Wie es hieß, räumten Lula und die Kampagnespitze ein, Wahlkampf von oben herab betrieben zu haben, vor der Stichwahl sei jetzt Bescheidenheit angebracht. Grotestk-bizarr wirkte die sogenannte „Sieges-Kundgebung“ als Kampagneabschluß wenige Tage vor der Wahl in Sao Paulo – als längst klar war, daß es mit dem „Sieg“ wegen spürbaren Stimmungswandels nichts wird. Zur Kundgebung mußten von weither Anhänger mit Bussen herangekarrt werden, da sich mitten in der Megacity Sao Paulo nicht genügend Leute fanden. Dennoch gestikulierten Lula, Rousseff und Mercadante dann nur vor etwa 3000 Leuten. Jetzt habe Lula angewiesen, Wähler zurückzugewinnen, die wegen der Abtreibungsdiskussion abgesprungen seien. Die Medien erinnerten wie zuvor evangelikale und katholische Kirchen daran, daß Lulas Arbeiterpartei PT sogar bekannte, angesehene Mitglieder aus der Partei entfernt hatte, weil sie sich gegen die geplante Legalisierung der Abtreibung wandten. Einige Feministinnen hätten dies ins Programm hineinformuliert, hieß es aus der Arbeiterparteispitze. “ Zu diesen Minderheits-Feministinnen, so Kommentatoren, müsse Dilma Rousseff gezählt werden, die sich bereits 2007 für die „Descriminalazao do aborto“ ausgesprochen habe: „No Brasil, é um absurdo que nao haja.“ Als wichtigen Grund für das verfehlte Wahlziel wurden zudem Lulas arrogante Attacken gegen Medien und Journalisten gezählt, die jüngste Regierungsskandale, darunter Erenicegate, enthüllt hatten.
Leitmedien „Die Zeit“ und „Spiegel“ zum Wahlergebnis: http://www.zeit.de/politik/ausland/2010-10/brasilien-praesidentschaftswahl-rousseff
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,721014,00.html
Grüner Abtreibungsgegner Bassuma: http://www.hart-brasilientexte.de/2010/10/06/gruner-abtreibungsgegner-luiz-bassuma-wenn-dilma-rousseff-zur-abtreibungsfrage-aus-wahltaktischen-grunden-lugt-verschlechtert-sich-ihre-situation-weiter-das-ware-ein-schus-in-den-fus-bassuma-we/
http://www.hart-brasilientexte.de/2010/10/03/wahl-humor-in-brasilien-o-globo/
Lula auf grotesker „Siegeskundgebung“ in Sao Paulo – wie stets als Frontmann von Dilma Rousseff, hinter ihm.
„Grande Comicio da Vitoria“: http://www.hart-brasilientexte.de/2010/09/28/dilma-rousseff-und-lula-grose-siegeskundgebung-grande-comicio-da-vitoria-in-sao-paulo/
„Apos polemica, Dilma caiu entre evangelicos“. (Estadao vor den Wahlen)
Arbeiterpartei-Kommunikationsexperte André Vargas zur befürworteten Legalisierung der Abtreibung: „Das war ein Fehler, durch einige Feministinnen hereingebracht“.
„PT já discute retirar aborto do programa de governo…Marina teve voto religioso e de classe media.“ (Folha de Sao Paulo)
„Lula diz que terá papel ativo em eventual governo Dilma.“
„No berco politico do PT, Dilma nao atingiu 50 % dos votos.“ O Estado de Sao Paulo über Wahlresultat in früherer Arbeiter-und Gewerkschaftshochburg Sao Bernardo do Campo bei Sao Paulo.
Leitmedium „Die Zeit“ zum Wahlergebnis: http://www.zeit.de/politik/ausland/2010-10/brasilien-praesidentschaftswahl-rousseff (more…)
Laut brasilianischen Wahlanalysen der Qualitätsmedien profitierte Präsidentschaftskandidatin Marina Silva stark von religiös besetzten Themen wie der Abtreibung. Dilma Rousseffs plötzliche Positionsänderung von der Abtreibungsbefürworterin zur Abtreibungsgegnerin, das Anbiedern bei Evangelikalen und Katholiken kam bei den Kirchen schlecht an, habe die grüne Kandidatin direkt begünstigt und ihr fast 20 Prozent der Stimmen zugespielt – weit mehr, als zuvor prognostiziert, heißt es. Marina Silva habe es geschafft, daß Anhänger der evangelikalen Sektenkirchen, die ursprünglich für Dilma Rousseff stimmen wollten, zur Predigerin aus den eigenen Reihen umschwenkten. Anhänger der Grünen Partei(PV) seien von Lulas PT-Kampagnemanagement als Hauptverbreiter von religiösen Botschaften gegen Dilma Rousseff identifiziert worden. Anti-Rousseff-Videos von evangelikalen Pastoren seien zu regelrechten Hits, vor allem im Internet geworden, millionenmal angeklickt.
Leitmedien „Die Zeit“ und „Spiegel“ zum Wahlergebnis: http://www.zeit.de/politik/ausland/2010-10/brasilien-praesidentschaftswahl-rousseff
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,721014,00.html
Selbst in Sao Paulo schwenkten evangelikale Empfänger von „Bolsa Familia“ in den letzten Tagen vor der Wahl um, weil in deren Kirchen Zweifel an der Religiosität von Dilma Rousseff ausgestreut worden waren. Die PT-Wahlkampagne, hieß es in den Qualitätsmedien weiter, habe erfolglos versucht, den damit bei Dilma Rousseff angerichteten Imageschaden zu begrenzen. Das Gewicht der Religion bei Wahlen sei nach wie vor groß, wurde der Politikwissenschaftler Marcus Figueiredo von der Staatsuniversität Rio de Janeiro zitiert. Besonders gelte dies für evangelikale Wähler, die konservativer als andere religiöse Wählergruppen seien. Selbst die Frau von Präsidentschaftskandidat José Serra habe das Abtreibungsthema gegen Dilma Rousseff genutzt. Monica Serra habe sogar beim Wahlkampf in Rio de Janeiro erklärt, Dilma Rousseff sei dafür, Kinder zu töten(matar criancinhas).
Marina Silva als Predigerin – anklicken: http://www.hart-brasilientexte.de/2010/10/07/marina-silva-brasiliens-evangelikaler-grunen-star-predigt-anklicken/
“Marina Silva gewann Stimmen nicht wegen ihrer Fortschrittlichkeit, sondern wegen des Traditionalismus ihrer Meinungen.”(Folha de Sao Paulo)
“Nicht ohne Grund hat etwa der frühere US-Präsident Ronald Reagan in Südamerika die Sekten gefördert, weil sie individualisierend und systemstabilisierend wirken.” Franziskaner Paulo Suess in Publik-Forum
„Aborto opoe Marina a Dilma e esquenta guerra de candidatas.“(Schlagzeile von O Globo vor den Wahlen)
„Ich bin gegen die Abtreibung, ich bin gegen die Homo-Ehe.“ Marina Silva in TV-Interviews.
In den Teilstaaten Rio de Janeiro und Sao Paulo sind die Grünen die Bündnispartner der PSDB Serras.
Streit zwischen Wunderheiler-Sektenkirchen vor Stichwahl 2010: http://www.hart-brasilientexte.de/2010/10/22/evangelikale-wunderheilerkirche-von-predigerin-marina-silva-streitet-fur-prasidentschaftskandidat-jose-serra-sektenkirche-igreja-universal-von-edir-macedo-fur-lulas-kandidatin-dilma-rousseff/
Marina Silva als PT-Umweltministerin(bis Mai 2008): http://www.hart-brasilientexte.de/2008/05/13/brasiliens-umweltministerin-marina-silva-bittet-um-entlassung-meldet-presse-kurz-vor-eintreffen-angela-merkels/
„Präsidentenpalast schützt Ehemann von Ministerin Marina Silva“: http://portalamazonia.globo.com/pscript/noticias/noticias.php?idN=8744
„Marina Silva sucumbiu a esta politica, e na sua incompetencia politica permitiu, sendo ministra, que a bomba demorasse a estourar…E a ministra Marina Silva que vá desalojar o Sibá Machado no senado que, alias, emprega o marido da ministra em seu gabinete de suplente…da propria. Houve tempo em que o PT reclamava disso….È imensuravel o mal que esta senhora que, segundo o Osmarino Amancio(sindicalista autentico e seringueiro, amigo e companheiro de Chico Mendes) traiu os interesses dos Povos da Floresta, em busca de uma politica de conciliacao de interesses inconciliaveis.“
Umweltjournalist Norbert Suchanek über Marina Silva: http://www.hart-brasilientexte.de/2009/09/14/marina-silva-norwegischer-umweltpreis-dotiert-mit-100000-dollar-nichts-getan-und-doch-geehrt/
Lulas Arbeiterpartei PT hatte in Brasilia ein Freudenfest vorbereitet, um den erwarteten Wahlsieg von Dilma Rousseff entsprechend zu feiern. Lula und Dilma Rousseff hatten gemäß Landesmedien ihr Erscheinen fest zugesagt, entschieden jedoch angesichts der wenigen Besucher, sich dort besser nicht sehen zu lassen.

José Serra aus Sao Paulo – gegen Dilma Rousseff in der Stichwahl.
„Siegeskundgebung“ in Sao Paulo: http://www.hart-brasilientexte.de/2010/09/28/dilma-rousseff-und-lula-grose-siegeskundgebung-grande-comicio-da-vitoria-in-sao-paulo/
Wahlfotos(Ausriß O Estado de Sao Paulo) – u. a. Wähler vor Favela Rocinha in Rio de Janeiro und Kraho-Indianerin vor Wahlkabine im nördlichen Teilstaat Tocantins.
Nach Ansicht von brasilianischen Politikexperten wirkte sich der Erenice-Guerra-Skandal offensichtlich stärker auf das Wahlergebnis aus, als die Lula-Regierung erwartet hatte. Erenicegate rief Erinnerungen an den gigantischen Mensalao-Skandal wach. Auch Lulas und Dilma Rousseffs Attacken gegen die Landesmedien wegen jüngster Korruptionsenthüllungen kosteten viele Stimmen. http://www.hart-brasilientexte.de/2010/09/23/autoritarismus-von-lula-in-manifest-verurteilt-pt-grunder-helio-bicudolangst-ausgetreten-und-deutschstammiger-kardinal-evarista-arns-unterzeichnen-regierungsattacken-gegen-medien-zuruckgewies/
Gleiches gilt für die Abtreibungsfrage: http://www.hart-brasilientexte.de/2010/09/30/abtreibung-in-brasilien-abtreibungsbefurworterin-dilma-rousseff-andert-kurz-vor-pflichtwahlen-die-position-erklart-sich-zur-abtreibungsgegnerin-scharfe-kritik-von-marina-silva-und-jose-serra/
Im Arbeiter-Teilstaat Sao Paulo, der wichtigsten Industrieregion ganz Lateinamerikas, konnte José Serra in den letzten Tagen vor der Wahl stärker aufholen als erwartet. Zudem überraschte das gute Abschneiden von Lulas früherer Umweltministerin und Abtreibungsgegnerin Marina Silva, womit nur wenige gerechnet hatten. http://www.hart-brasilientexte.de/2009/09/06/uber-die-halfte-der-brasilianischen-savannenwaldercerrado-bereits-abgeholzt-in-der-amtszeit-von-umweltministerin-marina-silva-rund-100000-quadratkilometer-zerstort/
“Marina Silva gewann Stimmen nicht wegen ihrer Fortschrittlichkeit, sondern wegen des Traditionalismus ihrer Meinungen.”(Folha de Sao Paulo)
Gerade in armen Teilstaaten war das Resultat der Lula-Kandidatin Rousseff keineswegs so überzeugend wie vorausgesagt – in mindestens fünf davon lag Serra vorn. „Ironischerweise zwang ein Wähleranteil, der wirtschaftlich während der Lula-Regierung vorankam, Dilma dazu, sich der Stichwahl zu unterwerfen“, analysiert die „Folha de Sao Paulo“.
Serras nur dem Namen nach sozialdemokratische Partei PSDB stellt künftig die Gouverneure in wirtschaftlich führenden Teilstaaten wie Sao Paulo, Minas Gerais und Paraná, außerdem im nördlichen Tocantins – hat zudem gute Chancen in der Stichwahl auf weitere Teilstaaten. Lulas Regierungspartei – errang im ersten Wahlgang lediglich vier Gouverneursposten, mit Ausnahme von Rio Grande do Sul allesamt wirtschaftlich weniger wichtig.
In der Abgeordnetenkammer des Nationalkongresses verbesserte sich Lulas Arbeiterpartei PT deutlich, stellt künftig von insgesamt 513 Sitzen jedoch immer noch nur 86. Zweitstärkste Fraktion ist die ideologisch ähnlich konfuse PMDB mit 78 Sitzen. Auf das Oppositionslager um José Serra entfallen lediglich etwa 118, hieß es in ersten Analysen.
Brasiliens fragwürdige Umfragen(Lula-Popularität, Dilma-Rousseff-Popularität etc.): Dilma Rousseff waren zwischen 50 und 51 Prozent der Stimmen vorausgesagt worden, José Serra 31 und Marina Silva 17 Prozent. Stattdessen erreichte Dilma Rousseff nicht einmal 47 Prozent – Hinweis auf die tatsächliche Bewertung der Lula-Regierung durch die wahlpflichtige Bevölkerung.
“Die politische Wirrnis in Brasilien ist von shakespearscher Komplexität. Politiker wechseln die Partei wie ihre Kleidung. Täglich werden die absurdesten Koalitionen geschmiedet.” Tim Wegenast, deutscher Professor an der Uni Konstanz.
„Lula diz que terá papel ativo em eventual governo Dilma.“(Folha de Sao Paulo)

José Serra.
„Gefährliche politische Manipulation – diese Umfragen sind nicht sehr vertrauenswürdig“: http://www.hart-brasilientexte.de/2010/10/02/wir-wissen-das-es-grosen-stimmenkauf-im-norden-und-nordosten-gab-gefahrliche-politische-manipulation-emeritierter-katholischer-bischof-emilio-pignoli-zu-pflichtwahlen-anklicken/
http://www.doingbusiness.org/exploreeconomies/?economyid=28
http://www.doingbusiness.org/economyrankings/
Petrobras-Kapitalerhöhung: http://www.hart-brasilientexte.de/2010/09/28/brasiliens-gefeierte-petrobras-kapitalerhohung-lediglich-ausgleich-zuvor-erlittener-wertverluste-laut-landesmedien/
Brasilien auf UNO-Index für menschliche Entwicklung: http://www.hart-brasilientexte.de/2009/10/05/brasilien-auf-uno-index-fur-menschliche-entwicklung-jetzt-platz-75-hinter-argentinien-chile-und-kuba/
Die TV-Schlußdebatte hinterließ bei vielen Brasilianern sogar den Eindruck eines abgekarteten Spiels, von Vorabsprachen: Lulas aussichtsreiche Wunschkandidatin Dilma Rousseff wurde überaus auffällig geschont – die Gegenkandidaten unternahmen nicht den geringsten Versuch, ihr Stimmen abzujagen, sie tiefgründig zu kritisieren, gar mit treffenden Argumenten zu attackieren. Der jüngste Regierungsskandal(Erenicegate) um Lulas und Rousseffs enge Vertraute Erenice Guerra – nach Presseenthüllungen notgedrungen aus dem Ministeramt gefeuert – wurde nicht einmal erwähnt, ebensowenig andere gravierende Korruptionsfälle oder gar der gigantische Mensalao-Skandal um Parteien-und Stimmenkauf. Offener Meinungsstreit, gar Emotionen und Dramatik, wurden vermieden. In der wichtigsten, häufig wahlentscheidenden Debatte verzichtete sogar der katholische Menschenrechtsaktivist Plinio Sampaio(PSOL) auf üblicherweise brillant vorgebrachte brisante Kritik an der gravierenden Menschenrechtslage Brasiliens, die er u.a. als Hauptankläger eines internationalen Tribunals so detailliert wie kaum ein anderer kennt. Sampaio verlor, was vielen seiner brasilianischen Anhänger die Laune verdarb, kein einziges Wort über von UNO und Amnesty International belegte alltägliche Folter, Todesschwadronen, außergerichtliche Exekutionen, Sklavenarbeit, Rechtlosigkeit der Slumbewohner unter dem Diktat hochgerüsteter Banditenkommandos. Dilma Rousseff wurde unwidersprochen und immer wieder Gelegenheit für leicht widerlegbare Regierungspropaganda gegeben. Jedermann rechnete mit geforderten Klarstellungen zu Rousseffs Positionsänderung in der Abtreibungsfrage – derzeit in der Öffentlichkeit heftig diskutiert – doch jegliche Frage zu diesem Thema wurde von den „Gegenkandidaten“ unterlassen. Die Rolle von Marina Silva als PT-Umweltministerin der Regierung Lula-Rousseff bei der Naturzerstörung in Brasilien kam natürlich auch nicht zur Sprache. Entsprechend titelten die großen Zeitungen: „Dilma e Serra evitam confronto direto…Sem embate, encontro só causa tedio…Confuso, Plinio perde folego em debate mais importante…Como foi possivel a Dilma entrar e sair do debate na Globo sem ouvir o nome de Erenice?…Termina a campanha mais personalista, despolitizada e burra em um quarto de seculo de democracia.“ Was war da los, wird man es jemals erfahren?
„Violencia matou 25000 pessoas no Rio desde 2007.“ (NGO Rio de Paz)
In Rio de Janeiros Bergstadtteil Santa Teresa, in dem auch viele Europäer wohnen, wurde laut Medienberichten zugelassen, daß sich die schwerbewaffneten Banditenkommandos 2010 aus Hilfslieferungen für Betroffene von Erdrutschen und anderen Zerstörungen die besten Stücke, darunter Kleidung, vor der Verteilung heraussuchten. „Que horror.“
Cesar Gaviria, Ex-Generalsekretär der Organisation Amerikanischer Staaten: Lula „nao liderou a defesa nem dos direitos humanos nem da liberdade de expressao na America Latina.“(O Estado de Sao Paulo)