Klaus Hart Brasilientexte

Aktuelle Berichte aus Brasilien – Politik, Kultur und Naturschutz

Dr. Wolfgang Bader, Leiter des Goethe-Instituts in Sao Paulo, zur Literaturrezeption in Brasilien. Julia Franck, Antje Ravic Strubel, Bas Böttcher, Dalibor Markovic, Ilija Trojanow, Perikles Monioudos, Robert Menasse und Ulrich Peltzer auf der Buchbiennale.

 „Brasilien ist ein Land, das intellektuell durchaus offen ist für Europa, für Deutschland”, sagt Dr. Wolfgang Bader im Exklusivinterview für diese Website anläßlich der 20. Buchbiennale in der Kultur-und Wirtschaftshauptstadt Lateinamerikas. „Das betrifft vor allem den Bereich des Denkens, der Soziologie, Philosophie “ und natürlich die Highlights der deutschen Literatur. 

 Bekannt sind hier Thomas Mann, Hermann Hesse, Brecht und Franz Kafka. Fast alles ist übersetzt “ und auch in aller Munde. Von der Generation, die das literarische Nachkriegsdeutschland prägte, sind Günther Grass, Heinrich Böll, weniger Martin Walser bekannt “ zudem einige auf Denken, Essays gerichtete Autoren wie Hans-Magnus Enzensberger. Eine Funktion des Goethe-Instituts besteht darin, das aktuelle Deutschland zu vermitteln  –  ich unterscheide da zwischen der Bonner Republik des Nachkriegsdeutschlands, des Wirtschaftswunders, mit dem Fokus noch auf Nationalsozialismus und Krieg – da ist die Literatur hier relativ gut bekannt  –  und dann der Berliner Republik, noch relativ wenig bekannt.  Von den ihr zugerechneten jungen Autoren hat noch keiner eine Welt-Ausstrahlung. Wir haben uns überlegt, genau diese junge Generation hier vorzustellen, haben unsere Literaturwoche deshalb auch genannt: `Berliner Republik, die Generation Berlin und andere Universen`. Wir wollen dafür sorgen, daß die interessierten brasilianischen Leser mit diesen Autoren und ihren Werken in Berührung kommen. Wir haben ein Programm zur Übersetzungsförderung  –  ein Teil der Autoren ist inbegriffen. `Die Mittagsfrau` von Julia Franck wird zur Buchbiennale lanciert, `Der Weltensammler` von Ilija Trojanow wird gerade übersetzt. Im Vorfeld der Biennale bin ich mit brasilianischen Verlegern und Journalisten durch Deutschland gereist, haben wir in München, Leipzig und Berlin Verlage und Kritiker besucht. Denn in den brasilianischen Verlagen gibt es kaum jemanden, der deutsch spricht, geschweige denn, einen Überblick über die deutschsprachige Literaturszene hat. Die Reise zeigte Perspektiven des neuen literarischen Panoramas in Deutschland: Viele junge Autoren, sehr viele Frauen darunter, viele Autoren mit einem nicht-deutschen Hintergrund. Die Themen haben zwar noch mit der unmittelbaren deutschen Geschichte zu tun, wachsen indessen heraus, in Richtung Globalisierung. Julia Franck  –  in diesem Panorama natürlich eine interessante Person, mit einem urdeutschen Thema, nämlich Familiengeschichte  –  auch eine Charakteristik der deutschen Gegenwartsliteratur. Julia Franck, ihre `Mittagsfrau` “ für einen Verlag wie „Nova Fronteira” hier in Brasilien sehr interessant. Und dann Ilija Trojanows `Weltensammler`, der mit Deutschland unmittelbar nichts zu tun hat, aber charakteristisch ist für diese deutschen Autoren: In die Welt zu gehen, Welt – haltig zu sein. Man warf der deutschen Literatur sehr oft vor: kopflastig, in das Innere schauend, wenig interessant, schwierig, kaum zu vermitteln. Und viele hier stellen sich deutsche Literatur so vor. Doch dann das Aha-Erlebnis bei den Verlegern, Journalisten der Deutschlandreise: Hoppla “ da sind ja interessante Geschichten, interessant erzählt. Und hochinteressant, wie diese Werke in den deutschen Institutionen vermittelt werden. Daß Literatur auf Lesebühnen, in Literaturhäusern regelrecht zum Event wird! Das gibt es in Brasilien kaum! Ich denke, alle Themen, die mit kritischer Reflektion von Gesellschaft, Identität im Zeichen der Globalisierung , einer durchlittenen, durchlebten Geschichte zu tun haben, treffen hier in Brasilien auf ein sehr großes Interesse. Gerade auch für die deutschen Einwanderer hier sind diese neuen Autoren interessant, weil man just unter diesen Einwanderern eher den Hang zu den großen Namen der Vergangenheit verspürt. In jedem Land existieren bestimmte Erwartungen, bestimmte Bilder, bestimmte Stereotypen auch über Deutschland. Gibt es denn noch Nationalcharaktere? Ich meine “ ja und nein. In den Köpfen existiert noch, daß die Deutschen diszipliniert, autoritär, ordnungsliebend, pünktlich sind  –  halt die berühmten Sekundärtugenden. So werden wir Deutschen auch immer noch gesehen. Doch jene Brasilianer mit unmittelbarem Kontakt zu Deutschland haben ein viel differenzierteres Bild. Schüler sind angetan von dem bewußt lockeren, lediglich manchmal autoritären Ton an deutschen Schulen “ das hatten sie nicht erwartet. Entscheidende Erfahrungen haben Brasilianer während der Fußball-WM in Deutschland gemacht, haben ein weltoffenes, feierfreudiges Land entdeckt. Unsere Aufgabe ist hier, persönliche Begegnungen, Individualisierungen von Prozessen zu ermöglichen “ dabei entstehen neue Bilder, wird die komplexe kulturelle Aktualität von Deutschland vermittelt. Die Verlage gerade außereuropäischer Länder haben mehrere Probleme: Weil Sprachkenntnisse, Literaturkenntnisse über andere Länder sehr wenig ausgebildet sind, muß man sich an irgendetwas orientieren  –  es sind die Bestsellerlisten der Welt  –  es ist das, was in den USA oder Frankreich speziell an deutscher Literatur publiziert wird. Wenn das dort funktioniert, denken die Verlage in Brasilien, müßte es auch hier funktionieren. Aus Sicht der Verlage indessen ein unbefriedigender Zustand. Denn dies führt im übrigen dazu, daß die Bestsellerlisten auf der ganzen Welt fast gleich sind. Daß Brasilien beispielsweise auf seiner Bestsellerliste ebenfalls die Afghanistan-Romane hat, besitzt keinerlei natürlichen Kontext. In Brasilien gibt es indessen jetzt einige Verlage, die erfolgreich dabei sind, eigenes Profil zu bilden  –  und diese Verlage sind für uns dann als Partner interessant. Ein Verlag, COSACNAIFY in Sao Paulo, bekannt für die Schönheit seiner Bücher, hat jetzt Ingo Schulze herausgebracht, dafür gesorgt, daß dieser sich auf der Literaturveranstaltung FLIP in Paraty präsentierte.”

http://www.hart-brasilientexte.de/2008/08/20/buchbiennale-2008-in-sao-paulo-interessante-deutschsprachige-autoren-vor-ort-doch-kaum-besucher-und-experteninteresse/

Sao Paulo, Todesschwadronen, Folter, Blutbäder: http://www.hart-brasilientexte.de/2008/10/10/taglich-ausergerichtliche-exekutionen-in-brasilien-menschenrechts-minister-paulo-vannuchi/

http://www.goethe.de/INS/br/sap/deindex.htm

http://www.bienaldolivrosp.com.br

http://www.cosacnaify.com.br

Bestseller “Mein Kampf” von Adolf Hitler: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/fazit/676160/

Hintergrund Joao Ubaldo Ribeiro: http://www.swr.de/swr2/programm/extra/lateinamerika/stimmen/beitrag20.html

Deutschland und Buchbiennale 2008 in Sao Paulo – interessante deutschsprachige Autoren vor Ort, doch kaum Besucher-und Experteninteresse. “Kaum Vorkenntnisse über deutsche Kultur, deutsche Literatur”. “O nosso Brasil é ainda uma grande incognita”. Österreicher Robert Menasse über kuriosen Erfolg von Ingeborg Bachmann. **

Auf Lateinamerikas wichtigster Buchmesse wurde erneut deutlich, wie schwer es Literatur in einem Land mit hoher Analphabetenrate und extremen Sozialkontrasten, Massenelend hat. In der Lepra-und Todesschwadronen-Megacity mit den über 2000 Slums  bekamen dies auch die angereisten und groß angekündigten deutschsprachigen Autoren zu spüren, reflektierten im Website-Interview: Julia Franck, Ulrich Peltzer, Antje Ravic Strubel und Ilija Trojanow, dazu Robert Menasse aus Österreich und Perikles Monioudis aus der Schweiz saßen bei ihren Biennale-Literaturdebatten schlichtweg in leerem Saal. Der große Alt-68er Oskar Negt traf sich im Goethe-Institut mit dem Schriftsteller und Kolumnisten Zuenir Ventura, einem der besten Kenner brasilianischer Slum-Strukturen – beide mußten ebenfalls mit einem halbleeren Saal vorliebnehmen – nicht einmal die geladenen Gäste waren erschienen. Hinweis auf hiesigen Zeitgeist.

buchmessepodiumklein.jpgUlrich Peltzer, Julia Franck, Marcelo Backes, Antje Ravic Strubel

Sao Paulo, Todesschwadronen, Folter, Blutbäder: http://www.hart-brasilientexte.de/2008/10/10/taglich-ausergerichtliche-exekutionen-in-brasilien-menschenrechts-minister-paulo-vannuchi/

Frankfurter Buchmesse 2013 – Gastland Brasilien:  http://www.hart-brasilientexte.de/2013/10/09/frankfurter-buchmesse-in-brasilien-scharfe-expertenkritik-an-buchmessen-auf-denen-anders-als-in-deutschland-bucher-verkauft-werden-messe-wie-gang-ins-shopping-center/

Eine bizarre Situation: Durch die Riesenhalle der Buchmesse fluten Menschenströme, doch im großen, keineswegs versteckten Salao das Ideas, dem Salon der Ideen, gesponsert von Volkswagen, reden Ilija Trojanow, Robert Menasse und Perikles Monioudis vor leeren Stuhlreihen über deutschsprachige Literatur in der globalisierten Welt. Der von draußen hereindringende Messelärm ist barbarisch(realitätsfremde Redakteure von “Kultur”-Sendern in Deutschland begreifen wie üblich daher die entsprechenden Korr-Beitrags-O-Töne nicht) und Ilija Trojanow aufgebracht: ”Es geht eigentlich nur um die Liste der Namen, mit denen man nachher angeben kann. Dann sagt man, all diese bekannten Namen waren da, wir haben tolle Arbeit geleistet. Die Buchmesse von Buenos Aires hat dagegen eine ganz andere Intensität”.

Der Wiener Robert Menasse – die angesehenste Qualitätszeitung macht ihn glatt zum Deutschen –  war Literaturprofessor an der Bundesuniversität von Sao Paulo, zwei seiner Bücher wurden in Brasilien, wie er ironisch sagt, zwar gedruckt, doch nicht veröffentlicht. Auch Menasse findet die Biennale-Zustände unter aller Kanone, sagt im Website-Interview: ”Die organisatorischen Bedingungen und Umstände waren demütigend für die Autoren. Man kann nicht mit Autoren reden, wo es akustisch gar nicht funktionieren kann, weil Lärm rundherum ist. In Deutschland, in Österreich, überhaupt in europäischen Ländern gilt in der Regel Lesen als Bestandteil der kulturellen Identität des Menschen, eines gebildeten Menschen, gehört zum Selbstverständnis. In Brasilien ist es anders. Dieses Land fetischisiert nicht Allgemeinbildung und Literatur, Kultur, Kunstereignisse. Als ich an der Universität von Sao Paulo unterrichtet habe, konnten jene, die  Deutsch studierten,  bis zum Ende ihres Studiums nicht gut deutsch, die waren garnicht an Literatur interessiert. Aber an der philosophischen Fakultät gab es Studenten, die perfekt Deutsch lernten, um deutsche Philosophen im Original lesen zu können.”

Menasse nennt Argentinien „viel europäischer – kulturell und in der gesamten Entwicklungsgeschichte “ als Brasilien. “Argentinien ist eigentlich ein europäisches Land, Brasilien indessen wirklich ein lateinamerikanisches.”

MenasseSpiegel18

“Wir sind Feuilleton-Juden”. DER SPIEGEL 2018, Ausriß

–Julia Franck: “Kriegsverbrecher und jüdische Emigranten”–

Tags darauf diskutieren Julia Franck, Ulrich Peltzer und Antje Ravic Strubel im Salon der Ideen über zeitgenössische deutsche Literatur –  wiederum entsetzliche Leere. Julia Franck, deren „Mittagsfrau” von einem großen brasilianischen Verlag auf der Biennale lanciert wird, bleibt gelassen: ”Ich bin, muß ich gestehen, überhaupt nicht perplex – vielleicht ist das sogar falsch, das nicht persönlich auf mich zu beziehen. Der Lärmpegel hier kündet von Fußball, von Schwimmbad, von Eishockeyveranstaltungen, der kündet von Schülern, die hier auch viel unterwegs sind, die sich vielleicht Comics, vielleicht sogar andere Medien, DVDs kaufen. Die Kulturen, zum Beispiel in Deutschland, die Frankfurter Buchmesse, die überfüllten Säle dort, wo Literatur plötzlich in den letzten Jahren eine Art öffentliches Ereignis geworden ist, unterscheiden sich von der südamerikanischen, oder auch von der asiatischen. Aber Literatur war schon immer etwas, das ich –  um es böse zu sagen –  auch elitär zurückgezogen hat. Aber was mich an Sao Paulo viel mehr interessiert –  es ist ein großer Sumpf von unterschiedlichsten Kulturen, die hier zusammenkommen und die sich trotzdem untereinander tolerieren, die sich vielleicht auch untereinander bekriegen, mitunter verfolgen. Aber sie existieren, sie leben in derselben Stadt, also die Kriegsverbrecher mit den jüdischen Emigranten. Es gibt das große jüdische Krankenhaus, es gibt eine orthodoxe jüdische Kultur in Sao Paulo.”

Brasilien hat bisher 143 deutsche Buchlizenzen gekauft –  von Thomas Mann und Hermann Hesse bis Günther Grass und Heinrich Böll. Ilija Trojanows „Weltensammler” kommt 2009 heraus. Argentinien erwarb nur 32, Mexiko nur 23 solcher Lizenzen.  In Brasilien hat es Literatur dennoch sehr schwer, sagt Dr. Wolfgang Bader, Leiter des Goetheinstituts von Sao Paulo: ”Die Zahl der Leser ist relativ gering –  und dann kommen noch deutsche Autoren, die praktisch völlig unbekannt sind. Warum sollte sich ein Brasilianer dafür interessieren? Das Goethe-Institut vermittelt, bietet Literatur hier an, sorgt dafür, daß deutsche Bücher Verleger finden. Es ist ein zaghafter Beginn, es ist ne schwierige Arbeit, ohne Zweifel. Aber das hängt damit zusammen, daß Lektüre und Literatur in diesem riesigen Land eben ein Minderheitenvergnügen ist –  hier gibts weniger Leser als in Deutschland –  und Deutschland ist nicht so groß wie Brasilien.”

Marcelo Backes, der Julia Francks „Mittagsfrau” für den Verlag „Nova Fronteira” übersetzt hat, ärgert besonders, daß nicht einmal Brasiliens Literaturexperten, Literaturkritiker Notiz von den deutschsprachigen Schriftstellern nehmen –  nennt dies schlichtweg ein Zeichen von Inkompetenz. Abenteuerlich schlechte Übersetzungen führen in Brasilien immer wieder zu ebenso abenteuerlichen Kritiken. ”Die Literaturkritik ist im Vergleich zur deutschen Literaturkritik sehr mangelhaft. Und dashier  wäre ja eine Chance, sich zu informieren. Es fehlt Interesse –  das ist unprofessionell. Und man sieht das Ergebnis, was herauskommt. Wenn die selben Autoren in China sind –  die Räume sind voll. Wie viele Leute an der Bundesuni von Sao Paulo, der größten und wichtigsten ganz Lateinamerikas, können deutsche Literatur im Original lesen? Es gibt niemanden dort. Eine völlig andere Situation als in Deutschland –  auch die dortige Kultur der Literaturveranstaltungen gibt es hier nicht. Eine Lesung würde in Brasilien überhaupt nicht funktionieren, weil man wahrscheinlich keine Geduld hat, mehr als fünf Minuten zuzuhören. Wenn ich ein Buch übersetze, muß ich versuchen, ein Nachwort zu schreiben, weil andernfalls der Journalist hier nicht weiß, wie er mit dem Werk umgehen, wie er es besprechen soll.”

–“Der Erfolg von Ingeborg Bachmann beruht auf Mißverständnissen”–

Robert Menasse beschreibt im Website-Interview den kuriosen Erfolg von Ingeborg Bachmann in Brasilien: „Ich habe unglaublich lachen müssen, als ich die portugiesische Version eines ihrer Bücher hier in die Hände bekam.” Da wurde u.a. Wiens berühmte Flanierstraße „Der Graben” allen Ernstes nicht als Adresse, sondern als „Abwassergrube” übersetzt, in der dann die Romanfigur mit jemandem Kaffee trinkt. Brasiliens Literaturkritik lobte dann laut Menasse die Schriftstellerin wegen ihrer großen Kunst, aus dem scheinbaren Realismus immer plötzlich ins Absurde und in den Surrealismus zu kippen. Studenten hätten dann sogar diese „Erzähltechnik” Ingeborg Bachmanns in wissenschaftlichen Arbeiten analysiert. „Der Erfolg von Ingeborg Bachmann in Brasilien beruht auf Mißverständnissen.”

Gloria Pasqual de Camargo, Hochschulprofessorin Sao Paulos, zählt zur Handvoll Interessierter, die sich zu den deutschsprachigen Autoren aufmachten. „Ich bin total enttäuscht, glaubte, die Professoren der Bundesuniversität hier zu sehen, alle Experten. Ich kam extra sehr früh, weil ich dachte, andernfalls keinen Platz mehr zu bekommen…” Die ältere Dame sieht bei ihren Studenten, überhaupt bei den Brasilianern kaum Vorkenntnisse über deutsche Literatur, deutsche Kultur. ”Die meisten kennen fast nichts. Wenn ich ein wenig von Schiller oder Goethe spreche –  sie haben von denen noch nie gehört. Vielleicht besteht bei Schülern und Studenten das Problem, daß diese zuviel nebenbei noch arbeiten und daher keine Zeit haben, sich für andere Kulturen zu interessieren. Sie lesen nicht viel. Und wenn wir Lehrer nicht über diese Literatur sprechen, finden sie diese nicht alleine. Obwohl hier ein Goethe-Institut existiert, fehlt bei Schülern und Studenten schlichtweg Interesse. Die meisten Schriftsteller, die sie kennen, sind diese Blockbusters – die Liste der zehn bestverkauften Autoren, ja, das lesen sie. Die deutsche Kultur im allgemeinen ist etwas nicht so normal für sie. Wenn sie von Deutschem hören –  ach deutsch? –  kann man das lesen, ist das nicht komisch, skurril? Die nordamerikanische Literatur dagegen kommt als Blockbuster –  das ist das Problem. Ich hoffe, mit diesen neuen Schriftstellern kommt etwas Neues zu uns nach Brasilien. Das neue, moderne Deutschland. Ich liebe die deutsche Literatur, die deutsche Sprache!”

Auffällig, wie größtenteils  oberflächlich und lieblos brasilianische Bücher die Realität des Drittweltlandes widerspiegeln, wieviele wichtige Realitätsaspekte schlichtweg fehlen – daß die (literarische) Fiktion gewöhnlich von dieser Realität weit übertroffen wird, ist inzwischen beinahe ein geflügeltes Wort. Kurioserweise war es ein staatlicher Stand, der Postkarten mit dieser Aufschrift verteilt:”O nosso Brasil é ainda uma grande incognita”. In Brasilien ist Buchlektüre als Freizeitbeschäftigung nahezu bedeutungslos, “ein Minderheitenvergnügen” – in Deutschland steht Bücherlesen gemäß Verbraucheranalysen auf Platz sechs der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen: 20, 8 Prozent lesen besonders gern, 34,9 Prozent gern. Von jener Minderheit der Brasilianer, die überhaupt ein Buch lesen und verstehen kann, erklärten laut einer Studie 45 Prozent, daß sie nicht gerne lesen. Die Qualitätszeitung “Folha de Sao Paulo” gibt zudem einen Hinweis auf die Bildungspolitik des 2003 in den Präsidentenpalast eingezogenen Staatschefs Lula: Die Grundschulbildung Brasiliens habe sich im Vergleich zu 1995 verschlechtert.

Gefragt,  ob die Welt Lateinamerika nicht verstehe, antwortete der argentinische Schriftsteller Tomas Eloy Martinez: “Schlimmer noch – die Welt nimmt uns nicht wahr – es ist so, als ob Lateinamerika nicht existierte.” Ein erfahrener deutscher Rundfunkredakteur bemerkte:”Wir haben immer weniger aus Brasilien im Programm – die ganze Region droht immer mehr in Vergessenheit zu geraten.”

Angesichts der Lage Brasiliens ist das Lob des deutschsprachigen Mainstreams für die Zustände im Tropenland entsprechend groß.

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Ulrich Peltzer, scharfer Beobachter der neoliberalen Sozialkontraste Brasiliens, reflektiert über Brasiliens Privilegiertenghettos, die geschlossenen Wohnanlagen mit Privatpolizei, stellt in Sao Paulo entsprechende Recherchen an, sagt im Website-Interview:”Das ist ein Umbau, der zur Zeit in Europa auch stattfindet, daß es immer mehr solcher Gated Comunities gibt, Häuser mit Doorleuten. Städtische Räume, die plötzlich keine öffentlichen Räume mehr sind, sondern privatisiert werden –  daß sich sowas wie ne Security-Industrie herausbildet, die in Brasilien ja tatsächlich schon Industriestatus zu haben scheint, also ein grundsätzlicher postfordistischer Umbau von Gesellschaft, der möglicherweise bei den Gated Comunities, den privaten Sicherheitsdiensten in disfunktional werdenden Städten anfängt  –  und bei den privaten Söldnern im Irak aufhört.”

http://www.hart-brasilientexte.de/2008/03/02/brasiliens-privilegiertenghettos-als-gesellschaftsmodell/

http://www.hart-brasilientexte.de/2008/02/29/berichte-direkt-von-brasiliens-stadtkriegsfront-romanautor-ferrez-aus-sao-paulos-slumregion-capao-redondo/

http://www.hart-brasilientexte.de/2008/08/20/julia-franck-die-mittagsfrau-und-ihr-brasilianischer-ubersetzer-marcelo-backes-auf-der-buchbiennale-sao-paulo/

Hintergrund

 Joao Ubaldo Ribeiro: http://www.swr.de/swr2/programm/extra/lateinamerika/stimmen/beitrag20.html

http://www.hart-brasilientexte.de/2008/02/22/kulturminister-gilberto-gils-amtszeit-eine-grausige-bilanz-fur-brasilien/

Gilberto Dimenstein, Kolumnist der größten brasilianischen Qualitätszeitung “Folha de Sao Paulo”, im August 2008: “Inmitten von Chaos, Barbarei und Dummheit, lernt Sao Paulo, Talente in verschiedenen Sektoren zu fördern.”

In Sao Paulo, so Dimenstein in einer anderen Kolumne, existiert noch Misere wie in Afrika.

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/religionen/1624771/

http://www.hart-brasilientexte.de/2012/01/03/bundesprasident-christian-wulff-dilma-rousseff-und-der-zugige-bau-des-neuen-atomkraftwerks-angra-3-bei-rio-de-janeiro-mit-deutscher-bundesburgschaft/

Morde an systemkritischen Journalisten in Brasilien – kein Wort darüber bei der Buchmesseeröffnung 2013: http://www.hart-brasilientexte.de/2013/01/30/brasilien-unter-lula-rousseff-auf-pressefreiheit-ranking-weiter-abgesturzt-nur-noch-platz-108-mali-platz-99-uganda-platz-104-guatemala-platz-95-nicht-zufallig-soviel-lob-aus-mitteleuropa-fur-bra/

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Ausriß. “Schluß mit der Straffreiheit!” Straßenprotest gegen Ermordung des systemkritischen brasilianischen Journalisten Rodrigo Neto.

Bisher ist nichts darüber bekannt, ob Neto angesichts seiner politisch hochbrisanten Recherchen über die Todesschwadronen beispielsweise zu einem Blogger-oder Medienkongreß nach Deutschland, Berlin eingeladen worden war, welche mitteleuropäischen Politiker ihm ihre Solidarität und Unterstützung erklärten. Ebenso ist nichts darüber bekannt, ob Neto wegen seines außerordentlichen Muts und Engagements für mitteleuropäische Medienpreise vorgesehen war. 

Brasilien: Populäres illegales Glücksspiel wuchs in Rio de Janeiro mit Hilfe von Folterknechten der Militärdiktatur, die auch Karneval von Rio mitdominierten, laut O Globo. Militärpolizist in Sao Vicente von Banditen auf Drogen-Baile Funk mit über 20 Schüssen getötet, zerhackt und verbrannt, laut Landesmedien. Kultur und Kulturpolitik in Brasilien. Frankfurter Buchmesse 2013. **

tags: 

http://oglobo.globo.com/pais/bicho-cresceu-no-rio-com-ajuda-de-torturadores-10267365

http://oglobo.globo.com/pais/bicho-cresceu-no-rio-com-ajuda-de-torturadores-10267365

Starker Einfluß der Folterknechte im Karneval von Rio de Janeiro, laut Dokumenten.

Einer der bekanntesten Folterer war jahrelang Chef der Liga der besten Sambaschulen von Rio de Janeiro…

http://www.ila-web.de/brasilientexte/koks.htm

 Ausgerechnet ein Vizepräsident der Sozialistischen Internationale(SI), der inzwischen verstorbene Linkspopulist und Ex-Gouverneur Leonel Brizola, gilt als politisch hauptverantwortlich dafür, daß die Verbrechersyndikate in Rio de Janeiro seit den 80ern soviel Macht und Einfluß erreichten, sich derart mit der Politik verquickten. Soziologen, Kolumnisten, selbst Bischöfe der katholischen Kirche betonen einhellig, daß er in zwei Amtszeiten dem organisierten Verbrechen faktisch freien Lauf ließ – im Tausch gegen politische Unterstützung. Schließlich sind die Slumbewohner auch ein wichtiges Wählerreservoir, müssen gewöhnlich für jene Kandidaten stimmen, die die Slumbosse vorgeben. Brizola, reicher Großgrundbesitzer, Chef der „Demokratischen Arbeitspartei“(PDT), rühmte sich immer seiner Freundschaft zu Willy Brandt – und erntete von der SPD, in deren Gazetten, viel Lob für seine Politik. Nur ganz, ganz wenige in der Partei griffen sich deshalb stets an den Kopf, konnten sich aber nicht durchsetzen. Ein Filialleiter der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung räumte zumindest ein, Brizolas PDT sei aus „pragmatischen Gründen“ in die Sozialistische Internationale aufgenommen worden:“Man war froh, daß überhaupt eine Partei aus Lateinamerika wie die PDT dazugehört – und schaute nicht so genau hin, was diese tut.“ Brizola hielt beste Beziehungen zum letzten Diktaturpräsidenten, dem Geheimdienst-General Joao Figueiredo, seine PDT ging immer wieder Wahlbündnisse mit der Partei des Militärregimes ein. Alles kein Problem für SI und SPD. Die Gangsterbosse tauften eines ihrer wichtigsten Produkte, jene kleinen Kokaintütchen, auf „Brizola“ – ihm zu Ehren. Des PDT-Chefs rechte Hand, der von Europas Intelligentsia bis heute vergötterte „Anthropologe“, Schriftsteller und Kongreßsenator Darcy Ribeiro, verstand sich gemäß hiesigen Medienberichten ebenfalls bestens mit dem organisierten Verbrechen. Historisch wurde ein Foto von 1986: Gouverneurskandidat Ribeiro auf einem Wahlkampfbankett mit schwerreichen Unterwelt-Bossen – Capitao Guimaraes, laut Zeugenaussagen einer der berüchtigtsten Folterknechte aus der Diktaturzeit sagt neben ihm ins Mikrophon:“Wir unterstützen den Kandidaten, der uns unterstützt.“(Hintergrundtext)

Literatur: Jürgen Roth, Schmutzige Hände – Wie die westlichen Staaten mit der Drogenmafia kooperieren, Bertelsmann-Verlag München, 2000,

Höchstes Lob erntete der Diktator und Judenhasser stets von dem “Anthropologen” Darcy Ribeiro:”Getulio Vargas war der größte brasilianische Staatsmann. Er wurde vom Volk am meisten geliebt und von den Patronal-Eliten am meisten gehaßt.” Ribeiros Partei PDT ist Vollmitglied der  Sozialistischen Internationale und betrachtet Vargas als geistigen Ziehvater.”

“O ultimo amigo que enterrei, a pedido dele proprio, foi Darcy Ribeiro.”(Leonardo Boff) (”Der letzte Freund, den ich auf dessen Bitten beerdigt habe, war Darcy Ribeiro”)

Cecilia Coimbra, langjährige Leiterin von “Tortura nunca mais”(Nie mehr Folter):  ”Nach Ustra, sagt sie, sollte auch der berüchtigte Capitao Guimaraes angeklagt werden. In Rio de Janeiro gab er Folter-Lehrvorführungen für jeweils über einhundert Offiziere, demonstrierte laut Zeugenaussagen an politischen Gefangenen die sadistischsten Techniken. Seit dem Diktaturende mischt der Ex-Folterer im brasilianischen Kulturbetrieb mit, organisiert die weltberühmte Karnevalsparade der besten Sambaschulen Rios, ist Chef ihrer Liga. Für Angehörige der Diktaturopfer, für Gefolterte von damals ist besonders absurd, daß die zuständigen Autoritäten, welche genauestens von dessen Taten wissen, ihm diesen Posten nicht entziehen.”

Köln und Rio de Janeiro – Partnerschaft der politisch Verantwortlichen:  http://www.hart-brasilientexte.de/2011/09/20/rio-film-tropa-de-elite-2-fur-oscar-nominiertbester-auslandischer-streifen-stadtepartnerschaft-koln-rio-de-janeiro-trailer-anklicken/

http://www.hart-brasilientexte.de/2013/10/04/frankfurter-buchmesse-2013-gastland-brasilien-schriftstellerin-und-therapeutin-maria-rita-kehleine-stadt-mit-ungleichheit-ist-die-hollees-wird-weiter-gefoltert-folter-bleibt-weiter-straffrei/

“Folter ohne Ende”:  http://www.hart-brasilientexte.de/2009/12/12/folter-ohne-ende-tortura-sem-fim-brasiliens-soziologiezeitschrift-sociologia-uber-folter-unter-der-lula-regierung/

”Die derzeitige brasilianische Regierung ist ein Desaster.” Paulo Coelho

Folter unter der Rousseff-Regierung:  http://www.hart-brasilientexte.de/2012/07/26/brasilien-folter-unter-der-rousseff-regierung-folter-ist-routine-in-gefangnissen-allgemein-verbreitet-und-institutionalisiert-seit-der-militardiktatur-rechnet-die-gewaltpraxis-in-den-brasiliani/

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Caros Amigos –  Zeitschrift, in der  auch Brasiliens wichtigster Befreiungstheologe Frei Betto in jeder Ausgabe eine große Kolumne hat.

http://www.hart-brasilientexte.de/2012/07/14/brasiliens-nazistisch-antisemitisch-orientierte-militardiktatur-lieferte-waffen-fur-repression-in-chile-laut-jetzt-veroffentlichten-geheimdokumenten-abkommen-von-diktator-medici-mit-pinochet-geschlo/

Amnesty International: http://www.hart-brasilientexte.de/2009/12/03/tim-cahill-amnesty-international-derzeit-gibt-es-weltweite-euphorie-um-brasilien-doch-wenn-brasilia-wirklich-internationalen-respekt-will-mus-es-die-menschenrechtsverletzungen-im-eigenen-land-b/

Günther Zgubic, Gefangenenpriester aus Österreich, zu Folter unter der Lula-Regierung: http://www.hart-brasilientexte.de/2008/02/29/osterreichischer-pfarrer-und-gefangenenseelsorger-gunther-zgubic-in-brasilien-weiter-folter-in-allen-varianten-eine-deutsche-frau-wurde-unglaublich-mit-elektroschocks-kaputtgemacht-psychisch-ner/

Brasiliens populäre Drogen-Baile-Funks – Massendiscos, häufig vom organisierten Verbrechen veranstaltet, vom Staat gewöhnlich toleriert:

http://g1.globo.com/sp/santos-regiao/noticia/2013/10/policia-encontra-carro-que-seria-de-assassinos-de-pm-em-baile-funk.html

“In der Hölle hinter Gittern”:  http://www.welt-sichten.org/artikel/221/der-hoelle-hinter-gittern

deutschlandjahrplakat1.jpg

Scheiterhaufenopfer in Rio de Janeiro von 2013:  http://www.hart-brasilientexte.de/2013/05/16/brasilien-die-sondergerichte-des-organisierten-verbrechens-in-den-slums-polizei-konnte-zufallig-ein-gefesseltes-und-bereits-gefoltertes-opfer-in-rio-de-janeiro-befreien-am-tage-des-besuchs-von-bu/

Auf dem UNO-Ranking für menschliche Entwicklung liegt Brasilien auf Platz 85, Deutschland auf Platz 5.

Paulo Coelho:   ”Die Gewalt in Rio de Janeiro ist ein Riesenproblem. Der Gouverneur versprach, es zu lösen. Das hat er aber nicht gemacht. Und egal wo man hinschaut, überall springt dich der Teufel der Korruption an.”(Die Welt)

http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article120667025/Warum-ich-nicht-zur-Frankfurter-Buchmesse-fahre.html

Die Sondergerichte des organisierten Verbrechens:  http://www.hart-brasilientexte.de/2013/05/16/brasilien-die-sondergerichte-des-organisierten-verbrechens-in-den-slums-polizei-konnte-zufallig-ein-gefesseltes-und-bereits-gefoltertes-opfer-in-rio-de-janeiro-befreien-am-tage-des-besuchs-von-bu/

Gilberto Gil als Kulturminister:  http://www.hart-brasilientexte.de/2008/02/22/kulturminister-gilberto-gils-amtszeit-eine-grausige-bilanz-fur-brasilien/

Luiz Ruffato, Mitglied der offiziellen brasilianischen Buchmesse-Delegation, in der Neuen Zürcher Zeitung 2013: 

  ”Allerdings sind wir im Alltag noch immer mit einer institutionalisierten Barbarei konfrontiert, die sich nicht nur in einer konstanten physischen Bedrohung, sondern auch in der Korruption und in der absoluten Missachtung des menschlichen Lebens äussert. In Brasilien ist der Begriff des «wilden Kapitalismus» keine Metapher.”

http://www.hart-brasilientexte.de/2013/10/07/luiz-ruffato-mitglied-der-offiziellen-brasilianischen-buchmesse-delegation-in-der-neuen-zurcher-zeitung-2013-allerdings-sind-wir-im-alltag-noch-immer-mit-einer-institutionalisierten-barbarei/

Marina Silva und die evangelikalen Wunderheilersekten:  http://www.hart-brasilientexte.de/2008/02/11/erst-bandit-und-gefurchteter-killer-dann-sektenpastor/

Menschenrechtssamba von Jorge Aragao, anklicken: http://www.youtube.com/watch?v=XkvjkxERac4

http://www.hart-brasilientexte.de/2008/10/12/o-iraque-e-aqui-der-irak-ist-hier-hit-von-jorge-aragao/

Dieser Beitrag wurde am Donnerstag, 14. August 2008 um 17:00 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Kultur, Politik abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen.

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