Klaus Hart Brasilientexte

Aktuelle Berichte aus Brasilien – Politik, Kultur und Naturschutz

“Entwicklungshindernis Gewalt” – ein Arbeitsbuch über neue Kriege und erzwungene Armut – für Oberstufe und Erwachsenenbildung. Misereor, ila Bonn. Steinigen im Iran und in Brasilien. “Ich glaube, ihr seid auf einem fabelhaft guten Wege.” Helmut Schmidt(SPD) zu Lula 2009 in Hamburg…

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Welthaus Bielefeld in Kooperation mit Misereor und dem Deutschen Entwicklungsdienst

208 Seiten plus CD, Peter-Hammer-Verlag 2006. Bestellung: Rolf.Schulz@msw.nrw.de

Auszüge des Buches: Das Arbeitsbuch für Oberstufe und Erwachsenenbildung analysiert die Folgen von Krieg und Gewalt für Armut und Entwicklung. Es beleuchtet Phänomene, die in unseren Schulbüchern noch nicht vorkommen: Warlords und Gewaltökonomien, den Zerfall der schwachen Staaten und das notwendige neue Verständnis von „Human Security”.

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Zeitungsfoto – Rio-Bewohner betrachten Ermordete. http://www.hart-brasilientexte.de/2010/09/14/steinigen-im-iran-unter-ahmadinedschad-und-in-brasilien-unter-lula-lula-konnte-sich-uber-die-tatsache-beunruhigen-das-brasilien-zu-den-landern-gehort-in-denen-am-meisten-gelyncht-wird-jose/

Gleichzeitig werden Ansätze zur Überwindung von Gewalt und Krieg “ UN-Blauhelme, Sanktionen, zivile Konfliktbearbeitung “dargestellt und problematisiert. Fächerbezüge für Politik/GL, SoWi, Erdkunde, Religion. Zielgruppe: Lehrerinnen und Lehrer der Oberstufe (Klassen 10 “ 13).
Einleitung
Gewalt bestimmt die Lebensverhältnisse so vieler Menschen auf der Erde. Skupellose Diktatoren, regionale Kriegsfürsten (warlords) oder kriminelle Banden sind die Herrscher über viele Millionen Menschen in verschiedensten Teilen der Welt. Sie sind nicht nur dank ihrer Bewaffnung Herren über Leben und Tod. Sie kontrollieren auch Rohstoffquellen und Ausfuhren, erpressen Schutzgelder und rekrutieren Kindersoldaten für ihre Zwecke. In solchen Gewaltmärkten ist Entwicklung unmöglich. Das Fortbestehen der Armut wird geradezu erzwungen.
Die Entwicklungspolitik hat dem „Entwicklungshindernis Gewalt” bisher zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Doch alle ökonomischen und sozialen Programme werden scheitern, solange bewaffnete Gruppen ihre Interessen rücksichtslos durchsetzen können. Dabei ist es unerheblich, ob diese Gruppen sich der Staatsmacht bedienen oder ob sie in „schwachen Staaten” (vor allem in Afrika) unbehelligt von staatlichen Autoritäten ihr tödliches Geschäft betreiben können.

Fotodokumentation: http://www.hart-brasilientexte.de/2010/09/05/brasiliens-zeitungen-eine-fundgrube-fur-medieninteressierte-kommunikations-und-kulturenforscher/
Dieses Arbeitsbuch will also die Aufmerksamkeit auf das Gewaltproblem lenken. Es soll die Entwicklungsfolgen der Gewaltverhältnisse deutlich machen, aber auch aufzeigen, wie internationale Politik, eine aufmerksame Zivilgesellschaft und engagierte Friedensarbeiter zu einer Überwindung der Gewalt beitragen können.
Der Hunger, die elenden Lebensbedingungen in vielen Ländern der „Dritten Welt”
oder auch die Vertreibung von Millionen Flüchtlingen sind zu wesentlichen Teilen “ wenn
sicher auch nicht ausschließlich “ auf einen Faktor zurückzuführen, der in der entwicklungspolitischen Diskussion häufig vernachlässigt wird: Auf Kriege und Gewalt. Ökonomische und politische Entwicklungsbedingungen stehen im Mittelpunkt unserer politischen wie wissenschaftlichen Wahrnehmung. Die Tatsache, dass so vielen Menschen durch Gewaltverhältnisse ein menschenwürdiges Leben vorenthalten wird, bleibt weithin außen vor. Gewalt hat viele Erscheinungsformen. Menschen werden bei kriegerischen Konflikten getötet oder verletzt oder sie verlieren ihre Ernten an Warlords und Rebellengruppen, die sich auch Rohstoffquellen (Gold, Diamanten, Koltan, Edelhölzer) gewaltsam aneignen. In vielen Stadtteilen (Slums, Favelas, Barriadas, Townships) der Großstädte vor allem in Lateinamerika haben kriminelle Banden die Herrschaft übernommen und terrorisieren die Bevölkerung. Sie erpressen Schutzgelder von Kleinunternehmern, entführen Geschäftsleute und kontrollieren vor allem den Drogenhandel. Einkommen aus Gewaltandrohung oder Gewaltanwendung ist das typische Kennzeichen dieser Gewaltökonomien. Die Folgen derartiger Gewaltverhältnisse gehen über den Kreis der unmittelbaren Opfer hinaus. Sie betreffen weite Teile der Gesellschaft und die staatliche Ordnung insgesamt. Unter derartigen Gewaltbedingungen werden die Grundlagen für Entwicklung auf lange Sicht ruiniert. Die Landwirtschaft kommt zum Erliegen, weil Ernten, Saatgut und Vieh vernichtet werden. Märkte brechen zusammen und damit für viele Menschen die Chance auf Einkommen. Unternehmer unterlassen Investitionen und bringen ihr Geld ins Ausland. Kriegsflüchtlinge erhöhen zudem die Probleme einer angemessenen Versorgung der Menschen.
Wenn Warlords bestimmte Regionen oder kriminelle Banden ganze Stadtviertel kontrollieren, so ist dies ein wesentliches Anzeichen für den Zerfall des Staates. Der Staat hat sein Gewaltmonopol aufgegeben und lässt “ freiwillig oder unfreiwillig “ zu, dass Warlords und Kriminelle den Lauf der Dinge bestimmen. Die staatlichen Einnahmen (Steuern, Abgaben) gehen zurück und reduzieren für den ohnehin schwachen Staat die Möglichkeiten, öffentliche Güter (wie Sicherheit, Bildung oder Gesundheit) bereit zu stellen, was zu weiterem Legitimationsverlust und Staatsverfall beiträgt.Die kriegerischen Konflikte von heute werden meist innerstaatlich ausgetragen und auch als „neue Kriege” bezeichnet. Das Kriegsziel ist nicht mehr die Eroberung der staatlichen Macht, sondern lediglich die Kontrolle über ökonomisch attraktive Ressourcen (wie Rohstoffvorkommen oder Ölfelder). Es hat eine Kommerzialisierung und Entstaatlichung/ Privatisierung der Gewalt stattgefunden. Große Armeen und schwere Waffen werden nicht benötigt. Weil es meist gegen unbewaffnete Zivilbevölkerung geht, die bedroht oder vertrieben werden soll, sind Kindersoldaten das ideale Instrumentarium. Sie sind billig, leicht zu dirigieren und mit einer Kalaschnikow in der Kinderhand dennoch höchst effektiv.
Die Gewalträume in den Ghettos (Slums, Favelas) der Großstädte sind ebenfalls Ausdruck von Staatsversagen. In weiten Teilen der Metropolen hat sich ein krimineller Sektor etabliert, der mit Drogen- und Waffenhandel, mit Prostitution und Menschenhandel, erhebliche Einkommen erzielt. Regierung und Behörden tolerieren weithin diesen Sektor,
oder es kommt sogar zu einer durch Korruption begünstigte Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen. In hohem Maße sind in diesen Gewalträumen Jugendliche involviert, die als Banden die „Schmutzarbeit” übernehmen und die Bewohner terrorisieren, die wiederum kaum die Chance auf Hilfe durch Polizei und Sicherheitsbehörden haben.
3. Lateinamerika: Das Gesetz des Dschungels in den Ghettos
3.1 Schlimmer als im Krieg
Die „kriminelle Gewalt” ist “ glaubt man dem Human Security Report 2005 “ für deutlich mehr Tote und Verletzte verantwortlich als Kriege und kriegerische Konflikte. Und auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bemerkt, dass die „interpersonale Gewalt” opferreicher sei als die „kollektive Gewalt” der Kriege, kriegerischen Konflikte etc. Ganz besonders betroffen von der „interpersonalen” oder „kriminellen” Gewalt ist Brasilien, das hier als Beispielland herangezogen werden soll. In keinem Land der Welt fühlen sich die Menschen derart bedroht wie in Brasilien.
75% der Bevölkerung gaben bei einer Befragung an, damit zu rechnen, innerhalb der nächsten 12 Monate von Gewalt betroffen zu werden (vgl. Human Security Report 2005). Es bleibt aber nicht nur beim Bedrohungsgefühl. Jeder fünfte Brasilianer gab zu Protokoll, innerhalb der letzten 5 Jahre attackiert oder zumindest bedroht worden zu sein, auch dies ein weltweiter Spitzenwert.
Ein Vergleich zwischen Deutschland und Brasilien macht das Ausmaß der tatsächlichen Bedrohung deutlich.
3.1 Schlimmer als im Krieg
Brasilien beklagte (2002) nicht nur insgesamt deutlich mehr gewaltsam Getötete als Deutschland. Auch bezogen auf 100.000 Einwohner wird ersichtlich, dass das Risiko, gewaltsam ums Leben zu kommen, in Brasilien erheblich höher liegt (23mal höher) als in Deutschland.
Hinter diesen abstrakten Zahlen verbirgt sich ein für uns wohl unfassbares Ausmaß
menschlichen Leids und menschlicher Verzweiflung. Es ist vor allem das schutzlose
Ausgeliefertsein, das die Tragik der Situation bestimmt. Die Bedrohung ist permanent,
Tag und Nacht. Jeder Gang aus dem Haus kann in einer Blutlache enden. Weder Kinder
noch Erwachsene sind davor gefeit, zufällig oder willkürlich zum Opfer der Gewalt
zu werden, selbst wenn ihr Verhalten ohnehin darauf ausgerichtet ist, Gefahren zu
vermeiden und keinerlei Anlass für den Unmut der Bosse zu liefern. Und kein Staat, keine Polizei und keine Moral schützt die Menschen vor der Willkür der Kriminellen.
Die Gesichter der Gewalt sind vielfältig, gehen über die Willkür von Drogenbossen
oder der Jugend-Gangs hinaus. Fast gleichermaßen müssen die BewohnerInnen der
Favelas die repressive Gewalt der staatlichen Sicherheitskräfte fürchten, die doch
eigentlich für ihren Schutz da sein müssten. Immer wieder kommt es zu Übergriffen
bis hin zu Massakern, wenn Polizisten, Militärpolizisten oder Soldaten einen Bezirk
stürmen und wahllos niedermachen, wer ihnen verdächtig vorkommt. Oft sind dies
Rachefeldzüge für ermordete Kollegen “ oder aber es sind gezielte Aktionen korrupter
Polizeibeamter, die mit diesen Aktionen ihre Kassen aufbessern. Denn Vereinbarungen zum beidseitigen Nutzen zwischen Gangsterbossen und Polizisten sind durchaus an der Tagesordnung. Die Beseitigung unliebsamer Konkurrenz im Drogengeschäft lassen sich
die kriminellen Syndikate durchaus etwas kosten, was schlecht bezahlte Polizisten
gerne zur Kenntnis nehmen. Angesichts der Übermacht des Verbrechens erscheint der Kampf der unterlegenen, schlecht ausgebildeten und technisch benachteiligten Polizeibeamte ohnehin fast aussichtslos.
Aufmüpfige Favela-BewohnerInnen, aber auch Straßenkinder und Obdachlose, die den Geschäftsleuten nicht ins Bild passen, sind die bevorzugten Opfer dieser Sicherheitskräfte, die häufig als Todesschwadrone („Schutzringe”) nach Dienstschluss ihre Verbrechen begehen, die sie als „soziale Säuberung” verstehen wollen. Vor allem Angehörige der Militärpolizei sind hier tätig. Mittlerweile gibt es Stadtviertel, in denen derartige Milizen die Gewaltherrschaft übernommen haben, ohne dass dies an der Gefährdung für die BewohnerInnen etwas ändern würde.
Über diese öffentliche Gewaltanwendung hinaus existiert aber auch noch die weithin verschwiegene häusliche Gewalt, die fatalerweise gerade die Frauen und Mädchen besonders trifft, die durch die äußeren Bedingungen ohnehin schon drangsaliert und gefährdet sind. Brasilien gilt als ein Land, das dank des Machismo in dieser Hinsicht ganz besonders herausragt. In einer Untersuchung aus 2001 gaben 41% der befragten Frauen an, in ihrem Leben physische und/oder sexuelle Gewalt erfahren zu haben (vgl. Violence against women in Brazil: Overview, gaps and challenges, 2005). Erst seit 2005 lässt das brasilianische Strafrecht die Tötung von Frauen aus dem Motiv einer „legitimen Verteidigung der Ehre” nicht mehr zu. Bis dies an der tatsächlichen Lage der Frauen etwas verändert, werden noch viele Jahrzehnte ins Land gehen.
Im Mai 2006 kam es in Rio zu besonders schweren, kriegsähnlichen Auseinandersetzungen
zwischen Sicherheitskräften und kriminellen Gangs. Dutzende Menschen wurden erschossen, Polizeiwachen unter Feuer genommen, fast 100 Busse angezündet. Außerdem gab es gewalttätige Häftlingsrevolten in einigen Gefängnissen, die nur mit Militäreinsatz niedergeschlagen werden konnten. Der Text auf M 25 nimmt auf diese Ereignisse Bezug und fragt nach den gesellschaftlichen Nutznießern der „neofeudalen Bandendiktatur”.

In vielen Metropolen der Welt gibt es Stadtviertel, in denen die Menschen um ihr Leben fürchten müssen. Vor allem die männliche Jugend trägt ein hohes Risiko, bedroht, verwundet oder getötet zu werden. Dies gilt z. B. für viele Favelas (unbefestigte Stadtviertel) in Brasilien, die zum Schmelztiegel der Gewalt geworden sind. Tausende von jungen Männern, ohne Arbeit und ohne Aussicht auf legales Einkommen, lassen sich dort von Drogenbossen in kriminellen Gangs rekrutieren. Schon die 14-Jährigen tragen eine Waffe “ und sie benutzen sie auch. Gewaltanwendung aus nichtigem Anlass ist an der Tagesordnung. Viele Menschen kommen rein zufällig zu Schaden, sind zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort und geraten in die Feuergefechte der Kriminellen. Es sind in hohem Maße Drogenbanden, die um Märkte und Einflusszonen kämpfen und dabei keine Rücksicht auf ihre Umgebung nehmen. Es kann aber auch sein, dass „durchgeknallte” Kinder “ vielleicht unter Alkohol und Drogeneinfluss “ Lust verspüren, ihre Pistolen zu benutzen oder jemanden erschießen, weil sie sein Handy haben wollen. Die Folgen dieser Gewalt sind nicht nur Tausende
von Toten. Ungezählte Menschen in diesen gewaltförmigen Subkulturen werden auch verletzt und traumatisiert. Andere verlieren durch Überfälle ihre ökonomische Existenzgrundlage oder können das Schutzgeld nicht mehr bezahlen, das von ihnen immer wieder verlangt wird. Kinder trauen sich nicht mehr auf die Straße oder meiden ihre Schule, weil sie zum Ort gewaltsamer Auseinandersetzungen geworden ist.
Diese Gewaltphänomene sind kaum in Zahlen zu fassen.

Auffällig ist die Gleichzeitigkeit der Gewaltformen: Die Menschen leiden nicht nur unter der kriminellen Gewalt der Drogenbosse und ihrer meist jugendlichen Gangs, sondern auch unter der repressiven Gewalt, wie sie durch die Sicherheitskräfte (Polizei, Militärpolizei) ausgeübt wird. Immer wieder wird von Übergriffen und Massakern der Sicherheitskräfte berichtet, die als regelrechte Todesschwadrone in die Favelas gehen und dort wahllos töten, während es mit den kriminellen Bossen oft korrupte Deals des gegenseitigen Gewährenlassens gibt. Außerdem ist das hohe Ausmaß häuslicher Gewalt erschreckend; bei einer repräsentativen Befragung im Jahre 2001 erklärten 41 % der Frauen, in ihrem Leben bereits Opfer sexueller oder physischer Gewalt
geworden zu sein .
Kriminelle Gewalt
„Jahrelang interviewte der Polit-Rapper MV Bill Minderjährige, die von den Gangstermilizen rekrutiert worden waren “ Kinder und Jugendliche, die anstatt noch zu spielen oder in die Schule zu gehen, mit harten Drogen handeln, mit NATO-MPis feuern oder Handgranaten werfen, Angehörige rivalisierender Milizen und Slumbewohner
auf bestialische Weise liquidieren, sogar lebendig verbrennen. Eine Hausangestellte kommt nach der Arbeit in den Slum zurück “ direkt neben ihrer Gartentür findet sie den Kopf des Nachbarn aufgespießt. „Die Slums leben in einer Kriegssituation “ die Männer dort hören nicht auf, sich gegenseitig zu töten”, sagt Rapper MV Bill. „Von den Sechzehnjährigen, die wir interviewten, hatten die meisten schon keine Väter mehr. Und die Kinder dieser Sechzehnjährigen standen kurz davor, Waisen zu werden. Denn mit sechzehn Jahren
ist für die meisten dieser Banditen schon Schluss, dann sind sie tot. Vor unseren Augen spielt sich ein regelrechter
Genozid ab.”

(K. Hart: Brasiliens Kindersoldaten, ILA Brasilientexte 25. 3. 2006)
Repressive Gewalt


Die von staatlichen Sicherheitskräften verübten Morde an Favela-BewohnerInnen, Obdachlosen und Straßenkindern sind in Rio zur Routine geworden ¦ Trotz der zur Alltäglichkeit gewordenen Barbarei schockierte das Massaker vom 31. März 2005, dem 29 Menschen zum Opfer fielen, die brasilianische Öffentlichkeit ¦ Bei den
ersten Opfern handelte es sich um zwei Fahrradfahrer, die aus einem Wagen heraus erschossen wurden. In den darauf folgenden Minuten töteten die Männer wahllos weitere neun Menschen. Anschließend fuhren sie in die 15 km entfernte Nachbarstadt Nova Iguaçu und erschossen 18 weitere Personen (ILA 371, Mai 2005).
Häusliche Gewalt
Im Macholand Brasilien werden jährlich über 45 000 Menschen ermordet, sehr viele Opfer sind Frauen. Oseias Brito in der Amazonas-Großstadt Manaus beispielsweise hatte seiner Ehefrau Maria strikt verboten, zu arbeiten und abends einen Berufskurs zu machen. Wenn er zu seiner Geliebten ging und Maria das kritisierte, schlug er sie jedesmal so brutal zusammen, dass Blut floss. Als die 25-Jährige sich im März schließlich von ihm trennen wollte, brachte Oseias sie sofort auf sadistische Weise um, hackte ihren Körper in Stücke “ gar kein untypischer Fall. Noch unlängst wäre er vor Gericht mit dem Argument durchgekommen, in „legitimer Verteidigung der Ehre” gehandelt zu haben. Jetzt hat Oseias Brito weit schlechtere Chancen auf Freispruch. Denn anlässlich des Internationalen Frauentags sanktionierte Brasiliens Staatschef Lula mehrere Strafrechtsänderungen,
die mit dem absurden Argument der Ehrenrettung Schluss machen sollen.Brasiliens Zeitungen melden täglich zahlreiche Fälle von Macho-Gewalt. So absurd es klingt “ getötet wird keineswegs selten die bereits rechtmäßig von dem Täter geschiedene Ex-Frau, die frühere Freundin, die Geliebte oder Ex-Geliebte. „Selbst der Ehebruch war bisher strafbar “ angeklagt und verurteilt wurden jedoch stets nur Frauen”, erläutert der Abgeordnete Antonio Carlos Biscaia aus Staatschef Lulas Arbeiterpartei. „Jetzt fällt dieser Paragraph. Und bei Morden bleibt künftig die These von der legitimen Verteidigung wirkungslos.”
Unglücklicherweise geschähen solche Verbrechen eben nicht nur in fundamentalistischen arabischen Ländern, sondern auch in Brasilien.

(K. Hart, Brasiliens Ehrenmorde. ILA-Brasilientexte 22. 3. 2005).

Im Mai 2006 kam es in Rio zu besonders schweren, kriegsähnlichen Auseinandersetzungen
zwischen Sicherheitskräften und kriminellen Gangs. Dutzende Menschen wurden erschossen, Polizeiwachen unter Feuer genommen, fast 100 Busse angezündet. Außerdem gab es gewalttätige Häftlingsrevolten in einigen Gefängnissen, die nur mit Militäreinsatz niedergeschlagen werden konnten. Der Text nimmt auf diese Ereignisse Bezug und fragt nach den gesellschaftlichen Nutznießern der „neofeudalen Bandendiktatur”.
Ein lebensgefährliches Pflaster: Getötete Personen (pro 100.000 Einwohner)
Deutschland 1,2
Brasilien 28,4

Frankfurt 6,5
Sáo Paulo 59,9

Autor: Klaus Hart. Ila-Brasilientexte 17. 3. 06


„Die Zuckerhutstadt war noch in Karnevalsstimmung, feierte die Sieger der berühmten Samba-Parade, als Panzerwagen durch die Straßen preschten, Kampfhubschrauber
starteten und die größten der rund achthundert Slums besetzten. Denn kurz zuvor hatte ein Banditenkommando eine Kaserne überfallen und dabei zehn Maschinengewehre und
eine Pistole geraubt. Bei ähnlichen Attacken wurden sogar Dutzende von deutschen Sturmgewehren der Marke Heckler und Koch, dazu Granaten, Landminen und massenhaft Munition erbeutet. Jetzt wurde es der Militärführung zu bunt “ denn
solche Raubzüge drohten die Moral der Truppe, die Ehre der Streitkräfte zu untergraben. Daher der massive Truppeneinsatz. Doch die flinken, meist jugendlichen Banditen in ihren Hochburgen, dem Parallelstaat der Slums, wendeten im unüberschaubaren
Gassenlabyrinth Guerillataktiken an, die nicht wenige im Auftrag der Verbrechersyndikate zuvor bei der Armee, oft in Kasernen gleich neben den Elendsvierteln, trainiert hatten ¦
Doch nach zwölf Tagen –  oh Wunder “ waren die gesuchten Waffen auf einmal wieder da, wurde die Aktion abgebrochen. Ein Informant habe die Soldaten zu dem Waffenversteck nahe der Traumstrände Rios geführt, sagte ein Militärsprecher: „Das war ein Sieg
der militärischen Aufklärung. Wir wenden nur dann Gewalt an, um Gefechte zu verhindern oder die Zivilbevölkerung vor größerem Unheil zu bewahren.” Doch wie Brasiliens größte Qualitätszeitung, die „Folha de Sáo Paulo” meldete, lief die Sache völlig anders.
In Wahrheit hatten danach die Streitkräfte insgehei mit dem größten nationale Verbrechersyndikat „Comando Vermelho” verhandelt “ und vorgeschlagen Ihr rückt die Waffen wieder heraus, und wir stoppen die Militäraktion, lassen euch in Ruhe. Ganz im Sinne der Banditen –  denn durch die Slumbesetzung war der hochlukrative Drogenhandel gestört worden ¦ Kurioserweise wurden die Banditen mit „Companheiro” (Genosse, Kamerad) angeredet. Ein Team des TVSenders
SBT habe all dies sogar gefilmt. Jetzt, nach dem Truppenabzug, feiern sich Rios Banditenmilizen als Sieger “ zehntausende Mitglieder rivalisierender
Verbrechersyndikate setzen ihre grausame neofeudale Diktatur über die Slumbewohner fort, lassen sich mit ihren brasilianischen, deutschen, schweizerischen,
russischen und nordamerikanischen Maschinengewehren für die Titelseiten der Zeitungen ablichten. Brasiliens Öffentlichkeit fragt natürlich: Und was ist mit diesen Waffen –  was ist mit den Menschenrechten der Slumbewohner? Der renommierte Historiker und Universitätsprofessor José Murilo de Carvalho, Mitglied der Dichterakademie Brasiliens, hat darauf seit langem eine Antwort. „Die Existenz des organisierten Verbrechens in den Slums blockiert die Politisierung der Bewohner, hält sie ruhig, verhindert eine Rebellion, Protestaktionen jeder Art. Die Gangsterkommandos dienen damit der Aufrechterhaltung von politischer Stabilität im Lande “ und das
ist den Autoritäten sehr recht, ist gut für sie. Denn wegen der so hilfreichen Gangsterkommandos wird es keine soziale Explosion geben.” Die Folha de Sáo Paulo konstatiert, dass während des zwölftägigen Militäreinsatzes kein einziger Milizenboss oder Drogenhändler getötet bzw. verhaftet worden sei ¦
Bezeichnenderweise befassen sich die sogenannte Linkspartei Deutschlands, die Grünen, das EU-Parlament kontinuierlich mit der Menschenrechtslage in Kuba, jedoch nie mit den beschriebenen schweren Menschenrechtsverletzungen, von denen Millionen von brasilianischen Slumbewohnern tagtäglich betroffen sind.”
Arbeitsaufgaben
1600 Soldaten waren an der oben beschriebenen Militäraktion in Rio beteiligt. „Zustände wie im Irak-Krieg” titelten einige Zeitungen in Brasilien. Analysieren Sie bitte Gemeinsamkeiten und Unterschiede zum´Krieg im Irak.
Die Sicherheitskräfte und die Drogenbosse machen gemeinsame Sache “ so lautet ein oft zu hörender Vorwurf. Welche im Artikel beschriebenen Einzelheiten würden diesen Verdacht unterstützen?
Die Gewaltdiktatur der Verbrecher in den Slums nützt den Reichen im Land, behauptet Prof. José Murilo de Carvalho. Erläutern Sie bitte, warum dies nach Ansicht des Professors so ist.
Der Autor wirft den für Menschenrechte engagierten Parteien und Gruppen in Europa vor, dass sie sich nicht für die Menschen in den brasilianischen Favelas einsetzen. Hat er Recht mit dieser Kritik?

http://www.hart-brasilientexte.de/2008/10/30/barbarie-nao-se-anistia-brasilianische-zeitschrift-caros-amigos-in-der-auch-frei-betto-wichtigster-befreiungstheologe-des-tropenlandes-eine-grose-kolumne-hat-mit-einer-sonderausgabe-zur/

Brasilianischer Systemkritiker in Berlin:  http://www.hart-brasilientexte.de/2012/12/07/brasilien-lula-in-berlin-2012-brasilianischer-systemkritiker-marcelo-machado-pereira33-wurde-aus-lula-veranstaltung-entfernt-laut-medien-pereira-zeigte-spruchband-brasilien-ist-das-land-der-k/

http://www.hart-brasilientexte.de/2013/11/08/brasilien-kultur-und-gesellschaft-sammelbandtexte/

http://www.hart-brasilientexte.de/2013/11/05/brasilien-%E2%80%93-kirche-und-gesellschaft-sammelbandtexte/

Das Buch zum Land – “Brasilien fürs Handgepäck”, Unionsverlag Zürich: http://www.unionsverlag.com/info/title.asp?title_id=2720

 Raubüberfall 2007
Wenn er so, aus allernächster Nähe abdrückt, bin ich tot. Aus mit Leben, Liebe, Website. Jeden Tag registriert Sao Paulos Polizei wenigstens einen Teil der Raubmorde, die Medien picken sich täglich ein paar der spektakulärsten Fälle raus, nicht mal alle Chaçinas, Blutbäder, wenn es gleich fünf, sechs und mehr trifft. Auf den Straßen sieht man überall bewaffnete Gelegenheitsverbrecher, die auf ihre Chance lauern. Ich bin heute nicht so „antenado”, so aufmerksam, alle Antennen ausgefahren wie sonst, komme nachmittags grade von der
Pressekonferenz der Rede Social de Justiça e Direitos Humanos, Vorstellung des alljährlichen Menschenrechtsberichts. Alles bedrückend, entsetzlich im Folter-und Scheiterhaufen-Land – die Fakten, Beschreibungen rumoren noch lange im Kopf. An der Bushaltestelle der Rua Consolaçao, nur etwa hundert Meter von der Polizeiwache der Praça Roosevelt, sieht und spürt der lauernde Killer sofort, daß ich unaufmerksam, abwesend, mit den Gedanken woanders bin. Ich habe den jungen Mann mit dem Banditenausdruck zwar reflexhaft sofort bemerkt, aber denke, vielleicht ein Vorurteil. Jetzt weiche ich, wie sonst üblich, deshalb dieser gefährlichen Situation nicht aus, mache mich nicht rasch aus dem Staub, gehe beispielsweise nicht in den fließenden Verkehr hinein. Der Mann steht vor mir, will Geld, und wenn ich aus seiner Sicht eine falsche Bewegung mache, drückt er ab, bin ich tot, Banditen-Ehrenkodex. An der Bushaltestelle stehen zwanzig, dreißig Mittelschicht-Studenten der nahen Privat-Unis “ alle sehen die Szene, alle schauen sofort weg wie hier üblich, keine Chance der Hilfeleistung, gar des Entkommens für mich. Ich gebe das Geld, er greift es sich, ich springe in einen gerade anfahrenden Bus, renne zum Fahrer vor:”Wenn sie die Polizei rufen, kriegt die den Banditen, der ist zumindest noch ganz in der Nähe, leicht zu erkennen.” Der Fahrer grinst, absurde Gringo-Idee –  im Land der Rache-Kultur würde ein Anruf bei der Polizei ihm Tage, Wochen später womöglich das Leben kosten. Er läßt mich ein paar Stationen gratis mitfahren. ARD-Radiokorrespondent Karl Brugger wird in Ipanema tagsüber auf offener Straße erschossen, beinahe jeden Tag trifft es in Brasilien Ausländer. In dem Tropenland werden jährlich keine fünf Prozent der Morde aufgeklärt, noch weniger gesühnt. Viele Attentate auf politisch Mißliebige, auch Journalisten, werden als Raubmorde getarnt.
Meinen wievielten Überfall habe ich heute überlebt? Wars der fünfzehnte, achtzehnte dieser Art? Na, wenigstens keine Verletzungen, Wunden diesmal. Wieviele brasilianische Bekannte, Freunde wurden bereits ermordet? Im Moment fehlt mir für solche Überlegungen der klare Kopf.
Am nächsten Tag melden Zeitungen, daß ganz in der Nähe, fast zur gleichen Zeit, ein 34-jähriger Mann in den Rücken geschossen wurde, der sich bei einem Raubüberfall wehrte. Er wurde operiert, heißt es, ist außer Lebensgefahr, wird nach Angaben der Familie aber möglicherweise Arme oder Beine nicht mehr bewegen können. Er hat eine Frau und eine vierjährige Tochter.

Dieser Beitrag wurde am Samstag, 12. April 2008 um 04:14 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Kultur, Politik abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen.

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