Klaus Hart Brasilientexte

Aktuelle Berichte aus Brasilien - Politik, Kultur und Naturschutz

Finanz-und Wirtschaftskrise, Rekord-Entlassungen in Brasilien. Lula spricht von “Porretada” im Dezember 2008. “Fiquei puto.” Stopp vieler Industrieprojekte. “Nao é para vazar. Se vazar o que vou dizer, voces estao fodidos!”

Brasiliens Staatspräsident Lula hat nach monatelangem Abstreiten erstmals gravierende Auswirkungen der internationalen Finanzkrise auf sein Land eingeräumt. Im  Dezember 2008 wurden gemäß den gewöhnlich geschönten amtlichen Angaben 655000 fest Beschäftigte entlassen, was einen historischen Rekord bedeutet.  Allein die Industrie von Sao Paulo feuerte über 100000. Wieviele Vertragslose  ihre Arbeit verloren, ist noch nicht bekannt.

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Kloake-Slum in Sao Paulo - laut europäischen Deutungen kaum Krisenauswirkungen in Brasilien.

http://www.hart-brasilientexte.de/2010/07/19/sao-paulo-gewerkschaftsdemo-fur-arbeitsplatze-gesichter-brasiliens/

http://www.hart-brasilientexte.de/2010/10/30/baden-wurttemberg-exportiert-mehr-als-ganz-brasilien/

Die Krise, so Lula, sei ohne Beispiel und treffe alle Staaten. Aus einer vertraulichen Sitzung Lulas mit Bankchefs sickerten diese Äußerungen durch:”Nao é para vazar. Se vazar o que vou dizer, voces estao fodidos. Mas eu fiquei muito assustado com a quantidade de demissoes em dezembro. Fiquei puto.”Nach gescheiterten Verhandlungen mit der Unternehmerseite über Entlassungsstopps verhandeln die nationalen Gewerkschaften jetzt mit der Regierung, wollen unter anderem ein Abgehen von der wachstumshemmenden Hochzinspolitik.In Lateinamerikas führender Wirtschaftsregion, dem brasilianischen Teilstaat Sao Paulo, ist vergangenen Dezember die Industrieproduktion gegenüber November um 13,5 Prozent zurückgegangen. Ein beträchtlicher Teil der Unternehmen hat weitere Entlassungen angekündigt. Staatschef Lulas Arbeitsminister Carlos Lupi ließ deshalb erstmals von bisherigem Optimismus und verkündete öffentlich, das erste Vierteljahr werde wohl furchtbar. Im gewerkschaftsnahen, auf Arbeitsmarktstudien spezialisierten Forschungsinstitut DIEESE in Sao Paulo herrscht deshalb jetzt Hochbetrieb wie selten. DIEESE-Chef Ademir Figueiredo warnt indessen vor Schwarzmalerei und Katastrophenstimmung. ”Unser Problem ist derzeit, die Dimension, die Auswirkung der weltweiten Krise hier in Brasilien festzustellen. Der Export, doch auch der Binnenmarkt haben große Schwierigkeiten. Sofern die Regierung angemessen handelt, kann Brasilien einer Rezession entgehen, würde ich zumindest eine lange Rezessionsphase ausschließen. Wir sind immer noch ein armes Land -  mit enormer sozialer Ungleichheit. Wir brauchten deshalb eigentlich ein jährliches Wirtschaftswachstum von sieben Prozent. Brasilien war im Begriff, deutliche wirtschaftliche Fortschritte zu erreichen. Doch jetzt wurde dieser Prozeß gestoppt “ und das ist eine Tragödie.”Zahlreiche westliche Länder haben auf die Finanzkrise mit deutlichen Zinssenkungen reagiert -  Brasiliens Wirtschaftskommentatoren und selbst Arbeitsminister Lupi kritisieren daher, daß die Regierung dennoch an ihrer wachstumshemmenden Hochzinspolitik festhält. DIEESE-Chef Figueiredo sieht es genauso:”Brasilien hat die höchsten Leitzinsen der Welt -  über 13 Prozent “ und stellt sich damit als einziges Land gegen den internationalen Trend. Unsere Banken investieren ihre knappen Gelder deshalb jetzt lieber in Schuldentitel der Regierung, die sicheren Gewinn versprechen, anstatt Geld mit Risiko zu verleihen. Und das bedeutet: Brasiliens Privatunternehmen bekommen derzeit nur schwerlich Kredite und sagen: Auch deshalb müssen wir jetzt entlassen! Brasiliens Rekordzinsen, so heißt es immer offiziell zur Begründung, dienten der Inflationsbekämpfung. Doch die Teuerungsrate geht ja zurück. Die Hochzinspolitik hat natürlich soziale Kosten. Denn je höhere Zinsen die Regierung zahlt, umso weniger Mittel hat sie beispielsweise für Sozialprogramme. In unserer Gesellschaft gibt es einen scharfen Disput um die Einkommen, die Interessen der Anleger gehen vor, nicht die Interessen der Produzierenden, der Arbeiter.”

Inzwischen wurden die Leitzinsen auf 12,75 Prozent gesenkt - die Realzinsen sind indessen weiter die höchsten des Erdballs.  Experte Figueiredo weist auf zwei Besonderheiten des brasilianischen Arbeitsmarkts: Weil entsprechende Gesetze fehlten, könne willkürlich und massenhaft entlassen werden. Häufig sei zudem, Beschäftigte zu entlassen und dann zu weit niedrigeren Löhnen wieder einzustellen. Zudem arbeitet nur ein Teil der brasilianischen Beschäftigten mit festem Vertrag und entsprechenden Rechten -  über die Hälfte ist jedoch im sogenannten informellen Sektor tätig, leistet nach europäischen Kriterien Schwarzarbeit. ”Dieser Sektor ist vom regulären Arbeitsmarkt abhängig. Wenn dort entlassen wird, verlieren im informellen Sektor die Leute ebenfalls ihre Jobs. Betroffen sind dann die Straßenverkäufer, aber auch Servicebetriebe und sogar kleine Industrien. Wieviele dort bisher wegen der Krise hinausgeflogen sind, läßt sich aber nur schwer ermitteln.”In Sao Paulo ist die multinationale, exportintensive Autoindustrie, von Volkswagen bis Ford und General Motors, konzentriert und steht derzeit im Kreuzfeuer der Kritik. ”Die Automultis schicken bereits große Kontingente ihrer Arbeiter auf die Straße. Diese Branche ist die letzten Jahre sehr stark gewachsen, machte hohe Gewinne. Deshalb sagen die Beschäftigen jetzt, wir wollen eine Arbeitsplatzgarantie. Die Regierung hat den Automultis in der jetzigen Krise bereits Vergünstigungen gewährt “ und Arbeitsminister Lupi sagt, solche Firmen dürften nicht entlassen. Sie tun es aber trotzdem. Die Gewerkschaften haben jetzt ihre Verhandlungen mit dem Industriellenverband von Sao Paulo gestoppt und wollen nun bei der Lula-Regierung auf ein Maßnahmenpaket gegen die Krise drängen. Denn wir kommen aus dieser Krise nur heraus, wenn Brasilia die Hochzinspolitik aufgibt und damit mehr Mittel etwa für den Wohnungsbau, für Straßen und dringend erforderliche Infrastrukturmaßnahmen freibekommt. Die Arbeitskosten in Brasilien sind im internationalen Vergleich immer noch sehr niedrig “ deshalb kommen soviele ausländische Firmen hierher, alle großen Autowerke Brasiliens sind Multis “ und haben in unserer Wirtschaft sehr großes Gewicht.”

Derzeit vergeht so gut wie kein Tag, an dem Brasiliens Medien nicht über neue Entlassungen berichten. Besonders betroffen von der Krise ist die Zucker-und Ethanol-Industrie - statt der 43 für 2009 geplanten neuen Fabriken sollen gemäß neuen Angaben nur 22 in Betrieb gehen. Schmerzhaft ist auch der Stopp anderer Industrieprojekte: So werden der brasilianischen Minenkonzern Vale und die chinesische Baosteel im Teilstaat Espirito Santo kein Stahlwerk mehr bauen, das beim Bau 15000 Menschen und nach der Fertigstellung 3000 Arbeiter fest beschäftigen sollte.

 http://www.hart-brasilientexte.de/2008/12/31/krise-was-denn-fur-eine-krise-brasiliens-medien-spotten-uber-lulas-populistische-spruche-mit-denen-er-die-gravierenden-auswirkungen-der-finanzkrise-auf-das-tropenland-bestreitet/

http://www.hart-brasilientexte.de/2009/01/12/600000-brasilianer-im-dezember-gefeuert-desastre-historico/ Â

http://www.hart-brasilientexte.de/2009/01/19/weltsozialforum-2009-ende-januar-in-belem-para-politisch-korrekt-oder-realitatsnah-staatschef-lula-schickt-armee-spezialeinheit-in-die-stark-gewaltgepragte-forumsstadt/

Laut europäischen Einschätzungen wirkte sich die Krise indessen in Brasilien kaum aus.

Dieser Beitrag wurde am Freitag, 23. Januar 2009 um 15:50 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Kultur, Politik abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen.

« Weltsozialforum 2009 und Menschenrechte: 126000 unrechtmäßig in brasilianischen Gefängnissen festgehalten, räumt staatlicher Justizrat erstmals ein. – Weltsozialforum 2009 und “Linke”: “The Pasteurization of the Left”, Brasiliens wichtigster Befreiungstheologe Frei Betto. »

26 Kommentare

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    Pingback: Klaus Hart Brasilientexte » Brasiliens Arbeitslosenhilfe jetzt maximal umgerechnet etwa 290 Euro, minimal 155 Euro. Höchstens fünf Monate gezahlt. – 03. Februar 2009 @ 18:31

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    Pingback: Klaus Hart Brasilientexte » Brasiliens Industrieproduktion fiel um 12,4 Prozent im Dezember, stärkster Rückgang seit 1991. Industriellenverband spricht erstmals von möglicher Rezession. Starke Exporteinbrüche, Massenentlassungen. “Lateinam – 04. Februar 2009 @ 13:07

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    Pingback: Klaus Hart Brasilientexte » Brasiliens Industrieproduktion fiel um 12,4 Prozent im Dezember, stärkster Rückgang seit 1991. Industriellenverband spricht erstmals von möglicher Rezession. Starke Exporteinbrüche, Massenentlassungen. “Lateinam – 05. Februar 2009 @ 12:46

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    Pingback: Klaus Hart Brasilientexte » “Brasilien - ein Vorbild für die Welt.” (Handelsblatt) Sao Paulos Industrie feuert seit Oktober laut Unternehmerverband 236000 Beschäftigte, 43000 allein im Februar. Brasiliens katholische Kirche zur Krise. – 25. März 2009 @ 15:08

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    Pingback: Klaus Hart Brasilientexte » “In Brasilien beginnt die Entlassungswelle”, schreibt Die Welt. In Wahrheit begann sie letzten Oktober. – 07. April 2009 @ 14:02

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    Pingback: Klaus Hart Brasilientexte » Laut Lula ist Brasiliens Situation “so gut”, daß er auf Augenhöhe mit Barack Obama und Angela Merkel konferiere. – 13. Mai 2009 @ 15:12

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    Pingback: Klaus Hart Brasilientexte » ThyssenKrupp: Stahlwerk bei Rio de Janeiro wird möglicherweise später in Betrieb gehen. Brasiliens größtes Investprojekt. Lula auf Baustelle. – 13. Mai 2009 @ 18:10

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    Pingback: Klaus Hart Brasilientexte » Carry Trade: Brasilianischer Real wegen massiver Spekulation stark überbewertet, betonen brasilianische Wirtschaftsexperten. Bereits schwere Schäden für einheimische Wirtschaft. Kirche zu Hunger in Brasilien. – 17. Dezember 2009 @ 12:22

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    Pingback: Klaus Hart Brasilientexte » “Kein Anlaß zur Euphorie.” Handelsblatt zur Wirtschaftslage Brasiliens. “Viel Elend und Hunger in Paraisopolis”, laut Slumpriester Luciano Borges Basilio. “Krise abgeschüttelt wie eine läs – 17. Dezember 2009 @ 12:23

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    Pingback: Klaus Hart Brasilientexte » Brasiliens Wirtschaft nur in Erholungsphase, nicht in Expansion, laut OECD, stellen Landesmedien heraus. Widerspruch zur Darstellung europäischer Wirtschaftsmedien, die lediglich schwache Krisenfolgen in Brasilien betone – 17. Dezember 2009 @ 12:24

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    Pingback: Klaus Hart Brasilientexte » “Die brasilianische Wirtschaft hat im dritten Quartal 2009 negativ überrascht.” Lula:”Ich will das Volk aus der Scheiße holen!” – 17. Dezember 2009 @ 12:26

  12. […] Lula zur Krise, Dichtung und Wahrheit: http://www.hart-brasilientexte.de/2009/01/23/rekord-entlassungen-in-brasilien-lula-spricht-von-porre… […]

    Pingback: Klaus Hart Brasilientexte » “Brasilien: Musterknabe enttäuscht die Märkte”. Propaganda-Pleite mit den in Europa-Medien durchgeschalteten Positiv-Zahlen der Lula-Regierung. Lula:”Ich will das Volk aus der Scheiße holen!” &# – 17. Dezember 2009 @ 12:37

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    Pingback: Klaus Hart Brasilientexte » “Die Zeit” über Brasilien:”…neuer Global Player…der brasilianische Boom…relativ unbeschadet durch die Wirtschaftskrise 2008…gefestigte Demokratie…” – 19. Oktober 2011 @ 01:25

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