Brasilianische Qualitätsmedien haben aus Sicht brasilianischer Beobachter bei der Interpretation, Deutung, Kommentierung der jüngsten Proteste soviele Merkwürdigkeiten verbreitet, daß sie künftig nur noch schwerlich als seriöse Quelle für Informationen über derartige Manifestationen in Frage kommen dürften. Zudem sei ersichtlich, daß sich in den Redaktionen der stark von Staats-und Regierungsanzeigen abhängigen Medien offenbar ein permanenter Konflikt zwischen Journalisten, die an wahrheitsgemäßer Information interessiert sind, und Führungskadern, die an politisch-wirtschaftliche Vorgaben gebunden sind, abspielt.
„Aufschrei der Ausgeschlossenen“ und Polizeistaat: http://www.correiocidadania.com.br/index.php?option=com_content&view=article&id=8826:manchete100913&catid=34:manchete
Lula in Berlin – brasilianischer Systemkritiker “rasch entfernt” aus Veranstaltung: http://www.hart-brasilientexte.de/2012/12/07/brasiliens-ex-prasident-lula-in-berlin-diskussion-mit-frank-walter-steinmeier/

Kardinal Odilo Scherer(r.) neben Bischof Milton Kenan Junior beim Protestgottesdienst in der Kathedrale von Sao Paulo.
Bischof Milton Kenan Junior im Website-Interview: http://www.hart-brasilientexte.de/2012/11/24/brasilien-sao-paulo-brasiliandia-bischof-milton-kenan-juniorweiterhin-regionen-mit-extremem-elend-groser-armut-im-lande-bischof-ist-initiator-einer-friedensdemonstration-an-der-slumperipherie/
Leonardo Boff contra Odilo Scherer: http://www.hart-brasilientexte.de/2013/09/13/leonardo-boff-spielt-papst-erklarer-papst-oberinterpretierer-in-deutschland-boff-sagt-wie-er-den-papst-haben-willangeblich-haben-die-armen-wahrend-der-beiden-franziskus-vorganger-keine-zentrale/
Der deutsche katholische Priester Konrad Körner aus Ampferbach/ Bayern: http://www.hart-brasilientexte.de/2012/11/28/brasilien-der-deutsche-katholische-priester-konrad-korner-aus-ampferbach-friedenskundgebung-in-brasilandiasao-paulo-2012/
So wurde beispielsweise in den tonangebenden Medien Sao Paulos, aber auch Medien Europas, durchweg darauf verzichtet, die erhellenden Bewertungen des deutschstämmigen Kardinals der Erzdiözese, Odilo Scherer, auch nur zu erwähnen. Scherer hatte im Auftakt-Protestgottesdienst am Nationalfeiertag betont: “Es gibt in Brasilien noch soviel Armut und Elend, gesellschaftlichen Ausschluß, soziale Ungerechtigkeit, Korruption – noch soviel Gewalt: Wir sehen, daß es strukturelle Gewalt gibt, die sich immer mehr organisiert als eine Parallelmacht – die innerhalb des Staates existiert und die Gesellschaft unterdrückt. Die Justiz ist in Brasilien noch sehr prekär und langsam – weit davon entfernt, die Bedürfnisse des Volkes adäquat zu erfüllen. “
Auch der kirchliche Mainstream Mitteleuropas verzichtet offenbar darauf, diese Einschätzung Scherers wiederzugeben.
Scherers Worte wurden bemerkenswert illustriert durch die Vorgänge vor der Kathedrale, im gesamten Stadtgebiet, wo der Staat seit den Morgenstunden massive, die Bevölkerung einschüchternde Kräfte der Militärpolizei, von deren Sondereinheiten, postiert hatte. Die kirchliche Kundgebung vor der Kathedrale wurde permanent durch den Lärm von Polizeihubschraubern gestört, von denen aus das Geschehen vor den Stufen der Kathedrale offenbar intensiv beobachtet und möglicherweise auch gefilmt wurde.

Laut Mediendeutung gab es am Nationalfeiertag nicht nur in Sao Paulo eine „Welle der Gewalt“, für die hauptsächlich der „Black Bloc“ verantwortlich gemacht wurde. Jener „Black Bloc“ halte friedliche Protestierer nunmehr davon ab, in so großer Zahl wie noch im Juni 2013 auf die Straßen zu gehen.
Indessen stellt sich die Sachlage, aus der Nähe betrachtet, ganz anders dar. Schließlich hätte sich jenes Potential an friedlichen Protestierern durchaus den traditionell absolut gewaltfreien Demonstrationen des „Aufschreis der Ausgeschlossenen“ der durch den jüngsten Papstbesuch gestärkten katholischen Kirche anschließen können – tat dies indessen offensichtlich nicht. Die Gründe für das beobachtete massive Fernbleiben potentieller Demonstranten liegen daher offenkundig woanders.
Bemerkenswert ist auch die Medien-Darstellung des Black-Bloc-Protestzugs von Sao Paulo am Nationalfeiertag. So wurde der Black Bloc als Ausbund von Gewalttätigkeit beschrieben. Indessen hätte sich das Potential friedlicher Protestierer dem Black-Bloc-Protestzug problemlos anschließen können, da dieser über Stunden, mit bemerkenswerter körperlicher Kondition der Teilnehmer, durchweg friedlich Avenidas und sogar Stadtautobahnen Sao Paulos passierte. Auch medienpolitisch interessant wurde dann das Geschehen am Schluß des Protestzugs vor dem Stadtparlament, das seit den Morgenstunden durch doppelte Absperrgitter und ein Polizei-Großaufgebot gesichert worden war. Während Augenzeugen beobachteten, daß aus der Spitze des Protestzugs einige Steine gegen die Glasfassade des Stadtparlaments geflogen waren, berichteten die Medien allen Ernstes, der Black Bloc habe versucht, in das Gebäude einzudringen. Dies wäre nicht zuletzt deshalb unmöglich gewesen, weil an der Parlaments-Frontseite zu diesem Zeitpunkt zusätzlich Spezial-Einsatzkräfte mit Tränengasgranaten postiert worden waren. Diese Einsatzkräfte ließen bereits Sekunden nach den ersten Steinwürfen einen wahren Regen an extrem laut explodierenden Tränengasgranaten auf den Protestzug niedergehen, erzeugten dort entsprechende Wut und Empörung – noch Kilometer entfernt wunderten sich bald darauf uninformierte City-Besucher über ätzendes Tränengas in Augen und Nase. Nach dem massiven Einsatz von Tränengasgranaten entzündeten sich dann erwartungsgemäß Straßenschlachten – also erst Stunden nach dem durchweg friedlichen Protestzug des Black Bloc durch Sao Paulo.
Wie Qualitätsmedien Sao Paulos schrieben, sehen die Veranstalter des „Aufschreis der Ausgeschlossenen“ keine Schwächung der Proteste im Land, ebensowenig einen Verlust der Führungsrollen an die nationalen Black Blocs. Von den Veranstaltern wurden die Forderungen der „anarchistischen Bewegungen“ als legitim bezeichnet – was bemerkenswert ist. Die „Achsen der Forderungen“zwischen beiden Spektren seien sich nahe – es gehe um bessere öffentliche Dienstleistungen und um den Kampf gegen Korruption. Zu den Demonstrationen des „Aufschreis der Ausgeschlossenen“ habe man in der Tat in diesem Jahr vier-bis fünfmal soviele Teilnehmer erwartet wie vergangenes Jahr. Dies erlaubt viele Reflexionen über die rasche, effiziente Reaktion der politisch Verantwortlichen auf die am 13. Juni nach empörend brutalen Polizeieinsätzen Sao Paulos aufgeflammten landesweiten Proteste, auf den Entwurf von möglichst griffigen Erklärungs-und Argumentationsmustern durch die zuständigen Stellen. Denn für den Nationalfeiertag 2013 war allgemein, selbst von hohen Politikern, mit sehr massiven Straßenprotesten gerechnet worden – die interessanterweise ausblieben.
Auffällig ist, daß die Black Blocs von Brasilien seit dem Nationalfeiertag von tonangebenden Medien als „faschistisch“ bzw. „faschistoid“ charakterisiert werden – die Black Blocs hätten die Kontrolle der Straßenproteste, darunter am Nationalfeiertag übernommen. Dafür fehlen indessen Anhaltspunkte.
Nicht wenige Brasilianer werfen auch in Sao Paulo Staat und Regierung vor, zwecks Verhinderung von Protesten ein für europäische Begriffe unvorstellbar massives Polizeiaufgebot zu mobilisieren – indessen den Schutz der Bevölkerung vor Kriminellen, vor Überfällen und Raub, Raubmord stetig zu verkleinern. Nicht zufällig häufen sich in den letzten Jahren selbst in den Mittelschichtsregionen Sao Paulos Straßenraub und Diebstahl, patrouillieren hochspezialisierte Gelegenheitskriminelle ständig durch die Stadt, um bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu agieren. Selbst in den Citybereichen wird inzwischen Autofahrern abgeraten, frei an den Straßen zu parken – stattdessen streng bewachte Bezahl-Parkplätze aufzusuchen. Die wachsende Bedeutung des organisierten Verbrechens erinnert an die Äußerungen von Kardinal Odilo Scherer zur „Parallelmacht“.

Weltsozialforum-Miterfinder, katholischer Menschenrechtsaktivist Chico Whitaker, Mitglied der “Brasilianischen Kommission für Gerechtigkeit und Frieden” der Bischofskonferenz CNBB – im Website-Interview am Rande der Kundgebung Sao Paulos kritisiert er die Atompolitik der Rousseff-Regierung, den Bau des AKW “Angra 3″ bei Rio mit deutscher Hilfe, das zur Diktaturzeit mit Bonn geschlossene Atomabkommen. In brasilianischen und mitteleuropäischen Medien kam er – als einer der hochkarätigsten Persönlichkeiten des diesjährigen „Aufschreis der Ausgeschlossenen“ – in Berichten zu den Protesten des Nationalfeiertags vorhersehbar nicht vor.
„Das Bildungs-und Gesundheitswesen funktioniert nicht – oft brauchen die Leute einen Arzt, kriegen einen Termin aber erst in drei Monaten – und sind dann schon tot. Die Politiker hören nicht auf das Volk, wollen die Gesellschaft garnicht anhören – die reden nur, haben sich vom Volk entfernt. Die heutigen Forderungen der Straßenproteste vertritt die katholische Kirche bereits seit Jahrzehnten – ich inbegriffen. In Brasilien sehen wir heute plastisch, was Desinformation bewirkt – die Regierungspropaganda deckt alles zu. Der größte Teil der Brasilianer kämpft ja ums tägliche Überleben.“
Ausgerechnet Leonardo Boff spielt derzeit wieder einmal den Papst-Erklärer für deutsche Medien: http://www.hart-brasilientexte.de/2013/03/15/jesus-wurde-der-zutritt-zum-konklave-der-kardinale-verweigert-wie-sich-leonardo-boff-die-wahl-von-papst-francisco-einem-jesuiten-vorstellte/
Während Kardinal Odilo Scherer die evangelikalen Sektenkirchen, ihre Machenschaften stets kritisierte und analysierte, begrüßte Leonardo Boff die evangelikalen Wunderheilersekten als ”Bereicherung”:
“Saudo a expansao dos evangelicos, porque sou a favor de todo tipo de diversidade.”
Sektenkirchen in Brasilien: Sekten verfolgen Journalisten: http://www.hart-brasilientexte.de/2008/02/14/brasilianische-sekten-verfolgen-journalisten-gesteuerte-prozeslawinen/
Brasiliens starkes Sekten-TV: http://www.hart-brasilientexte.de/2012/07/27/brasilien-olympische-spiele-erstmals-von-sekten-tv-rede-record-ubertragen-staatsprasidentin-dilma-rousseff-trifft-sich-in-londoner-studios-mit-sektenchef-edir-macedo/
Antikatholische Wunderheilersekten – gute Karten in Deutschland: http://www.hart-brasilientexte.de/2012/07/16/brasiliens-evangelikale-sekten-mit-guten-karten-in-landern-wie-deutschland-was-kritische-qualitatsmedien-brasiliens-berichten-und-was-deutsche-medien-beispiel-jesusmarsch-2012/
“Ausgedachte Wirklichkeiten: Die Distanz des politischen Journalismus zur tatsächlichen Politik war nie zuvor so groß wie heute.” Frankfurter Allgemeine Zeitung 2013
Frankfurter Buchmesse 2013 – offenbar keinerlei Veröffentlichungen zur gravierenden Menschenrechtslage des Landes, keinerlei Einladung von Dissidenten, Systemkritikern, namhaften verfolgten Menschenrechtsaktivisten: http://www.hart-brasilientexte.de/2012/10/17/frankfurter-buchmesse-2013-gastland-brasilien-literatur-und-landesrealitaet-keinerlei-veranstalterhinweis-auf-gravierende-menschenrechtslage-auf-daten-und-fakten-von-amnesty-international-und-bras/
Aktueller Polithumor aus Brasilien, anklicken:

“Gegen den Staatsterrorismus”.
http://g1.globo.com/protestos-no-brasil/2013/cobertura/

Demonstration von Gewerkschaften und Oppositionsparteien in der City von Sao Paulo, Ende August 2013.
Fotoserie – Systemkritikerproteste 2013: http://www.hart-brasilientexte.de/2013/06/22/brasilien-systemkritikerproteste-2013-eh-dilma-vai-tomando-cu-skandiert-das-menschenmeer-der-avenida-paulista-in-sao-paulo-am-tag-nach-der-tv-ansprache-von-prasidentin-dilma-rousseff/

“Dilma, wenn Gott Brasilianer ist, schämt er sich wegen Dir!!!”
“Auch Dilma hat sich, ganz im Sinne ihres Vorgängers, der Sozialpolitik verschrieben.” WeltTrends, Potsdam 2012
Auf dem UNO-Index für menschliche Entwicklung liegt Deutschland auf Platz 5, Brasilien nur auf Platz 85.
„Sowohl im wirtschaftlichen als auch im sozialen Bereich ist das größte Land Südamerikas zu einem Vorbild in der Region geworden. “ WeltTrends, Potsdam 2012
Brasilien bewegt den Bundespräsidenten: Während seines Besuchs zeigte sich Joachim Gauck beeindruckt von der Aufbruchstimmung im Land. Deutschland könne von dem Mut zu Veränderungen lernen. Regierungssender Deutsche Welle 2013

Mpi-Salven, verwundete Demonstranten: http://www.hart-brasilientexte.de/2013/06/19/brasilien-proteste-mpi-salven-verwundete-demonstranten-in-rio-de-janeiro-militarpolizei-mus-einsatz-von-schuswaffen-untersuchen-laut-landesmedien/

Ausriß – Polizist feuert mit Mpi Warnsalven in Richtung der Demonstranten – mehrere Verwundete, normes Risiko durch verirrte Kugeln.
Wer noch einmal in mitteleuropäischen Leitmedien die Brasilienanalysen vor der überraschend dann doch wahrgenommenen Protestwelle nachliest, könnte schlußfolgern, daß die brasilianischen Demonstranten mit ihrer Kritik völlig schiefliegen. Denn da war von einem Land in Aufschwungphase mit großartigen Aussichten, mit einer sehr fähigen, erfolgreichen und populären Präsidentin die Rede – wie selbst die Oberen sagten. Alle Politiker, die jetzt Ziel schärfster Kritik sind, werden als angesehen, vertrauenswürdig, erfolgreich und guten Willens beschrieben. Die Brasilianer, als sehr optimistisch eingestuft, konsumierten auffällig stark, hieß es vor dem Hintergrund der starken Teuerungswelle. Auch die Arbeiterpartei Lulas wurde als populär charakterisiert.Von all der jetzigen Demonstrantenkritik war nicht die Rede. Unter den BRIC-Staaten schneide Brasilien sehr gut ab – hieß es entgegen der Datenlage. Auch die Industrie verzeichne Boom – brasilianische Wirtschaftsmedien sprachen dagegen von Deindustrialisierung.
Friedensnobelpreisträger Barack Obama sagte, daß Brasilien ein Modell für die Welt werde.
Hochbezahlte Medienfunktionäre, die noch unlängst angebliche Fortschritte Brasiliens priesen, Agitprop erster Güte ablieferten, sind auf einmal um 180 Grad umgeschwenkt, kritisieren die soziale Lage, fehlende Mittel für das Sozialwesen, gar soziale Ungleichheit. Eben noch wurde Präsidentin Rousseff wegen angeblicher Korruptionsbekämpfung über den grünen Klee gelobt – auf einmal ist von grassierender Korruption die Rede, wird gar die früher beklatschte WM-Vergabe an Brasilien kritisiert. Wer den früheren Agitprop gewöhnt war, könnte jetzt denken, er sitzt im falschen Film. Die Protestwelle in Brasilien ist bis Anfang Juli nicht abgeflaut, neues Phänomen sind ungezählte Protestaktionen mit weniger als hundert Teilnehmern, denen es gelingt, Autobahnen, Fernstraßen, Häfen zu blockieren. Die Protestwelle wird täglich vielfältiger, die Demonstranten zeigen immer mehr Einfallsreichtum, Kreativität.
Amnesty International – “Kopf unter Wasser”: http://www.amnesty.de/journal/2009/juni/kolumne-kopf-unter-wasser
Wie es in Wirtschaftsmedien hieß, haben auch große internationale Logistikfirmen bereits starke Probleme wegen der Protestwelle.
Brasilien bewegt den Bundespräsidenten: Während seines Besuchs zeigte sich Joachim Gauck beeindruckt von der Aufbruchstimmung im Land. Deutschland könne von dem Mut zu Veränderungen lernen. Regierungssender Deutsche Welle 2013
„Auch Dilma hat sich, ganz im Sinne ihres Vorgängers, der Sozialpolitik verschrieben.“ WeltTrends, Potsdam 2012

Polizei-Spezialeinheiten feuern in Sao Paulo teils aus sehr geringem Abstand, wie das TV-Foto deutlich zeigt, auf Demonstranten.
„Sowohl im wirtschaftlichen als auch im sozialen Bereich ist das größte Land Südamerikas zu einem Vorbild in der Region geworden. “ WeltTrends, Potsdam 2012
Der Protesttag vom 13. Juni 2013 – wie die Empörung wuchs: http://www.hart-brasilientexte.de/2013/06/13/brasilien-4-protesttag-gegen-preiserhohungen-in-sao-paulo-auftaktkundgebung-vor-stadttheater/
Fahren in Nahverkehrsbussen in Brasilien:
Frauen in der brasilianischen Politik: http://www.hart-brasilientexte.de/2010/10/28/8-jahre-lula-regierung-die-ministerinnen-riege-veranderungen-bei-geschlechterungleichheit-und-frauenrechten/
Hintergrundtexte – Protestwelle:

“Die Stimme des Volkes ist die Stimme Gottes!” (Sao Paulo, Juni 2013)

Foto Roberto Stuckert/Regierung. Bundespräsident Joachim Gauck und Sao Paulos Bürgermeister Haddad, der die Fahrpreiserhöhungen genehmigte, was das Faß zum Überlaufen brachte…
Proteste bereits während Gauck-Besuch: http://www.hart-brasilientexte.de/2013/05/17/brasilien-historischer-besuch-des-deutschen-bundesprasidenten-joachim-gauck-im-tropenland-trotz-gravierender-menschenrechtslage-folter-todesschwadronen-gefangnis-horror-sklavenarbeit-etc-b/
http://www.hart-brasilientexte.de/2011/09/20/brasilien-daten-statistiken-bewertungen-rankings/
Das prekäre Bildungswesen zählt zu den wichtigsten Kritikpunkten der brasilianischen Demonstranten, von denen die allermeisten Katholiken sind, die die entsprechenden sozialen Forderungen der Bischofskonferenz des größten katholischen Landes und ihrer Sozialpastoralen seit Jahren gut kennen.
Haddad-Siegesfeier auf der Avenida Paulista: http://www.hart-brasilientexte.de/2012/10/29/brasilien-siegesfeier-mit-gewahltem-burgermeister-fernando-haddadmensalao-partei-pt-auf-sao-paulos-avenida-paulista-der-city/
Kardinal Claudio Hummes in Sao Paulo, Juni 2013:“Im Evangelium ist eine Revolution enthalten. Wer sich nicht angehört fühlt, muß eben tatsächlich auf die Straße gehen. Die Proteste richten sich gegen unsere Regierenden.“
Wegen der unter Lula-Rousseff verfolgten Umwelt-und Verkehrspolitik ist die Durchschnittsgeschwindigkeit der Busse – wichtigstes öffentliches Verkehrsmittel Brasiliens(87 % Transportanteil) – in den bedeutendsten Städten des Landes im Durchschnitt nur noch halb so hoch wie vor zehn Jahren, fiel von 25 auf 12,5 km/h, laut Studien. Entsprechend länger brauchen u.a. die Berufstätigen zur Arbeit – und zurück.
Wer noch einmal in mitteleuropäischen Leitmedien die Brasilienanalysen vor der überraschend dann doch wahrgenommenen Protestwelle nachliest, könnte schlußfolgern, daß die brasilianischen Demonstranten mit ihrer Kritik völlig schiefliegen. Denn da war von einem Land in Aufschwungphase mit großartigen Aussichten, mit einer sehr fähigen, erfolgreichen und populären Präsidentin die Rede – wie selbst die Oberen sagten. Alle Politiker, die jetzt Ziel schärfster Kritik sind, werden als angesehen, vertrauenswürdig, erfolgreich und guten Willens beschrieben. Die Brasilianer, als sehr optimistisch eingestuft, konsumierten auffällig stark, hieß es vor dem Hintergrund der starken Teuerungswelle. Auch die Arbeiterpartei Lulas wurde als populär charakterisiert.Von all der jetzigen Demonstrantenkritik war nicht die Rede. Unter den BRIC-Staaten schneide Brasilien sehr gut ab – hieß es entgegen der Datenlage. Auch die Industrie verzeichne Boom – brasilianische Wirtschaftsmedien sprachen dagegen von Deindustrialisierung.
Friedensnobelpreisträger Barack Obama sagte, daß Brasilien ein Modell für die Welt werde.
Gewaltsituation der Slums: http://www.hart-brasilientexte.de/2013/05/31/brasilien-wie-die-kriegsgesange-der-eliteeinheit-bope-die-situation-in-rio-de-janeiro-vor-papstbesuch-fusball-wm-und-olympia-reflektieren-verhandelt-wird-nicht-schus-in-den-kopf-aggressor-g/
Frauen in der brasilianischen Politik: http://www.hart-brasilientexte.de/2010/10/28/8-jahre-lula-regierung-die-ministerinnen-riege-veranderungen-bei-geschlechterungleichheit-und-frauenrechten/

„Die Stimme des Volkes ist die Stimme Gottes!“ (Sao Paulo, Juni 2013)

Foto Roberto Stuckert/Regierung. Bundespräsident Joachim Gauck und Sao Paulos Bürgermeister Haddad, der die Fahrpreiserhöhungen genehmigte, was das Faß zum Überlaufen brachte…
Proteste bereits während Gauck-Besuch: http://www.hart-brasilientexte.de/2013/05/17/brasilien-historischer-besuch-des-deutschen-bundesprasidenten-joachim-gauck-im-tropenland-trotz-gravierender-menschenrechtslage-folter-todesschwadronen-gefangnis-horror-sklavenarbeit-etc-b/
http://www.hart-brasilientexte.de/2011/12/02/brasiliens-slums-die-krise-die-korruptionsfolgen/
Preise in Brasilien: http://www.hart-brasilientexte.de/2010/09/28/brasilien-ist-teuer-geworden-wirtschaftszeitschrift-exame-zu-den-erstaunlichen-preissteigerungen-der-jungsten-zeit/
Tränengasbomben, Hartgummischrot, Panzerwagen gegen Demonstranten am Maracana-Stadion von Rio de Janeiro. Tränengasgestank während des Endspiels im Stadion.
Haddad-Siegesfeier auf der Avenida Paulista: http://www.hart-brasilientexte.de/2012/10/29/brasilien-siegesfeier-mit-gewahltem-burgermeister-fernando-haddadmensalao-partei-pt-auf-sao-paulos-avenida-paulista-der-city/

TV-Foto.
Vor Endspiel-Anpfiff – Militärpolizisten weichen vor Molotowcocktail zurück – etwa 300 m vom Stadion entfernt.
Protestwochenende mit Confed-Finale: http://www.hart-brasilientexte.de/2013/06/29/brasilien-systemkritikerproteste-2013-die-aktionen-am-wochenende-des-confed-endspiels/
Brasiliens größte Qualitätszeitung „Folha de Sao Paulo“ spricht angesichts der unendlichen Kette von Protestaktionen der letzten Jahre jetzt von einer „unerwarteten Explosion der Unzufriedenheit“ in den Städten, die zeige, daß sich im „traditionellen Journalismus“ etwas ändern müsse. Meinungsumfragen hätten eine hohe Popularität der Präsidentin gezeigt und auch die guten Arbeitslosenraten hätten schlußfolgern lassen, daß trotz hoher Inflation doch „alles gut“(tudo bem) sei. Die Masse mit ihren Protestrufen habe deutlich gemacht, daß die Kanäle der Presse nicht ausreichten, um Stimmungsänderungen in der Gesellschaft zu bemerken.
Blätter wie „Folha de Sao Paulo“ berichten fast nichts über die Lage in den mehr als 2600 Slums von Sao Paulo, ebensowenig über die dortigen Aktivitäten der befreiungstheologisch geprägten Sozialpastoralen der katholischen Kirche in der Erzdiözese Sao Paulo.

Kritik an Dilma Rousseff – keinerlei Berichterstattung in Leitmedien…Noch kurz vor der jetzigen Protestwelle dominierte in mitteleuropäischen Leitmedien platter Rousseff-Agitprop, der jetzt beim Nachlesen umso kurioser wirkt. Alle Politiker, die jetzt Ziel schärfster Kritik sind, werden als populär, vertrauenswürdig, erfolgreich beschrieben. Angesichts der starken Teuerungsrate heißt es besseres Wissen, die Brasilianer konsumierten auffällig stark. Die Arbeiterpartei Lulas wurde als populär charakterisiert.
Arbeitergottesdienst in Sao Paulos Kathedrale 2013 – keine Leitmedien anwesend, keinerlei Berichterstattung in Leitmedien: http://www.hart-brasilientexte.de/2013/05/01/brasilien-systemkritischer-katholischer-arbeitergottesdienst-zum-1-mai-2013-in-der-kathedrale-von-sao-paulo-drittgroste-katholische-diozese-der-erde-protest-gegen-sklavenarbeit-billigstlohne-feh/
Kontrolle von Protestpotential heute: http://www.hart-brasilientexte.de/2008/02/15/wem-nutzen-banditendiktatur-und-immer-mehr-no-go-areas/
Bereits vor der jüngsten, gar vom mitteleuropäischen Mainstream vermeldeten Protestwelle, hatte es in Städten wie Sao Paulo die letzten Monate tagtäglich Protestaktionen gegeben – indessen ließen sich dort nie in-und ausländische Leitmedien-Journalisten, Kamerateams bekannter, stark meinungsbildender Fernsehanstalten blicken, blieb die Medien-Öffentlichkeit ausgeschlossen. Per Internet-Suche hat man indessen leicht heraus, wie es um die Zunahme der Proteste, der Unruhe in der Bevölkerung tatsächlich stand – und daß die jetzigen Forderungen in einem von Brasilia ungeliebten Spektrum bereits seit dem Amtsantritt der Lula-Regierung teils sehr lautstark geäußert wurden.
Protest von 2011 in Sao Paulo auf der Avenida Paulista(Haben Sie davon was in Ihrem Leitmedium gelesen?): http://www.hart-brasilientexte.de/2011/08/14/brasilien-fusballfans-sao-paulo-protestierend-gegen-korruption-gesichter-brasiliens/
Tränengasbomben gegen Demonstranten am Maracana-Stadion von Rio de Janeiro.
Wer noch einmal in mitteleuropäischen Leitmedien die Brasilienanalysen vor der überraschend dann doch wahrgenommenen Protestwelle nachliest, könnte schlußfolgern, daß die brasilianischen Demonstranten mit ihrer Kritik völlig schiefliegen. Denn da war von einem Land in Aufschwungphase, mit einer sehr fähigen, erfolgreichen und populären Präsidentin die Rede – wie selbst die Oberen sagten. Alle Politiker, die jetzt Ziel schärfster Kritik sind, werden als angesehen, vertrauenswürdig, erfolgreich und guten Willens beschrieben. Die Brasilianer, als sehr optimistisch eingestuft, konsumierten auffällig stark, hieß es vor dem Hintergrund der starken Teuerungswelle. Auch die Arbeiterpartei Lulas wurde als populär charakterisiert.Von all der jetzigen Demonstrantenkritik war nicht die Rede. Unter den BRIC-Staaten schneide Brasilien sehr gut ab – hieß es entgegen der Datenlage. Auch die Industrie verzeichne Boom – brasilianische Wirtschaftsmedien sprachen dagegen von Deindustrialisierung.
Friedensnobelpreisträger Barack Obama sagte, daß Brasilien ein Modell für die Welt werde.
„Sowohl im wirtschaftlichen als auch im sozialen Bereich ist das größte Land Südamerikas zu einem Vorbild in der Region geworden. “ WeltTrends, Potsdam 2012

Vor Endspiel-Anpfiff – Militärpolizisten weichen vor Molotowcocktail zurück – etwa 300 m vom Stadion entfernt.
Rousseff-Popularität stürzt ab: http://www.hart-brasilientexte.de/2013/06/29/brasilien-systemkritikerproteste-2013-popularitatsrate-von-prasidentin-dilma-rousseff-sturzte-auf-30-prozent-ab-laut-umfragen/
„Die Demonstrationen kündigen die Ankunft der Wirtschaftskrise im Alltag der Menschen und der Unternehmen an.“ „O Estado de Sao Paulo“.
Protest von 2011 in Sao Paulo auf der Avenid Paulista(Haben Sie davon was in Ihrem Leitmedium gelesen?): http://www.hart-brasilientexte.de/2011/08/14/brasilien-fusballfans-sao-paulo-protestierend-gegen-korruption-gesichter-brasiliens/
Die besten Fotos der Protestaktionen, dazu die besten Live-Übertragungen, Zeitungsberichte, tiefgründigsten und faktenreichsten Kommentare und Analysen kommen wie immer von den investigativen Journalisten des Globo-Medienkonzerns. Damit verglichen, wirkt die Proteste-Berichterstattung im mitteleuropäischen Mainstream oft auffällig unprofessionell und oberflächlich. Globo-Journalisten analysieren die gravierende Menschenrechtslage Brasiliens – im mitteleuropäischen Mainstream ist dies offenbar nach wie vor untersagt.
Bundespräsident Joachim Gauck 2013 in Brasilien, “Wertegemeinschaft”: http://www.hart-brasilientexte.de/2013/05/17/brasilien-historischer-besuch-des-deutschen-bundesprasidenten-joachim-gauck-im-tropenland-trotz-gravierender-menschenrechtslage-folter-todesschwadronen-gefangnis-horror-sklavenarbeit-etc-b/
Unter den Demonstranten Sao Paulos liegt die Sympathierate für Rousseff laut Umfragen von Privatmedien nur bei etwa 10 %.
“Die Demonstrationen kündigen die Ankunft der Wirtschaftskrise im Alltag der Menschen und der Unternehmen an.” “O Estado de Sao Paulo”.
Dilma Rousseff hatte als Präsidentschaftskandidatin 2010 im ersten Wahlgang 47,6 % der Pflichtwählerstimmen erhalten, im zweiten dann 56,05 %.
Wie es hieß, gaben die Sicherheitsbehörden Rios für umgerechnet über eine halbe Million Euro eine Eilbestellung an die Herstellerfirma. Diese sei davon überrascht worden, gab mangels fehlender Bestände notgedrungen eine vorbereitete Lieferung von Gasgranaten für Angola an die Polizei-Spezialeinheiten der Zuckerhutstadt ab.
Joachim Gauck im Mai 2013 in Sao Paulo: ”Und zweitens ist der weitere Erfolg Brasiliens auch deswegen für uns eine Chance, da Brasilien unsere Werte – Demokratie, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit – teilt und seine wirtschaftliche Potenz in den Dienst auch dieser Werte stellt.”

Ausriß – Kavallerie der Militärpolizei in Rio de Janeiro gegen Demonstranten. http://www.hart-brasilientexte.de/2013/06/14/brasiliens-gravierende-menschenrechtslage-2013-uno-bestatigt-kritik-der-katholischen-kirche-des-landes-an-vertreibungen-und-sozialen-sauberungen-im-vorfeld-von-fusball-wm-und-olympia/

Ausriß.
„Wo ist Lula?“:
Joachim Gauck im Mai 2013 in Sao Paulo: ”Und zweitens ist der weitere Erfolg Brasiliens auch deswegen für uns eine Chance, da Brasilien unsere Werte – Demokratie, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit – teilt und seine wirtschaftliche Potenz in den Dienst auch dieser Werte stellt.”