane, erreichten Millionenauflagen. Die Befreiungstheologie ist laut Frei Betto in Lateinamerika weiter lebendig, produktiv und aktiv. Viele Analysen von Frei Betto und Leonardo Boff, darunter über Kuba, kommen selbst in vielen bürgerlichen Demokratien häufig nicht durch die Zensur, werden auch von nicht wenigen NGO unterschlagen. Zum achtzigsten Geburtstag Castros veröffentlichte Boff eine Zeitungskolumne:“Was ich hier schreibe, wird alle jene irritieren oder schwarz ärgern, die Kuba oder Fidel Castro nicht mögen.“
Frei Betto sagte ferner im Website-Exklusivinterview: “In Wahrheit lebt die Mehrheit der Lateinamerikaner heute zwischen Elend und Armut. Wir haben etwa 500 Millionen Bewohner Lateinamerikas - davon leben etwa 300 Millionen im Stadium des Überlebens, auf der Suche nach Arbeit und vor allem Nahrungsmitteln. Ich meine aber, daß keine brasilianische Regierung seit den 50er Jahren soviele Mittel im Sozialbereich investiert hat wie die Lula-Regierung. Allerdings handelt es sich dabei um keine emanzipatorische Politik, die Strukturen verändert und die Misereregionen bedeutend verringert. Dafür wäre nötig, daß Lula zumindest eines der historischen Versprechen der Arbeiterpartei sowie von ihm selbst erfüllt - nämlich die Agrarreform verwirklicht. Menschen erhalten zwar Geld von der Regierung, es gibt mehr Kredite für Kleinbauern, der Mindestlohn wurde angehoben. Doch Menschen können nicht aus eigener Kraft ihr Überleben sichern, um nicht von Regierungshilfen abhängig zu sein. Das halte ich für beklagenswert.”
Wer sich in brasilianischen Supermärkten umsieht, macht eine erstaunliche Entdeckung: Im Billigstlohnland Brasilien sind zahlreiche wichtige Lebensmittel, darunter Milch, Käse oder Joghurt, sowie andere Waren nicht nur deutlich teurer, sondern auch noch von schlechterer Qualität als im Hochlohnland Deutschland, nicht selten zudem absurd mit chemischen Stoffen belastet. Interessant außerdem, daß selbst gute Weine aus dem relativ nahen Chile in Brasilien erheblich teurer sind als im viel, viel weiter entfernten Deutschland. Zu den Ursachen zählt u.a., daß in Brasilien die Profitspannen viel größer sind als in Mitteleuropa. Daher sind nicht wenige Unternehmen der Ersten Welt geradezu verrückt darauf, in Brasilien für den Binnenmarkt zu produzieren. Manche hier feilgebotenen Produkte großer internationaler Qualitätsmarken wären etwa in Deutschland unverkäuflich oder ein Beschwerdefall.
“Die Grünen” 2008: “Fortschrittliche Regierungspolitik in Brasilien”.
 ”Trotz der fortschrittlichen Regierungspolitik steht Brasilien weltweit an vorderster Stelle bei Morden an Homosexuellen und Transgendern.” http://www.hart-brasilientexte.de/2008/09/25/brasiliens-befreiungstheologen-demonstrieren-mit-obdachlosen-tagesschaude/
http://www.hart-brasilientexte.de/2008/03/31/brasilien-weiter-misere-trotz-anti-hunger-programm/
http://www.hart-brasilientexte.de/2008/02/17/lynchland-brasilien-meiste-opfer-lebendig-verbrannt/
(siehe weitere Frei-Betto-Texte auf dieser Website)
Folter unter Lula - der österreichische Gefangenenseelsorge-Priester Günther Zgubic:
http://www.hart-brasilientexte.de/2008/07/18/two-woman-and-a-tragedy-frei-betto/
http://pt.wikipedia.org/wiki/Frei_Betto
Frei Betto und Lula:
Enge Kooperation mit Ex-Minister der Folterdiktatur verurteilt
Waldemar Rossi von der Arbeiterseelsorge: “Lula war stets ein Konservativer, für das kapitalistische System”
Der brasilianische Befreiungstheologe und Bestsellerautor Frei Betto hat Staatschef Lulas Äußerung  scharf kritisiert, wonach jene, die sich als Ältere noch zur Linken zählten, nicht ganz bei Troste seien. Lula sagte dies im Dezember 2006 in Sao Paulo auf einem Treffen von Unternehmern, die sich gemäß Presseberichten vor Lachen bogen. Der Dominikaner-Ordensbruder verurteilte zugleich Lulas enge Zusammenarbeit mit dem rechtskonservativen Ex-Minister der 21-jährigen Militärdiktatur, Delfim Netto. Wie Frei Betto in Sao Paulo betonte, habe sich die sozialdemokratische Option des Staatschefs in dessen erster vierjähriger Amtsperiode bereits in einer neoliberalen Wirtschaftspolitik gezeigt.
Nur zehn Milliarden der Landeswährung Real seien in das Anti-Hunger-Programm “Bolsa Familia” geflossen, jedoch hundert Milliarden Real an die Gläubiger der öffentlichen Schulden. Dies habe die versprochene und erträumte selbsttragende Entwicklung des Landes verhindert. Lulas respektlose Bemerkung über die Linke beziehe sich auch auf anerkannte Persönlichkeiten wie Fidel Castro, Ho Chi Minh, den brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer sowie auf die beiden Bischöfe Pedro Casaldaliga und Tomas Balduino. Lulas Argumentation entspreche der von US-Präsident Bush und vielen Rechten:”Wer noch vom Ende der sozialen Ungleichheit oder von der Möglichkeit einer anderen Welt träumt, muß verrückt sein.”
Frei Betto, der als Diktaturgegner vier Jahre eingekerkert war,  wandte sich zudem scharf gegen Lulas Freundschaft mit dem Ex-Diktaturminister Delfim Netto. “Delfim übte niemals Selbstkritik wegen seiner Mitschuld am Diktaturregime, das verhaftete, folterte, mordete, verbannte und hunderte von Menschen verschwinden ließ.” Vielmehr habe Netto sein Verhalten sogar gerechtfertigt. Der Befreiungstheologe nannte es besorgniserregend, wenn Lula die Freundschaft mit Netto als “Signal menschlicher Evolution” betrachte.
Zuvor hatte Waldemar Rossi, der zu den Führern der katholischen Arbeiterseelsorge zählt, in Sao Paulo betont, daß Lula nie der Linken angehörte. “Mit seiner Äußerung, wonach jemand, der als Älterer immer noch links stehe, nicht ganz bei Troste sei, wollte sich Lula schlichtweg den Unternehmern anbiedern. Und zeigte wieder einmal, wer er wirklich ist. Lula gleicht einem Chamäleon - paßt sich an - entsprechend seinen persönlichen Interessen. Lula gehörte nie zur Linken, war stets ein Konservativer, wollte einfach persönlich Karriere machen. Man schaue sich nur an, welche Privilegien er jetzt sich und den Seinen verschafft hat - einfach absurd. Nur ein Idiot sieht und begreift dies alles nicht. Lula wußte geschickt die Naivität der Linken auszunutzen, die ihn zu einem revolutionären Führer machen wollten. Er ergriff die Chance, stieg auf - und verpaßte danach sowohl der brasilianischen Linken als auch den brasilianischen Sozialbewegungen, ob Landlose oder Studenten, einen Tritt in den Hintern. Von denen will er nur Wahlstimmen - aber sie sollen ihm keine Problem machen. Die Welt, die er für sich erträumt, ist die eines Reichen, eines Privilegierten. Seine Vision ist die des Kapitals. Lula war stets für das kapitalistische System, von Anfang an. Er hat eine strikt kapitalistische Sicht der Dinge, biederte sich stets jenen an, die die wirtschaftliche Macht haben.”
Aber in Europa haben viele doch Lula zum neuen Star der Linken hochgejubelt, definieren ihn als Linken? “Die haben einfach nichts begriffen, sind realitätsfremd. Nie hat das Kapital in Brasilien solche Gewinne gemacht wie unter Lula. Realitätsfremde Universitätslinke, jene, die nur von der Theorie her kommen, hielten in Brasilien Lula für einen Linken - nicht aber die Arbeiter an der Basis, die machten sich keine Illusionen.” Rossi hatte beim Papstbesuch von 1980, zur Diktaturzeit, in einem Fußballstadion Sao Paulos als Vertreter der Arbeiter zu Johannes Paul dem Zweiten gesprochen, sich mit ihm getroffen.

Waldemar Rossi
Ex-Metallarbeiter Rossi äußerte sich auch zu Darstellungen, wonach der Ex-Gewerkschaftsführer Lula zur Diktaturzeit geradezu legendäre Streiks geleitet und damit die Foltergeneräle herausgefordert habe. “Lula war nie für Streiks - diese wurden nur deshalb organisiert, weil die Basis sie verlangte. Und nur, weil die Arbeiter es verlangten, vertrat Lula bestimmte politische Positionen. Nach der Diktaturzeit hat Lula große, historisch wichtige Streiks, darunter der Ölarbeiter und Lehrer, öffentlich verurteilt.”
Rossi nannte einen Ausspruch Lulas aus der Regimeepoche sehr aussagekräftig, in dem der heutige Staatspräsident bestimmte Sympathien für Adolf Hitler geäußert hatte. “Er irrte zwar”, so Lula in einem Interview, “hatte aber etwas, das ich an einem Manne bewundere - dieses Feuer, sich einzubringen, um etwas zu erreichen. Was ich bewundere, ist die Veranlagung, Hingabe.”
Laut Rossi zeigt das Zitat ein ganz bestimmtes Werteverständnis, auch über das Anstreben der Macht. “Hitler kam an die Macht, hatte es geschafft.”
Der katholische Arbeiterseelsorger erinnerte zudem an die sehr guten Kontakte Lulas sowie von dessen Flügel der Arbeiterpartei, zudem vom Gewerkschaftsdachverband CUT, zur SPD. “Schon vor dem Fall der Mauer absolvierten viele von PT und CUT bei der SPD in Deutschland Schulungen, Ausbildungen.”
Die Analysen Frei Bettos und Rossis machen verständlich, weshalb Lula in Deutschland häufig der Linken zugeordnet wird.
Gemäß dem neuen Jahresbericht von “Human Rights Watch” ist unter Lula in Brasilien die Folter weiterhin ein ernstes Problem.
Claudio Abramo von “Transparency International” zu Linken in Brasilien
Die renommierte Universitätsprofessorin Anita Prestes aus Rio, Tochter der von den Nazis in Bernburg vergasten Jüdin Olga Benario, betont, in Brasilien gebe es weder linke Parteien noch linke Organisationen, lediglich linke Einzelpersönlichkeiten. So sieht es auch der Sozialwissenschaftler Claudio Abramo, Exekutivdirektor von “Transparencia Brasil”, Teil des weltweiten Anti-Korruptions-Netzwerkes “Transparency International”. Im Exklusivinterview sagte Abramo:”Hier gibt es keine linke Organisation - soetwas ist hier nicht verwurzelt. Und ein gesellschaftliches Segment, das eine linke Partei tragen könnte, existiert auch nicht. Wir sind ein deutlich unterentwickeltes Land.”
http://www.bpb.de/themen/AG8OHL,0,0,Brasiliens_Widerspr%FCche.html
« Slum-Feuergefechte, Leuchtspurmunition aus Maschinengewehren der Banditenkommandos über Rio de Janeiro. Bewohner in Schrecken. Video anklicken. – Strafen wegen Widerstands gegen die Hitler-Diktatur heute noch in Deutschland rechtskräftig. »
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Pingback: Klaus Hart Brasilientexte » Soziale Ungleichheit unter Lula: Laut UNO sind Brasilia, Fortaleza, Belo Horizonte und Goiania unter den Schlußlichtern der neuen Welt-Statistik. – 19. März 2010 @ 15:16
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Pingback: Klaus Hart Brasilientexte » Keine Verringerung der sozialen Ungleichheit unter Lula-Regierung, laut Soziologe Chico de Oliveira, Mitgründer von Arbeiterpartei(PT) und Gewerkschaftsdachverband CUT. – 10. Mai 2010 @ 23:29