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	<title>Klaus Hart Brasilientexte &#187; Brasiliens Gefängnis-Horror unter Rousseff</title>
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	<description>Aktuelle Berichte aus Brasilien - Politik, Kultur und Naturschutz</description>
	<lastBuildDate>Sun, 26 Feb 2023 11:57:53 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Brasiliens Menschenrechtslage unter Rousseff: Bischöfliche Jugendlichen-Seelsorge prangert Gefängnis-Horror an &#8211; 84 in Haftzelle für 30. Teilstaat Espirito Santo aus Lula-Regierungszeit berüchtigt. &#8222;Da sein, wo gelitten wird.&#8220; Deutscher Gefangenenpastor Wolfgang Lauer.</title>
		<link>http://www.hart-brasilientexte.de/2012/04/03/brasiliens-menschenrechtslage-unter-rousseff-bischofliche-jugendlichen-seelsorge-prangert-gefangnis-horror-an-84-in-haftzelle-fur-30-teilstaat-espirito-santo-aus-lula-regierungszeit-beruchtigt/</link>
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		<pubDate>Tue, 03 Apr 2012 19:53:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Klaus Hart]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[]]></category>
		<category><![CDATA[Brasiliens Gefängnis-Horror unter Rousseff]]></category>

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		<description><![CDATA[http://g1.globo.com/espirito-santo/noticia/2012/04/84-jovens-estao-detidos-em-cela-para-30-pessoas-no-es-diz-pastoral.html Pastor Lauer: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/religionen/1624771/ http://www.hart-brasilientexte.de/2010/03/18/haftlinge-wurden-in-stucke-gehackt-anderen-wurde-das-herz-herausgerissen-zerstuckelte-gefangene-wurden-in-abfallkubeln-gefunden-padre-xavier-paolillo-leiter-der-gefangenenseelsorge-im-brasilia/ Brasiliens erfolgreiche Auslandspropaganda: http://www.hart-brasilientexte.de/2010/02/01/brasiliens-erfolgreiche-auslandspropaganda-2009-uber-40-millionen-euro-investiert-laut-brasil-economico-enge-zusammenarbeit-mit-medien-europas/ Gefangenenpriester Xavier Paolillo in Vitoria/Espirito Santo. http://www.hart-brasilientexte.de/2011/02/08/erste-gefangenenrebellion-unter-dilma-rousseff-mindestens-funf-tote-aufstand-wieder-in-maranhao-herrschaftsgebiet-des-politischen-bundnispartners-jose-sarney-schweizer-jean-ziegler-in-maranhao/ Brasilien: “In den brasilianischen Gefängnissen sind die Opfer des politisch-wirtschaftlichen Systems eingekerkert, in dem wir leben.” Anwalt Bruno Alves de Souza Toledo, 29, Präsident des Menschenrechtsrates im Teilstaat Espirito Santo, vor dem UNO-Menschenrechtsrat in Genf. Systemkritiker weisen auf Bruch [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://g1.globo.com/espirito-santo/noticia/2012/04/84-jovens-estao-detidos-em-cela-para-30-pessoas-no-es-diz-pastoral.html"><strong>http://g1.globo.com/espirito-santo/noticia/2012/04/84-jovens-estao-detidos-em-cela-para-30-pessoas-no-es-diz-pastoral.html</strong></a></p>
<p><strong>Pastor Lauer:</strong> <a href="http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/religionen/1624771/"><strong>http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/religionen/1624771/</strong></a></p>
<p><strong><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2010/03/18/haftlinge-wurden-in-stucke-gehackt-anderen-wurde-das-herz-herausgerissen-zerstuckelte-gefangene-wurden-in-abfallkubeln-gefunden-padre-xavier-paolillo-leiter-der-gefangenenseelsorge-im-brasilia/">http://www.hart-brasilientexte.de/2010/03/18/haftlinge-wurden-in-stucke-gehackt-anderen-wurde-das-herz-herausgerissen-zerstuckelte-gefangene-wurden-in-abfallkubeln-gefunden-padre-xavier-paolillo-leiter-der-gefangenenseelsorge-im-brasilia/</a></strong></p>
<p><strong>Brasiliens erfolgreiche Auslandspropaganda:</strong> <a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2010/02/01/brasiliens-erfolgreiche-auslandspropaganda-2009-uber-40-millionen-euro-investiert-laut-brasil-economico-enge-zusammenarbeit-mit-medien-europas/"><strong>http://www.hart-brasilientexte.de/2010/02/01/brasiliens-erfolgreiche-auslandspropaganda-2009-uber-40-millionen-euro-investiert-laut-brasil-economico-enge-zusammenarbeit-mit-medien-europas/</strong></a></p>
<p><img src="http://www.hart-brasilientexte.de/wp-content/uploads/2010/03/xavierpaolillo2010.JPG" alt="xavierpaolillo2010.JPG" /></p>
<p><strong>Gefangenenpriester Xavier Paolillo in Vitoria/Espirito Santo.</strong></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2011/02/08/erste-gefangenenrebellion-unter-dilma-rousseff-mindestens-funf-tote-aufstand-wieder-in-maranhao-herrschaftsgebiet-des-politischen-bundnispartners-jose-sarney-schweizer-jean-ziegler-in-maranhao/"><strong>http://www.hart-brasilientexte.de/2011/02/08/erste-gefangenenrebellion-unter-dilma-rousseff-mindestens-funf-tote-aufstand-wieder-in-maranhao-herrschaftsgebiet-des-politischen-bundnispartners-jose-sarney-schweizer-jean-ziegler-in-maranhao/</strong></a></p>
<h2>Brasilien: “In den brasilianischen  Gefängnissen sind die Opfer des politisch-wirtschaftlichen Systems  eingekerkert, in dem wir leben.” Anwalt Bruno Alves de Souza Toledo, 29,  Präsident des Menschenrechtsrates im Teilstaat Espirito Santo, vor dem  UNO-Menschenrechtsrat in Genf. Systemkritiker weisen auf Bruch  internationaler Abkommen durch Brasilia, hoffen auf Ende der  Informations-und Zensurbarrieren in den Medien. Carandiru-Massaker  ungesühnt. Gefangenenpriester Xavier Paolillo vom Comboni-Orden. <a href="http://www.hart-brasilientexte.de/wp-admin/post.php?action=edit&amp;post=4835" title="Beitrag bearbeiten">**</a></h2>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/tag/zensur/" rel="tag"></a><a href="http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/religionen/1624771/"><strong>http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/religionen/1624771/</strong></a></p>
<p><strong>Nach seiner Rückkehr von Genf sagte Souza im  Website-Exklusivinterview, er habe vor den UNO-Experten erläutert, daß  in Brasilien jene Menschen grauenhaft eingekerkert würden, denen man in  der Gesellschaft die Bürgerrechte nicht gewähre.  Es handele sich um  Verelendete, Arme, Schwarze. Deshalb würden die Gefängnisse in  diesem entsetzlichen Zustand belassen. “Die UNO-Experten in Genf hörten  unsere Fakten-Darstellung, die ja seit vielen Jahren bekannt ist, mit  enormer Überraschung und Empörung, sogar mit ungläubigem Staunen. Wir  wurden von diesen gefragt, aber Brasilien habe doch seit der  Lula-Regierung einen ganz anderen Platz in der Weltgemeinschaft erobert,  sei unter den Führern der Dritten Welt, wie sei derartiges dann  möglich? Für die internationale Gemeinschaft scheint es so, daß  Brasilien mit Lula als Führer an der Macht doch in Demokratie lebe, es  gebe doch große Fortschritte bei der Hungerbekämpfung. Für die  Fragesteller schienen alle Probleme Brasiliens gelöst zu sein. Ein  UNO-Experte sagte gar, wie will denn Brasilien eine Führungsrolle unter  den Ländern des Südens einnehmen, wenn es Menschenrechtsverletzungen  dieser Schwere zuläßt &#8211; ich kann das alles garnicht glauben!”</strong></p>
<p><strong><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2010/03/30/brasilianischer-minister-nennt-gefangnishorror-ein-verbrechen-des-staates-gegen-die-haftlinge-monstruos-ein-fall-grauenhaften-prestigeverlustes-fur-das-land/">http://www.hart-brasilientexte.de/2010/03/30/brasilianischer-minister-nennt-gefangnishorror-ein-verbrechen-des-staates-gegen-die-haftlinge-monstruos-ein-fall-grauenhaften-prestigeverlustes-fur-das-land/</a></strong></p>
<p><strong>Leonardo Boff :“Lula machte die größte Revolution der  sozialen Ökologie des Planeten, eine Revolution für die Bildung,  ethische Politik.“ </strong></p>
<p><strong>In der deutschen Parteipropaganda wird die brasilianische Regierung als progressiv eingestuft.</strong></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2010/09/05/brasiliens-zeitungen-eine-fundgrube-fur-medieninteressierte-kommunikations-und-kulturenforscher/"><strong>http://www.hart-brasilientexte.de/2010/09/05/brasiliens-zeitungen-eine-fundgrube-fur-medieninteressierte-kommunikations-und-kulturenforscher/</strong></a></p>
<p><span id="more-12828"></span></p>
<p><img src="http://www.hart-brasilientexte.de/wp-content/uploads/2011/12/foltertododiapastoralglobo.JPG" alt="foltertododiapastoralglobo.JPG" /></p>
<p><strong>“Jeden Tag wird in Brasilien gefoltert.” Ausriß</strong> <strong>2011</strong></p>
<p><strong>In meinungsbildenden deutschen Analysen wird die brasilianische Regierung ausdrücklich als “progressiv” eingestuft.</strong></p>
<p><strong>“Brasilien ist eine <a href="http://www.brasilien-info.at/wirtschaft/index.html">Industriemacht</a>, die achtgrößte Wirtschaftsnation der Welt, modern und fortschrittlich.”</strong></p>
<p><strong>“Progressive Regierung”.</strong></p>
<p><strong>Anhörung vor Interamerikanischer Menschenrechtskommission in Washington: <a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2010/03/27/gefangnishorror-in-brasilien-anhorung-der-interamerikanischen-menschenrechtskommission-der-organisation-amerikanischer-staaten-in-washington/">http://www.hart-brasilientexte.de/2010/03/27/gefangnishorror-in-brasilien-anhorung-der-interamerikanischen-menschenrechtskommission-der-organisation-amerikanischer-staaten-in-washington/</a></strong></p>
<p><img src="http://www.hart-brasilientexte.de/wp-content/uploads/2010/03/xavierpaolillo2010.JPG" alt="xavierpaolillo2010.JPG" /></p>
<p><strong>Gefangenenpriester Xavier Paolillo in Vitoria/Espirito Santo.</strong></p>
<p><strong><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2010/03/18/brasilianische-systemkritiker-protestieren-in-vitoriaes-gegen-gefangnishorror-unter-lula-politisch-verantwortlicher-gouverneur-angeklagt-paulo-hartung-morder/">http://www.hart-brasilientexte.de/2010/03/18/brasilianische-systemkritiker-protestieren-in-vitoriaes-gegen-gefangnishorror-unter-lula-politisch-verantwortlicher-gouverneur-angeklagt-paulo-hartung-morder/</a></strong></p>
<p><strong>“In der Tat, Überraschung, Ungläubigkeit im  UNO-Menschenrechtsrat über diese seit vielen Jahren bekannten  Tatbestände. Die denken offenbar, Brasilien sei jetzt auf höherem  Niveau, seien also weder das Zerstückeln von Häftlingen, das Einsperren  von Gefangenen in Metallcontainern noch eine inhumane Zellen-Temperatur  von 50 Grad möglich, gebe es soetwas garnicht. Allein im Gefängnis Casa  de Custodio de Viana wurden mindestens zehn Häftlinge zerstückelt.”  Während der UNO-Anhörung in Genf seien den brasilianischen  Menschenrechtsaktivisten angesichts der Faktenlage soviele Fragen  gestellt worden, daß dafür die anberaumte Zeit bei weitem nicht  ausgereicht habe. </strong></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2010/03/18/haftlinge-wurden-in-stucke-gehackt-anderen-wurde-das-herz-herausgerissen-zerstuckelte-gefangene-wurden-in-abfallkubeln-gefunden-padre-xavier-paolillo-leiter-der-gefangenenseelsorge-im-brasilia/">http://www.hart-brasilientexte.de/2010/03/18/haftlinge-wurden-in-stucke-gehackt-anderen-wurde-das-herz-herausgerissen-zerstuckelte-gefangene-wurden-in-abfallkubeln-gefunden-padre-xavier-paolillo-leiter-der-gefangenenseelsorge-im-brasilia/</a></p>
<p><strong>Anwalt Souza verwies ebenso wie die anderen brasilianischen  Menschenrechtsaktivisten auf den klaren Bruch internationaler Abkommen  durch die Lula-Regierung in Brasilia. “Jetzt weiß die UNO die Fakten,  kennt auch die gravierende Lage der Menschenrechtsverteidiger. Bis heute  gibt es wegen der Morddrohungen keinen Schutz für mich, wird nicht  einmal ermittelt. Ebenso mit Mord bedroht wird Padre Xavier Paolillo,  Leiter der Gefangenenseelsorge in Espirito Santo.”</strong></p>
<p><strong>CONECTAS-Dokument für Generalstaatsanwalt Brasiliens, anklicken:</strong><a href="http://www.estadao.com.br/especiais/2009/11/crimesnobrasil_if_es.pdf"><font color="#bb0000"><strong> http://www.estadao.com.br/especiais/2009/11/crimesnobrasil_if_es.pdf</strong></font></a></p>
<p><a href="http://www.conectas.org/">http://www.conectas.org/</a></p>
<p><img src="http://www.hart-brasilientexte.de/wp-content/uploads/2010/03/unogenfbruno3portrat.JPG" alt="unogenfbruno3portrat.JPG" /></p>
<p><strong>Anwalt Bruno Alves de Souza Toledo vor UNO-Menschenrechtsrat in Genf im März 2010.</strong></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2010/03/19/in-brasilien-rund-eine-halbe-million-gefangene-land-mit-der-viertgrosten-haftlingszahl-weltweit-fast-die-halfte-garnicht-abgeurteilt-gefangenenseesorger-xavier-paolillo-und-tamara-melo-anwalt/">http://www.hart-brasilientexte.de/2010/03/19/in-brasilien-rund-eine-halbe-million-gefangene-land-mit-der-viertgrosten-haftlingszahl-weltweit-fast-die-halfte-garnicht-abgeurteilt-gefangenenseesorger-xavier-paolillo-und-tamara-melo-anwalt/</a></p>
<p><strong>Häftlingsaufstand in Sao Luis:</strong> <a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2010/11/09/18-ermordete-bei-gefangenenaufstand-in-sao-luisbrasilien-laut-polizei-proteste-gegen-haftbedingungen/">http://www.hart-brasilientexte.de/2010/11/09/18-ermordete-bei-gefangenenaufstand-in-sao-luisbrasilien-laut-polizei-proteste-gegen-haftbedingungen/</a></p>
<p><strong>Frauen in Männerzellen gesperrt &#8211; Vergewaltigungen:</strong> <a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2008/02/11/menschenrechtssituation-unter-lula1/">http://www.hart-brasilientexte.de/2008/02/11/menschenrechtssituation-unter-lula1/</a></p>
<p><strong>Hunger-Opfer und Milliardäre in Brasilien:</strong> <a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2010/03/19/soziale-ungleichheit-unter-lula-laut-uno-sind-brasilia-fortaleza-belo-horizonte-und-goiania-unter-den-schluslichtern-der-neuen-welt-statistik/">http://www.hart-brasilientexte.de/2010/03/19/soziale-ungleichheit-unter-lula-laut-uno-sind-brasilia-fortaleza-belo-horizonte-und-goiania-unter-den-schluslichtern-der-neuen-welt-statistik/</a></p>
<p><strong>“Lula Superstar”:</strong> <a href="http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-70569506.html">http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-70569506.html</a></p>
<p><strong>Gravierende Sozialkontraste laut UNO:</strong> <a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2010/03/22/brazilian-cities-today-have-the-greatest-disparities-in-income-distribution-in-the-world-warum-die-lula-regierung-alles-richtig-macht/">http://www.hart-brasilientexte.de/2010/03/22/brazilian-cities-today-have-the-greatest-disparities-in-income-distribution-in-the-world-warum-die-lula-regierung-alles-richtig-macht/</a></p>
<p><a href="http://gazetaonline.globo.com/_conteudo/2010/03/614242-presidente+do+conselho+de+direitos+humanos+chega+ao+estado.html">http://gazetaonline.globo.com/_conteudo/2010/03/614242-presidente+do+conselho+de+direitos+humanos+chega+ao+estado.html</a></p>
<p><strong>“Lula steht rechts”:</strong> <a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2009/01/07/lula-steht-rechts-ich-habe-ihn-immer-fur-einen-rechten-gehalten-ele-e-da-direitafrancisco-de-oliveira-renommierter-brasilianischer-soziologe-in-caros-amigos/">http://www.hart-brasilientexte.de/2009/01/07/lula-steht-rechts-ich-habe-ihn-immer-fur-einen-rechten-gehalten-ele-e-da-direitafrancisco-de-oliveira-renommierter-brasilianischer-soziologe-in-caros-amigos/</a></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2010/03/08/berlin-wirbt-um-brasilien-financial-times-deutschland-besuch-von-ausenminister-guido-westerwelle-gunter-nooke-unsagliche-folterpraxis-in-brasilien/">http://www.hart-brasilientexte.de/2010/03/08/berlin-wirbt-um-brasilien-financial-times-deutschland-besuch-von-ausenminister-guido-westerwelle-gunter-nooke-unsagliche-folterpraxis-in-brasilien/</a></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2009/10/05/brasilien-auf-uno-index-fur-menschliche-entwicklung-jetzt-platz-75-hinter-argentinien-chile-und-kuba/">http://www.hart-brasilientexte.de/2009/10/05/brasilien-auf-uno-index-fur-menschliche-entwicklung-jetzt-platz-75-hinter-argentinien-chile-und-kuba/</a></p>
<p><strong>Anwalt Souza &#8211; Interview mit brasilianischem Inforadio CBN:</strong> <a href="http://www.irinylopes.com.br/noticias.asp?cod=653">http://www.irinylopes.com.br/noticias.asp?cod=653</a></p>
<p><ins><ins></ins></ins></p>
<p><strong>Was der mit Mord bedrohte Menschenrechtsanwalt über Genfer  Reaktionen berichtet, spricht für beinahe unvorstellbare Inkompetenz,  Desinformation, aber auch Scheinheiligkeit undÂ Zynismus. Schließlich  sind die barbarischen Zustände in den Haftanstalten der größten  lateinamerikanischen Demokratie in der Tat seit Jahrzehnten bekannt,  existiert nicht der geringste Grund für Überraschung, noch dazu in einem  Spezialgremium.</strong></p>
<p><strong>Julia Neiva von der brasilianischen  Menschenrechtsorganisation CONECTAS, die auchÂ im Genfer  UNO-Menschenrechtsrat präsent war, verwies im Website-Interview  ebenfalls auf die erschreckte Reaktion der UNO-Experten angesichts der  längst bekannten Fakten über Folter und sogar das Zerhacken vieler  Häftlinge. Souza und Neiva äußerten die Hoffnung, daß nach der Genfer  Anhörung die bisher für diese Problematik geltendenÂ Informations-und  ZensurbarrierenÂ in denÂ meisten MedienÂ fallen könnten. Schließlich sei  es nach langem Kampf der Menschenrechtsaktivisten, darunter der  bischöflichen Gefangenenpastoral, das erste Mal gewesen, daß sich die  UNO mit dem brasilianischen Gefängnis-Horror befaßte. </strong></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2010/03/17/gefangenen-proteste-und-kritik-der-burgerrechtler-brasiliens-von-medien-und-politikern-weitgehend-ignoriert-in-vitoria-protestierten-menschenrechtsaktivisten-vor-gouverneurssitz-zeitgleich-zu-verfa/">http://www.hart-brasilientexte.de/2010/03/17/gefangenen-proteste-und-kritik-der-burgerrechtler-brasiliens-von-medien-und-politikern-weitgehend-ignoriert-in-vitoria-protestierten-menschenrechtsaktivisten-vor-gouverneurssitz-zeitgleich-zu-verfa/</a></p>
<p><strong>Lula-Rede in Vitoria, Stadt der grausamsten Gefängnisse  Brasiliens, Begrüßung des für die gravierenden  Menschenrechtsverletzungen politisch verantwortlichen Gouverneurs  Hartung:</strong> <a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2009/09/18/lulas-rede-auf-deutsch-brasilianischen-wirtschaftstagen-2009-in-vitoria-zeitdokument-die-rolle-einer-regierung-ist-die-einer-mutter/">http://www.hart-brasilientexte.de/2009/09/18/lulas-rede-auf-deutsch-brasilianischen-wirtschaftstagen-2009-in-vitoria-zeitdokument-die-rolle-einer-regierung-ist-die-einer-mutter/</a></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2008/02/29/osterreichischer-pfarrer-und-gefangenenseelsorger-gunther-zgubic-in-brasilien-weiter-folter-in-allen-varianten-eine-deutsche-frau-wurde-unglaublich-mit-elektroschocks-kaputtgemacht-psychisch-ner/">http://www.hart-brasilientexte.de/2008/02/29/osterreichischer-pfarrer-und-gefangenenseelsorger-gunther-zgubic-in-brasilien-weiter-folter-in-allen-varianten-eine-deutsche-frau-wurde-unglaublich-mit-elektroschocks-kaputtgemacht-psychisch-ner/</a></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2009/08/23/unesco-zeichnet-lula-in-paris-wegen-forderung-des-friedens-und-der-rechtsgleichheit-aus-preis-mit-150000-dollar-dotiert-jury-von-henry-kissinger-gefuhrt/">http://www.hart-brasilientexte.de/2009/08/23/unesco-zeichnet-lula-in-paris-wegen-forderung-des-friedens-und-der-rechtsgleichheit-aus-preis-mit-150000-dollar-dotiert-jury-von-henry-kissinger-gefuhrt/</a></p>
<p><strong>“Konzentrationslager” &#8211; Zgubic über Gefängnisse in Espirito Santo:</strong> <a href="http://www.adital.com.br/site/noticia.asp?lang=PT&amp;cod=46149">http://www.adital.com.br/site/noticia.asp?lang=PT&amp;cod=46149</a></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2010/03/17/die-kriminalisierung-der-armut-in-brasilien-menschenrechtsorganisationen-der-achtgrosten-wirtschaftsnation-informieren/">http://www.hart-brasilientexte.de/2010/03/17/die-kriminalisierung-der-armut-in-brasilien-menschenrechtsorganisationen-der-achtgrosten-wirtschaftsnation-informieren/</a></p>
<p><a href="http://rabi-rabix.blogspot.com/2010/03/ai-que-vergonha.html">http://rabi-rabix.blogspot.com/2010/03/ai-que-vergonha.html</a></p>
<p><strong>Carandiru-Massaker:</strong> <a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2009/10/02/carandiru-brasilien-erinnert-sich-an-grostes-massaker-der-weltgeschichte-an-haftlingen-ich-sah-den-holocaust-30-laut-umfragen-fur-polizeieinsatz-von-sao-paulo-80-der-getoteten-waren-nicht-v/">http://www.hart-brasilientexte.de/2009/10/02/carandiru-brasilien-erinnert-sich-an-grostes-massaker-der-weltgeschichte-an-haftlingen-ich-sah-den-holocaust-30-laut-umfragen-fur-polizeieinsatz-von-sao-paulo-80-der-getoteten-waren-nicht-v/</a></p>
<p><strong>Günter Nooke:</strong> <a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2010/01/05/leider-sind-es-nicht-mehr-so-viele-die-die-ganze-wahrheit-wissen-wollen-man-biegt-sehr-schnell-ab-um-bei-seiner-meinung-bleiben-zu-konnen-und-bei-den-als-angenehm-empfundenen-losungen-ich-hab/">http://www.hart-brasilientexte.de/2010/01/05/leider-sind-es-nicht-mehr-so-viele-die-die-ganze-wahrheit-wissen-wollen-man-biegt-sehr-schnell-ab-um-bei-seiner-meinung-bleiben-zu-konnen-und-bei-den-als-angenehm-empfundenen-losungen-ich-hab/</a></p>
<p><strong>Weltwirtschaftsforum in Davos/Schweiz:</strong> <a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2010/01/29/lula-macht-laut-wertekriterien-des-weltwirtschaftsforums-in-davos-alles-richtig-hohe-ehrung-mit-preis-global-statesmanship-wirtschaftsethik-und-menschenrechtslage-weltsozialforum-2010/">http://www.hart-brasilientexte.de/2010/01/29/lula-macht-laut-wertekriterien-des-weltwirtschaftsforums-in-davos-alles-richtig-hohe-ehrung-mit-preis-global-statesmanship-wirtschaftsethik-und-menschenrechtslage-weltsozialforum-2010/</a></p>
<p><strong>Iriny Lopes, PT-Kongreßabgeordnete:</strong> <a href="http://www.irinylopes.com.br/noticias.asp?cod=919">http://www.irinylopes.com.br/noticias.asp?cod=919</a></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2009/08/31/renommierte-brasilianische-menschenrechtsaktivisten-fotoserie/">http://www.hart-brasilientexte.de/2009/08/31/renommierte-brasilianische-menschenrechtsaktivisten-fotoserie/</a></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2010/03/08/berlin-wirbt-um-brasilien-financial-times-deutschland-besuch-von-ausenminister-guido-westerwelle-gunter-nooke-unsagliche-folterpraxis-in-brasilien/">http://www.hart-brasilientexte.de/2010/03/08/berlin-wirbt-um-brasilien-financial-times-deutschland-besuch-von-ausenminister-guido-westerwelle-gunter-nooke-unsagliche-folterpraxis-in-brasilien/</a></p>
<p><strong>Systemkritischer Samba:</strong> <a href="http://www.youtube.com/watch?v=XkvjkxERac4">http://www.youtube.com/watch?v=XkvjkxERac4</a></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2010/02/11/impeachment-gegen-lula-wegen-des-parteien-und-stimmenkauf-skandals-ware-gerechtfertig-gewesen-lula-war-kommandant-der-mensalao-bande-betont-helio-bicudo-prasident-der-interamerikanischen-mensc/">http://www.hart-brasilientexte.de/2010/02/11/impeachment-gegen-lula-wegen-des-parteien-und-stimmenkauf-skandals-ware-gerechtfertig-gewesen-lula-war-kommandant-der-mensalao-bande-betont-helio-bicudo-prasident-der-interamerikanischen-mensc/</a></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2010/02/01/brasiliens-erfolgreiche-auslandspropaganda-2009-uber-40-millionen-euro-investiert-laut-brasil-economico-enge-zusammenarbeit-mit-medien-europas/">http://www.hart-brasilientexte.de/2010/02/01/brasiliens-erfolgreiche-auslandspropaganda-2009-uber-40-millionen-euro-investiert-laut-brasil-economico-enge-zusammenarbeit-mit-medien-europas/</a></p>
<p><strong>Brasiliens Verfassung von 1988 definiert soziale Rechte: “Sáo  direitos sociais a educaçáo, a saÃºde, o trabalho, a moradia, o lazer, a  segurança, a previdÃªncia social, a proteçáo Ã  maternidade e Ã   infÃ¢ncia, a assistÃªncia aos desamparados, na forma desta  Constituiçáo.”</strong></p>
<p><strong>Hunger in Brasilien: <a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2010/03/24/in-brasilien-existiert-weiter-hunger-das-problem-wurde-langst-nicht-beseitigt-jose-francisco-leiter-der-franziskaner-sozialprojekte-in-sao-paulo/">http://www.hart-brasilientexte.de/2010/03/24/in-brasilien-existiert-weiter-hunger-das-problem-wurde-langst-nicht-beseitigt-jose-francisco-leiter-der-franziskaner-sozialprojekte-in-sao-paulo/</a></strong></p>
<p><a href="http://www.bpb.de/publikationen/JU16H0,0,Vom_Umgang_mit_der_Diktaturvergangenheit.html">http://www.bpb.de/publikationen/JU16H0,0,Vom_Umgang_mit_der_Diktaturvergangenheit.html</a></p>
<p><strong>Deutscher Gefangenenpastor Wolfgang Lauer:</strong></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2011/10/10/evangelischer-pastor-wolfgang-lauer-gefangenenseelsorger-in-brasilien-ob-die-haftlinge-lutheraner-sind-christen-oder-nicht-ist-fur-mich-total-unwichtig/"><strong>http://www.hart-brasilientexte.de/2011/10/10/evangelischer-pastor-wolfgang-lauer-gefangenenseelsorger-in-brasilien-ob-die-haftlinge-lutheraner-sind-christen-oder-nicht-ist-fur-mich-total-unwichtig/</strong></a></p>
<p><strong>Amnesty Journal 2009:</strong></p>
<p><strong>“KOPF UNTER WASSER</strong></p>
<p><strong>Gravierende Menschenrechtsverletzungen offiziell abzustreiten   oder zu  vertuschen, kommt heutzutage bei der internationalen   Gemeinschaft  schlecht an. Das weiß auch die brasilianische Regierung   und geht deshalb  seit langem einen anderen Weg: Mit erstaunlicher,   entwaffnender  Offenheit wird in- wie ausländischen Kritikern bestätigt,   dass sie  völlig im Recht seien. Man sehe die Dinge ganz genau so und   habe bereits  wirksame Schritte, etwa zur Abschaffung der Folter,   eingeleitet. Doch  auf die Worte folgen meist keine Taten.</strong></p>
<p><strong> </strong><strong>Menschenrechtsaktivisten wie der   österreichische Pfarrer Günther  Zgubic, der die bischöfliche   Gefangenenseelsorge in Brasilien leitet,  vermissen seit Jahren   deutliche Worte von deutscher Seite. Schließlich  ist Lateinamerikas   größte Demokratie ein wichtiger strategischer Partner  von Deutschland,   und die Regierung in Berlin spricht gerne von den  “gemeinsamen  Werten”,  die beide Staaten verbinden würden. Mit dem   Menschenrechtsbeauftragten  der Bundesregierung, Günter Nooke, hat jetzt   zum ersten Mal endlich  ein hochrangiger deutscher Politiker in der   Hauptstadt Brasilia die  Probleme offen angesprochen.</strong></p>
<p><strong> </strong><strong>Zgubic erinnert immer wieder an die   wohlklingenden Versprechungen,  die Präsident Luiz Inácio Lula da Silva   bei seinem Amtsantritt 2003  verkündet hat: “Er hat öffentlich erklärt,   dass er Folter und andere  grausame, unmenschliche Praktiken nicht  mehr  duldet.” Leere Worte aus  Brasilia, denn nach Informationen von  Zgubic  existiert die Folter in  allen Varianten, um Geständnisse zu  erzwingen:  “Es werden Elektroschocks  eingesetzt, man presst den Kopf  unter Wasser.  Auf allen Polizeiwachen  Brasiliens werden Häftlinge  gefoltert”, meint  Zgubic.</strong></p>
<p><strong> </strong><strong>Nun sieht er sich überraschend durch Nooke   bestätigt. “Stehen  Menschenrechtsprobleme wie die unsägliche   Folterpraxis beim  Staatspräsidenten ganz oben auf der Prioritätenliste?   Wieso wird nicht  stärker kritisiert, dass die Regierung alle   internationalen  Verpflichtungen eingeht, ohne sie dann auch konsequent   umzusetzen? Wir  merken, dass sich Brasilien beim Thema Menschenrechte   von Europa  entfernt”, erklärte Nooke kürzlich. Brasilien dürfe im    Menschenrechtsbereich nicht abdriften.</strong></p>
<p><strong> </strong><strong>Doch vielleicht ist dies längst passiert.   Paulo Vannuchi, Leiter des  Staatssekretariats für Menschenrechte in   Brasilia, hatte in der Zeitung  “Folha de São Paulo” betont, dass das   brasilianische Strafgesetz die  ­Todesstrafe zwar nicht vorsehe, dennoch   aber täglich außergerichtliche  Exekutionen stattfinden würden.   Gemeinsame Werte? Pedro Ferreira, Anwalt  bei der bischöflichen   Gefangenenseelsorge, findet es bedrohlich, dass  selbst nach offiziellen   Angaben derzeit über 126.000 Häftlinge trotz  verbüßter Strafe illegal   weiter festgehalten werden.</strong></p>
<p><strong> </strong><strong>Ehemalige Gegner der Diktatur (1964 bis   1985) weisen zudem auf die  fatalen Folgen der nicht bewältigten   Gewaltherrschaft hin. Nicht einmal  die Öffnung der Geheimarchive aus   der Zeit der Diktatur sei unter Lula  veranlasst worden, kritisiert   Bundesstaatsanwalt Marlon Weichert aus São  Paulo. Die Straflosigkeit   inspiriert seiner Meinung nach jene  Staatsfunktionäre, die heute im   Polizeiapparat und im Gefängnissystem  “Folter und Ausrottung”   betrieben. Mit leeren Worte kann man an diesen  ­Zuständen wohl kaum   etwas ändern.</strong></p>
<p><strong> </strong><strong><em>Von Klaus Hart.<br />
Der Autor ist Journalist und lebt in São Paulo.</em></strong></p>
<h3>ai-Journal Dezember 1996</h3>
<h2>Die “Hölle auf Erden”</h2>
<p><strong>BRASILIEN</strong></p>
<p><strong>Die “Hölle auf Erden”</strong></p>
<p><strong>Revolten, Hungerstreiks und Aids bestimmen den Alltag in den  völlig  überfüllten brasilianischen Gefängnissen. Brasilien gilt zwar  als die  zehntgrößte Wirtschaftsnation, leistet sich aber Haftanstalten,  die man  eher in Ruanda oder Burundi vermuten würde. Eine im April  verkündete  Amnestie entspannte die Situation nicht.</strong></p>
<p><strong>Eine mittelalterlich anmutende Gefangenenzelle in Rios  Stadtteil  Realengo: Jeder der mehreren Dutzend Insassen hat laut Gesetz  Anspruch  auf mindestens acht Quadratmeter &#8211; hier ist es nicht mal ein  einziger.  Geschlafen wird deshalb in Schichten. Während ein Teil der  Gefangenen  auf feuchtem Boden liegt, schlafen die anderen in  Hängematten, die an  den Gitterstäben befestigt sind. In einer Zelle im  Stadtteil Bangu ein  ähnliches Bild: 35 fast nackte, schwitzende Männer  auf nur sechzehn  Quadratmetern bei beißendem Fäkaliengeruch und  nächtlichem Besuch von  Ratten. Die psychische Spannung ist fast mit  Händen greifbar. Neun von  zehn Gefangenen haben Furunkel, in der  heißesten Jahreszeit herrschen  bis zu 60 Grad. Dann fallen täglich etwa  20 Insassen ohnmächtig um,  werden von den Wärtern herausgezerrt und  durch andere ersetzt.</strong></p>
<p><strong>Um aus dieser Hölle herauszukommen und in eine weniger  überfüllte Zelle  verlegt zu werden, bestechen Häftlinge ihre Aufseher  mit bis zu  umgerechnet 5.000 Mark. Es gibt brasilianische Gefängnisse,  in denen die  Insassen das nötige Geld sammeln, um dann die Begünstigten  auszulosen.  In Bangu kommen die notwendigen “Real” von der Familie  oder  Verbrechersyndikaten &#8211; je unerträglicher die Hitze, desto höher  die  Preise auf diesem Schwarzmarkt. Einmal am Tag gibt es schlechtes  Essen;  die Lebensmittelpakete der Angehörigen werden gewöhnlich nicht   ausgehändigt.</strong></p>
<p><strong> </strong><strong>Folter ist üblich. Ein Anwalt beschreibt  einen Fall von 1996:  “Polizisten mit Kapuzen mißhandelten 116  Gefangene, unter anderem mit  Elektroschocks. Alle wiesen Blutergüsse  auf, wurden zudem zu sexuellen  Handlungen gezwungen.” Fast täglich  werden Fälle zu Tode gefolterter,  erschlagener Häftlinge bekannt &#8211; die  politisch Verantwortlichen bleiben  meist passiv. Nur wenige  Intellektuelle protestieren, die Gesellschaft  scheint sich an die  grauenvollen Zustände gewöhnt zu haben.</strong></p>
<p><strong> </strong><strong>Pervertieren statt resozialisieren</strong></p>
<p><strong> </strong><strong>Menschenrechtsorganisationen wie amnesty  international oder “Human  Rights Watch” prangern die Zustände in den  brasilianischen Haftanstalten  an &#8211; und auch die Gefangenenseelsorge der  Katholischen Kirche läßt  nicht locker. Padre Geraldo Mauzeroll von der  “Pastoral Carceraria” im  Teilstaat Sao Paulo gegenüber dem ai-Journal:  “Wer ins Gefängnis kommt,  wird pervertiert, wird angesehen und  behandelt wie ein Tier &#8211; niemand  ist an einer Besserung oder  Resozialisierung interessiert. Die  Gesellschaft rächt sich an ihnen,  läßt sie intellektuell, spirituell,  moralisch und kulturell und nicht  selten sogar physisch sterben.”  Mauzeroll hört in Polizeiwachen und  Gefängnissen sehr häufig den  Ausspruch: “Nur ein toter Häftling ist ein  guter Häftling!” Der Padre  geht seit 1973 in die “Presidios” &#8211; was er  täglich sieht, sind Bilder  wie aus Horrorfilmen: Tuberkulose grassiert,  über die Gesichter  Todkranker laufen Ameisen. Häftlinge verfaulen  buchstäblich in Zellen.  Die Gefängnisärzte sind selbst kriminell, weil  sie Kranke bewußt </strong></p>
<p><strong>nicht behandeln, sondern sterben lassen. Sie werden aber nie  zur  Rechenschaft gezogen. Kriminell handeln auch Richter und  Staatsanwälte,  die über Folter und alle anderen  Menschenrechtsverletzungen detailliert  informiert sind, jedoch nicht  eingreifen.</strong></p>
<p><strong> </strong><strong>Das Gefängnispersonal verkauft  Lebensmittel, die für Häftlinge bestimmt  sind und ermöglicht  Rauschgifthandel und -konsum hinter Gitterstäben.  Ein  Gefängnisdirektor: “Drogen müssen dort drin sein, damit die  Gefangenen  ruhig bleiben.”</strong></p>
<p><strong> </strong><strong>Erzwungenes Schweigen, Morddrohungen</strong></p>
<p><strong> </strong><strong>Ein dunkles Kapitel ist auch die sexuelle  Gewalt, von Aufsehern sogar  gefördert. Mauzeroll zum ai-Journal: “Wird  ein wegen Vergewaltigung  Verurteilter eingeliefert, stecken die Wärter  ihn in bestimmte  Massenzellen, damit er dort von 15 oder 20 Häftlingen  vergewaltigt wird.  Dies ist Gesetz in den Kerkern, und so verbreitet  sich Aids sehr  schnell.” Nach amtlichen Angaben infizierten sich  bereits mehr als 20  Prozent aller Inhaftierten mit dem HIV-Virus &#8211; ein  Großteil der rund  150.000 brasilianischen Gefangenen hat homosexuellen  Verkehr, gewöhnlich  ungeschützt. </strong></p>
<p><strong> </strong><strong>Vitor Carreiro teilte in Rio de Janeiro  jahrelang eine Zelle mit 47  Gefangenen. Er ist von Aids gezeichnet und  sagt: “Alle Welt weiß, daß  die Frau des Gefangenen der andere Gefangene  ist.” Promiskuität ist der  Alltag: José Ferreira da Silva,  HIV-positiv, berichtet von vier festen  und acht gelegentlichen Partnern  &#8211; keiner benutzt Präservative. </strong></p>
<p><strong> </strong><strong>Padre Mauzeroll drückt sich im Gegensatz zu  vielen “politisch korrekten”  Landsleuten nicht um unbequeme und  unangenehme Wahrheiten. Er hat keine  Probleme, die von den Autoritäten  gerne versteckten und verdrängten  Probleme offen anzusprechen. “Wer  über die Zustände redet und  informiert, stirbt”, lautet eine andere  Regel. Berufskiller erledigen  das &#8211; Mauzeroll weiß, daß auch sein Leben  in Gefahr ist. Dennoch klagt  er offen die soziale Ordnung Brasiliens  an: “Diese ist schuld an der  Situation.” </strong></p>
<p><strong> </strong><strong>Gemäß einer neuen Studie der Vereinten  Nationen lebt heute fast die  Hälfte der 150 Millionen Brasilianer in  verhältnismäßig entwickelten  Gebieten. “Wenn in Sao Paulo und Rio de  Janeiro die Lage in den  Gefängnissen bereits so schlimm ist”, gibt  Padre Mauzeroll zu bedenken,  “wie muß sie dann erst in den stark  unterentwickelten Regionen des  Nordens und Nordostens sein?”</strong></p>
<p><strong> Amnestie nur Kosmetik</strong></p>
<p><strong>Die Rechtsanwältin Zoraide Fernandez weist darauf hin, daß  Häftlinge  nach verbüßter Strafe oft noch jahrelang gefangengehalten  werden. 1995  waren es allein in Rio mindestens 560.</strong></p>
<p><strong>Brasiliens Staatschef Fernando Henrique Cardoso verkündete im  April die,  wie es offiziell hieß, größte Amnestie in der Geschichte  des Landes:  Etwa zehn Prozent der Gefangenen sollten freikommen. Wie  die  Gefängnisbehörden inzwischen einräumten, werden beispielsweise im   Teilstaat Rio de Janeiro nur wenig mehr als ein Prozent amnestiert. Die   511 Gefängnisse bieten Platz für höchstens 60.000 Personen, sind aber   nach jüngsten offiziellen Angaben mit 148.760 Häftlingen belegt &#8211; das   sind 15 Prozent mehr als 1994. Notwendig, so hieß es, sei der Bau von   145 zusätzlichen Haftanstalten. Die Lage in der Metropole Sao Paulo ist   den Angaben zufolge am dramatischsten. Eine Besserung ist nicht in   Sicht: Per Haftbefehl suchte man allein 1996 rund 275.000 Straftäter.</strong></p>
<p><strong>Rund 95 Prozent der Häftlinge sind Arme, 96 Prozent sind  männlich und  etwa drei Viertel Voll- und Halbanalphabeten. Der typische  Gefangene, so  eine Studie, ist dunkelhäutig und jünger als 25 Jahre.  Jeden Monat  kommt es laut Statistik zu mindestens drei großen  Häftlingsrevolten, die  meisten werden allerdings der Öffentlichkeit  verschwiegen. Eine  Ausnahme bildet lediglich der südliche, relativ  hochentwickelte  Teilstaat Rio Grande do Sul &#8211; nur dort soll es auch  keine irregulär  festgehaltenen Häftlinge geben.</strong></p>
<p><strong> </strong><strong>Wärter und Spezialeinheiten gehen  gewöhnlich äußerst brutal gegen  meuternde Häftlinge vor: 1992 wurden im  berüchtigten Gefängnis  “Carandiru” von Sao Paulo mindestens 111  Insassen erschossen. Die  politisch Verantwortlichen und die direkt  Beteiligten blieben bisher  straffrei. In “Carandiru” ereignete sich  auch Ende Oktober wieder eine  Revolte: 670 Gefangene nahmen 27 Wärter  als Geiseln und forderten die  Verlegung in eine andere Haftanstalt.  Fünf Häftlinge versuchten  währenddessen in einem Müllwagen zu fliehen,  vier von ihnen wurden von  Militärpolizisten erschossen.<br />
Klaus Hart<br />
Der Autor ist freier Korrespondent in Rio de Janeiro</strong></p>
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<p><strong><a href="http://www.amnesty.de/umleitung/1998/deu05/046?lang=de&amp;mimetype=text/html&amp;destination=suche%3Fwords%3DKlaus%2BHart%26search_x%3D0%26search_y%3D0%26form_id%3Dai_search_form_block">Brasilien: Schießen mit “Wildwest-Zulage”</a></strong>01.02.1998   | Amnesty Journal Artikel | BRASILIEN Schießen mit “Wildwest-Zulage”   Die Militärpolizei Brasiliens ist heute gewalttätiger als während der   Diktatur. Massaker an Häftlingen, Straßenkindern und Landlosen häufen   sich. Menschenrechtler protestieren gegen eine “Wildwest-Zulage”, die   Ermordungen belohnt und zum Töten Unschuldiger anreizt.   …</p>
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<p><strong>1</strong><a href="http://www.amnesty.de/suche?page=1&amp;words=Klaus+Hart&amp;search_x=0&amp;search_y=0&amp;form_id=ai_search_form_block" title="Gehe zu Seite 2">2</a><a href="http://www.amnesty.de/suche?page=1&amp;words=Klaus+Hart&amp;search_x=0&amp;search_y=0&amp;form_id=ai_search_form_block" title="nächste Seite">nächste Seite</a></p>
<p><strong><a href="http://www.amnesty.de/umleitung/2004/deu05/108?lang=de&amp;mimetype=text/html&amp;destination=suche%3Fpage%3D1%26words%3DKlaus%2BHart%26search_x%3D0%26search_y%3D0%26form_id%3Dai_search_form_block">Geld oder Gewehre: Mit Hilfe einer Kampagne versucht die Regierung Waffen abzukaufen</a></strong>01.09.2004   | Amnesty Journal Artikel | BRASILIEN Brasilianisches Roulette In kaum   einem anderen Land der Welt sterben so viele Einwohner durch   Schusswaffen wie in Brasilien. Jetzt versucht die Regierung, die   privaten Revolver und Gewehre einzusammeln. Was soll ich noch mit den   Schießeisen – in meinem Alter“, sagt die 89-jährige Zulmira de Oli …</p>
<p><a href="http://www.amnesty.de/umleitung/2004/deu05/108?lang=de&amp;mimetype=text/html&amp;destination=suche%3Fpage%3D1%26words%3DKlaus%2BHart%26search_x%3D0%26search_y%3D0%26form_id%3Dai_search_form_block">Weiterlesen</a></p>
<p><strong><a href="http://www.amnesty.de/umleitung/1996/deu05/062?lang=de&amp;mimetype=text/html&amp;destination=suche%3Fpage%3D1%26words%3DKlaus%2BHart%26search_x%3D0%26search_y%3D0%26form_id%3Dai_search_form_block">Die “Hölle auf Erden”</a></strong>01.12.1996   | Amnesty Journal Artikel | BRASILIEN Die “Hölle auf Erden” Revolten,   Hungerstreiks und Aids bestimmen den Alltag in den völlig überfüllten   brasilianischen Gefängnissen. Brasilien gilt zwar als die zehntgrößte   Wirtschaftsnation, leistet sich aber Haftanstalten, die man eher in   Ruanda oder Burundi vermuten würde. Eine im April verkünde …</p>
<p><a href="http://www.amnesty.de/umleitung/1996/deu05/062?lang=de&amp;mimetype=text/html&amp;destination=suche%3Fpage%3D1%26words%3DKlaus%2BHart%26search_x%3D0%26search_y%3D0%26form_id%3Dai_search_form_block">Weiterlesen</a></p>
<p><strong><a href="http://www.amnesty.de/umleitung/2002/deu05/101?lang=de&amp;mimetype=text/html&amp;destination=suche%3Fpage%3D1%26words%3DKlaus%2BHart%26search_x%3D0%26search_y%3D0%26form_id%3Dai_search_form_block">Staat im Staate</a></strong>01.10.2002   | Amnesty Journal Artikel | BRASILIEN STAAT IM STAATE In Brasilien   haben sich einflussreiche Verbrechersyndikate entwickelt, die vor allem   in den Favelas, den Elendsvierteln der Großstädte das soziale Leben   kontrollieren. In den über achthundert Favelas von Rio de Janeiro häufen   sich Szenen wie diese: Mehrere Dutzend schwer bewaff …</p>
<p><a href="http://www.amnesty.de/umleitung/2002/deu05/101?lang=de&amp;mimetype=text/html&amp;destination=suche%3Fpage%3D1%26words%3DKlaus%2BHart%26search_x%3D0%26search_y%3D0%26form_id%3Dai_search_form_block">Weiterlesen</a></p>
<p><strong><a href="http://www.amnesty.de/umleitung/1999/deu05/199?lang=de&amp;mimetype=text/html&amp;destination=suche%3Fpage%3D1%26words%3DKlaus%2BHart%26search_x%3D0%26search_y%3D0%26form_id%3Dai_search_form_block">Ungesühnte Gewaltexzesse</a></strong>01.09.1999   | Amnesty Journal Artikel | Brasilien Ungesühnte Gewaltexzesse In den   Armenvierteln der brasilianischen Großstädte gehört der Terror zum   Alltag. Bewaffnete Banden, Paramilitärs und die Polizei treiben hier ihr   Unwesen. Der Staat schaut zu. Rio de Janeiro, Ende Juli 1999: In   Sichtweite des Rathauses und einer Polizeikaserne, ganz in …</p>
<p><a href="http://www.amnesty.de/umleitung/1999/deu05/199?lang=de&amp;mimetype=text/html&amp;destination=suche%3Fpage%3D1%26words%3DKlaus%2BHart%26search_x%3D0%26search_y%3D0%26form_id%3Dai_search_form_block">Weiterlesen</a></p>
<p><strong><a href="http://www.amnesty.de/umleitung/2000/deu05/177?lang=de&amp;mimetype=text/html&amp;destination=suche%3Fpage%3D1%26words%3DKlaus%2BHart%26search_x%3D0%26search_y%3D0%26form_id%3Dai_search_form_block">Nachrichten</a></strong>01.11.2000   | Amnesty Journal Artikel | NACHRICHTEN Brasilien Menschenrechtler   besorgt über Terror von rechts Der brasilianische Schriftsteller Joao   Silvèrio Trevisan, 56, Pionier und intellektueller Kopf der nationalen   Schwulenbewegung, hat die Regierung von Präsident Fernando Cardoso   aufgefordert, rigoros gegen rechtsextreme Gruppen vorzugehen,  …</p>
<p><a href="http://www.amnesty.de/umleitung/2000/deu05/177?lang=de&amp;mimetype=text/html&amp;destination=suche%3Fpage%3D1%26words%3DKlaus%2BHart%26search_x%3D0%26search_y%3D0%26form_id%3Dai_search_form_block">Weiterlesen</a></p>
<p><strong><a href="http://www.amnesty.de/umleitung/1999/deu05/110?lang=de&amp;mimetype=text/html&amp;destination=suche%3Fpage%3D1%26words%3DKlaus%2BHart%26search_x%3D0%26search_y%3D0%26form_id%3Dai_search_form_block">Nachrichten</a></strong>01.06.1999   | Amnesty Journal Artikel | Nachrichten Brasilien/Deutschland Keine   Schelte für Präsident Cardoso Menschenrechtler hatten sich vor dem   Deutschland-Besuch des brasilianischen Präsidenten Fernando Henrique   Cardoso gefragt, was diesmal wohl anders sein würde. Kam Cardoso zu   Bundeskanzler Kohl an den Rhein, schlugen ihm Freundlichkeiten und  …</p>
<p><a href="http://www.amnesty.de/umleitung/1999/deu05/110?lang=de&amp;mimetype=text/html&amp;destination=suche%3Fpage%3D1%26words%3DKlaus%2BHart%26search_x%3D0%26search_y%3D0%26form_id%3Dai_search_form_block">Weiterlesen</a></p>
<p><strong><a href="http://www.amnesty.de/umleitung/1998/deu05/029?lang=de&amp;mimetype=text/html&amp;destination=suche%3Fpage%3D1%26words%3DKlaus%2BHart%26search_x%3D0%26search_y%3D0%26form_id%3Dai_search_form_block">Nachrichten</a></strong>01.06.1998   | Amnesty Journal Artikel | NACHRICHTEN Brasilien Ein Folterer macht   Karriere Ricardo Fayad ist heute Brigadegeneral &#8211; während der Diktatur   von 1964 bis 1985 hatte er sich als ausgebildeter Mediziner an   Folterungen politischer Gefangener beteiligt. In einer Kaserne in Rio de   Janeiro bestimmte er die Methoden: Celia Manes erhielt im …</p>
<p><a href="http://www.amnesty.de/umleitung/1998/deu05/029?lang=de&amp;mimetype=text/html&amp;destination=suche%3Fpage%3D1%26words%3DKlaus%2BHart%26search_x%3D0%26search_y%3D0%26form_id%3Dai_search_form_block">Weiterlesen</a></p>
<p><strong>„Die Lula-Regierung war bei den Menschenrechten eine Enttäuschung“(2009)</strong></p>
<p><strong>  </strong></p>
<p><strong>Tim Cahill, Brasilienexperte von Amnesty International, über   fortdauernde Folter, Todesschwadronen, paramilitärische Milizen und   Sklavenarbeit in Lateinamerikas größter Demokratie.</strong></p>
<p><strong>  </strong></p>
<p><strong>Paraisopolis heißt Paradies-Stadt – doch paradiesisch ist   hier garnichts. Der Slum zählt zu den über 2000 in der reichsten   südamerikanischen Megacity und grenzt an ein Viertel der Wohlhabenden –   nicht wenige davon blicken von ihren luxuriösen Penthouse-Appartements   direkt auf das unüberschaubare Gassenlabyrinth, wo auf engstem Raum in   Holz-und Backsteinkaten rund 100000 Menschen in Moder, Abwässer-und   Müllgestank hausen. Dabei gibt es an der fernen Peripherie weit   grauenhaftere Slums. Auch für die Kirche ist an Scheinheiligkeit nicht   zu überbieten, daß der von bewaffneten Gangstern gemanagte Drogenhandel   in Paraisopolis nur dank der reichen Großkunden von nebenan so lukrativ   funktioniert. Der junge schwarze Slumpriester Luciano Borges Basilio   nimmt kein Blatt vor den Mund:“Das organisierte Verbrechen ist besser   organisiert als die Polizei – oft sogar viel besser, während die Polizei   desorganisiert ist.“ In Brasilien werden täglich mehrere Beamte   ermordet. „Ein Polizeioffizier erhielt 2009 hier in Paraisopolis einen   Bauchschuß – die Beamten haben ja auch Familie und sind unter Streß und   Hochspannung, wenn sie in einen Slum hineinmüssen. Aber Willkür   rechtfertigt das nicht.“  Anstatt jener kleinen Minderheit von   Kriminellen das Handwerk zu legen, verletzt die Polizei bei Razzien   permanent Grundrechte der völlig unschuldigen Bewohnermehrheit, was   weder die Kirche noch Amnesty International hinnimmt. Tim Cahill ist   wiederholt vor Ort, spricht mit Zeugen. Sie berichten von Folterungen,   ungerechtfertigtem Schußwaffengebrauch: Bei der Verfolgung von   Gangstern, die in das Gassengewirr und Menschengewimmel des Slums   flüchten, wird ein neunmonatiges Baby in den Arm geschossen, eine   Sechzehnjährige an den Brüsten verwundet. </strong></p>
<p><strong>  </strong></p>
<p><strong>Journal: Bewohner berichten, daß Elektroschocks zu den   gängigsten polizeilichen Foltermethoden in Paraisopolis gehören. Die   Beamten behandeln uns wie Tiere, lautet ein Vorwurf. </strong></p>
<p><strong>  </strong></p>
<p><strong> Cahill: Die brasilianische Regierung hat zwar die   Anti-Folter-Konvention unterzeichnet, doch wie wir hier vor Ort sehen,   fehlt jeglicher politischer Wille, Folterer zu bestrafen. Bei   Folter-Anzeigen wird gewöhnlich garnicht ermittelt. Die Polizei ist   landesweit zunehmend in kriminelle Aktivitäten verwickelt, bildet   Todesschwadronen und paramilitärische Milizen. Und ein beträchtlicher   Teil der Brasilianer, vor allem jene in den Slums, wird wie   Wegwerf-Bevölkerung behandelt. Paraisopolis ist dafür ein Beispiel. Es   fehlt die Verantwortung des Staates für diese Menschen. Öffentliche   Sicherheit muß für alle Brasilianer garantiert werden – die armen   Schichten darf man nicht einfach davon ausschließen.“</strong></p>
<p><strong>  </strong></p>
<p><strong>Journal: „Öffentliche Sicherheit“ ist in Brasilien vor allem   Aufgabe der Militärpolizei – Relikt der Militärdiktatur. Weil   Diktaturverbrecher, Folterer von einst nicht bestraft werden, fördert   dies heutige Polizeigewalt und ermuntert die Folterer zum Weitermachen,   argumentieren selbst frühere politische Gefangene.</strong></p>
<p><strong>  </strong></p>
<p><strong>Cahill: Das ist in der Tat ein zentraler Punkt –   Straffreiheit in Bezug auf Vergangenes stärkt die heutige Politik der   Straflosigkeit. Das wird weithin akzeptiert. Ich war in vielen   Polizeiwachen und Gefängnissen Brasiliens, habe hohe Amtsträger des   Sicherheitsapparats getroffen. Da fand ich immer Leute mit ganz direkter   Beziehung zu den Diktaturverbrechen. Das Ausmaß der Gewalt, die   alltäglichen Menschenrechtsverletzungen im heutigen Brasilien sind Erbe   der Diktaturvergangenheit. Amnesty macht Druck auf Brasilia, auf   Staatschef Lula, die Diktaturverbrechen zu bestrafen und die   Geheimarchive des Militärregimes endlich zu öffnen. Brasilien ist bei   der Vergangenheitsbewältigung deutlich hinter den anderen   lateinamerikanischen Staaten zurück. Das ist gravierend. </strong></p>
<p><strong>  </strong></p>
<p><strong>Journal: Die Lula-Regierung hatte der UNO, den   Menschenrechtsorganisationen 2003, zu Beginn der ersten Amtszeit   versprochen, die eigenen Gesetze und internationalen Abkommen   einzuhalten. Doch nach wie vor werden in Brasilien sogar Menschen auf   Scheiterhaufen lebendig verbrannt.  Hielt Brasilia denn Wort?</strong></p>
<p><strong>  </strong></p>
<p><strong>Cahill: Die Lula-Regierung war eine Enttäuschung. Es gab   große Versprechen, Pläne und Projekte, sogar einen konstruktiven Diskurs   – doch die Probleme sind tief verwurzelt geblieben. Es wird weiter   gefoltert und exekutiert, die Lage in den Gefängnissen ist nach wie vor   grauenhaft, und es gibt sogar weiterhin Todesschwadronen und   Sklavenarbeit. Es fehlt der Regierung ganz klar politischer Wille. Echte   Reformen werden durch wirtschaftliche und politische Interessen   verhindert. Die paramilitärischen Milizen haben Macht, üben   wirtschaftliche Kontrolle aus – daraus wird politische Macht, eine reale   Bedrohung im heutigen Brasilien.“</strong></p>
<p><strong>  </strong></p>
<p><strong>Journal: In der Olympia-Stadt Rio de Janeiro hat der Staat   mehrere Hangslums besetzt, gemäß überschwenglichen europäischen   Presseberichten die Verbrecherkommandos vertrieben und die Lage der   Bewohner deutlich verbessert. Sind das nicht gute Beispiele, die auf   positive Änderungen hindeuten?</strong></p>
<p><strong>  </strong></p>
<p><strong>Cahill: Es handelt sich bei diesen Slums lediglich um Inseln,   während im großen Rest der Stadt sich an der staatlichen Politik, an   Diskriminierung und Polizeigewalt kein Deut ändert.  Für uns heißt dies,   vor Ort noch intensiver zu recherchieren und  Menschenrechtsverletzungen  permanent anzuprangern. Die Situation  Brasiliens ist sehr komplex. </strong></p>
<p><strong>  </strong></p>
<p><strong>Journal: Hochrangige Staatsvertreter geißeln die Lage   gelegentlich drastisch, was auf manchen entwaffnend wirkt.  Laut Gilmar   Mendes, Präsident des Obersten Gerichts, ähnelt Brasiliens   Gefängnissystem nazistischen Konzentrationslagern. Und Paulo Vannuchi,   Brasiliens Menschenrechtsminister, räumt ein, daß tagtäglich   außergerichtliche Exekutionen  und Blutbäder von Polizisten sowie   Todesschwadronen verübt würden. Gravierende Menschenrechtsverletzungen   seien Routine, alltäglich und allgemein verbreitet.</strong></p>
<p><strong>  </strong></p>
<p><strong>Tim Cahill: Dies zählt zu den unglaublichen Dingen in   Brasilien – Teile der Autoritäten erkennen diese Tatsachen offen und   klar an – aber tun so, als seien sie dafür nicht verantwortlich. Denn   das Gefängnissystem wird eben einfach nicht reformiert, trotz der   häufigen Versprechen. Das große Problem Brasiliens ist heute, daß der   offizielle Diskurs nichts mit der politischen Praxis zu tun hat. Wenn   die Regierung in Brasilia weltweit mehr Anerkennung und Respekt will,    muß sie sich für die Menschenrechte der eigenen Bevölkerung einsetzen,   besonders der Unterprivilegierten. Was falsch läuft, haben wir bei   unseren Recherchen in der Sao-Paulo-Favela Paraisopolis, bei den   Gesprächen mit Tatzeugen deutlich ermittelt: Der Staat marginalisiert   diese Menschen – und das seit Jahrzehnten. Innerhalb des Staatsapparats   herrscht Einverständnis, die Polizeistrukturen nicht zu kontrollieren.   Angesichts extremer Kriminalität läßt man den Sicherheitskräften die   Freiheit, Menschenrechte einfach zu verletzen. Wichtig ist, beide Seiten   zu sehen. </strong></p>
<p><strong>Hintergrund von 1997 &#8211; veröffentlichte Texte in Lateinamerika-Nachrichten &#8211; hat sich seitdem an der Lage viel verändert?</strong></p>
<h1>Im Dienst des organisierten Verbrechens</h1>
<h2>Rios Straßenkinder &#8211; neue Dimension eines alten Problems</h2>
<p>Immer  mehr Straßenkinder Brasiliens werden von der organisierten    Kriminalität  rekrutiert und landen damit in den Kreisläufen der    täglichen Barbarei  und Gewalt. Das „Missionsobjekt“ Straßenkind hat    hierdurch neue  Dimensionen erfahren, die bislang allerdings von den     Straßenkinderprojekten im Ausland kaum zur Kenntnis genommen wurden.     Unser Autor Klaus Hart aus Rio de Janeiro schildert die wenig     erfreuliche Entwicklug des Problems.</p>
<p>Bis zum entsetzlichen  Candelaria-Massaker von 1993 (vgl. LN Nr.    231/232) gehörten die Meninos  de Rua zum normalen Erscheinungsbild der    Sieben-Millionen-Stadt Rio de  Janeiro. Ob in Copacabana, Ipanema oder    in der City &#8211; immer zogen sie in  Gruppen herum, bettelten, stahlen.   Und  schlimmer noch: Eine sichtbare  Minderheit unter den  Straßenkindern   überfiel, terrorisierte regelrecht  bevorzugt  schwangere Frauen und  alte  Leute.<br />
Im Stadtzentrum bin auch ich mehrfach von Straßenkindern verfolgt     worden, flüchtete mich in Restaurants oder in von bewaffneten Pförtnern     bewachte Hauseingänge. Wenn die Gruppen mich dennoch erwischten,  waren    eben Geld und teures Arbeitsgerät wie Sony-Recorder oder Kamera  weg.    Eine Bande ritzte mir vorm Wegrennen in Richtung Polizeikabine  einmal    Arm und Hand blutig. Aber das ist alles harmlos im Vergleich  zu den    Erlebnissen vieler Einheimischer. Eine brasilianische Bekannte  fuhr mit    dem Wagen die famose Avenida Atlantica entlang, ihr  Kleinkind auf dem    Rücksitz. An der Ampel wird das Auto von  Straßenkindern umringt, eines    schneidet ihrer Tochter die Kehle  durch, sie verblutet. Einem    Nordamerikaner, zum Arbeiten in Rio,  schlägt eine Gruppe eine    abgeschlagene Flasche ins Gesicht, einfach  so, ohne Raubabsicht.<br />
Derzeit muß man in Rios Kernbereichen Meninos de Rua allerdings fast mit     der Lupe suchen. Statt der Tausenden von Anfang der 90er Jahre     verlieren sich im Straßengewühl bestenfalls einige hundert. Will ich zur     nächsten Metrostation, kommen mir gelegentlich ausgeraubte     traumatisierte Frauen entgegen: „Gehen Sie nicht weiter, an der Ecke     lauern drei Meninos mit Messern!“ Also laufe ich zurück, nehme am Stand     ein Taxi, fahre an den Kids vorbei, höre vom Motorista: „Die da  werden    nicht alt, hinter denen sind schon die Kollegen her.“  Diskutieren    sinnlos. Grundtenor an den Stehbars: Sofort umlegen,  bevor die Blödsinn    machen.<br />
Straßenkinder-Experten wie Roberto Santos, Leiter der angesehenen     Stiftung Sâo Martinho, bestätigen, daß die Gesellschaft, besonders die     Mittel- und Oberschicht, auf Repression setzt und Gewalt gegen die     Minderjährigen wie nie zuvor befürwortet. Gemäß einer neuen seriösen     Umfrage sind rund 52 Prozent der BewohnerInnen von Rio generell für     Lynchjustiz. Den Intellektuellen, ebenso wie den in-und ausländischen     NGOs, gelang es nicht, einen Meinungsumschwung herbeizuführen &#8211; die     brasilianische Gesellschaft ist neoliberaler, individualistischer und     deutlich egoistischer geworden. Das früher bestehende Mitgefühl etwa  der    Mittelschicht mit den Armen hat spürbar abgenommem. Weiter gilt,  was    der inzwischen verstorbene Betinho konstatierte: Das Beseitigen  von  als   störend empfundenen Minderjährigen wird von einem Großteil  der    BrasilianerInnen hingenommen, toleriert, und im Sinne einer  geistigen    Komplizenschaft mit den Mördern sogar befürwortet.</p>
<p>Anti-NGO-Kampagne</p>
<p>Inzwischen hat sich das Problemfeld verändert. Heute über gute oder     schlechte Straßenkinderprojekte, über die Unterschlagung von     Spendengeldern und über Kinderelend als Bereicherungsquelle für     unehrliche NGOs zu debattieren, wäre müßig. Regierungsunabhängige     Organisationen, die sich direkt den Straßenkindern widmen, gibt es kaum     noch. Die meisten sind schlichtweg eingegangen, seit das Ausland weit     weniger Spenden überweist und die Regierung nach einer geschickt     betriebenen Anti-NGO-Kampagne Gelder stoppte. Cristina Leonardo, die     couragierte Leiterin des Centro Brasileiro de Defesa dos Direitos da     Crianca e do Adolescente (Brasilianisches Zentrum für die Verteidigung     der Rechte von Kindern und Jugendlichen) und Verteidigerin von Opfern     und Überlebenden des Candelaria-Massakers, wie auch Roberto Santos     bestreiten vehement, daß die Regierung etwa durch gute  Präventivprojekte    die Zahl der Straßenkinder gesenkt habe. Unter  Präsident Fernando    Henrique Cardoso sei die Situation gerade im  Sozialbereich, ob Bildung    oder Gesundheit, so schlecht wie noch nie.  Ausländische    Unterstützergruppen, so ist immer wieder zu hören,  hätten eine völlig    falsche, oft sozialromantische Sicht der Dinge.  Größtenteils werde    übersehen, was sich bereits vor dem  Candelaria-Massaker 1993 deutlich    abzeichnete: Das organisierte  Verbrechen offeriert den Kindern und    Jugendlichen vergleichsweise  gutbezahlte Jobs, bei keineswegs    geringerem, sondern weit höherem  Lebensrisiko, doch für umgerechnet bis    zu tausend Mark die Woche. In  sämtlichen Slums von Rio de Janeiro,  auch   dies ist inzwischen ein  Gemeinplatz, funktionieren selbst die vom    Ausland finanzierten  Hilfsprojekte nur, wenn das organisierte  Verbrechen   seine Zustimmung  gibt. In Europa denken immer noch viele,  Kinder und   Jugendliche der  Unterschicht würden mehrheitlich von der  Militärpolizei   erschossen.  Seriöse Untersuchungen stellten jedoch  bereits 1993  richtig,  daß der  große „Exterminador“ eben das  organisierte Verbrechen  ist.  Keiner  weiß das besser als die mit  Cristina Leonardo kooperierende    Künstlerin Yvonne Bezerra de Mello.  Kinder, die nicht richtig   mitziehen,  etwa drogensüchtig werden und  statt Profiten Verluste   bringen, werden  kurzerhand eliminiert. Die  Leichen, so Yvonne Bezerra   de Mello,  verschwinden meistens. Die großen  Bosse, sagt sie, wohnen   natürlich  nicht im Slum, sondern in den  Nobelvierteln Rios. In diesen   Vierteln der  Geld- und Politikerelite  werden derzeit Drogen  verbraucht  wie nie zuvor  &#8211; daher die enorme  Nachfrage, die den  Straßenkindern Jobs  verschafft.<br />
Das beste Beispiel für die jüngeren Entwicklungen sind die     Candelaria-Überlebenden: Der Trafico, wie die auf Drogen-und     Waffenhandel, Entführungen und Rauberüberfälle spezialisierten     Gangsterkommandos genannt werden, hat sie adoptiert. Die Leute vom     organisierten Verbrechen, so Roberto Santos, zeigten sich in der Tat     weitaus besser organisiert und professioneller als der Staat und die     NGOs. Kinder und Jugendliche brauchen die rund 800 Slums von Rio nicht     mehr zu verlassen. Die Kleinsten verdienen als Fogueteiro   (Leuchtrakete)   über fünfzig Mark pro Tag. Sie warnen die   schwerbewaffneten Gangster   mittels Feuerwerksraketen vor herannahenden   gegnerischen   Verbrechermilizen oder der Polizei. Fünfjährige   transportieren als   sogenannte Aviôes, Flugzeuge, Drogen in der Stadt,   und bringen sie auch   zu den privaten Bestellern der Mittel-und   Oberschicht. Sieben- oder   Achtjährige haben für gewöhnlich schon   Pistole oder Revolver im   Hosenbund. Als Soldados schließlich gehören   sie zum martialischsten Teil   der nach militärischem Vorbild streng   hierarchisch gegliederten   wichtigsten Syndikate Comando Vermelho   (Rotes Kommando) und Terceiro   Comando (Drittes Komando). Soldados   kontrollieren die Ein- und Ausgänge   der Steilhangslums. Sie schießen   auf Verdächtige, nehmen an Gefechten   und Massakern teil, führen   Mordbefehle aus und sind bei Entführungen und   Banküberfällen dabei.</p>
<p>Kultur feudalistisch-machistischer Werte</p>
<p>Mit Reinaldo Guarany, militanter Diktaturgegner und einer der    Entführer  des deutschen Botschafters Ehrenfried von Holleben im Jahre    1970, fahre  ich eine enge steile Straße des malerisch wirkenden    Bergstadtteils Santa  Teresa hinunter. An der ersten Biegung richtet am    Favela-Eingang ein  nur mit Shorts und Sandalen bekleideter    Zwölfjähriger seine verchromte  MP auf uns. Er bräuchte nur einmal    durchzuziehen, und alle im Wagen  wären tot. Das passiert auch    gelegentlich &#8211; im Drogenrausch sehen die  Soldados in jedem einen    Gegner, erschießen sogar die eigene Freundin  oder Frau. Guaranys    Kommentar: „Noch vor zwei Jahren habe ich hier viele  von den Jungs, die    mir heute mit MPs begegnen, Murmeln spielen sehen &#8211;  sie wurden zu    Soldaten des organisierten Verbrechens, prahlen damit  herum und rühmen    die Banditen als ihre Helden.“<br />
Guarany sieht es nicht anders als Anwältin Cristina Leonardo: „Daß heute     die große Mehrheit der Meninos de Rua beim Trafico ist, bedeutet,  daß    Staat und Regierung sie im Stich ließen und die Sozialprogramme     einschränkten. Wenn ein Junge mit acht Jahren schon mit einer     nordamerikanischen Heeres-MP umzugehen weiß, wird es kompliziert.     Darüber spricht niemand, aber genau das müßte das Hauptthema sein!“ Die     Drogenprobleme und das Ausmaß des organisierten Verbrechens     herunterzuspielen, ist für sie „scheinheilig“.<br />
Alba Zaluar, Brasiliens führende Gewaltexpertin, sieht inzwischen in den     Slums eine neue tyrannische Kultur feudalistisch-machistischer Werte     fest installiert &#8211; hingenommen von den Autoritäten des Staates. Denn   die   Herrschaft des organisierten Verbrechens über Rios Slums   verhindert  auf  perfide Weise, daß deren BewohnerInnen politisch für   ihre Rechte   kämpfen. Immer wieder werden engagierte   BürgerrechtlerInnen, die   Selbsthilfegruppen in den Slums leiten und   sich dem Normendiktat der   Gangster nicht beugen wollen, zur   Einschüchterung aller ermordet. Auch   von ehemaligen, vom Trafico   rekrutierten Straßenkinder.<br />
So wollte im September eine 83-jährige Frau nicht mehr akzeptieren, daß     Gangsterkommandos bei Gefahr stets ihr winziges Slum-Grundstück     passierten. Sie diskutierte mit den Banditen. Eines Nachts wurde sie     deshalb von einer Gruppe grausam ermordet. Ein brasilianischer Bekannter     wohnt unglücklicherweise nur wenige Schritte von einem     Kommando-Treffpunkt entfernt. Er muß mitansehen, wie dort Kinder,     Jugendliche und Erwachsene gefoltert, gekreuzigt, mit Schüssen     durchsiebt werden. Mehrfach feuerten Jugendliche unter Drogeneinfluß in     seine Haustür, und hätten die zwei kleinen Söhne treffen können. Die     Kids tragen übrigens bevorzugt deutsche G-3 &#8211; und schweizerische     Sig-Sauer-Sturmgewehre. Weil diese eine besonders große Reichweite     haben, werden immer mehr Stadtbewohner durch verirrte Kugeln getötet     oder verwundet.<br />
In Rio ist die Gewöhnung an diese tägliche Barbarei die Regel &#8211; in     Deutschland dagegen, so scheint es, haben nur wenige die Entwicklungen     der letzten Jahre und deren politische Dimension zur Kenntnis  genommen.    Andere wollen sie nicht wahrnehmen. Sie müßten sich sonst  von ihren    liebgewordenen Brasilien-Klischees trennen.</p>
<h1>Vier zu drei gegen José Rainha</h1>
<h2>26 Jahre wegen “Beihilfe zum Doppelmord” &#8211; Brasiliens Justiz in Hochform</h2>
<p>In  einem 17stündigen Prozeß wurde der Führer der brasilianischen     Landlosenbewe­gung MST José Rainha zu 26 Jahren und sechs Mona­ten Haft     wegen angeblicher Beteiligung an einem Doppelmord ver­urteilt. Mit   vier   zu drei Stimmen befand die Jury den 36jährigen für schuldig,   obwohl  der  zur Tatzeit 1000 Kilometer vom Tatort entfernt war.</p>
<p>Lange vor dem  Prozeß gegen den populärsten, cha­ris­­ma­tischsten    Land­lo­senführer  kün­digte amnesty inter­national an, daß es im    Ver­fahren nicht mit  rechten Dingen zuge­hen wird. Aber die bösen    Erwartun­gen wurden noch  übertroffen. Der 36jährige José Rainha    er­hielt im Juni 26 Jahre und  sechs Mo­nate Haft wegen angeblicher    Be­tei­li­gung an einem  Doppel­mord, der 1989 im Bundesstaat Es­pírito    Santo began­gen wurde.  Amnesty in­ternational prote­stierte  um­ge­hend   und erklärte Rainha für  un­schul­dig: Das Ur­teil erinnere  an   Dik­taturzeiten. Bleibe es auch  beim zweiten Verfahren im  Sep­tem­ber   bei die­sem Strafmaß, wer­de er  zum po­litischen  Ge­fan­ge­nen erklärt   und ai rund um den Erd­ball für  seine  Freilassung mo­bilisie­ren.  Nicht  einmal die juristi­schen   Mindest­regeln seien im Prozeß  einge­halten  worden, kri­tisierte ai:   Weder durch Be­wei­se noch durch   Zeu­gen­aus­sa­gen konnte bestätigt   werden, daß Rainha am Tat­ort  war.  Im Ge­gen­teil gibt es Nach­weise,   daß er sich tausend Kilometer   entfernt auf­gehalten hat. Mit dem   Ge­richts­verfahren sollte viel  mehr  die Land­lo­senbewe­gung MST   ein­ge­schüchtert werden, die zur   zweit­wichtigsten Stimme der   Op­posi­tion geworden ist.<br />
Auch die katholi­sche Kirche Bra­sili­ens, in der Rainha seine     po­litische Laufbahn begann, steht weiterhin zu ihm und unter­strich,     daß den 922 Morden an Bau­erngewerkschaftlerInnen, kirch­li­chen     Mit­arbeiterInnen, Landlo­sen, Kleinbau­ern und Klein­bäue­rinnen von     1990 bis 1995 nur 47 Ge­richtsverfahren und nur fünf verurteilte Täter     ge­gen­über­stehen, von denen zwei aus dem Ge­fängnis flohen.</p>
<p>Im Visier: Das MST</p>
<p>Daß Rainha noch lebt, grenzt fast an ein Wunder: Seit 1987 verfolgt    ihn  die berüchtigte To­des­schwadron Escuderie Le Cocq seines    Heimatstaa­tes  Espí­rito Santo, in dem er als Land­arbei­tersohn    aufwuchs. Rainha  ent­ging Hinterhal­ten, überlebte Mord­anschläge und    konnte nur ein­mal  durch Schüsse verwun­det wer­den. Zwei seiner engen    Freun­de, Pfarrer  Gabriel Maire und Gewerk­schaftsführer Edson  Ra­mos,   dage­gen star­ben  1988 im Ku­gelha­gel der Pistole­ros.<br />
Ein Jahr später kam es zu ei­nem Schußwechsel zwi­schen  ei­nem     Groß­grundbesitzer, sei­nem ihn begleitenden Militärpolizi­sten und     einer Gruppe von Land­lo­sen. “In Wahrheit vertei­digten sich die Sem     Terra, die Landlo­sen, gegen jenen Fa­zendero, der ein Blutbad     anrich­ten wollte.” meint Anwalt Os­mar Barcellos. Zeu­gen wollen Rainha     bei der Schießerei gese­hen ha­ben, be­schreiben ihn als ziemlich    dick,  mit rundem Ge­sicht und ka­sta­ni­en­farbigen Haa­ren. Rainha ist     je­doch geradezu dürre, hat ein längli­ches Gesicht und schwarze    Haare.  Und vor allem wurde er zur Tatzeit nicht nur von zwei     Lo­kalparlamentariern, sondern auch einem Obersten der     Mi­li­tär­po­li­zei des nordöstlichen Bun­des­staates Ceará gesehen.     Beim Prozeß wurden aber weder Zeu­gen der Anklage noch der     Ver­tei­digung angehört. Die laut Nach­rich­tenmagazin Veja     gra­vierendste Verur­teilung einer brasi­lianischen     Führungspersön­lich­keit seit der Rückkehr zur Demo­kratie wird deshalb     von zahl­reichen Ju­risten und Krimi­nalisten des Landes als    schlech­ter  Witz bezeichnet, die Strafe als “absurd”. Auch das    Pastoral­büro für  Landange­legenheiten der Bi­schofskonferenz    kritisierte, daß mit dem  Schauprozeß nicht Rainha, son­dern die    ge­samte Landlosenbewegung  ge­troffen wer­den sollte. In vielen Medien    da­gegen wurde das Urteil  einsei­tig darge­stellt und sogar begrüßt:    das MST also doch die Bande  von Mör­dern, ge­walttätigen Ge­sellen  und   Gesetzesbre­chern, wie die  mäch­ti­gen Großgrundbe­sitzer im­mer    be­haupten?<br />
Kä­me Rainha tatsächlich hin­ter Gitter, wäre das für das MST ein herber     Verlust. Niemand sonst hat in Brasi­lien so viele Be­setzungen     brachliegender La­ti­fundien mit durchgeführt, hat so große Erfahrungen     und kennt Bra­silien und die Landlosen­basis so gut. An die zwanzig     Prozesse wurden gegen Rainha geführt, etwa 50 Untersuchungsverfahren     ge­gen ihn ein­geleitet &#8211; ohne Er­folg. Hinter Gittern saß er bereits     mehrfach, interna­tionale Proteste führ­ten jedoch stets zu seiner     Frei­lassung.<br />
Ist Rainha nur eine Art MST-Pro­fi-Funktionär? Er be­sitzt vier Hektar     im Hinterland des Bun­des­staates Sâo Paulo, pflanzt Pap­rika, Mais,     Tomaten und Me­lo­nen, und gehört zu einer Asso­cia­çao comuni­taria  mit    16 Fa­mi­li­en. Von der bra­silianischen Zeit­schrift Imprensa  nach    seiner Schul­bildung gefragt, antwortete er: “Ich war nie in der   Schule.   Le­sen und Schreiben habe ich mir mit fünfzehn zuhause   beige­bracht.   Wir waren eben ver­dammt arm, meine Brü­der   ar­bei­te­ten auf dem Feld,   um zu Über­le­ben. … Ich lese gerne. Von   Frei Betto kenne ich fast   alle Bücher &#8211; der ist mein Freund.”</p>
<h1>PC Farias: Tangotänzer und Mafioso</h1>
<h2>Brasiliens Justiz muß Mord an “Grauer Eminenz” wieder aufrollen</h2>
<p>Unter  dem Druck von Gerichtsmedizinern, Kriminalisten und der    Öffentlichkeit  sieht sich Brasiliens Justiz gezwungen, den Mord an    Paulo Cesar Farias,  Symbolfigur für Korruption in Politik und    Wirtschaft, erneut zu  untersuchen. Die bislang verbreitete offi­zielle    Tatversion ist nicht  mehr haltbar.</p>
<p>Mit der finanziel­len Unter­stützung des  Multimillionärs Paulo Cesar    Farias­, im Volks­mund PC,  gewann Collor de  Mello 1989 die    Präsident­schaftswahlen. Aber auch nach der Wahl  ver­sorgte PC seinen    Präsidenten, der 1992 wegen Korrup­tion und  Machtmiß­brauch seines    Am­tes enthoben wurde, mit reich­lich Geld (siehe  LN 222). “Wegen    Mangels an Be­weisen” 1994 in ei­nem offen­sicht­lich  politisch    motivier­ten Kor­ruptionspro­zeß frei­ge­spro­chen, lebt  Collor heute    in Miami. PC be­kam sieben Jah­re, die er größtenteils  höchst    kom­fortabel im of­fe­nen Straf­vollzug von Ma­ceio / Alagoas   absaß.    Damit könnte die Geschichte ein Ende haben.</p>
<p>PCs Comeback</p>
<p>Als ihn 1996 in seiner Wo­chenendvilla im Nord­oststaat Ala­goas der     tödli­che Schuß traf, hatte PC Farias gerade sein poli­tisches     Co­meback, die Gründung einer Tageszeitung angekündigt. Der zu­ständige     Po­lizeichef gab noch am selben Tag bekannt, der fünfzigjährige     kahl­köpfig-char­man­te Tangotän­zer sei wegen Be­ziehungspro­ble­men     von seiner Freundin Suzana Mar­colino er­schossen wor­den, die     anschlie­ßend an seiner Seite Selbst­mord be­gangen habe. &#8211; Spott und     Iro­nie war der Tenor von Brasiliens Leitar­tikeln. Als Tat­motiv wurde     allgemein Quei­ma de Archivo, die Vernichtung von Archiven   angenom­men,   da PC exzellenter Kenner der brasi­lianischen   Kor­ruptionsme­chanismen   war und streng­gehütete Geheim­nisse der   jünge­ren Politik mit ins  Grab  nahm. Zur allgemei­nen Ver­blüf­fung   be­stätigte zwei Mo­nate  später der  bis dahin landes­weit   hoch­ange­sehene Gerichts­me­di­zi­ner  Badan  Palhares nach vor Ort   an­gestell­ten Untersu­chungen die  Ver­sion des  Polizei­chefs. Für die   Re­gie­rung schien der Fall damit  er­le­digt.<br />
Von Anfang an hatte der ala­goanische Gerichtsmedi­ziner und     Militärpolizei­oberst George San­guinette mit einem hohen Maß an     Zivil­courage öffentlich auf Un­gereimtheiten bei dem Mord     hin­ge­wiesen. Seine ermit­telnden Kol­legen würden von “oben”     ge­wal­tig unter Druck ge­setzt, bei dem Verbrechen han­dele es sich um     einen Doppel­mord. Sangui­nette erhielt da­raufhin Mord­droh­ungen  und    wurde we­gen seiner Aufmüpfig­eit zeit­weise unter Haus­arrest    gestellt.  Der Oberst ließ sich nicht ein­schüch­tern, wies über­zeugend    grobe  Er­mitt­lungs­fehler nach, und ver­öf­fent­lichte darüber  sogar   ein  Buch. Die Untersu­chungen wur­den schließlich   wiederaufge­nom­men.  Die  jüng­ste defini­tive Ex­per­tise vom Mai   macht die bis­he­rige   offizielle Version zu Ma­ku­la­tur. Suzana   Marco­lino konn­te nicht auf   PC geschossen und sich danach in der   beschrie­be­nen Weise umge­bracht   haben — ge­mäß der zu­ständigen   Staats­an­wäl­tin weisen die Indi­zien   nun­mehr auf Dop­pelmord hin.   Als PC und dessen Freundin be­reits tot   waren, wur­den nach­weis­lich   Te­lefongesprä­che mit der   Wo­chen­endvilla ge­führt. Die Lei­chen   “entdeckte” man aber erst rund   vier Stunden später.</p>
<p>Zivilcourage eines Gerichtsmediziners</p>
<p>Laut Sanguinetti steht die Ma­fia von Alagoas hinter der Tat.     Mitt­lerweile wurden auch Ver­bin­dungen PCs zur italienischen Mafia     nachgewiesen. Ein Partner soll in Geldwäsche, Drogen und Waf­fenhandel     verwickelt sein. Zwei Kinder von PC stu­dierten auf einem     Privatgymnasium der Schweiz, wo die ita­lienische Po­li­zei vier Konten     des Er­mordeten aus­machen konnte. Auf diesen und sechs weiteren   Konten   in den USA, den Niederlanden und Uruguay hatte PC über sechs   Millionen   Dollar de­poniert: Ein Bruch­teil seines Vermögens.<br />
PC Farias eigener Einschät­zung nach säßen bei strenge­ren Ge­setzen     gegen Korruption im Wahl­prozeß &#8211; wie zum Beispiel in Italien &#8211; die     Politiker, die Bau­un­ternehmer und Bankiers des Landes allesamt hinter     Git­tern. Und er muß es wohl am be­sten wis­sen.</p>
<p>KASTEN</p>
<p>Würden Sie Ihr Kind “Hitler” nennen?</p>
<p>Antonio Callade, der auch in Deutschland und Österreich viel­verlegte     brasi­lianische Roman­cier, stau­nte nicht schlecht, als er bei der     Pre­miere eines seiner Stücke im Teatro Ziembinski von Rio de Janeiro     auf den Mosaik­fußboden schaute: auf über zehn Metern Länge ein     Ha­kenkreuz nach dem an­deren kunstvoll aufge­reiht, saubere     Handwerksarbeit aus den 30er und 40er Jahren. Seit das alte Haus 1985     von ei­nem Schauspieler er­worben und in ein Theater umgewan­delt  worden    war, hatte nie­mand An­stoß an der auch vom angrenzenden   öffentli­chen   Platz deutlich erkennba­ren Haken­kreuz­or­na­men­tik   genommen.<br />
Obwohl in den brasiliani­schen Zeitungen häufig über     Hakenkreuz­schmierereien in Deutschland und anderen eu­ropäischen     Län­dern sowie über die entsprechen­den Proteste jü­discher     Organisa­tionen be­richtet wird, verkau­fen Straßenhändler in Rio oder     Sâo Paulo sogar nach­produzierte Me­tall-Erinne­rungsplaketten an den     “Gautag der Bayrischen Ost­mark, Pfingsten 1933 in Regens­burg”,  darauf    das Ha­kenkreuz unter’m Reichsad­ler. Bis heute tragen nicht  wenige    Brasilianer den Vor­namen Hitler &#8211; die Eltern wa­ren eben  Bewunderer  des   Naziführers. Richter Hitler Canta­lice läßt einen     Parlaments­abgeordneten we­gen Autoraubs verhaften &#8211; und als die     Insassen einer total überfüllten Haftanstalt re­voltieren, behält     Polizei­chef Hitler Mussolini Pacheco kühlen Kopf, führt persönlich die     Verhand­lungen über Geiselfreilassun­gen. Weiße Hitler sitzen in     Universitätshörsälen, schwarze Hitler hausen in Slums der     Sklavennachfah­ren. “Hitler” steht auch auf Straßenschildern: In der     Stadt Barra do Bugres befindet sich das Hospital in der “Avenida Hitler     Sansâo”. Auch der Vor­nahme “Rommel” ist sehr häufig.<br />
Viele Juden flüchteten vor der drohenden Verfolgung und Ermordung auch     nach Brasilien &#8211; die den Deutschen aus der Nazizeit bekannte üble     Verunglimpfung der jü­dischen Minderheit ist jedoch bis heute selbst in     Wörterbü­chern und Lexika beibehalten worden &#8211; trotz entsprechen­der     Proteste. Ver­gangenes Jahr hat erstmals auch die jü­dische     Weltorganisation B’NAT B’RITH scharf ver­urteilt, daß sogar im     wichtig­sten brasilianischen Nach­schlagwerk Aureliano der Jude als     “schlechter Mensch, Geizhals, Habgieriger, Wu­cherer” definiert bzw.     charakteri­siert wird.</p>
<h1>Megaescândalo</h1>
<h2>Gesprächsmitschnitte weisen auf massiven Stimmenkauf im Kongreß hin, Nutznießer: Staatschef Cardoso</h2>
<p>Der  Präsident will wiedergewählt werden. Die entsprechende     Verfassungsänderung kam Ende Januar nur mittels Stimmenkauf und andere     Machenschaften durchs Par­lament &#8211; sagten damals Kirche, Opposition  und    Medien. Doch niemand konnte es be­weisen. Jetzt liegen     Gesprächsmitschnitte vor, denen zufolge Cardosos rechte Hand,     Kommuni­kationsminister Sergio Motta, den Stimmenkauf veranlaßte. Eine     un­bekannte Zahl von Abgeordneten erhielt demnach jeweils umgerechnet   an   die 300.000 DM in bar. Cardoso war noch nie so in der Bredouille.</p>
<p>Was  Brasiliens größte Quali­tätszeitung, die Folha de Sâo Paulo,    Mitte Mai  abdruckte, schlug ein wie eine Bombe: Zwei zur Rechtspartei    PFL der  Re­gierungsallianz zählende Kon­greß­abgeordnete er­läutern    klar und  unzwei­deutig eine groß­an­ge­leg­te Stimmenkaufopera­tion.    Car­dosos  In­tim­freund Sergio Motta von der So­zi­aldemokrati­schen    Partei (PSDB)  habe veranlaßt, daß über die PFL-Gou­ver­neu­re der    Teil­staaten Acre  und Ama­zonas um­gerechnet rund 300.000 DM in bar &#8211;    oder sogar noch viel  mehr &#8211; an Parlamentarier aus­gezahlt wurde, damit    sie Ende Januar für  die Wie­derwahl-Novelle vo­tie­rten. Der   Abstimmung  war von der  Mitte-Rechts-Regierung al­ler­größte Be­deutung    bei­ge­mes­sen wor­den.<br />
Überraschend hatte eine große Zahl von Abgeord­neten, die die     Ver­fas­sungsänderung stets öf­fent­lich ablehnten, dann doch der     No­velle zuge­stimmt. In den ab­ge­druckten Gesprächsmitschnit­ten     wer­den fünf bestochene De­pu­tados aus Acre nament­lich genannt, doch     weit mehr sollen Sum­men zwischen 200.000 und 300.000 Reais er­hal­ten     haben. Diese bezeichen die Darstel­lungen als falsch und absurd. Die     PFL, stärkster Partner Cardosos, schloß indessen sofort jene zwei     Acre-Abgeordneten aus der Par­tei aus, die den Stimmenkauf erläuterten     und selber Geld er­hielten. Mit anderen Worten: Beide werden als     geständig ange­sehen, die Mitschnitte somit als authentisch be­trachtet.     Wa­rum nur diese beiden und nicht die an­deren Deputados &#8211; die zwei     Gouverneure und der Mi­nis­ter?, fragt sich alle Welt. Die in     Folha-Kommentaren gege­be­ne Antwort: Entläßt Cardoso Mi­ni­ster Motta,     wie sogar die PFL-Spit­ze empfiehlt, gesteht er auch seine eigene    Schuld  ein &#8211; und dann ist alles möglich. Erinnert sei hier an das     Col­lor-Im­peach­ment von 1992.</p>
<p>Kurse der Stimmenbörse</p>
<p>Motta, der mit Cardoso eine Großfarm betreibt, ist in einer heiklen     Situation. Vorwürfe, daß er als Hauptorganisator des Stimmenkaufs     fungiert, er­hob sogar Paulo Maluf, Führer der nicht zur Re­gierung     gehörenden Rechtspartei PPD. Deren Kon­greßabgeordneter Jair Bolsonari     beschrieb, wie es am Tage der Abstimmung im Januar in den     Kon­greßkorridoren zuging: Wie bei Geschäftsverhandlungen auf ei­ner     Stimmenbörse. Am Mor­gen wurde ein Votum noch für 200.000 Reais     ge­handelt, weil die Regierung nicht sicher war, ob die     Verfassungsänderung pas­sieren würde. Einige Parla­men­ta­rier     verlangten sogar 300.000 Re­ais. Kurz vor der Ab­stimmung glaub­te die     Regierung an ihren Sieg und ging deshalb mit dem Kurs herunter, zahlte     nur noch 50.000 Reais. “Ich weiß nicht, wer Stimmen an-     bezie­hungs­wei­se ver­kaufte, doch den Kauf und Verkauf gab es     tatsächlich.”<br />
Die Cardoso-Regierung hat seit dem Amtsantritt eine Reihe von     parlamenta­rischen Untersu­chungs­ausschüssen verhin­dert, die ihr     hätten gefährlich wer­den kön­nen. Zwar bekam die Oppo­si­tion die     nötigen Unter­schriften der Abgeordneten zusammen, oh­ne die ein     Ausschuß nicht ge­bil­det werden kann. PFL und PSDB entsandten je­doch     nicht die vor­geschriebenen Repräsen­tanten &#8211; und damit war die     Untersuchung ganz “demokra­tisch” blockiert.<br />
Nach dem Abdruck der Ge­sprächs­mitschnitte hatte die Op­po­si­tion die     Unterschrif­tenliste rasch komplett &#8211; auf Anwei­sung Cardosos mußten     indessen PFL- und PSDB-Abgeordnete ihre Unterschriften zurückziehen.  Es    wurde öffentlich spekuliert, wieviel Reais sich die Regierung die     Rückzieher wohl habe kosten las­sen &#8211; wieder 200.000 pro Kopf?<br />
Brasiliens Bischofskon­ferenz CNBB hat den Me­ga­es­cândalo nicht     kommentiert, sie verwies nur auf ein jüngst veröffent­lich­tes     CNBB-Dokument, in dem die Re­gie­rung der ak­tiven Kor­rup­tion     beschul­digt wird. Im Bezug auf die Wiederwahlno­velle heißt es, die     Regierung be­sorge sich bei für sie interessan­ten Vor­lagen die nötigen     Stim­men ohne Skrupel. Cardosos Allianzpartner PFL, der den     Vizepräsidenten stellt, ist gemäß Un­ter­suchungen und Zeugenaus­sa­gen     bereits seit langem in Wahlstimmenkauf ver­wickelt. Im archai­schen     Nord­osten, so Anwälte ge­gen­über den La­tein­a­me­rika Nach­richten,     sei all­ge­mein be­kannt, daß der deutsch­stäm­mige PFL-Chef Jor­ge     Born­hau­sen mit prall­ge­füll­tem Geld­koffer he­rum­rei­se,  Politiker    besteche und den Stim­menkauf organi­sie­re. Born­hau­sen  ist   Mitgründer  der einstigen Militärdiktatur-Par­tei Arena. Cardosos  Vize   Marco  Ma­ciel gehörte ebenfalls zur Are­na und zählte zu den    ak­tiv­sten  Unter­stüt­zern der Folter­ge­ne­räle.</p>
<p>Alte Kameraden</p>
<p>Die PFL stand an der Seite Präsident Fernando Collor de Mellos, der 1992 wegen Korrup­tion und Machtmißbrauch abge­setzt wurde.<br />
Jener Senhor X, von dem die Fol­ha de Sâo Paulo die Mit­schnitte     erhielt, hat in­zwischen be­tont, weitere Tonbänder zu be­sitzen, auf     denen noch mehr Per­so­nen belastet werden.<br />
Zwei Mitglieder der PSDB-Spitze erklärten interessanter­weise vor der     Veröf­fentlichung der Mitschnitte gegen­über dem Nachrich­tenmagazin     Veja, sie sei­en überzeugt davon, daß der PFL-Gou­verneur von Amazo­nas     mit der Ab­sicht des Stimmen­kaufs nach Brasi­lia gekommen sei. Mit     Kof­fern voll Geld sei der Gou­ver­neur in den Wiederwahl-Pro­zeß     hi­neingegangen. Warum stell­te die Cardoso-Regierung ihn nicht zur     Rede, fragt die Veja.<br />
Gemäß einer neuen Mei­nungs­umfrage führt die Popula­ri­täts­kurve des     Staatschefs nach lan­ger Stabilität erstmals deut­lich nach unten.     Brasiliens Bör­sen reagierten auf die Ver­öff­ent­li­chung der ersten,     brisanten Mit­schnit­te in der Folha am 13. Mai so­fort mit  Kursabfall.    Die Echt­heit der Mitschnitte wurde am 20. Mai bestätigt.  Je­ne zwei    Ab­ge­ordnete, die den Wortlaut des Ab­drucks bestritten,  ste­hen bös’    da. Ganz zu schwei­gen von den an­deren Ver­wickelten.</p>
<h1>Lebendige Fackeln</h1>
<h2>Immer häufiger werden Wohnungslose im Schlaf angezündet</h2>
<p>Sie  hatten angenommen es sei nur ein Bettler, verteidigten sich die    fünf  jungen Tä­ter, die in Brasilia das schlafende Oberhaupt der     Pataxó-Indianer Galdino Jesus dos Santos an­zün­deten. Der Fall erregte     gerade deshalb Aufmerksamkeit, weil es sich um einen In­digena    handelte,  reiht sich jedoch ein in die zunehmende Gewalt gegen    Woh­nungs­lo­se.  Die Täter kommen meist aus der Mittel- und    Oberschicht.</p>
<p>Die  Avenida Rio Branco, ein­stige Prachtstraße Rio de Janei­ros,    bietet  nachts ein deprimie­rendes Bild. Weil seit 1995 in­folge von     neoliberalen Regie­rungsprogrammen die Arbeitslo­sigkeit steil an­stieg     und Sozialein­richtungen schlossen, lie­gen so viele Obdachlose,     Bettler, psy­chisch Kranke und Stra­ßenkinder wie selten zuvor     aufgereiht ne­beneinander auf dem Bürger­steig; nicht wenige nutzen als     Unterlage oder zum Zudecken ledig­lich Zeitungs­pa­pier oder Pappe.     Neuerdings hat ein Großteil von ihnen Angst, Op­fer jener  Brandattacken    zu werden, die sich auch in Sâo Pau­lo und selbst in  der Haupt­stadt    Brasilia häu­fen: Nur Schrit­te von der Ave­nida Rio  Branco ent­fernt,    über­goß vormittags eine gut­geklei­dete Frau einen  sit­zen­den  Bettler   mit reich­lich Al­ko­hol, warf zy­nisch lachend  ein  bren­nendes   Streichholz auf ihn. Und ver­schwand im  Men­schen­ge­wühl,  während der   Mann die Flammen zu er­sticken suchte.  Dreißig Pro­zent  der Haut   ver­brann­ten, derzeit liegt er in ei­nem  öffentlichen  Hospital der   Sie­ben-Millionen-Stadt, das pro Mo­nat  mindestens zwei  woh­nungs­lose   Brandopfer behandelt. Oft kommt  in­dessen jede Hilfe zu  spät, wie die   fast täglich veröf­fentlichten  Fotos von ver­kohlten  Leichen bewei­sen.<br />
Ivan Bertanha, Leiter einer Hospi­talabteilung für Verbren­nungen in Sâo     Paulo, betont, daß die Eingelieferten fast nie ge­richtsverwertbare     Angaben lie­fern können: “Sie sagen, daß sie in Flammen stehend     aufge­wacht sind und keine Verdächtigen ge­sehen haben.”     Pataxó-Häupt­ling Jesus dos Santos verbrannte in Brasilia lebendig,     nachdem nicht weniger als zwei Liter Alkohol über ihn ausge­gossen     worden waren. Die in­zwischen gefaßten fünf Täter aus Elitefamilien     ver­teidigten mit dem Argu­ment, sie hätten ihn “nur” für einen Bettler     gehalten. Für regierungskriti­sche Men­schenrechtler und So­ziolo­gen     spricht dieser Satz Bände. Her­bert de Souza Betinho, Füh­rer der     natio­nalen Kampagne ge­gen Hunger und für Bürger­rechte, nennt das     Handeln der jungen Männer einen Hinweis “auf den Grad der Degenerierung     in be­stimmten höheren Schich­ten der brasilianischen Gesellschaft.”     Helio Bi­cudo, enger Mitarbeiter des Kardinals von Sâo Paulo und     Kongreßabgeordneter der Ar­bei­ter­partei PT, konstatiert, die     bra­si­lianische Gesellschaft ent­wür­dige die Armen und bana­li­sie­re     das Leben. Der angesehene So­zi­al­wissenschaft­ler und The­ra­peut     Ju­randir Freire Costa bringt so­gar die Globali­sierung mit ins  Spiel:    Junge Männer, wie jene fünf von Bra­silia, kennen die rei­che  “Erste    Welt” sehr gut und glau­ben, eher per Zufall in Bra­si­li­en  zu le­ben.    Widerwillig sind sie dort mit einer Mehrheit von  “Häß­lichen, Armen,    Zahn­losen und Nicht-Weißen” konfrontiert,  ana­ly­siert Co­sta weiter.    Eine Art von Umgang mit dieser Realität  sei, sie nicht wahrzuneh­men,    eine andere, diese so­gar physisch zu  eliminieren. “Wir reden viel  über   die Modernisierung Brasili­ens,  doch wenig über die Befrie­dung  der   Gesell­schaft”, sagt Os­car  Vieira, Generalsekretär des    UN-Lateinamerika-Instituts und weist auf  die Straffreiheit hin, von der    besonders die High So­ciety  profitiert. Gemäß neuesten UNO-An­gaben    werden in Brasi­lien mehr  Menschen durch Feu­er­waffen getötet als in    jedem an­deren nicht  durch Krieg gezeich­neten Land. In Sâo Paulo kann    die Po­lizei  bestenfalls in zwan­zig Prozent der Fälle die Täter    iden­tifizieren,  was nicht bedeu­tet, daß diese auch verhaftet werden.</p>
<p>Der neue Sport der Besserbetuchten</p>
<p>Inzwischen wurden sehr un­vollständige Angaben über die Anzahl     wohnungsloser Brand­op­fer veröffentlicht. Allein in der Haupt­stadt     Brasilia sind seit 1988 minde­stens 29 Bettler an­ge­zün­det wor­den. In     Sâo Paulo und Rio sind mehrere Woh­nungs­lose pro Mo­nat betroffen.     Brand­attacken sind jedoch nicht alles: So gehört es in den  ge­nannten    drei Städten zum ma­ka­bren Sport Besserbe­tuchter, etwa  nach der  Disco   vom Wagen aus auf schlafende Woh­nungslose zu  schießen. Auch ein    Polizeiof­fi­zier Rios pflegte, gerichtlichen  Zeu­gen­aus­sagen von  1994   zu­fol­ge, seine Waffen nachts an  Bett­lern zu te­sten.<br />
Schließlich wurden 1990 in der Stadt Matupá drei arbeitslose     Landarbeiter, die ver­sucht hat­ten, eine Fazenda zu über­fallen, in     Anwesenheit von Po­li­zisten und einem Politiker auf offener Straße     lebendig ver­brannt: das von einem Amateur gedrehte Vi­deo der Untat     über­gab die katho­lische Kirche inter­nationalen     Men­schen­rechtsorga­ni­sa­tionen. 22 Personen wurden zwar ange­klagt &#8211;     zu einer Bestra­fung ist es aber bis heute nicht gekommen.<br />
Wegen des spektakulären Brand­an­schlags auf Galdino Je­sus dos Santos     interessiert sich die brasilianische Öf­fentlichkeit auf einmal für  das    Leben der Pa­ta­xó. Nach Angaben der Kir­che wur­den in den  letzten    Jah­ren in Südbahia 24 Pataxó-Indios von Pis­toleros der     Großgrundbe­sit­zer oder diesen selbst erschos­sen, 47 über­lebten     Mordver­su­che, 48 In­dios starben wegen un­ter­lassener Hil­feleistung.<br />
Ein Großteil Südbahias war ursprünglich Pataxó-Land. Doch vor und     wäh­rend der Militärdik­tatur legten Latifundistas im Stam­mesgebiet     Ka­kao­farmen an, von denen auch große interna­ti­o­na­le     Schokola­denmarken ihren Roh­stoff bezie­hen. Vor Gericht streiten die     Pa­taxó seit 15 Jahren um die Rück­gabe von etwa 36.000 Hektar &#8211; 788     Hektar waren ihnen zwar von der Justiz zugespro­chen, de facto aber  nie    übergeben worden. Der Stamm nutzt jetzt die Gunst der Stunde: Zur     Beerdi­gung von Häuptling Je­sus dos Santos kamen TV-Teams, Presse  und    so­gar der Chef der staatli­chen Indianer­schutz­behörde FUNAI,  Julio    Gei­ger. Nach der Beisetzung durf­ten weder er noch die  Jour­na­listen    das Reservat verlassen, viel­mehr wurden sie  gezwun­gen, die Pataxó  beim   Be­setzen von vier benach­bar­ten  Kakaofarmen zu be­glei­ten.  Umringt   von Indios mit Fe­der-Kokarden,  Wurfspies­sen, Pfeil und  Bogen, mußte   Gei­ger grimmigen Blickes als  erster das aufge­brochene  Farm­tor jenes   Groß­grundbesitzers  durch­schrei­ten, der die Pataxó am  meisten   ter­ro­risiert &#8211; während  diese auf­paß­ten, daß die Szene für  die   TV-Abendnachrichten auch  or­dent­lich gefilmt wurde. Erst  nach­dem das   Gebiet ohne Ge­walt und  Zwi­schen­fälle be­setzt wor­den  war, ließen sie   den FU­NAI-Chef und  den Me­dien­troß von dannen  zie­hen.</p>
<h1>Terror, Lügen und Videoaufnahmen</h1>
<h2>Kontroverse um Polizeiübergriffe in Sâo Paulo</h2>
<p>Die  Aufnahmen gehen um die Welt: Polizisten errichten eine    Straßensperre  und ter­rorisieren vorbeikommende PassantInnen. Niemand    wehrt sich: aus  Angst, er­schossen zu werden. Der Präsident ist    international entrüstet  und die heimischen Intellektuellen schweigen.</p>
<p>Zehn  Militärpolizisten Sâo Paulos machen sich einen sadi­stischen    Spaß  daraus, in einem Slum alle paar Tage eine Stras­sensperre zu    errichten  und zu­fällig vorbeikommende Bewoh­nerInnen auf brutalste Art    zu  foltern, mit Hartholzstücken blu­tig zu schlagen und auszurauben.    Ein  völlig unschuldiger Mann wird vor aller Augen erschossen, ein    anderer  schwer verwundet.<br />
Wer in brasilianischen Elendsvierteln lebt oder dort So­zial- und     Menschen­rechts­arbeit betreibt, weiß, daß Derartiges seit     Diktaturzeiten ab­solut nor­mal und alltäglich ist. Der jüng­ste Fall     von Polizeiter­ror erregt indessen enormes Auf­sehen, weil jemand gut     versteckt tagelang al­les filmt, das Video schließlich nicht nur im     brasilia­nischen, son­dern auch im nord­ame­ri­ka­ni­schen,  europäischen    und asiati­schen Fernsehen ge­zeigt wird.<br />
Sâo Paulos Kardinal Evaristo Arns und seine Bischöfe und Pa­dres     protestieren vehement, stel­len nicht an­ders als amnesty in­ternational     (ai) und Human Rights Watch klar, daß die Greu­eltaten nicht     überra­schen. In ganz Brasilien würden die Men­schenrechte von der     Mi­litär­po­li­zei gravierend verletzt, Opfer seien stets Angehörige der     unter­privilegierten Schichten, An­zeigen fruchteten gewöhnlich    nichts.<br />
Der neue Fall zeigt dies ex­emplarisch. Zwei der zehn Militärpolizisten     gelten als Mit­glieder einer Todesschwa­dron, die in jüngster Zeit     minde­stens dreizehn Menschen ermor­det hat. Fünf Beamte standen     be­reits we­gen acht Morden sowie Mord­ver­suchen und schwerer     Körper­verletzung unter Anklage, die Verfahren wurden, wie fast durchweg     üblich, eingestellt. Ganz offenkundig unter dem Druck der Medien und     der Ent­rüstung im Ausland wurden in­zwischen alle zehn  Tatbeteiligten    verhaftet &#8211; die Mitte-Rechts-Re­gierung instruierte in  Windeseile  auch   die Botschaften in Bonn, Bern und Wien, wie zu  reagieren ist.</p>
<p>Scheinheiligkeit und fragwürdige Aufregung</p>
<p>Ricardo Ballestreri, Präsident der brasilianischen ai-Sektion, mag     ebensowenig wie die Kirche in den jetzt von den Medien ge­schürten Chor     der Entrüstung einstimmen, wirft der Gesell­schaft Scheinheiligkeit    vor.  Bei jenen, die sich über Polizeibru­talität aufregen, handelt es    sich  ihm zufolge um dieselben, die mehr Gewalt bei der    Verbre­chensbekämpfung  und auch die Todesstrafe verlangen. ai hatte wie    die Erzdiözese Sâo  Paulos bereits vielfach angeprangert, daß die   “High  Society” und auch  die Mittelschicht in Lateinameri­kas erstem    Wirtschaftsstandort  Greueltaten gegen Slumbewoh­nerInnen schlichtweg    ignorier­ten. In  Brasilien, so ai auf An­frage, gebe es ein Kontingent    von Personen,  deren Folterung absurderweise als sozial  gerecht­fertigt   angesehen  werde. Unter der Folter hatten erst  kürzlich neun Männer  der   Unterschicht gestanden, ein Nobellokal  über­fallen und dabei zwei  Gäste   er­schossen zu haben.  Glücklicher­weise fand man eher durch  Zu­fall  die  wahren Täter mit  der Beute, die Neun bleiben dennoch für  ihr Leben   gezeichnet.</p>
<p>“Beifall” für Todesschwadrone</p>
<p>Cecilia Coimbra, couragierte Präsidentin der brasilianischen     Menschenrechtsorganisation “Nie mehr Folter”, erinnert jetzt daran, daß     die sich in Sâo Paulo häufenden chacinas, Blut­bäder, sowie andere     Aktionen der To­desschwadronen von sehr vie­len BrasilianerInnen mit     “Beifall” aufgenommen werden. Nach der Ausstrahlung des Amateurvideos     sei zu hoffen, daß es nie mehr zu derartigem Applaus komme. Ju­randir     Freire Cos­ta, Therapeut und Direktor des Instituts für  So­zialmedizin    an der Universität von Rio, teilt diesen Optimismus  nicht. Die Mittel-    und Ober­schicht, so Costa, spreche  Slum­bewohne­rInnen den    Gleich­heits­grundsatz ab, definiere sie  quasi als “Nicht-Menschen” und    rea­giere daher mit extremer  Indiffe­renz und Akzeptanz auf jede Art   von  Ge­walt gegen diesen Teil  der Bevölkerung.<br />
Befreiungstheologe Frei Bet­to, enger Mitarbeiter von Kardi­nal Arns,     teilt den Stand­punkt von Costa, zählt den Sozi­alwissenschaftler     außerdem zu den ganz wenigen Mitgliedern der geistig-künstlerischen     Elite Brasiliens, die auf Massaker an Landlosen, Polizeiterror gegen     Arme und von Todesschwadro­nen begangene Morde nicht mit Schweigen     reagieren. Im Ge­spräch sagt Frei Betto, Hunderte von führenden     Intellektuellen Frankreichs oder Italiens prote­stierten in Manifesten     an die Mitte-Rechts-Regierung von Prä­sident Fernando Henrique  Car­doso    gegen all diese Greuel­taten und verlangten energische  Maß­nahmen.   Deren  brasiliani­sche KollegInnen duldeten in­dessen, von  wenigen   Ausnahmen  abge­sehen, die gravierende Ver­letzung der  Menschenrechte in   der  größten Demokratie Latein­amerikas, seien daher  mitschul­dig.<br />
Das Schweigen, so Frei Betto, sei Resultat der Unterstützung jener     Intellektu­ellen für die Cardoso-Regierung und deren neoliberale     Politik. Viele aus der geistigen Elite, die besonders hohes Prestige in     der öffent­lichen Meinung genössen, wür­den von Brasilia mit Posten,     Po­sitionen und Geldern begün­stigt. Oder klarer ausgedrückt:     kor­rum­piert. Der Theologe erin­nerte auch daran, daß viele     In­tel­lek­tuelle, aber auch in Deutschland sehr bekannte     Schrift­steller wie Jorge Amado oder Sänger wie Gil­berto Gil, Caetano     Veloso, Elba Ramalho und Joâo Bosco, Filme­macher wie Héctor Ba­ben­co     sich 1994 in einem Manifest für die Wahl Cardosos aus­ge­spro­chen     hatten. Positive Aus­nah­me: Chico Buar­que. “Daß all diese Perso­nen     sich heute passiv ver­halten”, so Frei Betto weiter, “wird von den     In­tel­lektuellen Eu­ropas na­türlich be­merkt. Wa­rum prote­stieren     wir, fragt man dort, doch die Kollegen in Bra­si­lien nicht &#8211; wie steht     es daher um deren Se­riosität?” Sie sei nicht vorhan­den, fügt der     Theologe hinzu.<br />
Der schwarze Intellektuelle Milton Santos: “Brasiliens     Gei­steswissenschaftler kapitulieren vor der Situation ihres Landes,     nähern sich dem Establishment an.”<br />
Frei Betto wurde während der Diktatur im berüchtigten     Caran­diru-Gefängnis Sâo Paulos ein­gekerkert und gefoltert. 1992 wurde     er vom Gouverneur des Bundesstaats vor Gericht ge­stellt, weil er     Gewalttaten der Militärpolizei öffentlich ange­prangert hatte. Im selben     Jahr er­schossen Spezialeinheiten jener policia militar in Carandiru     min­destens 111 Häft­linge.<br />
Zum Lärm um das Amateur­video meint Frei Betto, das bra­silianische     Medienecho werde wie in vorangegangenen Fällen rasch verhallen.<br />
Für Präsident Cardoso kommt der Vorfall dop­pelt ungelegen. Denn Sâo     Paulo mit seinen weit über eintausend deutschen Fir­menfilialen wird von     einem Gou­ver­neur und en­gem Vertrauten aus des Staats­chefs     Sozial­demo­kra­tischer Par­tei PSDB regiert. Glei­ches trifft auf den     politisch Haupt­verant­wortlichen des Land­losenmassa­kers von 1996 im     Amazonas­bundesstaat Pará zu &#8211; und auch auf den Gou­ver­neur Rio de     Janeiros, wo ein Blut­bad an Minderjährigen dem an­deren folgt.</p>
<p>KASTEN</p>
<p>Männer des Gesetzes</p>
<p>Vorsicht, Leute aus Sâo Paulo, Osasco und ABC,<br />
Die Polizei von Sâo Paulo ist zum Beschützen da.<br />
Ist ein Polizist ein Verbrecher?<br />
Es gilt das Gesetz des Hundes.<br />
Die Polizei tötet das Volk,<br />
Aber ins Gefängnis kommt sie nicht.</p>
<p>Immer mehr Leute, deren Wege sich verlieren<br />
Aber sagen können wir nichts,<br />
Denn wir sind nicht auf der Seite des Gesetzes.<br />
Oh mein Gott, wann werden sie bemerken,<br />
Daß Sicherheit zu geben nicht bedeutet<br />
Angst einzujagen?</p>
<p>Song von Thaíde und DJ HUM</p>
<p>KASTEN</p>
<p>Männer des Gesetzes</p>
<p>Vorsicht, Leute aus Sâo Paulo, Osasco und ABC,<br />
Die Polizei von Sâo Paulo ist zum Beschützen da.<br />
Ist ein Polizist ein Verbrecher?<br />
Es gilt das Gesetz des Hundes.<br />
Die Polizei tötet das Volk,<br />
Aber ins Gefängnis kommt sie nicht.</p>
<p>Immer mehr Leute, deren Wege sich verlieren<br />
Aber sagen können wir nichts,<br />
Denn wir sind nicht auf der Seite des Gesetzes.<br />
Oh mein Gott, wann werden sie bemerken,<br />
Daß Sicherheit zu geben nicht bedeutet<br />
Angst einzujagen?</p>
<p>Song von Thaíde und DJ HUM</p>
<h1>Die Abwertung des Lebens</h1>
<h2>Die Regierung stoppt die Inflation &#8211; die Spirale der Gewalt dreht sich weiter</h2>
<p>In  der größten Demokratie Lateinamerikas gehören die berüchtigten     “Esquadrôes da Morte” auch über zehn Jahre nach Diktaturende zum  Alltag.    Sie ermorden Kin­der, Jugendliche, Menschenrechtsaktivisten  und    politische Gegner. Unter der Mitte-Rechts-Regierung von  Staatschef    Fernando Henrique Cardoso hat laut ai die Ge­walt stark  zugenommen.</p>
<p>An  einem Februarnachmittag geschieht in Rio de Janeiros Slumgürtel    Baixada  Fluminense erneut, was viele in der Ersten Welt für    unvorstellbar,  unmög­lich halten: Sechs aufgeweckte Jugendliche    zwischen fünfzehn und  siebzehn springen auf einen Linienbus auf und    machen sich zweier  “Vergehen” schuldig: Um nicht bezahlen zu müssen,    pas­sieren sie nicht  das Drehkreuz des Buskassierers sondern blei­ben,    wie es täglich  unzählige Schüler und Arbeitslose tun, auf den    hintersten Bänken,  lärmen, trom­meln Disco-Rhythmen. Dem Kassierer wird    es zu bunt. Er  fordert zwei bewaffnete Si­cherheitsleute der    Busgesell­schaft auf, die  Jungen zum Schweigen zu bringen. Der Fah­rer    hält an, die sechs werden  mit vor­gehaltener Pistole zum Aus­steigen    gezwungen, müssen sich in  einer Reihe auf die Erde knien. Dann werden    sie kaltblü­tig mit  Kopfschüssen außerge­richt­lich exekutiert, wie  es   ai und andere  Menschenrechtsor­ga­ni­sa­tio­nen stets in    Untersu­chungs­be­rich­ten  nennen. Die Mörder un­ter­ziehen sich, wie    üblich, nicht der Mühe, die  To­ten zu verstecken oder zu ver­scharren.    Ein Jugendlicher über­lebte  die Schüsse noch eine halbe Stunde,  hätte   gerettet wer­den können. Doch  niemand der vielen  herbeigelaufenen   Neugie­rigen rührte aus Angst vor  Rache eine Hand:  Die Killer hatten es   verboten, keiner der Gruppe sollte  davonkommen.</p>
<p>Schlag für Rios Olympia-Bewerbung</p>
<p>Bereits in den 80er Jahren war die Baixeda Fluminense von den    Vereinten  Nationen als gefähr­lichste Stadtzone der Welt einge­stuft    worden &#8211; bis  heute werden hier Morde selten aufgeklärt. Gemäß einer    neuen  Untersu­chung sahen über dreißig Prozent der minderjährigen     Slumbewoh­ner schon einen Mord.<br />
Auch diese Bluttat wäre ge­mäß jüngster Praxis von Öf­fent­lichkeit und     Medien über­gangen worden, wenn nicht das Inter­na­tionale Olympische     Ko­mitee gerade über die Kandidatur der Sieben-Millionen-Metropole  am    Zucker­hut für die Spiele 2004 entscheiden würde. In weltweit     verbreiteten Imagekampagnen hatten Brasiliens Autoritäten für Rio     getrommelt und stets ar­gu­men­tiert, daß sich Gewalttaten doch     schließlich heute in allen großen Städten ereigneten. Die Ner­vo­sität     der Politiker war nach dem Massaker groß. Anders als bei   vorangegangenen   Ver­bre­chen dieser Art mußten Rios beste   Kriminalisten Tag und Nacht   nach den Tätern fahnden. Zeu­gen hatten   sie laut Presse­angaben   zweifelsfrei erkannt. Einer ge­hört zu Rios   Munizipal­garde und wird   gemäß der en­gagier­ten Staatsanwältin und   Killer­kommando-Expertin   Tania Sal­les Moreira stets dann als   Mittä­ter genannt, wenn es in   Bussen zu “Exekutionen” ge­kommen sei.   Der andere leitet eine der   zahl­reichen regionalen Todesschwa­dronen.</p>
<p>Morddrohungen gegen holländischen Men­schenrechtsaktivisten</p>
<p>Immer mehr brasilianische Pfarrer, Bischöfe, Sozialarbeiter, Künstler     und Menschenrechts­aktivisten, die gegen das Wüten der   Killerkommandos   protestie­ren, wer­den durch Mord­drohungen unter   Druck ge­setzt,  müssen  aus Sicherheits­gründen ihren Aktionsradius   stark einschränken.  Dies  gilt auch für das neueste Blutbad. Zwei der   Ermordeten stammten  aus  Slums, in denen das auch mit Geldern der   deutschen Bundes­regierung   arbeitende Sozialin­stitut IBISS seit   Jahren Projekte realisiert. Der   holländische Di­rektor Nanko van   Buuren hatte als Arzt im zuständigen   ge­richtsmedizinischen Institut   die beiden ihm bekannten Jugendli­chen   identifiziert &#8211; an der   Aus­gangspforte wurde er derweil von zwei   Bewaffneten erwartet. Sie   zeigten sich über alle Details der   IBISS-Projekte gut infor­miert und   drohten, den 48-jähri­gen   umzubringen, falls er sich in die   Ermittlungen einmische und juristisch   gegen jene Busgesell­schaft   vorgehe, zu deren Sicher­heitspersonal die   Todesschützen nach   bisherigen Ermittlungen ge­hören. Van Buuren hatte   1996   Bundespräsident Herzog wäh­rend dessen Rio-Aufenthalts mit den     IBISS-Projekten vertraut ge­macht, hält zu ihm ständig Kon­takt. “In     Europa”, so der Ex­perte, “schenkt man wahrheits­gemäßen Berichten über     die Re­alitäten Rios gewöhnlich keine Be­ach­tung. Das Ausmaß der     Greuel­taten gegen Arme und Ver­elendete wird für unwahr­schein­lich     gehalten.”</p>
<p>Politiker verwickelt</p>
<p>Duque de Caxias, Satelliten­stadt Rios in der Baixada Flumi­nense,    ist  seit langem wegen der Todesschwadronen berüchtigt. Gegen    Bürgermeister  Zito dos Santos läuft ein Prozeß, weil er den Mord an    einem seiner  politi­schen Gegner befohlen haben soll. Mehrere seiner    Kritiker, aber  auch Menschenrechtler be­schul­digen ihn, in    Killerkom­mando-Aktivitäten  verwickelt zu sein. Zito dos Santos gehört    zur Sozial­demokratischen  Partei von Staats­chef Fernando Henrique    Cardoso, dem Rios Pfarrer Caio  Fabio vorwirft, zwar die mone­täre    Inflation, nicht aber die Ab­wertung  des Lebens gestoppt zu haben.    Todesschwadronen sind in ganz Amazonien  und in Millio­nenstädten wie    Manaus, Sâo Paulo, Salvador de Bahia,  Re­cife, Fortaleza und Natal    aktiv. In letzterer Pro­vinz­haupt­stadt  hatte der an­ge­sehene    Men­schen­recht­ler und Anwalt Fran­cis­co  Negueira gegen die    größ­ten­teils aus Po­li­zi­sten be­ste­hen­den  Kom­mandos er­mittelt:    Ver­gan­genen Ok­tober wur­de er auf of­fener  Straße durch MPi-Salven    er­mor­det. Da­rauf­hin forderte die  Men­schen­rechts­kommission der    Or­ga­ni­sa­tion Amerikanischer Staa­ten  (OAS) Brasilia auf,  wei­te­ren   zehn von Kommandos in Na­tal Ver­folgten  Personenschutz zu  ge­währen.</p>
<p>KASTEN</p>
<p>Was ist das für ein Land?</p>
<p>In den Favelas, im Senat<br />
Überall Dreck.<br />
Die Verfassung achtet niemand,<br />
Aber alle glauben an die Zukunft der Nation.<br />
Was ist das für ein Land?</p>
<p>In Amazonas, in Arraguaia, in der Baixada Fluminense,<br />
Mato Grosso, den Geraes und im Nordosten alles ruhig.<br />
Im Tod finde ich Frieden, aber das Blut fließt weiter,<br />
Befleckt die Papiere, die wahren Dokumente,<br />
Auf denen der Patron sich ausruht.<br />
Was ist das für ein Land?</p>
<p>Song von Renato Russo (Legiâo Urbana)</p>
<p>Schweine in Uniform</p>
<p>Die Männer des Gesetzes sind alle Verbrecher<br />
Sie töten unschuldige Leute und machen in Ruhe weiter.<br />
Unausgebildet, inkompetent handeln sie wider die Vernunft,<br />
Anstatt für Sicherheit zu sorgen<br />
Verängstigen sie die Bevölkerung.</p>
<p>Sie sind darauf trainiert, eine reiche Minderheit zu beschützen<br />
Vor der armen Mehrheit, die mit ihrem Leben bezahlt.<br />
Und wenn Du ein Arbeiter bist,<br />
Dann hast Du die idealen Voraussetzungen,<br />
Um in das Netz zu stürzen<br />
Der offiziellen Todesschwadronen,<br />
Schweine in Uniform.</p>
<p>Sie halten sich für Männer<br />
Aber in Wirklichkeit ehren sie<br />
Nicht einmal ihren Namen.<br />
Bulle, mit Verlaub,<br />
Ich werde die Dinge beim Namen nennen:<br />
“Mit der Pistole in der Hand bist Du ein grimmiges Tier, ohne sie     schwänzelst Du rum und Deine Stimme kiekst wie im Stimmbruch.”</p>
<p>Song von Marcelo D2 und Rafael (Planet Hemp)</p>
<p>Brasilianische Rapper- und Hip-Hop-Gruppen verarbeiten die brutale Realität in ihren Songs.<br />
Übersetzung: Alina González / Elisabeth Schumann</p>
<h1>Die USA und die brasilianischen Folterer</h1>
<h2>Dokumente beweisen CIA-Beteiligung an alltäglicher Repression</h2>
<p>Von  1964 bis 1985 unterdrückte Brasiliens Militärregime    Andersdenkende und  mi­li­tan­te Oppositionelle auf grausamste Weise:    Todesschwadronen  ermordeten unzäh­lige Gegner der Diktatur, politische    Gefangene wurden  Haien lebendig zum Fraß vor­geworfen oder aus    Helikoptern gestoßen, in  Stücke gehackt, verscharrt an Strän­den Rio de    Janeiros &#8211; Brutalität war  alltäglich. Daß der US-Geheimdienst CIA  den   Re­pressionsapparat der  Generäle auf vielfältige Weise  unterstützte,   wußten  Men­schen­rechtsgruppen aus dem In- und Ausland  schon damals.   Jetzt  sorgen Doku­men­te über die damaligen  CIA-Aktivitäten in   Brasilien für  Schlagzeilen.</p>
<p>Wie die angesehene Zeitung O Estado de Sâo Paulo  berichtet, kon­nte    die nordamerikanische So­ziologin Martha Huggins  bis­lang    geheimgehaltene Kongreß­do­kumente einsehen, die die  Kom­plizenschaft    des CIA mit dem Unterdrückungsapparat von da­mals  bestätigen. Das  Fazit   der 53-jährigen Wissenschaftlerin: “Die Teilnahme  der CIA am  All­tag   der politischen Repression ist be­wiesen &#8211; die  Dokumente  sprech­en   sogar von gemeinsa­men Operationen &#8211; die  ameri­ka­ni­sche  Demokratie   partizi­pierte an der Schaffung eines   un­ter­drüc­kerischen Staates.”<br />
Besonders gravierend ist für Mar­tha Huggins, daß die CIA     Spe­zialkommandos für die bra­silianische Polizei ausbildete. In Rio de     Janeiro wurde eine “E­li­te” von vierzig Beamten zum Grund­stock der     berüchtigten To­des­schwadrone: “CIA-Agenten nah­men an Operationen  in    den Slums teil, aber auch an der po­li­ti­schen Unterdrückung &#8211;  und    be­rich­teten alles, was sie sahen, nach Washington.” Bis heute  sei in    den USA wenig bekannt, daß die CIA bei der Ausbildung von  Po­li­zisten    in anderen Ländern mit­macht: “Unsere Demokratie  be­nutzte die    Polizeibeamten, um in anderen Ländern eine  ide­ologische Kontrolle    aus­zuüben.”</p>
<p>CIA läßt Dokumente verschwinden</p>
<p>Ein anderes interessantes De­tail der Recherchen von Martha Hug­gins:     Die CIA half beim Auf­bau des Diktaturgeheim­dien­stes SNI mit,     “lieferte sogar eine Li­ste mit den Namen ge­eigneter,     ver­trauenswürdiger Mitarbeiter.” Auf einer anderen Liste waren al­le     Personen ver­zeichnet, die ge­mäß CIA-Ein­schätzung nach dem     Militär­putsch von 1964 ver­haftet wer­den sollten.<br />
Ärgerlich für die Soziologin, die bereits drei Bücher über Bra­si­lien     veröffentlichte, ist, daß laut Gesetz zwar jeder US-Bür­ger offizielle     Dokumente über Re­gierungsaktivitäten einsehen darf, wenn diese  länger    als 25 Jah­re zurückliegen &#8211; jene Seiten je­doch der  Kongreßpapiere  mit   CIA-Berichten über Folterungen der politischen  Polizei Brasiliens  sind   unleserlich gemacht; manch­mal fehlen sogar  ganze Blätter.<br />
In mühseliger Kleinstarbeit ge­lang es der Expertin, 26 Folte­rer von     politischen Gefangenen aus­findig zu machen und unter Wah­rung der     Anonymität zu in­ter­viewen. Einer davon, Militär­po­lizist, mochte     nicht, wie seine Kol­legen, bei einem Einsatz ge­fan­gengenommene     “Subversive” mit Schlägen traktieren und die Frau­en vergewaltigen. “Ich     for­derte, daß es doch besser sei, alle zu töten, anstatt sie zu     foltern”, sagte der Militärpolizist zu Mar­tha Huggins und berichtete     auch über den Abschluß der Ope­ration: Alle Gefangenen wurden hoch über     der Wildnis lebendig aus einem Helikopter gestoßen.</p>
<p>Folterer heute in führenden Positionen</p>
<p>Helio Bicudo, während der Dik­tatur Präsident einer kirchli­chen     Kommission für Gerechtig­keit und Frieden, hat die Aussa­gen der     Soziologin bestätigt. Bi­cudo untersuchte damals die CIA-Aktivitäten     ebenso wie das Wü­ten der Todesschwadronen. Po­lizisten und     Armeeoffiziere Bra­siliens seien in den USA aus­ge­bildet worden &#8211;     manche, die da­mals zum Repressionsapparat ge­hörten, machten und machen     Kar­riere. Romeu Tuma, nach der Dik­tatur Chef der Bundespolizei,  ist    heute Kongreßsenator der star­ken Rechtspartei PPB.  Regi­meaktivist    Marco Maciel wurde gar Vize des jetzigen  Staatsprä­si­den­ten Fernando    Henrique Car­do­so &#8211; für Bicude auch  Beleg da­für, daß von echter    Vergan­gen­heitsbewältigung keine Rede  sein kann: “Hier in Brasilien    ha­ben die Leute ein kurzes  Ge­dächtnis.”<br />
Wie die Jahresberichte von am­nesty international und Hu­man Rights     Watch zeigen, gehö­ren Folter und Todesschwadro­nen auch zwölf Jahre     nach dem of­fiziellen Ende der Diktatur wei­terhin zum Alltag     Brasiliens, es “verschwinden” sogar mehr Men­schen als damals nach der     po­lizeilichen Festnahme. Die ka­tholische Kirche beklagt, daß im­mer     mehr nichtidentifizierte Ge­waltopfer beerdigt werden, ein Groß­teil   auf   den überall im Lan­de anzutreffenden “geheimen Fried­höfen”.</p>
<h1>Die Kirche gegen den Strich</h1>
<h2>“Helfen statt verurteilen” beim Umgang mit Kinderprostitution in Nordostbrasilien</h2>
<p>Durch  die neoliberale Wirtschaftspolitik der jetzigen    Mitte-Rechts-Regierung  ist in ganz Brasilien die Arbeitslosigkeit    deutlich angestiegen; im  Hinterland von Maranhao wurde deshalb laut    Experteneinschätzung die  Prostitution von Kindern und Jugendlichen    erschreckenderweise zur  wichtigsten und manchmal einzigen    Einkommensquelle armer Familien. Nicht  zuletzt die Kirche hat sich dem    Problem angenommen.</p>
<p>Zu Dutzenden  stehen zwölf- und dreizehnjährige Mädchen bereits in    der  Nachmittagsschwüle an der Brücke über dem von Hütten gesäumten Rio     Mearim und bieten sich den Passanten für nur fünf Realen an,- das  sind    nicht einmal acht Mark. Andere warten in den von madames oder   früheren   Amazonas-Goldgräbern geführten Billigbordellen der neuen Rua   do Campo   auf Kunden. Doch auch dort sind sie keineswegs geschützt vor   der   Brutalität, die das Milieu prägt: Messerstechereien,  Schußwechsel  mit   tödlichem Ausgang sind keine Seltenheit, wobei  häufig Drogenkonsum  die   Hemmschwelle herabsetzt. Ausländische  Sextouristen spielen hier  nur eine   geringe Rolle, da das im Nordosten  Brasiliens gelegene  Pedreiras zu   weit von Touristengebieten entfernt  liegt. Geradezu  gierig auf möglichst   junge Mädchen sind sexbesessene  Machos aller  sozialen Schichten aus  der  Stadt selbst: Nachbarn,  Familienväter der  Rua do Campo, Polizisten,   Politiker. “Viele Mädchen  prostituieren  sich, weil die eigenen Eltern   sie dazu anregen oder  zwingen”, sagt die  52jährige Franziskanerin Maria   Oliveira von der  lokalen  Frauenpastorale gegenüber. Sie verweist auf  die  Gründe der  Misere: Von  den rund 50 000 BewohnerInnen hat nicht  einmal  ein  Viertel Arbeit,  von denen wiederum verdienen 40 Prozent  höchstens  den  Mindestlohn von  umgerechnet 160 Mark.</p>
<p>Versteigerung von Jungfrauen</p>
<p>Pedreiras hat auch deshalb traurige Berühmtheit erlangt, weil dort in     Bordellen makabere Auktionen abgehalten werden, wo  Großgrundbesitzer,    Politiker und Unternehmer Jungfrauen zwischen neun  und vierzehn  Jahren   ersteigern, für eine einzige Nacht in einem  besseren  Stundenhotel.   Anschließend werden die Mädchen gewöhnlich  gezwungen,  als Prostituierte   zu arbeiten; manche enden in den  Goldgräbercamps  Amazoniens.<br />
Die Kirchengemeinde von Pedreiras fand sich mit der Situation nie ab.     Pfarrer Luiz Mario Luís gründete bereits 1963 ein     Rehabilitationszentrum, in dem Prostituierte lesen und schreiben sowie     einen Beruf erlernen konnten.<br />
Da die Zahl der Lernwilligen rasch zunahm, mußte das Zentrum vergrößert     werden, und die Bezirksverwaltung stieg als finanzielle Trägerin mit     ein. Schulunterricht erhalten inzwischen auch die Kinder der Frauen,     derzeit sind es über 160 Mädchen und Jungen. Mehrere Dutzend  jugendliche    oder erwachsene Prostituierte sitzen auf den Bänken des  Zentrums, das    eher einer einfachen Lagerhalle ähnelt, und lernen  Nähen sowie andere    Handarbeiten. Inzwischen haben sie zum Teil  Kolleginnen als  Lehrkräfte.   Die Direktorin und Mitbegründerin  Benedita Leite versucht,  sie davon   abzubringen, weiter auf den Strich  zu gehen, jedoch ohne  Erfolg. Denn   wie in tausenden anderen Städten  und Gemeinden der  zehntgrößten   Wirtschaftsnation der Welt erhalten  LehrerInnen und  andere öffentliche   Bedienstete auch in Pedreiras  nicht einmal den  gesetzlich   vorgeschriebenen Mindestlohn von  umgerechnet etwa 160 Mark.  Schlimmer   noch: Die Bezirksverwaltung, der  wichtigste lokale  Arbeitgeber, zahlt   das Hungersalär um bis zu elf  Monate verspätet aus.  “Ich gebe gerne   Unterricht”, sagt eine  Prostituierte, “doch das  letzte Mal habe ich im   August Geld  gekriegt”. Viel ist es ohnehin  nicht, nur an die neunzig   Mark. Und  Brasilien hat derzeit ein  ähnliches Preisniveau wie Europa.</p>
<p>Erfolge &#8211; Rückschläge</p>
<p>Daß krasse Armut brutalisieren, verrohen und abstumpfen kann und die     Betroffenen häufig dazu bringt, sich aufzugeben, beobachten Benedite     Leite und die Franziskanerin Maria Oliveira täglich. In den     Bretterhütten am Rio Mearim dominiert in den vielköpfigen Familien     Promiskuität; Die Mädchen lernen nur die Gesetze ihres Milieus kennen     und sehen die Prostitution als einzige &#8211; und attraktive &#8211; Möglichkeit,     im Leben voranzukommen. Ihnen Unterricht zu geben, ist extrem   schwierig,   denn die Mädchen sind nicht daran gewöhnt, sich zu   konzentrieren und   lange Zeit zuzuhören. “Wir dürfen sie nicht   verurteilen, sie uns zu   Feinden machen” betont Maria Oliveira,   “sondern müssen immer wieder auf   sie zugehen, ihnen helfen, den Raum   der Kirche als Alternative   anbieten.” Erfolge beim Schwimmen gegen den   Strom gibt es. In der Straße   am Fluß treffen sich Kinder und   Erwachsene im neuen Gemeindesaal zu   kirchlichen Aktivitäten, eine   Jugendgruppe stabilisiert sich. Maria   Oliveira lehrt Katechismus,   feiert Weihnachten und Ostern in den   Familien, bringt diesen die   Brüderlichkeitskampagne der   Bischofskonferenz nahe, und hält Kontakt   zu denjenigen Frauen, die mit   ihrer Hilfe aus dem Bordell in einen   Beruf wechselten.<br />
Doch die madames besorgen sich immer wieder Mädchennachschub. Dabei     rekrutieren sie jetzt schon im Hinterland, ködern mit der Aussicht auf     “ehrliche Arbeit” und locken damit Jugendliche in den   Schuldenkreislauf.   Versucht Maria Oliveira, solche Minderjährigen zur   Rückkehr zu  bewegen,  hört sie immer wieder ein Argument: “Ich kann   nicht weg, weil  ich von  der madame neue, schicke Kleider angenommen   habe, die ich erst   abbezahlen muß!” Die Franziskanerin stellt deshalb   eine   Bordellbesitzerin zur Rede und bekommt wie stets eine   drastisch-grobe   Antwort: “Meine Schuld ist das nicht. Diese Hündinnen   kommen doch   angelaufen und bitten mich um Arbeit!” Weil die madames   den   Neuankömmlingen weder den Besuch des Zentrums noch der Kirche   gewähren,   geht die Franziskanerin selbst zu ihnen an den Brückenstrich   und setzt   sich notfalls an die Bordelltischchen: “Einmal spreche ich   mit den   Mädchen über Gott, ein anderes Mal über  Geschlechtskrankheiten  und Aids.   An der Brücke kommen viele schon auf  mich zugerannt und  umarmen mich!”<br />
Kinderprostitution ist typisch für Brasiliens Norden und Nordosten.     UNICEF, Kirche und NGOs haben in Maranhao bereits eine Kampagne gegen     die praktisch straffreie sexuelle Ausbeutung Minderjähriger gestartet,     denn laut Menschenrechtsaktivistin Sandra Torres gehört es bereits  zur    Gesellschaftskultur, abnorme Situationen als normal zu betrachten  und    hinzunehmen.<br />
Während in Pedreiras Kinder aus Hunger und Not ihren Körper verkaufen,     zeichnet der Staatspräsident Fernando Henrique Cardoso im nur 277     Kilometer entfernt Sao Luis, der Hauptstadt Maranhaos, vor Mikrophonen     ein positives Bild der Lage im Lande. Der Soziologe weist auch die     Kritik der Bischöfe an seiner neoliberalen Politik zurück, erwähnt weder     Kindersklaverei noch Kinderprostitution oder    Jungfrauenversteigerungen.  Neben Cardoso steht der jetzige    Kongreßpräsident und Ex-Staatschef José  Sarney &#8211; seit Diktaturzeiten    reichster und mächtigster Mann in  Maranhao. Daß hier alles beim alten    bleibt, liegt nach Aussagen von  Menschenrechtlern vor allem an ihm und    seinen politischen Freunden.</p>
<h1>“Ich könnte jederzeit fliehen”</h1>
<h2>Volmer do Nacimentos Alltag zwischen Gefängniszelle und Tropenlandschaft</h2>
<p>Der  47-jährige Schwarze Volmer do Nacimento wagte als einer der    ersten  Brasilia­ner, auf Straßenkinder spezialisierte Todesschwa­dronen    und  deren Drahtzieher öf­fentlich anzuzeigen. 1993 wurde er wegen     vorgetäuschter Entführung und “Ver­leumdung von Rich­tern” zu vier     Jahren und neun Monaten Haft verurteilt, die er im halboffenen     Strafvollzug verbringt (siehe LN 261). Die brasilia­nische     Men­schen­rechtsorganisation Projeto Legal in Rio de Janeiro kämpft für     seine Freilas­sung.</p>
<p>Am schlimmsten sind die Sonn- und Feiertage.  Dann muß Volmer den    ganzen Tag in einer engen Gefängniszelle  verbrin­gen, im fünf    Autostunden nörd­lich von Rio gelegenen  Provinz­städtchen Natividada.    Seine Frau und seine Kinder sitzen  der­weil traurig nur rund 300 Meter    von Nacimento entfernt. Der  Bürger­rechtler liest dann stapel­weise    Bücher und Zeitungen, schmie­det  Pläne für die Zeit nach der Haft,  und   erinnert sich auch an die  Gespräche mit dem Präsi­denten des    Europaparla­ments. Wütend macht  Nacimento, daß er die nach wie vor aus    Straß­burg her­einflatternden  Einladun­gen nicht annehmen darf. “Ich    bin ein Gefangener, weil ich es  selbst will, denn mit meinem Wagen    könnte ich fast jederzeit fliehen &#8211;  und nie­mand würde mich finden.”    Der lang­jährige Koordinator der  nationalen Stra­ßenkinderbewegung tut    es nicht. Schließlich trägt  Nacimento die Ver­antwortung für mehrere    von ihm selbst gegründete  Projekte, die er selbst leitet. Zu einem  der   wichtig­sten, einer auch  mit deut­schen Geldern finanzierten    Land­wirtschaftsschule für  Ju­gend­li­che, eilt er an Arbeitsta­gen    je­den Morgen. Der gelernte  Buch­hal­ter, dessen sozialpoliti­sches    Engagement in Basisge­meinden  und Pastoralen der ka­tholischen Kirche    begann, emp­fängt die bislang  neunzig Schü­ler­Innen, berät sich mit    Agro­nom­In­nen,  Zootechniker­In­nen und Lehrer­Innen, verteilt    Auf­trä­ge: “Die El­tern  der mei­sten Ju­gend­lichen hier sind    ver­elen­dete Wanderar­beiter der  Re­gion, mit ihnen zie­hen sie herum,    schuften auf Plan­tagen der  Groß­grund­be­sit­zer, ge­hen so gut wie    nie in die Schule, flüchten aus  Perspektiv­losigkkeit in die Slums  von   Rio. Die Schule wurde gegründet,  da­mit die Kin­der hier bleiben,  die   Landflucht gestoppt wird.”</p>
<p>Die Landflucht stoppen</p>
<p>Jeder Schüler be­kommt mo­natlich umgerechnet rund neun­zig Mark und     damit weit mehr als für Plantagenarbeit. Das Geld stammt von zwei     holländischen Un­ternehmern. Der deutsche Child­ren Mission Fund in     Über­lingen zahlt die Löhne der Leh­rer­Innen und beteiligte sich am Bau     des Schulhauses am Rande von Nativi­dade in tropischer Idyl­le. Es   ist   nur halbfertig, ein Pro­viso­rium &#8211; in Deutschland würde niemand   darin   lernen und lehren wollen. Und auch die vom deut­schen Konsulat   in Rio   fi­nan­zier­ten Ausrüstungen für ein La­bo­ratorium zur   einfachen   Heil­mit­telherstellung können nicht in­stalliert, rund 300     Kurs­an­wär­ter nicht aufgenommen werden. Die Schuld trägt laut  Volmer    do Na­cimento die Mitte-Rechts-Re­gierung von Staatsprä­sident     Fer­nan­do Henrique Cardoso und des­sen Freund aus der     Sozialde­mo­kratischen Partei PSDP, Rio-Gou­verneur Marcello Alencar.     Wäh­rend eines Belgienbesu­ches 1995 traf Cardoso überraschen­der­weise     auf eine Gruppe von Men­schen­rechtlerInnen, die ein Poster von     Nacimento tru­gen und dessen Freilassung forder­ten. Wie stets in     solchen eigent­lich brenzligen Fällen stimmte Car­doso taktisch     geschickt mit den KritikerIn­nen überein: “Ihr habt recht &#8211; wir werden     damit auf­hören.” Das Ver­sprechen blieb fol­genlos und auch die zum     Jah­resbeginn 1996 vertraglich zu­gesicherten rund 90.000 DM von     Co­munidade Solidaria, dem von der Präsi­dentengattin gelei­teten     Wohl­fahrtsprogramm, tra­fen bisher nicht ein. Ebensowe­nig, trotz     mehrfacher Mahnung, die etwa 100.000 DM des Rio-Gouver­neurs. “Wir     werden im­mer nur mit Ausflüchten abge­speist”, kom­mentiert Nacimento,     “aber viele andere NGOs be­kom­men ver­sprochene Mittel eben­falls    nicht  &#8211; wofür ist die Comu­nidade Solidaria dann ei­gentlich da? Wir    können  nicht im­mer nur mit Geld aus dem Ausland ar­beiten &#8211; wo bleibt    da die  eigene Ver­antwortung Brasi­liens?” Den briti­schen Konsul in    Rio, der  dem Schulprojekt einen Traktor spen­dierte, verblüfft    ebenfalls, daß die  Regierung nichts über­weist. Dagegen wird laut    Pres­seangaben ein  existie­render “Sozialer Dringlichkeits­fonds” fast    täglich vom  Mitte-Rechts-Kabi­nett angezapft, um Diplo­matenempfänge,    Bankette oder  üp­pige Geschenke für aus­ländische Gäste zu   finanzieren.<br />
Die achtzehnmona­tigen Kurse der Escola Fasenda laufen den­noch wei­ter.     “Fast alle, die mit amtlichem Zerti­fikat abschließen werden, haben     be­reits eine Ar­beitsstelle sicher,” freut sich Naci­mento, “nach  der    Präfektur sind wir hier der zweitgrößte Ar­beitgeber!” Abends muß  der    nicht nur in Europa bekannteste Häftling Brasiliens wieder in  die  Zelle.   Der Polizeichef von Nati­vidade bekam bereits aus aller  Welt  über   tausend Protest- und Soli­daritätsbriefe, mindestens  ebenso­viele    landeten beim Gou­verneur von Rio und im  Justiz­ministerium.<br />
Nacimento leidet indessen sichtlich unter der Situation, wollte 1996     durch einen Hunger­streik die Wiederaufnahme sei­nes Verfahrens und     Ermittlungen ge­gen Todesschwadronen und de­ren Hinter­männer erreichen &#8211;     was nicht gelang. Eine der wich­tigsten moralischen vor al­lem aber     juristi­schen Stützen ist die Men­schenrechts­organisation Projeto   Lagal   in Rio de Janeiro. Sie er­reichte bisher, daß Naci­mento seine   Haft   nicht unter ständiger Lebens­gefahr in einer völ­lig überfüllten   Zelle   Rios, sondern im halboffenen Vollzug in Natividade ver­bringt.   Für   An­walt Carlos Nicodemos, Lei­ter des ebenfalls vom deutschen   Child­ren   Mission Fund unter­stütz­ten Projeto Legal, ist der Pro­zeß   gegen   Nacimento kaf­ka­esk: “In Untersuchungsbe­richten des   Bun­desparlaments   und selbst der Abgeordneten­kammer des   Bun­desstaates Rio über die   Er­mor­dung von Kindern und   Ju­gend­lichen, ebenso in der Presse,   wer­den die­selben Richter   we­gen ihrer Verwick­lung in Ak­tivitäten von   Todesschwadro­nen   auf­ge­führt, die auch Volmer do Naci­men­to  nannte.”<br />
Anwalt Nicodemos eilt min­destens ein­mal im Monat mit dem Wagen nach     Na­tividade, spricht seinem Mandanten Mut zu. Dessen Geburtstag im     ver­gan­genen November fiel ausge­rechnet auf einen Sonntag. Daß er ihn     dank Ni­codemos nicht durch­weg in der Zelle verbringen mußte,  sondern    mit seiner schwangeren Frau und den Kin­der zusammensein  konnte, war    wie­der ein kleiner Sieg.</p>
<p>Letzte Meldung: Seit Anfang Ja­nuar hat Volmer rund um die Uhr    Freigang,  d.h. er muß sich jetzt lediglich re­gelmäßig bei der Polizei    mel­den.  Und die schlech­te Nach­richt: Nach heftigen Re­gen­fällen    ver­sank das  Gelände der Land­wirt­schaftsschule unter ei­ner vier­zig    Zentimeter  dicken Schlamm­schicht. Die Gebäude ste­hen zwar noch,  aber   die Ernte  ist völlig zerstört.</p>
<h1>Fünf-Sterne-Rassismus</h1>
<h2>Schwarze fahren keine Importautos</h2>
<p>Der  Ehemann ist weiß, die Ehefrau ist schwarz. Am Hoteleingang    verwehrt ein  Wächter der Ehefrau den Zutritt: Prostituierte dür­fen    nicht mit aufs  Zimmer. Wer glaubt, dieser Vorfall wäre die Ausnahme,    irrt. Unter der  Oberfläche scheinbarer In­tegration zeigt sich das Bild    einer verdeckten  Apartheid.</p>
<p>Die Schwarzen müs­sen wis­sen wo ihr Platz ist, lautet  eine uralte,    immer noch hochaktuelle Redewendung in Bra­silien.  Ge­meint ist  damit:   Sklavennachfah­ren haben nichts in der Mittel- und   Ober­schicht,  deren  Krei­sen und Ambiente zu suchen. Sie werden   entsprechend  stigmati­siert  und behandelt. Wie dies in der Praxis   funk­tioniert,  bekam jetzt der  Züricher Fritz Müller, Fach­direktor  der   Cre­dite-Suisse-Bank, in Rio  de Janeiro zu spü­ren. Als er mit  seiner   schwarzen, aus Rio stammenden  Ehefrau Adriana nach einem    Restaurant­be­such ins First-Class-Hotel  In­tercontinental    zu­rückkehrte, wur­de Adriana von einem mus­ku­lö­sen  Wachmann grob    ge­stoppt: Eine Garota de Programa, so hei­ßen  Prostitu­ierte im    Rio-Slang, dür­fe nicht mit aufs Zim­mer. Direktor  Müller ließ sich von    seiner Frau über­setzen worum es ging und schlug  gehö­rigen Krach,    stellte den Wach­mann zur Re­de, verlangte von der  Ho­tel­lei­tung  eine   formelle Entschul­di­gung. Denn ohne  ent­sprechende Vor­schrift  hätte   der Wächter kaum so gehandelt.</p>
<p>Rassismus &#8211; Machismus</p>
<p>Die Zeitung O Globo be­schrieb den Fall unter der tref­fenden     Überschrift “Fünf-Sterne-Ras­sismus”. Kaum ein mit einer dunkel­häutigen     Brasilia­nerin be­freundeter oder verheirateter Eu­ropäer, der in   Rio,   Sâo Paulo, Sal­vador de Bahia oder Fortaleza nicht ähnliche    Erfahrungen  ge­macht hat. Wer brasilianisches Portugiesisch nicht    versteht, be­kommt  kaum mit, daß der Gang über die Strandpromenade für    sei­ne Partnerin  ge­legentlich ei­nem Spießrutenlauf gleicht. Wei­ße     Mit­telschichtsmachos der übel­sten Sorte, in Brasilien alles andere   als   dünn ge­sät, lassen eine Bösartigkeit oder Obszöni­tät nach der    anderen  fallen, ge­hen davon aus, daß der tumbe Gringo sicher nichts    ver­steht  und wohl im­mer noch glaubt, was die mei­sten Reiseführer    kolportie­ren:  Brasilien, ein wun­dervoller Schmelz­tiegel der Rassen,    ein Beispiel  gelun­gener Integration ver­schiedener Hautfarben, von    Dis­kriminierung  keine Spur.<br />
Wer aber die Oberfläche, die schil­lernde Er­scheinungsebene ver­läßt,     stößt auf Brasiliens hocheffi­ziente verdeckte Apart­heid. Die ist von     den schwachen, wenig respektierten Schwarzen­or­ganisationen weit     schwerer zu packen und zu attackieren als die aus Süd­afrika bekannte     of­fene Ras­sentren­nung. Schwarze, Mu­latt­Innen gehören in die  Slums,    in die Unterschicht, in die drek­kig­sten,  schlechtbezahltesten    Be­ru­fe. Schwarze Frauen sind ge­mäß diesem  Denk- und    Ver­hal­tens­muster Hausdienerinnen, Rei­ne­machefrauen,  bestenfalls    Su­per­marktkassiererinnen. Oder aber: Schwarze Frauen  sind bis zum    Beweis des Gegen­teils Pro­sti­tuierte, Touristenhuren,  die man    entsprechend behandeln kann.<br />
Untersuchungen belegen, daß in­for­melle Mechanismen ge­wöhn­lich den     Auf­stieg Dunkel­häutiger in gutbezahlte qualifi­zierte     Mittel­schichtsberufe ver­hin­dern. Privatban­ken bilden da keine     Ausnahme. Bei meh­reren spricht das gängige System der zwei     Kundenschlangen Bände. Wer besser verdient und umge­rech­net mindestens     einige tau­send Mark auf seinem Konto hat, steht in der kürzeren  Fila,    wird bevorzugt behandelt und ist ge­wöhnlich weiß. Wer zu den     Schlecht­bezahlten gehört, aber glück­lich ist, dennoch ein Konto     besitzen zu dürfen, muß in der längeren Schlange gelegentlich Stunden     warten, schaut nei­disch, frustriert oder mit Groll auf die  Be­vorzugten    mit dem dickeren Geld­beutel. Welche Hautfarbe in der  langen Fila    domi­niert, läßt sich in Rio gut beobachten.<br />
Wer mit dunkler Haut den­noch den sozialen Aufstieg schafft, hat im     Alltag fast pau­sen­los Ärger. In Sâo Paulo wird eine er­folgreiche     schwarze Schau­spielerin von weißen Ma­dames im­mer wieder auf der     Straße gefragt, ob sie nicht als Haus­dienerin anfangen wolle, sie sehe     so gut und gesund aus. Der schwarze Sänger und Komponist Dicró wird  in    Rio de Janeiro von Si­cherheitsleuten zu seiner eige­nen Show  nicht  auf   die Bühne ge­lassen. Ironisch erklärt er: “Mehr­mals haben  sie  mich  auch  schon ge­schnappt, als ich meinen eigenen Wa­gen klauen   wollte.”  Wie  überführte Au­todiebe wer­den ebenfalls immer wieder    gut­ver­dienende  schwarze Fußball­spieler traktiert, die teure    Im­portwagen fahren.  Oleude Ri­beiro vom Verein Portuguesa von Sâo    Paulo wurde mit Blau­licht  in seinem Ford-Jeep ge­stoppt und mit dem    Revolver am Kopf gründlich  durchsucht: “Mein tiefentsetzter kleiner    Sohn woll­te danach wissen, ob  diese Männer Ban­diten waren.    Schwie­rig, ihm zu erklären, daß alles nur  geschah, weil wir Schwarze    sind.”<br />
Der auch in Eu­ropa bekannte schwarze brasiliani­sche Musiker Djavan     erläutert: “Wenn du be­rühmt wirst, ver­lierst du sozusa­gen deine     Hautfarbe. Das heißt nicht, daß dich die Leute auf einmal mögen. Sie     beginnen nur, dich zuzulas­sen.”</p>
<h1>Weniger als ein Quadratmeter</h1>
<h2>Brasiliens Gefängnisse offenbaren Bilder wie aus einem Gruselfilm</h2>
<p>Unter  der Regierung von Präsident Cardoso verschlechtert sich die    Lage in den  total überfüllten Gefängnissen weiter. “Niemand ist an    einer  Resozialisierung der Häft­linge interessiert,” so Padre Mauzeroll    von  der Gefangenenseelsorge der katholi­schen Kirche.</p>
<p>Eine  mittelalter­lich anmu­ten­de Ge­fängniszelle in Rios Stadt­teil     Realengo. Gesetzlich hat je­der der mehreren Dut­zend In­sas­sen     Anspruch auf min­de­stens acht Quadrat­meter, hier da­gegen hat er nicht     einmal ei­nen ein­zi­gen. Ge­schlafen wird des­halb in Schichten.     Während ein Teil auf dem feuchten Beton liegt, hängt der andere in     Stoff­schlau­fen da­rü­ber, die an den Git­ter­stäben be­fe­stigt sind.     In ei­ner Zelle im Stadt­teil Bangu bie­tet sich ein ähn­liches Bild:    35  fast nackte, schwit­zende Männer auf nur sech­zehn Quadratmetern,     bei­ßen­der Fäkalienge­ruch, nachts Rat­ten, die psychische  Span­nung    fast mit Händen greif­bar. Neun von zehn haben Krätze und  Fu­run­kel.  In   der heißesten Jahres­zeit herr­schen bis zu sech­zig  Grad in den    Zellen, täglich fallen dann an die zwanzig In­sas­sen  ohn­mächtig um,    werden von den Wärtern herausge­zerrt und durch  an­dere ersetzt. Um aus    die­ser Höl­le herauszukommen, in eine  we­niger über­füllte Zelle    verlegt zu werden, beste­chen Häftlinge  ih­re Aufseher mit um­gerechnet    bis zu 5.000 DM. Es gibt auch  Ge­fängnisse, in denen die In­sas­sen  das   nötige Geld  zu­sam­men­le­gen und dann den Be­günstigten wie in  einer   Lotterie  per Los be­stimmen. In Bangu kom­men die not­wendigen  Reais  von  der  Fa­mi­lie oder von Verbre­cher­syn­di­ka­ten. Je größer,  je    un­er­träg­li­cher die Hitze, umso hö­her stei­gen die Preise auf     die­sem Schwarz­markt. Nur einmal am Tag gibt es Essen von     haar­sträu­ben­der Qualität, Lebens­mittel­pa­ke­te der Angehörigen     werden ge­wöhn­lich nicht ausge­händigt. Fol­terungen sind die Regel,     nicht nur in Rios Gefäng­nissen. Ein An­walt be­schreibt einen Fall aus     dem Jahr 1996: “Polizisten mit Ka­puzen miß­handelten 116  Ge­fan­gene    mit Elektroschocks, alle wie­sen Blutergüsse auf und  wur­den    dar­überhinaus zu sexu­ellen Hand­lungen gezwungen.”<br />
Fast täglich wer­den Fälle tot­ge­folterter, er­schlagener Häft­linge     bekannt. Doch die politisch Ver­ant­wortlichen rühren sich kaum, nur     we­nige Intellektuelle pro­testieren und die Gesellschaft scheint sich     an die grauen­vollen Zustände ge­wöhnt zu haben.<br />
Nach dem letzten offiziellen Zen­sus bieten die 511 Gefäng­nis­se     Brasili­ens Platz für höch­stens 60.000 Per­sonen. Mit über 148.000     Gefangenen sind sie da­mit mehr als doppelt be­legt. Not­wen­dig, so     heißt es, seien 145 neue Gefängnisse. Rund 95 Pro­zent der Häft­linge     sind Arme, 96 Pro­zent Männer, etwa drei Vier­tel Voll- und     Halbanal­phabeten. Der typi­sche Gefangene, so eine Stu­die, ist     dunkelhäutig und jün­ger als 25 Jahre. Jeden Monat kommt es laut     Statistik zu min­de­stens drei großen Häftlingsre­vol­ten; die meisten     von ihnen wer­den aller­dings der Öf­fent­lich­keit ver­heimlicht.</p>
<p>Pervertieren statt resozialisieren</p>
<p>Amnesty international und Human Rights Watch/­Ame­ri­cas prangern die     Zu­stände in den bra­silianischen Haftan­stalten als “pu­ren Horror”    an.  Aber auch die Gefange­nenseelsorge der katho­li­schen Kirche  läßt   nicht  locker. Padre Geraldo Mau­zeroll von der Pa­storal  Carçeraria im    Bundes­staat Sâo Paulo: “Wer ins Ge­fängnis kommt, wird  pervertiert,    wird angesehen und be­handelt wie ein Tier. Niemand ist  an ei­ner    Besserung oder Resozialisie­rung der Insassen  interessiert. Die    Gesellschaft rächt sich an ihnen. Sie läßt sie  intellektu­ell, seelisch,    mora­lisch, kulturell und nicht selten  sogar physisch ster­ben.”  Padre   Mauzeroll hört auf Polizeiwachen und  in Gefängnis­sen sehr  häufig den   Spruch: “Nur ein toter Häftling ist  ein guter Häftling!”  Der Padre geht   seit 1973 in die Gefäng­nisse und  leitete die letzten  sechs Jahren die   Seel­sorge. Was er täg­lich zu  sehen be­kommt,  scheint kom­mer­ziellen   Horror­filmen ent­lehnt:  Häftlinge verfaulen  buch­stäb­lich in ih­ren   Zellen. Die  Ge­fängnisärzte sind selbst  Krimi­nelle, weil sie Kranke   be­wußt  nicht behan­deln, sie sterben  las­sen, dafür aber nie zur    Rechen­schaft gezogen werden.  Tuber­ku­lo­se grassiert, über die    Ge­sichter Tod­kran­ker laufen  Amei­sen. Kri­mi­nell handeln auch    Richter und Staats­anwälte, die  sehr wohl über Folter und alle an­deren    Men­schenrechtsverlet­zungen  de­tail­liert informiert sind und  den­noch   nicht ein­greifen.<br />
Gefängnisleitungen und Wär­ter ermögli­chen den Dro­gen­han­del und     -kon­sum hinter den Git­ter­stäben. Ein Direktor zu Padre Mauzeroll:     “Drogen müs­sen dort drin sein, damit die Ge­fangenen ruhig bleiben.”<br />
Ein besonders fin­steres Kapi­tel ist darüber hinaus die sexuelle     Ge­walt, die von perversen Auf­se­hern sogar ge­fördert wird. Padre     Mauzeroll: “Wird ein we­gen Vergewalti­gung Verurteilter ein­geliefert,     stecken ihn die Wär­ter extra in be­stimmte Mas­sen­zel­len, damit er     dort von fünf­zehn, zwan­zig Häftlingen ver­ge­wal­tigt wird. Das  ist    Gesetz in den Kerkern, und so verbreitet sich Aids sehr schnell.”   Selbst   nach amtlichen An­gaben haben sich bereits über zwanzig   Pro­zent der   Insas­sen mit dem Aids-Vi­rus infiziert. Ein Großteil der   rund 150.000   brasiliani­schen Ge­fan­genen hat homosexuellen   Ver­kehr, gewöhnlich   unge­schützt, Pro­miskuität ist normal.<br />
Vitor Carreiro teilte in Rio eine Zelle jahrelang mit 47 ande­ren     Häftlin­gen, hat jetzt sichtbar Aids und sagt es deutlich: “Alle Welt     weiß, daß die Frau des Ge­fan­genen der andere Gefangene ist.” José     Ferreira da Silva, eben­falls HIV-posi­tiv, berichtet von vier festen     und acht gelegentli­chen Partnern. Keiner hatte Prä­servative benutzen     wollen.<br />
“Wenn die Lage in den Ge­fängnissen in Sâo Paulo und Rio de Janeiro     bereits so schlimm ist”, gibt Padre Mauzeroll zu be­denken, “wie muß sie     dann erst in den stark unterent­wickelten Gebieten des Nordens und     Nord­ostens sein?” Padre Mauzeroll drückt sich im Ge­gensatz zu so     vie­len Landsleuten um solche un­beque­men Wahrheiten nicht. Er hat     keine Probleme damit, die von den Autoritäten gerne ver­steckten und     verdrängten Pro­ble­me offen an­zusprechen. “Doch wer über die Zu­stände     re­det und in­formiert, stirbt”, lautet eine an­dere Regel &#8211;     Pistoleiros, Be­rufs­kil­ler, erle­digen dies. Padre Mau­zeroll weiß,     daß auch sein Leben in Gefahr ist. Den­noch klagt er offen die soziale     Ord­nung Brasi­liens an: “Sie ist schuld an der grauenhaften     Si­tu­a­tion!”<br />
Wärter und Spe­zialeinheiten ge­hen gewöhnlich äußerst brutal gegen     meu­ternde Häftlinge vor. 1992 wurden im Gefängnis Ca­ran­diru von Sâo     Paulo minde­stens 111 In­sassen von Militär­polizisten massa­kriert.     Politisch Ver­antwortliche und di­rekt Be­tei­ligte blieben bisher     straffrei. Die letzte Revolte in Carandiru er­eignete sich Ende Oktober.     670 Ge­fangene nahmen dort 27 Wär­ter als Gei­seln und forderten die     Ver­legung in eine andere Haftan­stalt. Fünf Gefan­gene versuchten  mit    einem Müll­fahrzeug zu flie­hen, vier von ih­nen wurden von     Mi­litärpolizisten er­schossen.<br />
Die Rechtanwältin Zoraide Fer­nandez weist noch auf eine be­sondere     Absurdi­tät hin. Tau­sende von Häftlingen wer­den nach verbüßter Strafe     oft noch jahrelang festge­halten, allein in Rio waren es 1995     min­destens 560. Hinzu kommen jene, die unrechtmäßig in die Zellen von     Po­lizei­wachen gepfercht und dort mitunter regelrecht verges­sen     werden.</p>
<h1>Menschenrechte ja &#8211; aber nicht für Schwule</h1>
<h2>Todesschwadronen jagen Homosexuelle &#8211; 1300 Morde seit 1980</h2>
<p>Staatspräsident  Cardoso präsentierte in Brasilia mit großem Pomp    einen “Nationalen Plan  für Menschenrechte” &#8211; doch die Show stahl ihm    Luiz Mott,  intel­lektueller Führer der brasilianischen    Schwulenbewegung. Weil die  Homosexuellen in dem Dokument nicht einmal    erwähnt werden, entrollte  Mott ein Transparent “Gays querem Justiça”-    (Schwule wollen  Gerechtigkeit) und nannte Fakten zur sy­stematischen    Verfolgung der  Homosexuellen in Brasilien.</p>
<p>Laercio, 22, und Mariquinhos, 30,  wohnten in Rios armseliger    Nordzone in einem simplen Häuschen, waren  beliebt und gal­ten als    hilfsbereit, fröhlich. In einer Novembernacht  werden sie von einem der    berüchtigten “Kom­mandos zur Jagd auf Gays”  überwältigt &#8211; fünf    Kapuzenmän­ner stoßen die beiden bis zur na­hen  Bahnlinie, dann krachen    Pi­stolenschüsse. Anwohner finden Laercio und  Mariquinhos in ih­rem    Blut, stellen erschüttert Ker­zen auf.<br />
Luiz Mott erläutert: “In Bra­silien sind mindestens vierzehn     Todesschwadronen hinter Ho­mosexuellen her. Seit 1980 wur­den über 1300     Schwule ermor­det, 1996 waren es bisher 85, aber unsere Statistik ist     sehr un­vollständig.” Das stimmt, denn von den Serienmorden der   letz­ten   Wochen in Rio wußte Mott zu diesem Zeitpunkt noch nichts.   Hinzu kommt,   daß Angehörige wegen der bestehenden Vorur­teile gegen   die Schwulen   oftmals die Natur des Verbrechens ver­schweigen.<br />
Universitätsprofessor Mott, 50 Jahre alt, Präsident der Grupo Gay do     Bahia (GGB) und Se­kretär für Menschenrechte der Bra­silianischen     Vereinigung für Gays, Lesben und Transvestiten (ABGLT), lehrt in der     nordost­brasilianischen Küstenmetropole Sal­vador da Bahia &#8211; auch dort     werden Schwule diskriminiert, ver­folgt und ermordet. Mott spricht von     “Opfern des Ma­chismus”, die Täter gingen ge­wöhnlich straffrei aus.   So   seien bei über vierzig Prozent der Schwulenmorde die Täter   er­mittelt   worden, nur zehn Prozent kamen jedoch letztlich vor   Ge­richt und wurden   dann fast im­mer freigesprochen.</p>
<p>Archiv über Homosexualität</p>
<p>Ein schönes Kolonialhaus in Salvador da Bahia beherbergt im ersten    Stock  den kleinen Sitz der Grupo Gay do Brasil mit dem immerhin größten     lateinameri­kanischen Archiv über Homose­xualität. Die GGB ist die     älteste und aktivste Homosexuellenver­einigung in Lateinamerika. Nach     dem Klingeln schaut der Leiter zunächst prüfend auf den Besu­cher und     wirft danach den Schlüssel hinunter. Oben kann man sich eine  Ausstellung    über homosexuelle Männer und Frauen ansehen, von Platon,  Leonardo da    Vinci, Shakespeare, Cleopatra und James Dean bis hin zu  der berühmten    Sängerin der Musica Popular Brasileiro, Maria Bethânia.  Man wird    höf­lich zu den zwei wöchentlichen Versammlungen  eingeladen, an denen    auch Bi- und Heterosexu­elle teilnehmen. Vor dem  Ab­stieg über die    steile Holztreppe teilt der GGB-Leiter  Präserva­tive, “Camisinhas”, aus &#8211;    schließlich ist die Gruppe  beson­ders aktives Mitglied in der vom    Gesundheitsministerium  geführ­ten Nationalen Kommission zur    AIDS-Bekämpfung.<br />
In der Stadt selbst machen die Homosexuellen drastisch auf sich, ihre     Freuden und Probleme aufmerksam. “Liebe mit Vor­sicht &#8211; suche Deine     amantes bes­ser aus”, steht groß auf Schauta­feln, und “Laß Dich nicht     von AIDS ins Jenseits befördern, aber laß Dich auch nicht ermor­den!”     Die Warnung ist nicht un­begründet, druckte doch gar eine große  lokale    Zeitung regelmäßig folgende Anzeige: “Halte Salva­dor sauber &#8211;  töte    jeden Tag einen Homo!”</p>
<p>Erscheinungsebene &#8211; Wirklichkeit</p>
<p>Brasiliens Schwulenszene prä­sentiert sich anders als zum Beispiel    jene  in San Francisco oder gar in Deutschland. Gays fallen viel mehr    auf,  haben ihre Kneipen, Discos, Strände, Zeit­schriften. Der Terror    gegen  Schwule existiert indessen wei­ter, scheint sogar stark    zuzuneh­men.   Motts Grupo Gay do Bahia hat deshalb ein    “Über­le­benshandbuch”  publi­ziert, das zahl­reiche praktische Tips zur    Selbstverteidigung  gibt. Mott hat das Handbuch in Brasi­lia, Belo    Horizonte, Curitiba und  Recife vorgestellt. In jeder Stadt gab er die    Namen der dort in den  letzten Jahren ermordeten Schwulen be­kannt. Die    meisten Verbrechen  ereigneten sich aber in Rio de Janeiro, Sâo Paulo    und Salvador da Bahia.</p>
<p>Umfragen und Machismus</p>
<p>Daß Schwule diskriminiert werden, zeigen neue repräsenta­tive    Umfragen:  So würden 36 Pro­zent der BrasilianerInnen ei­nem    Homosexuellen selbst  dann nicht eine Arbeit geben, wenn er der    bestqualifizierte Bewerber  wäre. JedeR Fünfte würde sich von einem    homosexuellen Kol­legen bewußt  fernhalten, 56 Pro­zent würden zumindest    ihr Ver­halten ändern. 79  Prozent, im Nordosten sogar 87 Prozent,    ak­zeptierten auf gar keinen  Fall, daß ihr Sohn mit einem    Ho­mosexuellen ausginge. Und 62 Prozent  meinen, daß Eltern die Änderung    der homosexuellen Orientierung ihrer  Söhne er­zwingen müßten.</p>
<p>Politisches Asyl für Schwule</p>
<p>Gay-Menschenrechtsgruppen in San Francisco prangern seit Jahren die     Zustände in Brasilen an. 1993 gewährten die USA erstmals einem     brasilianischen Schwulen politisches Asyl. Der Begünstigte heißt Marcelo     Teno­rio, Luiz Mott trat in dem Asyl­verfahren als Zeuge auf und   wurde   dafür zuhause in den Me­dien niedergemacht. Das Asyl, hieß es,   basiere   auf einer Lüge über Brasilien; Schwule würden nicht   systematisch   getötet. In den letzten Wochen erhielten zwei weitere   Homosexuelle   Asylsta­tus, wollen aber anonym blei­ben, aus Angst, daß     Familienan­ge­hö­ri­ge in Brasilien Repressa­lien er­lei­den könnten.     Eine un­bekannte Zahl brasilianischer Homo­sexu­el­ler lebt illegal  in    den USA. Mög­licherweise werden jetzt wei­tere einen Asylantrag   stellen.</p>
<p>KASTEN</p>
<p>Staatstrauer für Ex-Diktator</p>
<p>Nach dem Tod des Ex-Generalpräsidenten Ernesto Geisel im Sep­tember    1996  ordnete Fernando Henrique Cardoso per Dekret acht Tage    Staatstrauer an.  Geisel war von 1974 bis 1979 der dritte    Generalpräsident der  brasilianischen Militärdiktatur (1964-1985).    Geisel war bereits zur  Amtseinführung von Cardoso gela­den worden. 1995    traf sich der Präsident  mit dem EX-Diktator und wollte dies    ausdrücklich als “Würdigung”  verstanden wissen.<br />
Die Homenagem weckte in der Tat Aufmerksamkeit. Denn bei Gei­sel und     seinem ebenfalls im Regimeapparat dienenden Bruder Or­lando handelte es     sich um Vertreter der “harten Linie”, die kei­nes­wegs nur militante     Diktaturgegner rücksichtslos verfolgen, fol­tern und ermorden ließen.     Dies hat gerade ein wichtiger Zeit­zeuge bestätigt: Reserveoberst   Jarbas   Passarinho, Mitautor der berüchtigten Ausnahmegesetze von 1968   und   Minister unter drei Dik­taturgenerälen, sagte im brasilianischen     Fersehen, daß ein Groß­teil der Greueltaten an Linken in Geisels     Regierungszeit be­gangen worden seien. Die Medien pflegten dagegen stets     dessen Amts­vorgänger Emilio Garrastazzu Medici die Verantwortung  für    die größten Schlechtigkeiten des Militärregimes aufzubürden.</p>
<p><strong>Hintergrund von 2001:</strong></p>
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<p><strong>„Unerklärter Bürgerkrieg“ in Brasilien<br />
Über 40000 Morde jährlich/Zunahme von Attentaten </strong></p>
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<p><strong>Im Kontext der jüngsten internationalen Konflikte weisen  brasillianische Experten immer nachdrücklicher darauf hin, welche hohen  Menschenopfer der sogenannte „unerklärte Bürgerkrieg“ in Brasilien  kostet. Wie die Universitätsprofessor und Politik-Berater Gaudencio  Torquato jetzt  in einer Analyse mit dem Titel „Wir und Afghanistan“  betonte, werden aus politischen und kriminellen Motiven selbst laut den  geschönten offiziellen Angaben jährlich rund 40000 Menschen ermordet. </strong></p>
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<p><strong>     Hätte  Deutschland, mit einer etwa halb so großen  Bevölkerung, diese Rate, wären es pro Jahr etwa 20000 Getötete.  Tatsächlich waren es im Jahr 2000 laut BKA-Angaben nur 1015. </strong></p>
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<p><strong>Torquato zählte zu den Gründen der hohen Opferzahlen, daß die  zehntgrößte Wirtschaftsnation anders als Afghanistan zwar sämtliche  Hochtechnologie der letzten Generation nutze, die soziale Polarisierung  zwischen den Privilegierten und den armen Schichten sich jedoch weiter  verschärft habe. Die hohe Gewaltrate habe dazu geführt, daß  nachbarschaftliches Zusammenleben immer weniger gepflegt werde, die  brasilianische Gesellschaft sich von der menschlichen Solidarität  verabschiede. Gängige Reaktion angesichts der täglichen Morde sei leider  nur:“Gut, daß es mir nicht passiert ist.“ </strong></p>
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<p><strong>Derartige Verfallsprozesse resultieren laut Torquato aus  einer „politisch-institutionellen Kultur“, die sich mit den alltäglichen  Skandalen um hohe Volksvertreter und den Fällen von  Regierungskorruption weiter degradiere. </strong></p>
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<p><strong>Brasilianischer Menschenrechtsaktivist<br />
“Generation eiskalter Killer“ wächst heran </strong></p>
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<p><strong>Brasilien züchtet nach den Worten des angesehenen  Menschenrechtsaktivisten Eduardo Capobianco „eine Generation eiskalter  Killer“heran.“Sie töten einen Menschen mit der selben Leichtigkeit, mit  der sie eine Coca-Cola trinken“, sagte er im Dezember während der  Auszeichnung mit einem Bürgerrechtler-Preis in Sao Paulo. Capobianco,  Präsident von zwei regierungsunabhängigen Institutionen, die das  organisierte Verbrechen sowie die tiefverwurzelte Korruption in Politik  und Wirtschaft bekämpfen, hatte erst Anfang Dezember in der City der  17-Millionen-Stadt ein Attentat überlebt. „Brasilien hat gravierende  soziale Ungleichheiten und eine kapitalistische Kultur, die auf dem  Konsum basiert, Städte des Konsumismus wie Sao Paulo. Das stimuliert  letztlich Gewalt – Armut allein ist dafür nicht verantwortlich zu  machen.“ In entwickelten Ländern wie Japan entfalle statistisch pro Jahr  ein Mord auf hunderttausend Einwohner – in einer Stadt wie Sao Paulo  seien es dagegen gemäß offiziellen Zahlen immerhin fünfzig. Indessen  gebe es bereits leichte Fortschritte bei der Verbrechensbekämpfung, die  Arbeit seiner beiden Institutionen mißfalle der Gegenseite sehr und habe  das Attentat bewirkt. </strong></p>
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<p><strong>Capobianco überlebte den Anschlag nur, weil er eine Mappe mit  Büchern vor die Herzgegend hielt, Kugeln darin steckenblieben bzw. nur  seine Beine trafen. Weder die Polizei noch er selbst haben einen Hinweis  auf die Täter und deren Hintermänner. </strong></p>
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<p><strong>In den letzten drei Monaten kam es in Brasilien zu einer  Attentatsserie, bei der mehrere Gewerkschaftsführer, ein progressiver  Großstadtbürgermeister sowie Umweltaktivisten getötet wurden,  Bombenanschläge forderten glücklicherweise keine Opfer. Eine bislang  unbekannte rechtsextreme Organisation schickte Morddrohungen an 37  Bürgermeister der linkssozialdemokratischen Arbeiterpartei PT im  Industrie- Teilstaat Sao Paulo, dessen Bruttosozialprodukt das von ganz   Argentinien übertrifft. </strong></p>
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<p><strong>Systematische Folterungen weiter alltäglich – trotz Anti-Folter-Gesetz<br />
Menschenrechtler skeptisch über  offizielle PR-Kampagne </strong></p>
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<p><strong>Der Dreißig-Sekunden-TV-Spot ist gut gemacht,  drastisch-realistisch: Ein Mann, halbnackt, blutend, gefesselt, wird von  einem Sadisten gequält, mit dem Kopf immer wieder in einen Wassertank  getaucht, soll Informationen preisgeben, ein Geständnis ablegen. Ein  Dritter sieht die Szene, rennt zum Telefon, wählt die neue Gratis-Nummer  von „SOS Tortura“, erstattet anonym Anzeige. Jeder sollte ab sofort  genauso handeln, lautet der Appell an die Fernsehzuschauer – „denn  Folter ist ein Verbrechen!“ Daß Brasiliens Staatspräsident Fernando  Henrique Cardoso, Ehrendoktor der FU Berlin, jetzt auch in Rundfunk und  Presse eine solche Medienkampagne starten ließ, einmalig in der  Geschichte Brasilien, könnte die Menschenrechtler des In-und Auslands  optimistisch stimmen. Doch Skepsis überwiegt. Befürchtet wird, daß  Brasilia damit lediglich  auf Imageverbesserung bei den Vereinten  Nationen zielt. Deren Experte für Folterfälle, Nigel Rodley, hatte  letztes Jahr nach einer Reise durch mehrere Teilstaaten die Zustände als  erschreckend und eigentlich unbeschreiblich angeprangert. Nicht anders  sieht es Amnesty International, stellte deshalb  in der  17-Millionen-Stadt São Paulo, Lateinamerikas führendem  Wirtschaftszentrum, im Oktober kurz vor Kampagnebeginn der  brasilianischen Öffentlichkeit den neuesten Bericht über Folter und  Mißhandlungen vor. Tatverdächtige, Festgenommene, Untersuchungshäftlinge  und Strafgefangene systematisch Torturen zu unterwerfen, auch von  völlig Unschuldigen Geständnisse unter Folter zu erpressen, gehört  danach weiterhin zur  Alltagsroutine im Apparat der Militär-und  Zivilpolizei. Laut Patrick Kopischke, Brasilien-Experte von Amnesty  International, hat der starke politische Druck, die überbordende  Kriminalität zu bekämpfen, dazu geführt, daß Folter andere  Ermittlungsmethoden ersetzt. Allein in São Paulo, wo über eintausend  deutsche Unternehmen, von VW bis Daimler-Benz, ansässig sind, werden  laut offiziellen Angaben monatlich über 440 Menschen ermordet. Zum  üblichen Nachrichtenangebot der  Radio-und TV-Stationen gehören die  unaufhörlichen Gefangenenrevolten in den mit fast 100000 Insassen völlig  überfüllten Polizeiwachen, Haftanstalten und provisorischen  Gefängnissen der Metropole. Pro Monat werden rund eintausend weitere  mutmaßliche oder tatsächliche Straftäter in teils fensterlose Zellen  gepreßt, wo bereits bis zu 168 Männer auf einem Raum zusammenhocken  müssen, der eigentlich nur für höchstens dreißig gedacht war. Wegen der  schlechten Luft, der unhygienischen Zustände, des ständigen  Fäkaliengeruchs und des damit verbundenen psychischen Drucks sind  Aufstände die logische Folge – niedergeschlagen werden sie mit äußerster  Brutalität, gibt es fast immer Tote. „Man greift auf Folter und  Mißhandlungen zurück, um ein katastrophales Gefängnissystem unter  Kontrolle zu halten“, betont deshalb Kopischke, grundlegende Reformen  seien nötig, nicht nur kosmetische Verschönerungen. Aktivisten von  Amnesty und anderen Menschenrechtsgruppen Brasiliens empört zudem   besonders, daß das auf ihren Druck hin erlassene Anti-Folter-Gesetz von  1997 an den Zuständen kaum etwas änderte, Täter gewöhnlich straffrei  ausgehen, selbst aus der Diktaturzeit berüchtigte Folterer weiter im  Dienst sind. Gemäß neuen UNO-Angaben verzeichnet der Teilstaat Minas  Gerais die meisten bekanntgewordenen Folterfälle, ist die  Polizeibrutalität traditionell besonders hoch. Dies gilt als Erbe des  Militärregimes(1964-1985), als Fachleute der CIA gemäß Angaben von  Zeitzeugen  den Militär-und Zivilpolizisten in Kursen auch  Foltertechniken beibrachten. „Heute noch sind es die gleichen“, so der  renommierte Menschenrechtsanwalt Antonio Aurelio, „vor allem  Elektroschocks, Aufhängen kopfunter an einer Stange, Eintauchen in  Wassertanks, Schläge auf beide Ohren, Erstickungsanfälle mittels über  den Kopf gestülpten Plastiksäcken“. Im Juni letzten Jahres wurden in  einer Polizeiwache São Paulos etwa zweihundert Gefangene, einer nach dem  anderen, völlig unbekleidet,  mit Elektroschocks gepeinigt. Bei  weiteren Mißhandlungen starb ein Insasse, dreißig weitere erlitten teils  schwere Verletzungen. Die beteiligten Polizeikommissare sind weiterhin  im Dienst.  Beim Interview  mit dem Polizeichef einer  nordostbrasilianischen Stadt fand dieser nichts dabei, den an den  landesüblichen Elektroschock-Apparaturen verwendeten Regler sichtbar   auf seinem Schreibtisch liegen zu lassen.</strong></p>
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<p><strong>Über 40000 brasilianische Kinder arbeiten auf stinkenden Müllbergen<br />
Unicef und NGO entwickeln Alternativprojekte </strong></p>
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<p><strong> Im Kriechgang, fast mit Vollgas, arbeitet sich der Müll-LKW  in Serpentinen fast bis zur Haldenspitze vor, kippt dort, an der  Peripherie der 17-Millionen-Stadt São Paulo, bei 35, 40  Grad  Tropenhitze stinkende Abfälle aller Art ab. Auf diesen Moment haben  Schwärme von Schmeißfliegen, aber auch Dutzende von Kindern und  Jugendlichen nur gewartet. Mit Säcken über der Schulter stürzen sie sich  auf  die Ladung, sinken bis zu den Knien ein, wühlen neben schwarzen  Aasgeiern nach Essensresten, Glas-und Plastikflaschen, Papier und  Getränkebüchsen aus Aluminium. Alles wird getrennt, sortiert, ein Stück  entfernt bei  anderen Familienmitgliedern angehäuft, Alu-Büchsen tritt  man mit dem Fuß platt. Metallfirmen oder Papier-und Textilfabriken  nehmen alles für lächerlich geringe Preise ab – jedes dreckverschmierte,  oft von Hautkrankheiten gezeichnete Müll-Kind kommt pro Tag höchstens  auf umgerechnet vier, fünf Mark – überlebenswichtig für die Familien an  der Slum-Peripherie von Lateinamerikas reichster Stadt und  Wirtschaftslokomotive, aber auch von Rio de Janeiro, Salvador da Bahia  oder Recife. In ganz Brasilien sind es über vierzigtausend „Crianças do  Lixo“, Müll-Kinder – die nie zur Schule gehen, oder es aufgaben, weil  man sie lächerlich machte, diskriminierte. Vor ein, zwei Jahren waren es  indessen noch über dreizehntausend mehr – bevor das UN-Kinderhilfswerk  Unicef  und die regierungsunabhängige Organisation „Agua e Vida“(Wasser  und Leben) Projekte starteten, Druck auf den Staat, lokale Behörden  ausübten, um diese schändliche Form der Kinderarbeit zu bekämpfen. </strong></p>
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<p><strong>Hautkrankheiten, Cholera </strong></p>
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<p><strong>Daß Minderjährige in einem Land, das zu den zehn größten  Wirtschaftsnationen gehört, den ganzen Tag im Müll waten müssen, anstatt  zu spielen und zu lernen, nennt Afonso Lima, Unicef-Mitarbeiter in São  Paulo, einfach entsetzlich, unmenschlich. Die Regierung hat zudem  internationale Konventionen, darunter gegen Kinderarbeit unterzeichnet,  die derartiges eigentlich verbieten. „Weil die meisten Kliniken  ihre  sämtlichen Abfälle unsortiert und unbehandelt ebenfalls auf die Halde  kippen, können sich die Kinder sogar gefährliche Krankheiten holen,  finden Spritzennadeln, Chemikalien aller Art.“ Für seine Kollegin Paula  Claycomb aus den USA fehlt es auch an politischem Willen. „Die  brasilianische Gesellschaft muß endlich verstehen, daß stinkende  Abfallhalden nicht der richtige Ort für Kinder sind.“ Dabei wurde  bereits eine Menge erreicht: Unicef und die NGO „Agua e Vida“ brachten  in geduldiger Überzeugungsarbeit Gouverneure und viele Gemeinden dazu,  Mittel für die Gründung von Müll-Recycling-Kooperativen freizugeben,  sogar Gebäude bereitzustellen. Der Vorteil: Wiederverwertbares wird  bereits an Wohngebäuden, Supermärkten, Bürohäusern aussortiert – und  nicht erst,  mit organischen Abfällen verschmutzt, auf der Halde.  Resultat: Das Familieneinkommen steigt, die Kinder brauchen nicht mehr  mitzuarbeiten, gehen stattdessen zur Schule. Eine geringe staatliche  Hilfe von  monatlich umgerechnet über zehn Mark pro Kind wird auch an  viele andere verelendete Familien nur gezahlt, wenn sie ihre Kinder  kontinuierlich in die Schule schicken. „Und das funktioniert“,  bekräftigt die NGO-Koordinatorin Teia Magalhaes in São Paulo. „Nur ist  es leider oft so: Wir holen eine Familie aus dem Müll, doch andere  treten sofort an deren Stelle – Folge der Misere in Brasilien.“ Da die  Cholera im Lande längst nicht ausgerottet ist, man sich gerade auf den  riesigen Abfallbergen leicht anstecken kann, verbreitet Teia Magalhaes  auch ein entsprechendes Aufklärungs-Video, organisiert zusammen mit  Präfekturen Musik-und Tanzkurse, um frühere „Crianças do Lixo“ in der  Schule zu halten, an Kultur heranzuführen. </strong></p>
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<p><strong>Banker und Müllsammler </strong></p>
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<p><strong>Auch über  Lateinamerikas Wallstreet, die Banken-Avenida  Paulista, zerren täglich ungezählte schwitzende, zerlumpte Catadores do  Lixo, Müllsammler, ihre hölzernen Karren, hochbeladen mit Verpackungen  und anderem Material. Eigentlich sollten  die Catadores allen Respekt  verdienen: Nur ihnen ist es zu verdanken, daß immerhin achtzig Prozent  der Aluminium-Getränkebüchsen, siebzig Prozent der Pappe und  dreißig  Prozent der Flaschen recycelt werden. Nur hier und da trifft man bereits  auf jene Hausmüll-Container wie in Deutschland – ausgerechnet in einem  Drittweltland wie Brasilien ist Ressourcenverschwendung weiterhin die  Regel. Was vergeudet wird, ob Nahrungsmittel, Strom oder Wasser, hat  laut neuesten Studien immerhin einen Wert von jährlich umgerechnet über  einhundert Milliarden Mark. Besonders provozierend in einem Land mit  ernsten Hungerproblemen: Was São Paulos Supermärkte an Lebensmitteln  wegwerfen, reichte wertmäßig bequem aus, um monatlich 600000  Slum-Familien mit Grundnahrungsmitteln zu versorgen. </strong></p>
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<p><strong>Padre Julio Lancelotti kämpft gegen Folter an Kindern und Jugendlichen<br />
Hohes Lebensrisiko, Morddrohungen, tätliche Angriffe<br />
Auch von Unicef wegen Engagements für Kinderrechte ausgezeichnet </strong></p>
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<p><strong>„Erstmals konnten wir jetzt achtzehn Aufseher, sogar drei  Direktoren, wegen Folter vor Gericht bringen“, sagt Padre Julio  Lancelotti im Büro des von ihm geleiteten „Zentrums zur Verteidigung von  Kindern und Jugendlichen“ der Millionenstadt São Paulo. Aber Freude,  Zufriedenheit über diesen kleinen Sieg ist ihm nicht anzumerken. Denn  auf einen Schlag hat er damit noch mehr erbitterte Feinde unter den  Mitarbeitern der gefängnisähnlichen Anstalten für straffällig gewordene  Minderjährige(Febem). Von den letzten Attacken hat er sich noch nicht  erholt: Als in einer Febem-Einheit wiederum Jugendliche gegen  Mißhandlungen, Überfüllung rebellierten, fuhr er sofort hin – eine  Gruppe von Febem-Angestellten schlug ihm Zähne aus, trat auf ihn ein,  zerbrach die Brille. Militärpolizisten schauten bewußt eine ganze Weile  zu, griffen erst spät ein. „Sogar  das Kreuz, das ich um den Hals trug,  ein Geschenk aus Osnabrück, wurde mir abgerissen – hier ist die  Situation eben längst außer Kontrolle.“ Lancelotti, der auch ein Heim  für Aids-infizierte Kinder führt,  erhält regelmäßig Morddrohungen &#8211;  andere Pfarrer São Paulos haben ihr Engagement für Menschenrechte  bereits mit dem Leben bezahlt – in Brasilien kommt es täglich zu  politischen Morden, Attentaten.  Theoretisch können er und seine Anwälte  sich auf das Anti-Folter-Gesetz, das Statut zum Schutze der  Heranwachsenden berufen. „In Brasilien dominiert aber leider  Straflosigkeit, Folterer bleiben gewöhnlich ungeschoren, werden nicht  einmal entlassen, sind durch die Autoritäten geschützt.“ </strong></p>
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<p><strong>„Kultur der Folter“ </strong></p>
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<p><strong>Daß die Gesetze nicht funktionieren, erklärt Lancelotti mit  für manchen Europäer sicher  überraschenden Gründen:“In diesem Land  existiert die Sklavenhalterkultur, auch eine Kultur der Folter weiter –  ein Großteil der Brasilianer befürwortet Torturen, die Todesstrafe, die  Herabsenkung des Strafmündigkeitsalters auf sechzehn, teils sogar  vierzehn Jahre.“ Im Teilstaate São Paulo, dem reichsten ganz Brasiliens,  mit weit über eintausend deutschen Unternehmen, sind in den  Febem-Anstalten derzeit mehr als viertausend Heranwachsende  konzentriert, täglich kommen etwa dreißig hinzu. Wo eigentlich gemäß den  Vorschriften nur Platz für sechzig Minderjährige ist, werden in Zellen  bis zu vierhundert zusammengepfercht, sind gewöhnlich völlig sich selbst  überlassen. „Als letztes Jahr der UNO-Sonderberichterstatter für  Folter, Nigel Rodley, hier war, erklärte man ihm allen Ernstes,  Jugendliche hätten sich Verletzungen selber beigebracht, im Streit  miteinander.“ Der Padre, die eng mit ihm kooperierende Anwältin  Francisca de Assis Soares, wissen von solchen Fällen, auch von sexueller  Gewalt unter den Jugendlichen. Doch das sind Ausnahmen. Die Struktur  dieser Anstalten ziele auf  Unterdrückung, Entwürdigung, Verrohung –  „über viele besonders sadistische Folterungen“, so Lancelotti“,  reden  wir öffentlich gar nicht mehr, weil es uns ja doch keiner glaubt.“ In  einer Febem-Anstalt hatte man allen Ernstes Skinheads angestellt,  wegen  ihrer Aggressivität von den Minderjährigen  nur „Pitbulls“ genannt. </strong></p>
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<p><strong>Sadismus der Aufseher     </strong></p>
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<p><strong> Bekommen Lancelotti und sein Team Wind von Mißhandlungen,  fahren alle sofort los, um gerichtsverwertbare Beweise zu sammeln,  Torturen zu unterbrechen. „In einer Anstalt trafen wir auf über vierzig  gefolterte Jugendliche – mit schweren Verletzungen, gebrochenen Armen  und Beinen!“ Rebellieren Insassen einer Febem-Einheit, toben sich bei  der Niederschlagung Aufseher, herbeigerufene Polizisten sadistisch  aus.“Jugendliche mußten tagelang nackt hintereinander aufgereiht und  aneinandergepreßt auf dem Boden hocken, das Geschlechtsteil am Gesäß des  Vordermanns, durften nur in Plastikflaschen urinieren, die man dann  über ihnen ausschüttete. Scharfe Hunde wurden rudelweise zwischen die  Insassen gehetzt – wer deshalb aufstand, erhielt sofort Schläge. Und  selbst das – Wärter zwingen Jugendliche, auf andere Insassen zu  urinieren. Alles Folterpraktiken, tief entwürdigend!“ </strong></p>
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<p><strong>Aber könnte die Mitte-Rechts-Regierung unter  Staatspräsident  Fernando Henrique Cardoso, Bewohner São Paulos, Ehrendoktor der Freien  Universität Berlin, diese Zustände nicht ändern? „Brasilien ist nur eine  formale Demokratie“, analysiert Lancelotti, „die Politiker in Brasilia  leben wie auf einem anderen Planeten, fern der Realität, wollen von  diesen Dingen nichts wissen – Zugang zu Präsident Cardoso haben wir  nicht.“ Bestenfalls mit Galgenhumor registriert der Padre, welches  Prestige Cardoso gerade in Europa, auch in  Deutschland genießt:“Der  Präsident führt sich wie ein Prinz auf, erhält überall Doktortitel. Aber  wenn man in europäischen Zeitungen oder in der Genfer  UN-Menschenrechtskommission über diese Zustände hier spricht – das mag  er, seine Regierung, garnicht.“ </strong></p>
<p><strong>  </strong></p>
<p><strong>Lancelotti räumt ein, daß ihn die Menschenrechtsarbeit  zugunsten der Minderjährigen Brasiliens streßt, psychisch ermüdet. „Der  Haß auf uns ist groß, wir werden verfolgt, lächerlich gemacht, sind nur  wenige – und die Folter nimmt zu!“ Mit seiner Wochenkolumne in einer  Tageszeitung São Paulos erreicht er wenigstens einen Teil der  Öffentlichkeit. Und ein bißchen Mut macht, daß ihn das  UN-Kinderhilfswerk Unicef im neuesten Jahresbericht ausdrücklich als  Anwalt der Heranwachsenden Brasiliens hervorhebt.</strong></p>
<h2>              <a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2011/12/10/brasiliens-gefangenenseelsorge-der-deutsche-pastor-wolfgang-lauer/" rel="bookmark">Brasiliens Gefangenenseelsorge &#8211; der deutsche Pastor Wolfgang Lauer.</a></h2>
<p>Samstag, 10. Dezember 2011 von Klaus Hart   <a href="http://www.hart-brasilientexte.de/wp-admin/post.php?action=edit&amp;post=11804" title="Beitrag bearbeiten">**</a></p>
<p><a href="http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/religionen/1624771/"><strong>http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/religionen/1624771/</strong></a></p>
<p><img src="http://www.hart-brasilientexte.de/wp-content/uploads/2011/10/caran6.JPG" alt="caran6.JPG" /></p>
<p><a href="http://brueckenbauer.blogspot.com/2011_05_01_archive.html"><strong>http://brueckenbauer.blogspot.com/2011_05_01_archive.html</strong></a></p>
<h2>Brasiliens ungesühntes Carandirú-Massaker an  Häftlingen in Sao Paulo: Ökumenischer Gedenkgottesdienst der  katholischen Gefangenenseelsorge. “Die Massaker und Blutbäder gehen  weiter.” Menschenrechtspriester Valdir Joao Silveira, Leiter der  nationalen Gefangenenseelsorge Brasiliens, vehementer Kritiker von  Folter und anderen gravierenden Menschenrechtsverletzungen unter  Lula-Rousseff. Ferrez &#8211; Notizen von der Stadtkriegsfront. <a href="http://www.hart-brasilientexte.de/wp-admin/post.php?action=edit&amp;post=11085" title="Beitrag bearbeiten">**</a></h2>
<p>Tags: <a href="http://www.hart-brasilientexte.de/tag/brasiliens-gefangnisse/" rel="tag">Brasiliens Gefängnisse</a>, <a href="http://www.hart-brasilientexte.de/tag/carandiru-massaker/" rel="tag">Carandiru-Massaker</a>, <a href="http://www.hart-brasilientexte.de/tag/folter/" rel="tag">Folter</a>, <a href="http://www.hart-brasilientexte.de/tag/massaker/" rel="tag">Massaker</a></p>
<p><strong>O ATO DO DIA 02 DE OUTUBRO: “CARANDIRU 20 ANOS: NUNCA MAIS?”</strong></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2009/10/02/carandiru-brasilien-erinnert-sich-an-grostes-massaker-der-weltgeschichte-an-haftlingen-ich-sah-den-holocaust-30-laut-umfragen-fur-polizeieinsatz-von-sao-paulo-80-der-getoteten-waren-nicht-v/"><strong>http://www.hart-brasilientexte.de/2009/10/02/carandiru-brasilien-erinnert-sich-an-grostes-massaker-der-weltgeschichte-an-haftlingen-ich-sah-den-holocaust-30-laut-umfragen-fur-polizeieinsatz-von-sao-paulo-80-der-getoteten-waren-nicht-v/</strong></a></p>
<p><strong> Lulas Menschenrechtsbilanz zweier Amtszeiten hat die  politische  Glaubwürdigkeit seiner Regierung in europäischen Ländern  offenbar sehr  stark erhöht.  </strong></p>
<p><strong>Leonardo Boff 2010 :“Lula machte die größte Revolution der  sozialen  Ökologie des Planeten, eine Revolution für die Bildung,  ethische  Politik.“  </strong></p>
<p><a href="http://www.bundestag.de/dasparlament/2010/12/Beilage/006.html"><strong>http://www.bundestag.de/dasparlament/2010/12/Beilage/006.html</strong></a></p>
<p><img src="http://www.hart-brasilientexte.de/wp-content/uploads/2011/10/caran1.JPG" alt="caran1.JPG" /></p>
<p><strong>Überlebender von Carandirú.</strong></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2011/09/30/brasilien-katholische-gefangenenseelsorge-und-menschenrechtsorganisationen-gedenken-des-haftlingsmassakers-von-carandiru-vor-19-jahren-totung-von-mindestens-111-gefangenen-nach-wie-vor-ungesuhnt/"><strong>http://www.hart-brasilientexte.de/2011/09/30/brasilien-katholische-gefangenenseelsorge-und-menschenrechtsorganisationen-gedenken-des-haftlingsmassakers-von-carandiru-vor-19-jahren-totung-von-mindestens-111-gefangenen-nach-wie-vor-ungesuhnt/</strong></a></p>
<p><strong>“Brasilien ist eine <a href="http://www.brasilien-info.at/wirtschaft/index.html">Industriemacht</a>, die achtgrößte Wirtschaftsnation der Welt, modern und fortschrittlich.”</strong></p>
<p><img src="http://www.hart-brasilientexte.de/wp-content/uploads/2011/10/caran2.JPG" alt="caran2.JPG" /></p>
<p><strong>Padre Valdir Joao Silveira erläutert gegenüber den nationalen  TV-Sendern die weiterhin gravierende Situation in den brasilianischen  Gefängnissen.</strong></p>
<p><strong>“O massacre não terminou e continua em nossas periferias com  chacinas de  população de rua e pessoas pobres. Com o ato de hoje,  queremos dar  início a uma grande discussão, durante todo o ano, até  completar os 20  anos do massacre, sobre a segurança que temos e a  segurança que  queremos.”</strong></p>
<h2>“Die Anti-Folter-Konvention wird nicht  eingehalten &#8211; was tut denn  die UNO, damit die Konvention in der Dritten  Welt respektiert wird?”  Gefangenenpriester Günther Zgubic aus  Österreich.</h2>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2009/12/12/folter-ohne-ende-tortura-sem-fim-brasiliens-soziologiezeitschrift-sociologia-uber-folter-unter-der-lula-regierung/"><strong>http://www.hart-brasilientexte.de/2009/12/12/folter-ohne-ende-tortura-sem-fim-brasiliens-soziologiezeitschrift-sociologia-uber-folter-unter-der-lula-regierung/</strong></a></p>
<p><img src="http://www.hart-brasilientexte.de/wp-content/uploads/2011/10/caran3.JPG" alt="caran3.JPG" /></p>
<p><strong>“Movimento Maes de Maio” &#8211; Mütter von Ermordeten erinnern an die Blutbäder des Mai 2006.</strong></p>
<p><a href="http://maesdemaio.blogspot.com/2011/10/repercussoes-do-ato-carandiru-19-anos.html"><strong>http://maesdemaio.blogspot.com/2011/10/repercussoes-do-ato-carandiru-19-anos.html</strong></a></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2009/09/19/andrea-beltrao-neuer-film-salve-geral-fur-oscar-2010-nominiert-sorgen-um-gewaltimage-brasiliens-streifen-zeigt-gewaltausbruch-von-2006-in-sao-paulo-ferrez/"><strong>http://www.hart-brasilientexte.de/2009/09/19/andrea-beltrao-neuer-film-salve-geral-fur-oscar-2010-nominiert-sorgen-um-gewaltimage-brasiliens-streifen-zeigt-gewaltausbruch-von-2006-in-sao-paulo-ferrez/</strong></a></p>
<p><strong>Trailer des Carandirú-Films nach dem Buch von Drauzio Varella &#8211; anklicken:</strong></p>
<p><a href="http://www.youtube.com/watch?v=ZlTPEmjyyvI"><strong>http://www.youtube.com/watch?v=ZlTPEmjyyvI</strong></a></p>
<p><a href="http://www.youtube.com/watch?v=ZlTPEmjyyvI"><strong>http://www.youtube.com/watch?v=ZlTPEmjyyvI</strong></a></p>
<p>(gesamter Film bei YouTube abrufbar)</p>
<p><img src="http://www.hart-brasilientexte.de/wp-content/uploads/2011/10/caran4.JPG" alt="caran4.JPG" /></p>
<p><strong>Poet über Rassismus, die Lage in den Elendsvierteln Brasiliens.</strong></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2011/10/01/parabens-dom-paulo-evaristo-arns4-engste-mitstreiter-pflanzen-fur-ihn-vor-dem-franziskanerkloster-sao-paulos-einen-baum-viva-dom-paulo/"><strong>http://www.hart-brasilientexte.de/2011/10/01/parabens-dom-paulo-evaristo-arns4-engste-mitstreiter-pflanzen-fur-ihn-vor-dem-franziskanerkloster-sao-paulos-einen-baum-viva-dom-paulo/</strong></a></p>
<p><strong><font size="3">1985 pfeifen Brasiliens rechtsgerichtete   Machteliten die Militärs nach 21 Diktaturjahren zurück in die Kasernen &#8211;   Carandiru wird zur Hölle erst in der „Demokratie”. Sao Paulos   regimekritischer Kardinal Evaristo Arns ist Augenzeuge:”Über fünfzig   Aidskranke im Endstadium liegen auf dem Boden und spucken Blut &#8211; schier   unbeschreibliche Zustände!”</font></strong></p>
<p><img src="http://www.hart-brasilientexte.de/wp-content/uploads/2011/10/caran5.JPG" alt="caran5.JPG" /></p>
<p><strong>Sprecher zahlreicher Menschenrechtsgruppen vergleichen  Diktaturgewalt mit heutigen Menschenrechtsverletzungen, darunter Folter  und Blutbädern.</strong></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2010/03/18/haftlinge-wurden-in-stucke-gehackt-anderen-wurde-das-herz-herausgerissen-zerstuckelte-gefangene-wurden-in-abfallkubeln-gefunden-padre-xavier-paolillo-leiter-der-gefangenenseelsorge-im-brasilia/"><strong>http://www.hart-brasilientexte.de/2010/03/18/haftlinge-wurden-in-stucke-gehackt-anderen-wurde-das-herz-herausgerissen-zerstuckelte-gefangene-wurden-in-abfallkubeln-gefunden-padre-xavier-paolillo-leiter-der-gefangenenseelsorge-im-brasilia/</strong></a></p>
<p><img src="http://www.hart-brasilientexte.de/wp-content/uploads/2011/10/caran6.JPG" alt="caran6.JPG" /></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2011/10/10/evangelischer-pastor-wolfgang-lauer-gefangenenseelsorger-in-brasilien-ob-die-haftlinge-lutheraner-sind-christen-oder-nicht-ist-fur-mich-total-unwichtig/"><strong>http://www.hart-brasilientexte.de/2011/10/10/evangelischer-pastor-wolfgang-lauer-gefangenenseelsorger-in-brasilien-ob-die-haftlinge-lutheraner-sind-christen-oder-nicht-ist-fur-mich-total-unwichtig/</strong></a></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2011/10/11/offizielle-deutsch-brasilianische-beziehungen-der-mutige-evangelische-gefangnispastor-wolfgang-lauer-gravierende-menschenrechtsverletzungen-in-brasilienes-sind-einfach-die-okonomischen-die-polit/"><strong>http://www.hart-brasilientexte.de/2011/10/11/offizielle-deutsch-brasilianische-beziehungen-der-mutige-evangelische-gefangnispastor-wolfgang-lauer-gravierende-menschenrechtsverletzungen-in-brasilienes-sind-einfach-die-okonomischen-die-polit/</strong></a></p>
<p><strong>Deutscher evangelischer Pastor Wolfgang Lauer, Gefangenenseelsorger in Sao Paulo. </strong></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2011/02/08/erste-gefangenenrebellion-unter-dilma-rousseff-mindestens-funf-tote-aufstand-wieder-in-maranhao-herrschaftsgebiet-des-politischen-bundnispartners-jose-sarney-schweizer-jean-ziegler-in-maranhao/"><strong>http://www.hart-brasilientexte.de/2011/02/08/erste-gefangenenrebellion-unter-dilma-rousseff-mindestens-funf-tote-aufstand-wieder-in-maranhao-herrschaftsgebiet-des-politischen-bundnispartners-jose-sarney-schweizer-jean-ziegler-in-maranhao/</strong></a></p>
<p><img src="http://www.hart-brasilientexte.de/wp-content/uploads/2011/10/caran7.JPG" alt="caran7.JPG" /></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2010/11/11/brasiliens-gefangnisse-unter-lula-in-manaus-haftanstalt-schauplatz-des-jungsten-aufstands-achtmal-mehr-gefangene-eingepfercht-als-erlaubt-betonen-landesmedien/"><strong>http://www.hart-brasilientexte.de/2010/11/11/brasiliens-gefangnisse-unter-lula-in-manaus-haftanstalt-schauplatz-des-jungsten-aufstands-achtmal-mehr-gefangene-eingepfercht-als-erlaubt-betonen-landesmedien/</strong></a></p>
<p><img src="http://www.hart-brasilientexte.de/wp-content/uploads/2011/10/caran8.JPG" alt="caran8.JPG" /></p>
<p><strong><font size="3">Aus gebrochenen, undichten Rohren fließen   Abwässer, Scheiße und Urin über den Zellenboden, bei Sommerhitze bis   über fünfzig Grad werden Gefangene von dem Gestank ohnmächtig, oder   schier verrückt, rebellieren, attackieren die eigenen Zellennachbarn.   „Für mich sind solche Knäste Konzentrationslager”, sagte der in Sao  Paulo  lebende Menschenrechtsaktivist und Gefangenenseelsorger Günther  Zgubic  aus Österreich &#8211; er schreibt UNO-Dossiers, kaum einer kennt  Carandiru  besser. (Hintergrundtext)</font></strong></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2010/11/12/die-folter-in-polizeiwachen-hat-in-ganz-brasilien-stark-zugenommen-gefangenenpriester-valdir-joao-silveira-die-anti-folter-konvention-wird-nicht-eingehalten-was-tut-denn-die-uno-damit-die-k/"><strong>http://www.hart-brasilientexte.de/2010/11/12/die-folter-in-polizeiwachen-hat-in-ganz-brasilien-stark-zugenommen-gefangenenpriester-valdir-joao-silveira-die-anti-folter-konvention-wird-nicht-eingehalten-was-tut-denn-die-uno-damit-die-k/</strong></a></p>
<p><img src="http://www.hart-brasilientexte.de/wp-content/uploads/2011/10/caran10.JPG" alt="caran10.JPG" /></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2009/12/14/nach-wie-vor-hemmungslose-aktionen-der-todesschwadronen-institutionalisierte-barbarei-lulas-menschenrechtsminister-paulo-vannuchi-raumt-gegen-ende-der-zweiten-amtszeit-erneut-fortbestehen-der-b/"><strong>http://www.hart-brasilientexte.de/2009/12/14/nach-wie-vor-hemmungslose-aktionen-der-todesschwadronen-institutionalisierte-barbarei-lulas-menschenrechtsminister-paulo-vannuchi-raumt-gegen-ende-der-zweiten-amtszeit-erneut-fortbestehen-der-b/</strong></a></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2011/09/21/brasiliens-menschenrechtspriester-julio-lancelotti-prasentiert-projekt-das-mutmaslich-straffalligen-jugendlichen-der-unterschicht-die-notige-juristische-verteidigung-garantieren-soll-um-willkurfalle/"><strong>http://www.hart-brasilientexte.de/2011/09/21/brasiliens-menschenrechtspriester-julio-lancelotti-prasentiert-projekt-das-mutmaslich-straffalligen-jugendlichen-der-unterschicht-die-notige-juristische-verteidigung-garantieren-soll-um-willkurfalle/</strong></a></p>
<p><img src="http://www.hart-brasilientexte.de/wp-content/uploads/2011/10/caran9.JPG" alt="caran9.JPG" /></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2010/03/17/in-den-brasilianischen-gefangnissen-sind-die-opfer-des-politisch-wirtschaftlichen-systems-eingekerkert-anwalt-bruno-alves-de-souza-29-prasident-des-menschenrechtsrates-im-teilstaat-espirito-san/"><strong>http://www.hart-brasilientexte.de/2010/03/17/in-den-brasilianischen-gefangnissen-sind-die-opfer-des-politisch-wirtschaftlichen-systems-eingekerkert-anwalt-bruno-alves-de-souza-29-prasident-des-menschenrechtsrates-im-teilstaat-espirito-san/</strong></a></p>
<p><img src="http://www.hart-brasilientexte.de/wp-content/uploads/2011/10/caran11.JPG" alt="caran11.JPG" /></p>
<p><strong>Hintergrund &#8211; Ferrez &#8211; Notizen von der Stadtkriegsfront:</strong></p>
<p><strong>2007 Gast des Berliner Literaturfestivals</strong><br />
<strong>Der Irak und der Libanon sind täglich wegen der vielen  unschuldigen  Gewaltopfer in den Schlagzeilen &#8211; Brasilien nicht. Obwohl  gemäß  brasilianischen Erhebungen in dem Tropenland jährlich weit mehr  Menschen  umkommen als im Irakkrieg und die Folter alltäglich ist.</strong></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2008/10/10/taglich-ausergerichtliche-exekutionen-in-brasilien-menschenrechts-minister-paulo-vannuchi/"><strong>http://www.hart-brasilientexte.de/2008/10/10/taglich-ausergerichtliche-exekutionen-in-brasilien-menschenrechts-minister-paulo-vannuchi/</strong></a></p>
<p><strong>Ferrez,  mit bürgerlichem Namen Reginaldo Ferreira da Silva,  wurde unfreiwillig  zum Frontberichterstatter im brasilianischen  Stadtkrieg, weil er als  einziger Romanautor an der von extremer Gewalt  geprägten Slumperipherie  der Megacity Sao Paulo lebt. Ferrez, dessen  Bücher bei einem angesehenen  brasilianischen Verlag erscheinen, bereits  ins Französische, Spanische  und Italienische übersetzt wurden, erhält  wegen seines literarischen und  politischen Engagements  Morddrohungen,  ist in Lebensgefahr.In den  Slums ist Bücherlesen Luxus, die meisten  Bewohner sind zudem  funktionelle Analphabeten. FerrÃ¨z wurde deshalb  auch zum Rapper, ist in  den Ghettos dadurch bekannter als durch seine  Bücher.<br />
Vom Goetheinstitut Sao Paulos bis zum Slumviertel Capao Redondo sind es   mit den entsetzlich lauten, überfüllten Vorstadtbussen etwa drei   Stunden. Aber wer in Brasilien nicht Bus fährt, sagt ein bekannter   Schriftsteller, weiß nichts vom wirklichen Leben. In Capao Redondo   hausen eine Million Menschen, darunter FerrÃ¨z.Â 2006 führt das größte   brasilianische Verbrechersyndikat PCC, Erstes Kommando der Hauptstadt,   eine nicht endende Serie von Terroranschlägen gegen den Staat, erschießt   an der Peripherie täglich Polizisten, Gefängniswärter und deren   Angehörige &#8211; FerrÃ¨z liefert als einziger fundierte Berichte von der   Front: In seinen Büchern, seiner Zeitschrift, seinem Blog analysiert er   Gewalt und Gegengewalt, die Rachefeldzüge der Polizei. Weit über   sechshundert Tote werden gezählt, die meisten in Capao Redondo.<br />
–”Krieg in den Slums, Panik in den Nobelvierteln”<br />
Wir reden am Kaffeestand, im Krach einer vollen Bäckerei miteinander,   hier fühlt sich FerrÃ¨z sicher. ”Für mich ist das hier schon immer wie   im Krieg. Doch die Eliten haben es erst jetzt, in diesen Tagen, wegen   der Attentatswelle gespürt. Da haben sie in ihren Nobelvierteln die   Panik gekriegt, sich verbarrikadiert und versteckt. Nur &#8211;  so leben wir   doch schon jahrelang. Durch Morde habe ich über zwanzig meiner Freunde   verloren, das ist normal hier. Man tötet wahllos, wegen Banalitäten.  Als  ich mal in Spanien war, redeten die Leute, die Medien drei Wochen  von  einer ertrunkenen Frau. Ich dachte anfangs, ertrinkt hier jeden Tag   eine? Bis ich mitbekam, es ist immer die selbe. Dort schockt die Leute   noch der Tod. Hier redet man nicht mal mehr von den Toten, weil es zu   viele sind. Wenn ich auf der Straße gehe, den Falschen treffe, killt  der  mich. Und wenn ich mal mit einem Verkäufer diskutieren würde, wäre   möglich, daß der den Revolver zieht und mich erschießt, obwohl du neben   mir stehst. Kürzlich rede ich mit vier Bekannten auf der Straße. Als  ich  gerade weg bin, kommt ein Killerkommando, erschießt die vier. Wäre  ich  noch da gewesen, hätten sie mich mit erschossen. Dazu kann man doch   nicht schweigen. Capao Redondo &#8211;  das ist wie ein Extra-Land, es ist   dieses Brasilien, das in Deutschland und anderswo gewöhnlich nicht   wahrgenommen wird. Dort denkt man bei Brasilien meist nur an Exotismus,   Mulattinnen, Tropenwälder. Das hier ist völlig anders.” FerrÃ¨z erwähnt   in seinen Büchern die in Brasilien übliche Lynchjustiz, die nur zu oft   Unschuldige trifft. Und auch die in den Favelas übliche Abtreibung   mittels Medikamenten. Frauen legen die toten Föten nicht selten gleich   auf der Straße, auf dem Fußweg ab.<br />
Als FerrÃ¨z mit seinen Blog-Frontberichten beginnt, stellen Brasiliens   Medien die Sache noch so dar, als ob die Polizei lediglich auf die   PCC-Attacken reagiert, die gefährlichsten Verbrecher bekämpft. Doch   FerrÃ¨z beobachtet, daß es meistens Unschuldige trifft, damit Haß und   Gewalt in der Gesellschaft weiter geschürt werden. ”Ich mache den   Versuch, der herrschenden Elitemeinung etwas entgegenzustellen. Denn die   Eliten stimulieren ja das Morden, die Vorurteile gegen Slumbewohner.   Vierzig Prozent der Getöteten hier waren junge Pizza-Austräger, die   nachts mit ihren Motorrädern zu den Kunden fahren. Die Polizei feuerte   einfach auf Leute, die gerade auf der Straße waren. Niemand prangerte   das an, niemand sprach darüber, das hat mich beeindruckt. Und ich sagte   mir, dann muß ich es eben tun. Also habe ich den Mund aufgemacht, und   das hatte Wirkung. Die Polizei wurde angewiesen, vorsichtiger, weniger   brutal vorzugehen. Man sagte den Beamten, Vorsicht, da gibt es jetzt   welche, die darüber berichten. Doch mich bedrohen sie mit Mord.”<br />
Ferrez, der früher Besenverkäufer und Bauhilfsarbeiter war, hat sich   deshalb eine Weile versteckt, geht jetzt nachts nicht mehr aus dem Haus.   Er wirkt fatalistisch, ohne Angst vor dem Tod. ”Ich lebe mit Mord und   Tod seit meiner Kindheit. Als ich acht war, sagte mein Vater, vor  unserm  Haus liegt ein Erschossener. Da bin ich hin und habe mir den  genau  angesehen. Unglücklicherweise haben wir uns hier an die Gewalt  gewöhnt.  Klar, ich hoffe, daß mir nichts passiert, aber ich mache mir  um den Tod  auch keine Sorgen. Denn ehrlich gesagt, ich habe doch alles  erreicht,  was ich wollte. Ich habe ein Buch geschrieben, das sich  verkauft, ich  habe meiner Mutter, meiner Frau ein besseres Leben  schaffen können.  Jetzt habe ich keine Träume mehr, ich bin  hoffnungslos, weil sich diese  Realität hier nicht bessert, nur alles  schlechter wird im Viertel. Ich  sehe keine Ehrlichkeit, keinen guten  Willen bei den brasilianischen  Politikern, den Eliten, nicht mal in  unserm Volk. Schau den Leuten ins  Gesicht, da siehst du Traurigkeit.  Sie engagieren sich nicht, ergeben  sich dem Zuckerrohrschnaps, sind  mutlos. Hier laufen nur Körper rum,  haufenweise, ohne Richtung,  Orientierung. Da ist es schwierig, etwas zu  erreichen. Gut,  andererseits kämpfe ich ja jeden Tag. Tagsüber würde mir  die Polizei  nichts tun, da gäbe es zu viele Zeugen. Außerdem gibt es  Polizisten,  die sehen die Lage wie ich. Aber nachts gehe ich nicht raus,  oder  übernachte dort, wo ich grade bin.”<br />
–Lula und die Slums”<br />
In Deutschland denken viele, Staatschef Lula macht progressive Politik,   auch für einen wie dich, für die Leute im Slum. Lula spricht doch jeden   Tag von Riesenerfolgen?<br />
„Die Lula-Regierung ist weniger schlecht als die vorangegangene, ist das   kleinere Übel. Aber was hat sich denn seit Lulas Amtsantritt getan? Es   gibt nicht mehr Arbeit. Daß sich für die Slumperipherie was  verbesserte,  ist einfach nicht wahr. Für die Unternehmer sieht die  Sache natürlich  ganz anders aus.”<br />
Drei Viertel der 185 Millionen Brasilianer, so sagen neue Studien, sind   nicht in der Lage, einen einfachen Zeitungs-oder Buchtext zu lesen und   zu verstehen. Das vereinfacht die Manipulierung der Pflichtwähler   kolossal, dient Neopopulisten wie dem Staatschef ungemein. (Wer nicht   wählt, kriegt auch unter Lula keine Arbeit im öffentlichen Dienst,   keinen Reisepaß etc.- wie wäre das in Deutschland?)<br />
Aber wer sind dann die Leser von FerrÃ¨z? Sein Buch „Capao Pecado”   produzierte er selber, zog fünfzig Kopien, verteilte es unter Freunden   und Bekannten des Viertels. Manche von denen arbeiten für die Mittel-und   Oberschicht als Hausdiener, Wächter, zeigten es den Arbeitgebern.   Manche bestellten „Capao Pecado” daraufhin bei FerrÃ¨z, der die Bücher   persönlich zu deren Villen brachte, sie dort den bewaffneten Wächtern   übergab, die Besteller nicht zu Gesicht bekam.<br />
”Ja, so lief es &#8211;  die Peripherie hat das Buch den Betuchten gezeigt,   jetzt ist es bei einem Verlag in der fünften Auflage. Das System hatte   für mich nichts vorgesehen, also habe ich mich auf meine Weise   organisiert, mache meine Literatur. Als ich in einer Bäckerei arbeitete,   habe ich nebenher was auf Zettel gekritzelt, daraus dann zuhause eine   Geschichte montiert. Das lesen jetzt sogar Leute aus der Upperclass.   Manche von denen sagen mir, Puta, du hast Recht, die Oberschicht ist   idiotisch, die will sich nicht ändern. Dreihundert Familien besitzen   achtzig Prozent allen Einkommens, allen Geldes “ wir kriegen nur den   allerletzten Rest. Ja, unsere Eliten handeln selbstmörderisch, suchen   sich in ihren Privilegiertenghettos abzuschotten, langfristig planen die   ihren eigenen Tod. Das kann hier alles mal explodieren. Den Aufstand   dieses Verbrechersyndikats, das sich immer besser in den Slums   organisiert, konnten sie nicht verhindern “ auf einen Schlag hundert   tote Polizisten, brennende Banken und Staatsgebäude. Morgen könnten sich   viele das als Beispiel nehmen, es intelligenter anstellen, eine   revolutionäre Organisation schaffen. Und wenn es dann losbricht, kann es   keiner aufhalten. Dann werden die Eliten wieder mit Gewalt antworten.   Die jungen Menschen hier haben doch keinerlei Perspektiven. Frag hier   mal ein Kind, was willst du denn werden? Da lacht es dich aus, sagt, ich   will nichts werden, wie sollte ich denn? Mein Bruder ist 18, kann  nicht  mal richtig lesen “ die öffentlichen Schulen formen doch nur   funktionelle Analphabeten.”<br />
–Rap, Chico Cesar, Arnaldo Antunes, Paulo Lins”<br />
Daher ist Rap an der Peripherie wichtiger als das Buch, um die Bewohner   zu erreichen. In Capao Redondo kennt man FerrÃ¨z daher mehr wegen  seiner  Rap-Konzerte, der Rap-CD „Determinaçao”, auf der er mit Chico  Cesar und  Arnaldo Antunes zu hören ist . Beide suchten Kontakt zu  FerrÃ¨z,  wollten von ihm Texte, wollten mit ihm auftreten.<br />
FerrÃ¨z ist inzwischen mit dem Schwarzen Paulo Lins aus Rio de Janeiro   befreundet. Lins schrieb den Slum-Roman „Cidade de Deus”, Gottesstadt.   Der wurde verfilmt “ war auch in Deutschland als „City of God” ein   Erfolg, zeigte das andere Brasilien “ und auch die Lächerlichkeit so   vieler Brasilienklischees von Traumstränden, Karneval und Lebenslust.   Die Produzenten von „City of God” werden jetzt das neue Buch von FerrÃ¨z   verfilmen “ „Manual pratico do Odio”, praktische Anleitung zum Haß.   „Das Leben ist hart an der Peripherie. Die Leute lieben und hassen in   gleichem Maß.”</strong><br />
<img src="http://www.hart-brasilientexte.de/wp-content/uploads/2008/02/ferrezextra.jpg" alt="ferrezextra.jpg" /></p>
<p><strong>2009 wird eine abschließende Universitätsstudie  über die   PCC-Rebellion vom Mai 2006 veröffentlicht: Danach wurden zwischen dem   12. und 21. Mai 2006 im Teilstaat Sao Paulo 564 Menschen erschossen &#8211; 59   waren öffentliche Bedienstete, meist Polizisten, die restlichen 505   Zivilisten. 118 davon wurden bei Zusammenstößen mit der Polizei getötet,   die weiteren bei summarischen Exekutionen, teils von Kapuzen-Männern   verübt.</strong></p>
<p>2 de outubro de 1992: uma pequena desavença entre presidiários do  pavilhão 9 da Casa de Detenção do Carandiru se transforma em uma  rebelião desprovida de viés reivindicativo ou de fuga. Apesar disso, o  Governo estadual da época determinou a invasão da Casa de Detenção por  centenas de policiais militares que exterminaram a sangue frio 111  pessoas desarmadas e desesperadas. Foi a maior chacina da história do  sistema penitenciário brasileiro.</p>
<p>Passadas quase duas décadas dessa “página infeliz de nossa história”,  os tijolos da Casa de Detenção foram deitados ao chão e, no seu lugar,  foi erigido o sugestivo Parque da Juventude. Todavia, a construção de um  parque para a juventude no lugar de uma unidade de aprisionamento da  juventude não significou, infelizmente, qualquer mudança na política  criminal do Estado: após todos esses anos, ninguém foi responsabilizado  pelos 111 assassinatos!</p>
<p>Pior: ainda hoje, divisamos jovens, em regra pobres e negros, sendo  perseguidos pelo aparato repressor estatal.      Quando conseguem  driblar a morte, caem na vala imunda e cada vez mais superlotada do  sistema carcerário (de 1992 para cá, a população prisional cresceu mais  de 400% contra pouco mais de 27% de crescimento da população  brasileira).</p>
<p>Diante desse quadro desafiador, movimentos e entidades da sociedade  civil organizada e alguns órgãos públicos planejam uma grande  articulação em torno do vintenário do massacre do Carandiru, com a  pretensão de pautar diversas ações para promover a responsabilização do  Poder Público e também para trazer ao debate público o tema da segurança  pública e da cidadania.</p>
<p>Como pontapé inicial dessa articulação, promoveremos um ato em  memória aos 19 anos do massacre. Será nesse domingo, dia 02.10.2011, A  PARTIR DAS 15HS, NO PARQUE DA JUVENTUDE.</p>
<p>Assinam:</p>
<p>ACAT-BRASIL, AMPARAR, ASSOCIAÇÃO JUÍZES PARA A DEMOCRACIA (AJD),  ASSOCIAÇÃO NACIONAL DE DEFENSORES PÚBLICOS FEDERAIS (ANADEF), ASSOCIAÇÃO  PAULISTA DE DEFENSORES PÚBLICOS (APADEP), CENTRO ACADÊMICO XI DE  AGOSTO, CENTRO PELA JUSTIÇA E DIREITO INTERNACIONAL (CEJIL), CÍRCULO  PALMARINO, COLETIVO 2 DE OUTUBRO, COLETIVO CINE BIJOU – CINEMA E  MEMÓRIA, COLETIVO PERIATIVIDADE, COLETIVO VÍDEO POPULAR, COMISSÃO DE  JUSTIÇA E PAZ, COMISSÃO TEOTÔNIO VILELA, CONSELHO ESTADUAL DE DEFESA DOS  DIREITOS DA PESSOA HUMANA (CONDEPE), COOPERIFA, DEFENSORIA PÚBLICA DA  UNIÃO EM  SÃO PAULO, ESPÍRITO DE ZUMBI, ESTUDO, COMIDA E CIDADANIA  (ECC), FÓRUM DE HIP-HOP, GELEDÉS, GEPEX &#8211; SEGURANÇA PÚBLICA, JUSTIÇA  CRIMINAL E DIREITOS HUMANOS DA UNIFESP/BS, GRUPO CULTURAL MARACATU  BOIGY, GRUPO TORTURA NUNCA MAIS – SP, IDENTIDADE &#8211; GRUPO DE LUTA PELA  DIVERSIDADE SEXUAL, INSTITUTO PRÁXIS DE DIREITOS HUMANOS (IPDH),  INSTITUTO TERRA, TRABALHO E CIDADANIA (ITTC), INSTITUTO UMOJÁ, JUSTIÇA   GLOBAL, LUTA POPULAR, MÃES DE MAIO, MARGINALIARIA, MOVIMENTO NACIONAL DA  POPULAÇÃO DE RUA, MOVIMENTO NACIONAL DOS DIREITOS HUMANOS, MOVIMENTO  NEGRO UNIFICADO, NSN, NÚCLEO DA SITUAÇÃO CARCERÁRIA DA DEFENSORIA  PÚBLICA DO ESTADO DE SÃO PAULO, NÚCLEO DE PRESERVAÇÃO DA MEMÓRIA  POLÍTICA, NÚCLEO ESPECIALIZADO DE CIDADANIA E DIREITOS HUMANOS DA  DEFENSORIA PÚBLICA DO ESTADO DE SÃO PAULO, OS CRESPOS, PÂNICO BRUTAL,  PASTORAL CARCERÁRIA, PASTORAL DA JUVENTUDE, QI ALFORRIA, QUILOMBAQUE  PERUS, REDE EXTREMO SUL, SARAU DA ADEMAR, SARAU DA BRASA, SARAU ELO DA  CORRENTE, SARAU DOS MESQUITEIROS, SARAU VILA FUNDÃO, SINDICATO DOS  ADVOGADOS DO ESTADO DE SÃO PAULO, TRIBUNAL POPULAR, UNEAFRO-BRASIL,  VERSÃO POPULAR</p>
<p><img src="http://www.hart-brasilientexte.de/wp-content/uploads/2011/10/caran12.JPG" alt="caran12.JPG" /></p>
<p><a href="http://www.pucsp.br/fecultura/textos/pessoa_sociedade/12_dentro_terror.html"><strong>http://www.pucsp.br/fecultura/textos/pessoa_sociedade/12_dentro_terror.html</strong></a></p>
<p><a href="http://www.controversia.com.br/index.php?act=textos&amp;id=10034"><strong>http://www.controversia.com.br/index.php?act=textos&amp;id=10034</strong></a></p>
<p><strong>Viel Lob in Europa für Lulas Politik:</strong></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2011/09/27/lula-erhalt-ehrendoktor-in-paris-als-erste-personlichkeit-lateinamerikas-lulas-siebter-ehrendoktorhut/"><strong>http://www.hart-brasilientexte.de/2011/09/27/lula-erhalt-ehrendoktor-in-paris-als-erste-personlichkeit-lateinamerikas-lulas-siebter-ehrendoktorhut/</strong></a></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2009/08/23/unesco-zeichnet-lula-in-paris-wegen-forderung-des-friedens-und-der-rechtsgleichheit-aus-preis-mit-150000-dollar-dotiert-jury-von-henry-kissinger-gefuhrt/"><strong>http://www.hart-brasilientexte.de/2009/08/23/unesco-zeichnet-lula-in-paris-wegen-forderung-des-friedens-und-der-rechtsgleichheit-aus-preis-mit-150000-dollar-dotiert-jury-von-henry-kissinger-gefuhrt/</strong></a></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2010/12/01/rio-de-janeiro-richtervereinigung-fur-demokratieajd-verurteilt-militar-und-polizeieinsatz-in-slums-staat-verletzt-verfassung-summarische-exekutionen-ausrottung-unerwunschter-bevolkerung/"><strong>http://www.hart-brasilientexte.de/2010/12/01/rio-de-janeiro-richtervereinigung-fur-demokratieajd-verurteilt-militar-und-polizeieinsatz-in-slums-staat-verletzt-verfassung-summarische-exekutionen-ausrottung-unerwunschter-bevolkerung/</strong></a></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2009/10/07/rogerio-reis-microwaves-microondas-fotoinstallation-uber-scheiterhaufen-brasiliens-vom-maison-de-la-europeenne-de-la-photographie-in-paris-angekauft/"><strong>http://www.hart-brasilientexte.de/2009/10/07/rogerio-reis-microwaves-microondas-fotoinstallation-uber-scheiterhaufen-brasiliens-vom-maison-de-la-europeenne-de-la-photographie-in-paris-angekauft/</strong></a></p>
<p><strong>Rainer Stadler, NZZ:</strong></p>
<p><strong>“Die Stresssymptome sind bereits jetzt unübersehbar. Was man   aus  ökonomischer Sicht gelassen als Verdrängungswettbewerb bezeichnen   kann,  bedeutet in publizistischer Hinsicht: schmalbrüstige  Redaktionen,   schrumpfende Kompetenz bei der journalistischen  Bewältigung der nahen   und fernen Ereignisse, aggressivere Schlagzeilen  als Folge wachsender   Ahnungslosigkeit, Hysterien, Missachtungen der  Unschuldsvermutung und   mehr Übergriffe in die Privatsphäre, weil  gerade dort attraktive   Unterhaltungsstoffe zu holen sind.</strong></p>
<p><strong> </strong><strong>Was sonst Wirtschaftsmanagern vorgeworfen   wird – der bloss  kurzfristige Blick auf die Quartalszahlen –, ist im   Journalismus  weiterhin das dominierende Richtmass: die Deadline, der    Redaktionsschluss. Er gewährt in der Internet-Ära kaum noch    Besinnungszeit. Das ist umso verheerender, wenn es an Ressourcen    mangelt. Die Gefahr schrumpfender publizistischer Kompetenzen    kontrastiert scharf mit den wachsenden Ansprüchen einer Gesellschaft,    die auf die Vermittlung von komplexem Wissen angewiesen wäre. Sie begibt    sich im «Easy-News-Jet» auf einen gefährlichen Blindflug.</strong></p>
<p><strong> </strong><strong>Der Ausleseprozess wird schon bald den   Blätterwald drastisch  auslichten. Es entsteht eine andere   (Medien-)Schweiz. Die Annahme, dass  künftig gerade noch zwei bis drei   Medienunternehmen den hiesigen Markt  prägen werden, scheint nicht mehr   abwegig. Die Spannung zwischen dem von  Zürich aus gesteuerten   Kommunikationsmarkt und der föderalistisch  geprägten politischen   Schweiz wird wachsen, die gesellschaftliche  Verständigung wird   unübersichtlicher und instabiler.”</strong></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2009/10/22/luis-antonio-pereira-silva-leiter-der-slum-pastoral-in-der-erzdiozese-rio-de-janeiro-gesichter-brasiliens/"><strong>http://www.hart-brasilientexte.de/2009/10/22/luis-antonio-pereira-silva-leiter-der-slum-pastoral-in-der-erzdiozese-rio-de-janeiro-gesichter-brasiliens/</strong></a></p>
<h3>ai-Journal Dezember 1996</h3>
<h2>Die “Hölle auf Erden”</h2>
<p><strong>BRASILIEN</strong></p>
<p><strong>Die “Hölle auf Erden”</strong></p>
<p><strong>Revolten, Hungerstreiks und Aids bestimmen den Alltag in den  völlig  überfüllten brasilianischen Gefängnissen. Brasilien gilt zwar  als die  zehntgrößte Wirtschaftsnation, leistet sich aber Haftanstalten,  die man  eher in Ruanda oder Burundi vermuten würde. Eine im April  verkündete  Amnestie entspannte die Situation nicht.</strong></p>
<p><strong>Eine mittelalterlich anmutende Gefangenenzelle in Rios  Stadtteil  Realengo: Jeder der mehreren Dutzend Insassen hat laut Gesetz  Anspruch  auf mindestens acht Quadratmeter &#8211; hier ist es nicht mal ein  einziger.  Geschlafen wird deshalb in Schichten. Während ein Teil der  Gefangenen  auf feuchtem Boden liegt, schlafen die anderen in  Hängematten, die an  den Gitterstäben befestigt sind. In einer Zelle im  Stadtteil Bangu ein  ähnliches Bild: 35 fast nackte, schwitzende Männer  auf nur sechzehn  Quadratmetern bei beißendem Fäkaliengeruch und  nächtlichem Besuch von  Ratten. Die psychische Spannung ist fast mit  Händen greifbar. Neun von  zehn Gefangenen haben Furunkel, in der  heißesten Jahreszeit herrschen  bis zu 60 Grad. Dann fallen täglich etwa  20 Insassen ohnmächtig um,  werden von den Wärtern herausgezerrt und  durch andere ersetzt.</strong></p>
<p><strong>Um aus dieser Hölle herauszukommen und in eine weniger überfüllte  Zelle  verlegt zu werden, bestechen Häftlinge ihre Aufseher mit bis zu   umgerechnet 5.000 Mark. Es gibt brasilianische Gefängnisse, in denen die   Insassen das nötige Geld sammeln, um dann die Begünstigten auszulosen.   In Bangu kommen die notwendigen “Real” von der Familie oder   Verbrechersyndikaten &#8211; je unerträglicher die Hitze, desto höher die   Preise auf diesem Schwarzmarkt. Einmal am Tag gibt es schlechtes Essen;   die Lebensmittelpakete der Angehörigen werden gewöhnlich nicht   ausgehändigt.</strong></p>
<p><strong> </strong><strong>Folter ist üblich. Ein Anwalt  beschreibt einen Fall von 1996:  “Polizisten mit Kapuzen mißhandelten  116 Gefangene, unter anderem mit  Elektroschocks. Alle wiesen  Blutergüsse auf, wurden zudem zu sexuellen  Handlungen gezwungen.” Fast  täglich werden Fälle zu Tode gefolterter,  erschlagener Häftlinge  bekannt &#8211; die politisch Verantwortlichen bleiben  meist passiv. Nur  wenige Intellektuelle protestieren, die Gesellschaft  scheint sich an  die grauenvollen Zustände gewöhnt zu haben.</strong></p>
<p><strong> </strong><strong>Pervertieren statt resozialisieren</strong></p>
<p><strong> </strong><strong>Menschenrechtsorganisationen wie amnesty  international oder “Human  Rights Watch” prangern die Zustände in den  brasilianischen Haftanstalten  an &#8211; und auch die Gefangenenseelsorge der  Katholischen Kirche läßt  nicht locker. Padre Geraldo Mauzeroll von der  “Pastoral Carceraria” im  Teilstaat Sao Paulo gegenüber dem ai-Journal:  “Wer ins Gefängnis kommt,  wird pervertiert, wird angesehen und  behandelt wie ein Tier &#8211; niemand  ist an einer Besserung oder  Resozialisierung interessiert. Die  Gesellschaft rächt sich an ihnen,  läßt sie intellektuell, spirituell,  moralisch und kulturell und nicht  selten sogar physisch sterben.”  Mauzeroll hört in Polizeiwachen und  Gefängnissen sehr häufig den  Ausspruch: “Nur ein toter Häftling ist ein  guter Häftling!” Der Padre  geht seit 1973 in die “Presidios” &#8211; was er  täglich sieht, sind Bilder  wie aus Horrorfilmen: Tuberkulose grassiert,  über die Gesichter  Todkranker laufen Ameisen. Häftlinge verfaulen  buchstäblich in Zellen.  Die Gefängnisärzte sind selbst kriminell, weil  sie Kranke bewußt </strong></p>
<p><strong>nicht behandeln, sondern sterben lassen. Sie werden aber nie  zur  Rechenschaft gezogen. Kriminell handeln auch Richter und  Staatsanwälte,  die über Folter und alle anderen  Menschenrechtsverletzungen detailliert  informiert sind, jedoch nicht  eingreifen.</strong></p>
<p><strong> </strong><strong>Das Gefängnispersonal verkauft  Lebensmittel, die für Häftlinge bestimmt  sind und ermöglicht  Rauschgifthandel und -konsum hinter Gitterstäben.  Ein  Gefängnisdirektor: “Drogen müssen dort drin sein, damit die  Gefangenen  ruhig bleiben.”</strong></p>
<p><strong> </strong><strong>Erzwungenes Schweigen, Morddrohungen</strong></p>
<p><strong> </strong><strong>Ein dunkles Kapitel ist auch die sexuelle  Gewalt, von Aufsehern sogar  gefördert. Mauzeroll zum ai-Journal: “Wird  ein wegen Vergewaltigung  Verurteilter eingeliefert, stecken die Wärter  ihn in bestimmte  Massenzellen, damit er dort von 15 oder 20 Häftlingen  vergewaltigt wird.  Dies ist Gesetz in den Kerkern, und so verbreitet  sich Aids sehr  schnell.” Nach amtlichen Angaben infizierten sich  bereits mehr als 20  Prozent aller Inhaftierten mit dem HIV-Virus &#8211; ein  Großteil der rund  150.000 brasilianischen Gefangenen hat homosexuellen  Verkehr, gewöhnlich  ungeschützt. </strong></p>
<p><strong> </strong><strong>Vitor Carreiro teilte in Rio de Janeiro  jahrelang eine Zelle mit 47  Gefangenen. Er ist von Aids gezeichnet und  sagt: “Alle Welt weiß, daß  die Frau des Gefangenen der andere Gefangene  ist.” Promiskuität ist der  Alltag: José Ferreira da Silva,  HIV-positiv, berichtet von vier festen  und acht gelegentlichen Partnern  &#8211; keiner benutzt Präservative. </strong></p>
<p><strong> </strong><strong>Padre Mauzeroll drückt sich im Gegensatz zu  vielen “politisch korrekten”  Landsleuten nicht um unbequeme und  unangenehme Wahrheiten. Er hat keine  Probleme, die von den Autoritäten  gerne versteckten und verdrängten  Probleme offen anzusprechen. “Wer  über die Zustände redet und  informiert, stirbt”, lautet eine andere  Regel. Berufskiller erledigen  das &#8211; Mauzeroll weiß, daß auch sein Leben  in Gefahr ist. Dennoch klagt  er offen die soziale Ordnung Brasiliens  an: “Diese ist schuld an der  Situation.” </strong></p>
<p><strong> </strong><strong>Gemäß einer neuen Studie der Vereinten  Nationen lebt heute fast die  Hälfte der 150 Millionen Brasilianer in  verhältnismäßig entwickelten  Gebieten. “Wenn in Sao Paulo und Rio de  Janeiro die Lage in den  Gefängnissen bereits so schlimm ist”, gibt  Padre Mauzeroll zu bedenken,  “wie muß sie dann erst in den stark  unterentwickelten Regionen des  Nordens und Nordostens sein?”</strong></p>
<p><strong> Amnestie nur Kosmetik</strong></p>
<p><strong>Die Rechtsanwältin Zoraide Fernandez weist darauf hin, daß  Häftlinge  nach verbüßter Strafe oft noch jahrelang gefangengehalten  werden. 1995  waren es allein in Rio mindestens 560.</strong></p>
<p><strong>Brasiliens Staatschef Fernando Henrique Cardoso verkündete im  April die,  wie es offiziell hieß, größte Amnestie in der Geschichte  des Landes:  Etwa zehn Prozent der Gefangenen sollten freikommen. Wie  die  Gefängnisbehörden inzwischen einräumten, werden beispielsweise im   Teilstaat Rio de Janeiro nur wenig mehr als ein Prozent amnestiert. Die   511 Gefängnisse bieten Platz für höchstens 60.000 Personen, sind aber   nach jüngsten offiziellen Angaben mit 148.760 Häftlingen belegt &#8211; das   sind 15 Prozent mehr als 1994. Notwendig, so hieß es, sei der Bau von   145 zusätzlichen Haftanstalten. Die Lage in der Metropole Sao Paulo ist   den Angaben zufolge am dramatischsten. Eine Besserung ist nicht in   Sicht: Per Haftbefehl suchte man allein 1996 rund 275.000 Straftäter.</strong></p>
<p><strong>Rund 95 Prozent der Häftlinge sind Arme, 96 Prozent sind  männlich und  etwa drei Viertel Voll- und Halbanalphabeten. Der typische  Gefangene, so  eine Studie, ist dunkelhäutig und jünger als 25 Jahre.  Jeden Monat  kommt es laut Statistik zu mindestens drei großen  Häftlingsrevolten, die  meisten werden allerdings der Öffentlichkeit  verschwiegen. Eine  Ausnahme bildet lediglich der südliche, relativ  hochentwickelte  Teilstaat Rio Grande do Sul &#8211; nur dort soll es auch  keine irregulär  festgehaltenen Häftlinge geben.</strong></p>
<p><strong> </strong><strong>Wärter und Spezialeinheiten gehen  gewöhnlich äußerst brutal gegen  meuternde Häftlinge vor: 1992 wurden im  berüchtigten Gefängnis  “Carandiru” von Sao Paulo mindestens 111  Insassen erschossen. Die  politisch Verantwortlichen und die direkt  Beteiligten blieben bisher  straffrei. In “Carandiru” ereignete sich  auch Ende Oktober wieder eine  Revolte: 670 Gefangene nahmen 27 Wärter  als Geiseln und forderten die  Verlegung in eine andere Haftanstalt.  Fünf Häftlinge versuchten  währenddessen in einem Müllwagen zu fliehen,  vier von ihnen wurden von  Militärpolizisten erschossen.<br />
Klaus Hart<br />
Der Autor ist freier Korrespondent in Rio de Janeiro</strong></p>
<p><strong>Hintergrund von 2001:</strong></p>
<p><strong>  </strong></p>
<p><strong>„Unerklärter Bürgerkrieg“ in Brasilien<br />
Über 40000 Morde jährlich/Zunahme von Attentaten </strong></p>
<p><strong>  </strong></p>
<p><strong>Im Kontext der jüngsten internationalen Konflikte weisen  brasillianische Experten immer nachdrücklicher darauf hin, welche hohen  Menschenopfer der sogenannte „unerklärte Bürgerkrieg“ in Brasilien  kostet. Wie die Universitätsprofessor und Politik-Berater Gaudencio  Torquato jetzt  in einer Analyse mit dem Titel „Wir und Afghanistan“  betonte, werden aus politischen und kriminellen Motiven selbst laut den  geschönten offiziellen Angaben jährlich rund 40000 Menschen ermordet. </strong></p>
<p><strong>  </strong></p>
<p><strong>     Hätte  Deutschland, mit einer etwa halb so großen  Bevölkerung, diese Rate, wären es pro Jahr etwa 20000 Getötete.  Tatsächlich waren es im Jahr 2000 laut BKA-Angaben nur 1015. </strong></p>
<p><strong>  </strong></p>
<p><strong>Torquato zählte zu den Gründen der hohen Opferzahlen, daß die  zehntgrößte Wirtschaftsnation anders als Afghanistan zwar sämtliche  Hochtechnologie der letzten Generation nutze, die soziale Polarisierung  zwischen den Privilegierten und den armen Schichten sich jedoch weiter  verschärft habe. Die hohe Gewaltrate habe dazu geführt, daß  nachbarschaftliches Zusammenleben immer weniger gepflegt werde, die  brasilianische Gesellschaft sich von der menschlichen Solidarität  verabschiede. Gängige Reaktion angesichts der täglichen Morde sei leider  nur:“Gut, daß es mir nicht passiert ist.“ </strong></p>
<p><strong>  </strong></p>
<p><strong>Derartige Verfallsprozesse resultieren laut Torquato aus  einer „politisch-institutionellen Kultur“, die sich mit den alltäglichen  Skandalen um hohe Volksvertreter und den Fällen von  Regierungskorruption weiter degradiere. </strong></p>
<p><strong>  </strong></p>
<p><strong>Brasilianischer Menschenrechtsaktivist<br />
“Generation eiskalter Killer“ wächst heran </strong></p>
<p><strong>  </strong></p>
<p><strong>Brasilien züchtet nach den Worten des angesehenen  Menschenrechtsaktivisten Eduardo Capobianco „eine Generation eiskalter  Killer“heran.“Sie töten einen Menschen mit der selben Leichtigkeit, mit  der sie eine Coca-Cola trinken“, sagte er im Dezember während der  Auszeichnung mit einem Bürgerrechtler-Preis in Sao Paulo. Capobianco,  Präsident von zwei regierungsunabhängigen Institutionen, die das  organisierte Verbrechen sowie die tiefverwurzelte Korruption in Politik  und Wirtschaft bekämpfen, hatte erst Anfang Dezember in der City der  17-Millionen-Stadt ein Attentat überlebt. „Brasilien hat gravierende  soziale Ungleichheiten und eine kapitalistische Kultur, die auf dem  Konsum basiert, Städte des Konsumismus wie Sao Paulo. Das stimuliert  letztlich Gewalt – Armut allein ist dafür nicht verantwortlich zu  machen.“ In entwickelten Ländern wie Japan entfalle statistisch pro Jahr  ein Mord auf hunderttausend Einwohner – in einer Stadt wie Sao Paulo  seien es dagegen gemäß offiziellen Zahlen immerhin fünfzig. Indessen  gebe es bereits leichte Fortschritte bei der Verbrechensbekämpfung, die  Arbeit seiner beiden Institutionen mißfalle der Gegenseite sehr und habe  das Attentat bewirkt. </strong></p>
<p><strong>  </strong></p>
<p><strong>Capobianco überlebte den Anschlag nur, weil er eine Mappe mit  Büchern vor die Herzgegend hielt, Kugeln darin steckenblieben bzw. nur  seine Beine trafen. Weder die Polizei noch er selbst haben einen Hinweis  auf die Täter und deren Hintermänner. </strong></p>
<p><strong>  </strong></p>
<p><strong>In den letzten drei Monaten kam es in Brasilien zu einer  Attentatsserie, bei der mehrere Gewerkschaftsführer, ein progressiver  Großstadtbürgermeister sowie Umweltaktivisten getötet wurden,  Bombenanschläge forderten glücklicherweise keine Opfer. Eine bislang  unbekannte rechtsextreme Organisation schickte Morddrohungen an 37  Bürgermeister der linkssozialdemokratischen Arbeiterpartei PT im  Industrie- Teilstaat Sao Paulo, dessen Bruttosozialprodukt das von ganz   Argentinien übertrifft. </strong></p>
<p><strong>  </strong></p>
<p><strong>Systematische Folterungen weiter alltäglich – trotz Anti-Folter-Gesetz<br />
Menschenrechtler skeptisch über  offizielle PR-Kampagne </strong></p>
<p><strong>  </strong></p>
<p><strong>Der Dreißig-Sekunden-TV-Spot ist gut gemacht,  drastisch-realistisch: Ein Mann, halbnackt, blutend, gefesselt, wird von  einem Sadisten gequält, mit dem Kopf immer wieder in einen Wassertank  getaucht, soll Informationen preisgeben, ein Geständnis ablegen. Ein  Dritter sieht die Szene, rennt zum Telefon, wählt die neue Gratis-Nummer  von „SOS Tortura“, erstattet anonym Anzeige. Jeder sollte ab sofort  genauso handeln, lautet der Appell an die Fernsehzuschauer – „denn  Folter ist ein Verbrechen!“ Daß Brasiliens Staatspräsident Fernando  Henrique Cardoso, Ehrendoktor der FU Berlin, jetzt auch in Rundfunk und  Presse eine solche Medienkampagne starten ließ, einmalig in der  Geschichte Brasilien, könnte die Menschenrechtler des In-und Auslands  optimistisch stimmen. Doch Skepsis überwiegt. Befürchtet wird, daß  Brasilia damit lediglich  auf Imageverbesserung bei den Vereinten  Nationen zielt. Deren Experte für Folterfälle, Nigel Rodley, hatte  letztes Jahr nach einer Reise durch mehrere Teilstaaten die Zustände als  erschreckend und eigentlich unbeschreiblich angeprangert. Nicht anders  sieht es Amnesty International, stellte deshalb  in der  17-Millionen-Stadt São Paulo, Lateinamerikas führendem  Wirtschaftszentrum, im Oktober kurz vor Kampagnebeginn der  brasilianischen Öffentlichkeit den neuesten Bericht über Folter und  Mißhandlungen vor. Tatverdächtige, Festgenommene, Untersuchungshäftlinge  und Strafgefangene systematisch Torturen zu unterwerfen, auch von  völlig Unschuldigen Geständnisse unter Folter zu erpressen, gehört  danach weiterhin zur  Alltagsroutine im Apparat der Militär-und  Zivilpolizei. Laut Patrick Kopischke, Brasilien-Experte von Amnesty  International, hat der starke politische Druck, die überbordende  Kriminalität zu bekämpfen, dazu geführt, daß Folter andere  Ermittlungsmethoden ersetzt. Allein in São Paulo, wo über eintausend  deutsche Unternehmen, von VW bis Daimler-Benz, ansässig sind, werden  laut offiziellen Angaben monatlich über 440 Menschen ermordet. Zum  üblichen Nachrichtenangebot der  Radio-und TV-Stationen gehören die  unaufhörlichen Gefangenenrevolten in den mit fast 100000 Insassen völlig  überfüllten Polizeiwachen, Haftanstalten und provisorischen  Gefängnissen der Metropole. Pro Monat werden rund eintausend weitere  mutmaßliche oder tatsächliche Straftäter in teils fensterlose Zellen  gepreßt, wo bereits bis zu 168 Männer auf einem Raum zusammenhocken  müssen, der eigentlich nur für höchstens dreißig gedacht war. Wegen der  schlechten Luft, der unhygienischen Zustände, des ständigen  Fäkaliengeruchs und des damit verbundenen psychischen Drucks sind  Aufstände die logische Folge – niedergeschlagen werden sie mit äußerster  Brutalität, gibt es fast immer Tote. „Man greift auf Folter und  Mißhandlungen zurück, um ein katastrophales Gefängnissystem unter  Kontrolle zu halten“, betont deshalb Kopischke, grundlegende Reformen  seien nötig, nicht nur kosmetische Verschönerungen. Aktivisten von  Amnesty und anderen Menschenrechtsgruppen Brasiliens empört zudem   besonders, daß das auf ihren Druck hin erlassene Anti-Folter-Gesetz von  1997 an den Zuständen kaum etwas änderte, Täter gewöhnlich straffrei  ausgehen, selbst aus der Diktaturzeit berüchtigte Folterer weiter im  Dienst sind. Gemäß neuen UNO-Angaben verzeichnet der Teilstaat Minas  Gerais die meisten bekanntgewordenen Folterfälle, ist die  Polizeibrutalität traditionell besonders hoch. Dies gilt als Erbe des  Militärregimes(1964-1985), als Fachleute der CIA gemäß Angaben von  Zeitzeugen  den Militär-und Zivilpolizisten in Kursen auch  Foltertechniken beibrachten. „Heute noch sind es die gleichen“, so der  renommierte Menschenrechtsanwalt Antonio Aurelio, „vor allem  Elektroschocks, Aufhängen kopfunter an einer Stange, Eintauchen in  Wassertanks, Schläge auf beide Ohren, Erstickungsanfälle mittels über  den Kopf gestülpten Plastiksäcken“. Im Juni letzten Jahres wurden in  einer Polizeiwache São Paulos etwa zweihundert Gefangene, einer nach dem  anderen, völlig unbekleidet,  mit Elektroschocks gepeinigt. Bei  weiteren Mißhandlungen starb ein Insasse, dreißig weitere erlitten teils  schwere Verletzungen. Die beteiligten Polizeikommissare sind weiterhin  im Dienst.  Beim Interview  mit dem Polizeichef einer  nordostbrasilianischen Stadt fand dieser nichts dabei, den an den  landesüblichen Elektroschock-Apparaturen verwendeten Regler sichtbar   auf seinem Schreibtisch liegen zu lassen.</strong></p>
<p><strong>  </strong></p>
<p><strong>Über 40000 brasilianische Kinder arbeiten auf stinkenden Müllbergen<br />
Unicef und NGO entwickeln Alternativprojekte </strong></p>
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<p><strong> Im Kriechgang, fast mit Vollgas, arbeitet sich der Müll-LKW  in Serpentinen fast bis zur Haldenspitze vor, kippt dort, an der  Peripherie der 17-Millionen-Stadt São Paulo, bei 35, 40  Grad  Tropenhitze stinkende Abfälle aller Art ab. Auf diesen Moment haben  Schwärme von Schmeißfliegen, aber auch Dutzende von Kindern und  Jugendlichen nur gewartet. Mit Säcken über der Schulter stürzen sie sich  auf  die Ladung, sinken bis zu den Knien ein, wühlen neben schwarzen  Aasgeiern nach Essensresten, Glas-und Plastikflaschen, Papier und  Getränkebüchsen aus Aluminium. Alles wird getrennt, sortiert, ein Stück  entfernt bei  anderen Familienmitgliedern angehäuft, Alu-Büchsen tritt  man mit dem Fuß platt. Metallfirmen oder Papier-und Textilfabriken  nehmen alles für lächerlich geringe Preise ab – jedes dreckverschmierte,  oft von Hautkrankheiten gezeichnete Müll-Kind kommt pro Tag höchstens  auf umgerechnet vier, fünf Mark – überlebenswichtig für die Familien an  der Slum-Peripherie von Lateinamerikas reichster Stadt und  Wirtschaftslokomotive, aber auch von Rio de Janeiro, Salvador da Bahia  oder Recife. In ganz Brasilien sind es über vierzigtausend „Crianças do  Lixo“, Müll-Kinder – die nie zur Schule gehen, oder es aufgaben, weil  man sie lächerlich machte, diskriminierte. Vor ein, zwei Jahren waren es  indessen noch über dreizehntausend mehr – bevor das UN-Kinderhilfswerk  Unicef  und die regierungsunabhängige Organisation „Agua e Vida“(Wasser  und Leben) Projekte starteten, Druck auf den Staat, lokale Behörden  ausübten, um diese schändliche Form der Kinderarbeit zu bekämpfen. </strong></p>
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<p><strong>Hautkrankheiten, Cholera </strong></p>
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<p><strong>Daß Minderjährige in einem Land, das zu den zehn größten  Wirtschaftsnationen gehört, den ganzen Tag im Müll waten müssen, anstatt  zu spielen und zu lernen, nennt Afonso Lima, Unicef-Mitarbeiter in São  Paulo, einfach entsetzlich, unmenschlich. Die Regierung hat zudem  internationale Konventionen, darunter gegen Kinderarbeit unterzeichnet,  die derartiges eigentlich verbieten. „Weil die meisten Kliniken  ihre  sämtlichen Abfälle unsortiert und unbehandelt ebenfalls auf die Halde  kippen, können sich die Kinder sogar gefährliche Krankheiten holen,  finden Spritzennadeln, Chemikalien aller Art.“ Für seine Kollegin Paula  Claycomb aus den USA fehlt es auch an politischem Willen. „Die  brasilianische Gesellschaft muß endlich verstehen, daß stinkende  Abfallhalden nicht der richtige Ort für Kinder sind.“ Dabei wurde  bereits eine Menge erreicht: Unicef und die NGO „Agua e Vida“ brachten  in geduldiger Überzeugungsarbeit Gouverneure und viele Gemeinden dazu,  Mittel für die Gründung von Müll-Recycling-Kooperativen freizugeben,  sogar Gebäude bereitzustellen. Der Vorteil: Wiederverwertbares wird  bereits an Wohngebäuden, Supermärkten, Bürohäusern aussortiert – und  nicht erst,  mit organischen Abfällen verschmutzt, auf der Halde.  Resultat: Das Familieneinkommen steigt, die Kinder brauchen nicht mehr  mitzuarbeiten, gehen stattdessen zur Schule. Eine geringe staatliche  Hilfe von  monatlich umgerechnet über zehn Mark pro Kind wird auch an  viele andere verelendete Familien nur gezahlt, wenn sie ihre Kinder  kontinuierlich in die Schule schicken. „Und das funktioniert“,  bekräftigt die NGO-Koordinatorin Teia Magalhaes in São Paulo. „Nur ist  es leider oft so: Wir holen eine Familie aus dem Müll, doch andere  treten sofort an deren Stelle – Folge der Misere in Brasilien.“ Da die  Cholera im Lande längst nicht ausgerottet ist, man sich gerade auf den  riesigen Abfallbergen leicht anstecken kann, verbreitet Teia Magalhaes  auch ein entsprechendes Aufklärungs-Video, organisiert zusammen mit  Präfekturen Musik-und Tanzkurse, um frühere „Crianças do Lixo“ in der  Schule zu halten, an Kultur heranzuführen. </strong></p>
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<p><strong>Banker und Müllsammler </strong></p>
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<p><strong>Auch über  Lateinamerikas Wallstreet, die Banken-Avenida  Paulista, zerren täglich ungezählte schwitzende, zerlumpte Catadores do  Lixo, Müllsammler, ihre hölzernen Karren, hochbeladen mit Verpackungen  und anderem Material. Eigentlich sollten  die Catadores allen Respekt  verdienen: Nur ihnen ist es zu verdanken, daß immerhin achtzig Prozent  der Aluminium-Getränkebüchsen, siebzig Prozent der Pappe und  dreißig  Prozent der Flaschen recycelt werden. Nur hier und da trifft man bereits  auf jene Hausmüll-Container wie in Deutschland – ausgerechnet in einem  Drittweltland wie Brasilien ist Ressourcenverschwendung weiterhin die  Regel. Was vergeudet wird, ob Nahrungsmittel, Strom oder Wasser, hat  laut neuesten Studien immerhin einen Wert von jährlich umgerechnet über  einhundert Milliarden Mark. Besonders provozierend in einem Land mit  ernsten Hungerproblemen: Was São Paulos Supermärkte an Lebensmitteln  wegwerfen, reichte wertmäßig bequem aus, um monatlich 600000  Slum-Familien mit Grundnahrungsmitteln zu versorgen. </strong></p>
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<p><strong>Padre Julio Lancelotti kämpft gegen Folter an Kindern und Jugendlichen<br />
Hohes Lebensrisiko, Morddrohungen, tätliche Angriffe<br />
Auch von Unicef wegen Engagements für Kinderrechte ausgezeichnet </strong></p>
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<p><strong>„Erstmals konnten wir jetzt achtzehn Aufseher, sogar drei  Direktoren, wegen Folter vor Gericht bringen“, sagt Padre Julio  Lancelotti im Büro des von ihm geleiteten „Zentrums zur Verteidigung von  Kindern und Jugendlichen“ der Millionenstadt São Paulo. Aber Freude,  Zufriedenheit über diesen kleinen Sieg ist ihm nicht anzumerken. Denn  auf einen Schlag hat er damit noch mehr erbitterte Feinde unter den  Mitarbeitern der gefängnisähnlichen Anstalten für straffällig gewordene  Minderjährige(Febem). Von den letzten Attacken hat er sich noch nicht  erholt: Als in einer Febem-Einheit wiederum Jugendliche gegen  Mißhandlungen, Überfüllung rebellierten, fuhr er sofort hin – eine  Gruppe von Febem-Angestellten schlug ihm Zähne aus, trat auf ihn ein,  zerbrach die Brille. Militärpolizisten schauten bewußt eine ganze Weile  zu, griffen erst spät ein. „Sogar  das Kreuz, das ich um den Hals trug,  ein Geschenk aus Osnabrück, wurde mir abgerissen – hier ist die  Situation eben längst außer Kontrolle.“ Lancelotti, der auch ein Heim  für Aids-infizierte Kinder führt,  erhält regelmäßig Morddrohungen &#8211;  andere Pfarrer São Paulos haben ihr Engagement für Menschenrechte  bereits mit dem Leben bezahlt – in Brasilien kommt es täglich zu  politischen Morden, Attentaten.  Theoretisch können er und seine Anwälte  sich auf das Anti-Folter-Gesetz, das Statut zum Schutze der  Heranwachsenden berufen. „In Brasilien dominiert aber leider  Straflosigkeit, Folterer bleiben gewöhnlich ungeschoren, werden nicht  einmal entlassen, sind durch die Autoritäten geschützt.“ </strong></p>
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<p><strong>„Kultur der Folter“ </strong></p>
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<p><strong>Daß die Gesetze nicht funktionieren, erklärt Lancelotti mit  für manchen Europäer sicher  überraschenden Gründen:“In diesem Land  existiert die Sklavenhalterkultur, auch eine Kultur der Folter weiter –  ein Großteil der Brasilianer befürwortet Torturen, die Todesstrafe, die  Herabsenkung des Strafmündigkeitsalters auf sechzehn, teils sogar  vierzehn Jahre.“ Im Teilstaate São Paulo, dem reichsten ganz Brasiliens,  mit weit über eintausend deutschen Unternehmen, sind in den  Febem-Anstalten derzeit mehr als viertausend Heranwachsende  konzentriert, täglich kommen etwa dreißig hinzu. Wo eigentlich gemäß den  Vorschriften nur Platz für sechzig Minderjährige ist, werden in Zellen  bis zu vierhundert zusammengepfercht, sind gewöhnlich völlig sich selbst  überlassen. „Als letztes Jahr der UNO-Sonderberichterstatter für  Folter, Nigel Rodley, hier war, erklärte man ihm allen Ernstes,  Jugendliche hätten sich Verletzungen selber beigebracht, im Streit  miteinander.“ Der Padre, die eng mit ihm kooperierende Anwältin  Francisca de Assis Soares, wissen von solchen Fällen, auch von sexueller  Gewalt unter den Jugendlichen. Doch das sind Ausnahmen. Die Struktur  dieser Anstalten ziele auf  Unterdrückung, Entwürdigung, Verrohung –  „über viele besonders sadistische Folterungen“, so Lancelotti“,  reden  wir öffentlich gar nicht mehr, weil es uns ja doch keiner glaubt.“ In  einer Febem-Anstalt hatte man allen Ernstes Skinheads angestellt,  wegen  ihrer Aggressivität von den Minderjährigen  nur „Pitbulls“ genannt. </strong></p>
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<p><strong>Sadismus der Aufseher     </strong></p>
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<p><strong> Bekommen Lancelotti und sein Team Wind von Mißhandlungen,  fahren alle sofort los, um gerichtsverwertbare Beweise zu sammeln,  Torturen zu unterbrechen. „In einer Anstalt trafen wir auf über vierzig  gefolterte Jugendliche – mit schweren Verletzungen, gebrochenen Armen  und Beinen!“ Rebellieren Insassen einer Febem-Einheit, toben sich bei  der Niederschlagung Aufseher, herbeigerufene Polizisten sadistisch  aus.“Jugendliche mußten tagelang nackt hintereinander aufgereiht und  aneinandergepreßt auf dem Boden hocken, das Geschlechtsteil am Gesäß des  Vordermanns, durften nur in Plastikflaschen urinieren, die man dann  über ihnen ausschüttete. Scharfe Hunde wurden rudelweise zwischen die  Insassen gehetzt – wer deshalb aufstand, erhielt sofort Schläge. Und  selbst das – Wärter zwingen Jugendliche, auf andere Insassen zu  urinieren. Alles Folterpraktiken, tief entwürdigend!“ </strong></p>
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<p><strong>Aber könnte die Mitte-Rechts-Regierung unter  Staatspräsident  Fernando Henrique Cardoso, Bewohner São Paulos, Ehrendoktor der Freien  Universität Berlin, diese Zustände nicht ändern? „Brasilien ist nur eine  formale Demokratie“, analysiert Lancelotti, „die Politiker in Brasilia  leben wie auf einem anderen Planeten, fern der Realität, wollen von  diesen Dingen nichts wissen – Zugang zu Präsident Cardoso haben wir  nicht.“ Bestenfalls mit Galgenhumor registriert der Padre, welches  Prestige Cardoso gerade in Europa, auch in  Deutschland genießt:“Der  Präsident führt sich wie ein Prinz auf, erhält überall Doktortitel. Aber  wenn man in europäischen Zeitungen oder in der Genfer  UN-Menschenrechtskommission über diese Zustände hier spricht – das mag  er, seine Regierung, garnicht.“ </strong></p>
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<p><strong>Lancelotti räumt ein, daß ihn die Menschenrechtsarbeit  zugunsten der Minderjährigen Brasiliens streßt, psychisch ermüdet. „Der  Haß auf uns ist groß, wir werden verfolgt, lächerlich gemacht, sind nur  wenige – und die Folter nimmt zu!“ Mit seiner Wochenkolumne in einer  Tageszeitung São Paulos erreicht er wenigstens einen Teil der  Öffentlichkeit. Und ein bißchen Mut macht, daß ihn das  UN-Kinderhilfswerk Unicef im neuesten Jahresbericht ausdrücklich als  Anwalt der Heranwachsenden Brasiliens hervorhebt.</strong></p>
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