Klaus Hart Brasilientexte

Aktuelle Berichte aus Brasilien – Politik, Kultur und Naturschutz

„Überleben in der Hölle“(Sobrevivendo no inferno) – CD-Geschenk von Sao-Paulo-Bürgermeister Haddad für Papst Franziskus, laut Landesmedien. Rapper-Texte über Slum-Barbarei Brasiliens, mit Bibel-Zitaten. Franziskus, Argentinier, dürfte die CD kennen.

http://g1.globo.com/sao-paulo/noticia/2015/07/disco-dos-racionais-e-presente-da-prefeitura-de-sao-paulo-para-o-papa.html

CD anklicken: https://www.youtube.com/watch?v=WZcFdjPZw18

Brasilien – strategischer Partner der Berliner Regierung – Fotoserie zum Gewalt-Gesellschaftsmodell:

 http://www.hart-brasilientexte.de/2010/09/05/brasiliens-zeitungen-eine-fundgrube-fur-medieninteressierte-kommunikations-und-kulturenforscher/

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Sao Paulos Bürgermeister Fernando Haddad, Lulas Ex-Bildungsminister.

Der Freitag: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/weisser-schnee-am-zuckerhut

“Lula steht rechts”:  http://www.hart-brasilientexte.de/2009/01/07/lula-steht-rechts-ich-habe-ihn-immer-fur-einen-rechten-gehalten-ele-e-da-direitafrancisco-de-oliveira-renommierter-brasilianischer-soziologe-in-caros-amigos/

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Lula, Haddad und Diktaturaktivist Paulo Maluf – politisches Bündnis 2012 geschlossen in Malufs Villa in Sao Paulo.  http://www.hart-brasilientexte.de/2012/10/28/brasilien-fernando-haddad-von-lulas-mensalao-arbeiterpartei-wurde-zum-neuen-burgermeister-der-megacity-sao-paulo-lateinamerikas-wirtschafts-und-kulturhauptstadt-gewahlt/

Soziologe und Arbeiterpartei-Mitgründer Chico Oliveira kommentiert Lulas Bündnis mit dem Diktaturaktivisten:  http://www.sabervencer.com.br/2012/07/desnudando-lula.html

 http://www.hart-brasilientexte.de/2011/08/30/brasilien-lula-steht-nicht-links-er-ist-ein-konservativer-war-nie-revolutionarjose-neumanne-pinto-kolumnist-autor-von-o-que-sei-de-lula/

http://www.hart-brasilientexte.de/2008/02/15/wem-nutzen-banditendiktatur-und-immer-mehr-no-go-areas/

“Moderne Scheiterhaufen” – Deutschlandradio Kultur:

http://www.deutschlandradiokultur.de/moderne-scheiterhaufen-aus-autoreifen.1013.de.html?dram:article_id=167263

GeoSpecialBrasilienVorwort15

Ausriß, die andere Sicht – Geo Special Brasilien. „…Rio…ist nun in den touristischen Vierteln so sicher wie eine europäische Großstadt…dieses überraschend moderne, hochsympathische und unendlich vielfältige Land…“

Tod einer Militärpolizistin von Rio de Janeiro am 12.7. 2015 bei Angriff eines Banditenkommandos:“PM morre em ataque de bando a patrulha“. O Globo(Stands in Ihrem Lieblingsmedium?)

 

Politischer Rap aus Brasilien – die Racionais MC`s. Spröde authentische Slum-Poesie, frei von öder politischer Korrektheit **

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Brasiliens beste, politisch radikalste und populärste Rapperformation wurde 1990 in den gefährlichsten, elendesten Favelas der reichsten südamerikanischen Metropole Sao Paulo durch Mano Brown, Edy Rock, Ice Blue und KL Jay gegründet. Laut Eigendefinition beschreiben sie den selbst erlebten Alltag voller Armut und Misere, prangern “das unterdrückerische kapitalistische System an, das Drogenhandel, Elend und Gewalt fördert”.

Mano Brown ist der wichtigste Sänger, dazu eine Art Sprecher der Gruppe, lief früher mit dem Revolver in der Hose herum, sieht bis heute, wie Kinder unter zehn Jahren Crack rauchen, Kokain, Heroin, LSD nehmen, von den Älteren ganz zu schweigen. „Das Zeug betäubt, macht debil und stupide”, schreit er nicht selten von der Bühne in die Tänzermassen, „paßt auf, das System hat kein Interesse an Armen, die intelligent sind.” 1992 die erste CD “ Holocausto urbano (städtischer Holocaust), gefolgt von „Raio X do Brasil”(Röntgenaufnahme von Brasilien), „Sobrevivendo no Inferno”(Überleben in der Hölle) und „Nada como um Dia Apos o Outro Dia “ Chora Agora”(Nichts wie ein Tag nach dem anderen “ weine jetzt) . Bis heute verweigert sich die Gruppe bewußt dem Medienkommerz, gibt so gut wie keine Interviews, unterstützt indessen zahlreiche Sozialprojekte, Anti-Hunger-Kampagnen, engagiert sich in der Schwarzenbewegung. Die Racionais MC™s bekamen Brasiliens wichtigsten Musikpreis, den „Premio Sharp”, wurden bereits 1998 zur besten Rapperformation gekürt.

http://www.hart-brasilientexte.de/2012/05/20/rio20-brasiliens-megacity-sao-paulo-hat-offiziell-26-quadratmeter-grunflache-pro-einwohner-berlin-mitte-21-quadratmeter-munchen-338-quadratmeter/

http://www.hart-brasilientexte.de/2010/01/05/leider-sind-es-nicht-mehr-so-viele-die-die-ganze-wahrheit-wissen-wollen-man-biegt-sehr-schnell-ab-um-bei-seiner-meinung-bleiben-zu-konnen-und-bei-den-als-angenehm-empfundenen-losungen-ich-hab/


Ihre Texte sind spröde, aufstörende, provozierende Poesie “ nichts von langweiliger politischer Korrektheit, Schwarz-Weiß-Malerei. Nicht nur das System wird schonungslos kritisiert, auch die Lethargie, Apathie vieler Slumbewohner – oder die Hurenmentalität vieler Frauen, die von einer Beziehung zuallererst materielle Vorteile erwarten, Partnern, darunter Gringos, nicht selten jahrelang etwas vormachen, auf finanzielle und emotionale Ausbeutung aus sind.
Nachfolgend Textauszüge populärer Raps der Racionais MC`s.

Kein Ausweg
Der Gully ist nicht gerade eine komfortable Wohnung
es stinkt unerträglich
das Viadukt ist Rückzugsort in kalten Nächten
dort schlafen viele, und andere sterben, hörst du?
Die Gesellschaft nennt sie Bedürftige
Meistens sinds Schwarze –  kein Geheimnis, nichts Neues
Sie leben wie Ratten
Männer, Frauen, Kinder..
Was kann man schon von so einem dekadenten Land erwarten
wo das System hart, grausam, unnachgiebig ist
Kein Ausweg!
Aber viele kommen nicht vorwärts, weil sie das in Wahrheit so wollen
Sie bleiben träge, schlaff, untätig
Weißt du, warum die sich dieser Lage unterwerfen?
Frag mich nicht, komm selber dahinter
Vielleicht liegen die Gründe in euch selbst
Und deshalb sind wir Schwarzen so in Mißkredit
Daran seid ihr Schuld, weil ihr euch selber keinen Wert gebt
Ich sage die Wahrheit, doch du spottest über mich…
Du bist manipuliert, stellst dich blind,
denkst, so zu handeln, sei total richtig
da bleibt wieder diese Frage “ wer hat Schuld
die Mächtigen, die Medien, oder ich und du?…
Die Mächtigen lügen, täuschen, und beherrschen die Bevölkerungsmehrheit, der Bildung und Kultur fehlen.
Sie werden geboren, wachsen auf, sterben “ unbemerkt
Ein Ausweg ist das Banditenleben
Rauben, morden, töten, sich gegenseitig fertigmachen
Lies und hör zu, du kannst das richtig oder falsch finden
Aber mein Freund, bleib nicht untätig..
Hör auf, ein Egoist zu sein, zeige Ausdauer
Aber bist du überhaupt fähig zu kämpfen?..
Halt an, denk nach, wach auf, bevor es zu spät ist.

Vulgäre Frauen
…Frauen? Welche Art von Frauen?
Sie kommen aus einer feministischen Gesellschaft
Denken, sagen, daß wir alle Machisten sind.
Wollen nicht für ein Sex-Symbol gehalten werden
Kämpfen, um an die Macht zu kommen, beweisen ihre Moral
Lassen sich in einer Beziehung nicht unterwerfen, hintergehen
Fordern gleiche Rechte.
Doch die Kehrseite?
Für sie ist Geld das allerwichtigste
Sie ist vulgär, mit widerlichen Ideen im Kopf
Eine Idiotin, die sich nackt zeigt, als Objekt
Sie ist nutzlos, verdient Geld mit Sex
In irgendeinem Zimmer, im Stundenhotel, auf der Leinwand
Eine obszöne Figur, weiter nichts…
Wir sind die Racionais, wir sind anders, oder sogar gleich
Vulgäre Frauen “ mit euch nur eine Nacht, und nicht mehr
Wie sie die Kleider wechselt, tauscht sie dich aus für einen anderen
Viele wollen sie für immer
Aber ich will sie nur für eine Nacht, verstehst du?
Sie mag Männer aus der Oberschicht..
Mischlingsfrau, Schwarze oder Weiße
Eine deiner einzigen Qualitäten “ Geldgier
Frauen wollen nur die, von denen sie Vorteile haben
Geld und Besitz “ wenn du das nicht hast, vergessen sie dich.
Wir sind Racionais, anders, wenn nicht gleich
Vulgäre Frauen “ eine Nacht und nicht mehr.

Panik in der Südzone
Wenn es Nacht wird
Wissen nur die von hier, was passiert
Doch Ignoranz dominiert
Und wir sind alleine
Niemand will unsere Stimme hören
Die Leute rufen nach diesen „Justiceiros”, die killen, beleidigen, herumballern
Die Polizei hat nicht die geringste Lust, dagegen was zu tun, gar zu ermitteln,
denn für sie ist das ja vorteilhaft
Warum sich einmischen, wenn Kriminelle von diesen Justiceiros hingerichtet werden.
Panik in der Südzone
Ich weiß nicht,
ob die das dürfen
einfach entscheiden, was richtig oder falsch ist..
Gerechtigkeit gibts nicht mehr, oder täusche ich mich?
Wenn ich alle aufzählen würde, die schon umgelegt wurden
Reichte meine Zeit nicht
Angst ist hier das vorherrschende Gefühl
Mißtrauen, Unsicherheit
Bist du dir der Gefahren hier bewußt?
Diese Leute kennen dich kaum “ und halten dich schon für einen Feind
Und wenn du Pech hast, jemandem ähnlich siehst
Dann garantiere ich dir, wirds für dich nicht lustig
Inzwischen haben sie die Rollen getauscht, sind selber Gangster
Müßten verfolgt werden
Und alles müßte aufgeklärt werden
Falls wir wollen, daß sich hier was ändert..
Wir müssen kohärent handeln, dann hätten wir auch keine Angst mehr…

Schwierige Zeiten
Millionen guter Menschen sterben vor Hunger
Und schuld daran ist der Mensch selbst
Die Herrschaft ist in der Hand von mächtigen, lügnerischen Leuten
Die von all dem nichts wissen wollen
Es sind Schweine, die unseren Tod wollen
Da arbeiten die Leute den ganzen Monat
Reiben sich auf, sind ausgebrannt, für so wenig Lohn
Doch soviele andere arbeiten nicht,
stören nur und reden noch groß herum,
daß alles besser wird.
Anstatt dafür das Nötige zu tun
Täuschen, hintergehen sie nur die Dummen.
Versprechen hundert Prozent, lügen, betrügen
Lachen aber in Wahrheit über uns.
Sie werfen Geld zum Fenster raus, verschwenden massenhaft Mittel
Denken aber nicht an ein leidendes Straßenkind
Eine Welt voller Misere
Was beweist, daß eine Ära zuendegeht
Der Mensch hat Atomwaffen geschaffen
Ein Knopfdruck reicht, damit die ganze Welt in die Luft fliegt…
Immer mehr Korruption und Gewalt
Sex und Drogen, so alltäglich, so normal…
Aus Straßenkindern werden Kriminelle
Um deren Zukunft sich keiner kümmert
Für die ist dann eben das Banditenleben der Ausweg
Rauben, töten, sterben, sich gegenseitig umbringen
Während die Autoritäten so tun, als sähen sie das alles nicht
Und so nimmt die Gewalt ständig zu
Sind wir nicht alle daran schuld?
Sie zerstören die Natur
Verschmutzen die Luft
Und ich frage mich “ wie wird die Zukunft sein?

Wochenende im Park
Alle in den Armenvierteln der Südzone wollen sich amüsieren, wenn das Wochenende kommt
Im Sommer, im Januar der blaue Himmel über Sao Paulo, die Leute der Südzone fröhlich, beschwingt..
Auf dem Weg zu meinen Leuten sehe ich die Mittelschicht-Playboys aufgeregt, glücklich
Ihre Garagen offen, Autos werden gewaschen
Was die wieder an Wasser verschwenden..
Alle möglichen Lebensstile, Vagabundinnen, Motorräder
Reiche alte Damen
Und die selbe blonde Kuh läuft dort herum, wie immer
Gehen wir mal in den Park
Der Junge soll spielen
Am Wochenende im Park
Und ich bete, daß es am Sonntag nicht regnet
Schau mal, dieser Club mit allem Drum und Dran
Viele Leute, da gibts Eisdiele, Kino, Schwimmbad
Viele Typen, viele scharfe Frauen
Diese Kuh da müßte man im Pool ersäufen…
Doch hier tausende Buden auf einem Haufen
Erdwege “ das ist ein Slum..
Aber kannst es glauben, ich mag das
Mehr menschliche Wärme
An der Peripherie überall diese Fröhlichkeit
Dort wohnen meine Brüder, meine Freunde
Die Mehrheit ist so wie ich
Und Nummer Eins der Stadt bei den Niedrigeinkommen.
Da liegt eine Leiche auf der Treppe
Ein Tantchen ruft die Polizei, ein Toter, Hilfe
Hier gibts keinen Sportklub für die Jugend, wird kaum in Freizeiteinrichtungen investiert
Das Gemeindezentrum ist ein Desaster
Aber für Zerstörung ist das hier der richtige Ort
Schnaps und Kokain an jeder Ecke, alle hundert, zweihundert Meter
Gerissen zu sein, ist hier nicht immer das klügste…
Ich erinnere mich noch genau
Ein Schuß, ein Motorrad mit zwei Idioten
Umgelegt haben sie unsern Kumpel, der Freude in die Favela brachte
Ich habe diese ganze Scheiße satt, diesen ganzen Blödsinn
Alkoholismus, Rache, Streitereien, Gaunertum
Entsetzte, ängstliche Mütter, problematische Söhne
Zerstörte Familien, Wochenenden voller Tragik
Das System will es so “ die Jugend muß das endlich mal kapieren
Wir müssen in uns selber investieren, uns von Rauschgift und Alkohol fernhalten

Mann auf der Straße
Schlecht an den Steilhang geklebt, halbfertig, provisorisch, dreckig
Das ist seine Behausung, sein Rückzugsort
Im Hof furchtbarer Gestank von Abwasser, egal, wo man steht
Wenns regnet, wird das hier tödlich
Das hier ist ein Stück von der Hölle
Sogar die Leute vom staatlichen Statistikinstitut haben sich hier nur einmal blicken lassen
Haben die Baracken numeriert, viele Fragen gestellt und alles wieder sofort vergessen
Diese Hurensöhne
Auf eine vergewaltigte, getötete junge Frau sind sie gestoßen
Wer das tat, muß viel Wut gehabt haben. Die hat vielleicht Schläge abgekriegt
War total unkenntlich, wie ihr Gesicht
Um Mitternacht lag die Leiche immer noch dort, zugedeckt, ausgedörrt von der Sonne.
der Wagen vom gerichtsmedizinischen Institut kam erst nach zehn Stunden.
Ja, Geld verdienen, reich werden
Ich will, daß sich mein Sohn an das hier nicht erinnert, in Sicherheit lebt.
Ich will, daß er ohne Revolver im Hosenbund aufwächst…
Ein neuer Tag, immer dasselbe.
Unerträgliche Hitze, 28 Grad, das Wasser abgestellt seit fünf Tagen, schon Routine, Monotonie
Man weiß nicht, wann sie es wieder anstellen…
Ein Rettungswagen, Irrsinn der Gewalt, besoffen hat er die eigene Mutter umgebracht
Aber ehe er wieder nüchtern war, wurde er schon gerichtet, über die Straßen geschleift und gelyncht
Der sah ganz schön häßlich aus danach, die hatten kein Mitleid…
Die Reichen machen Kampagnen gegen Rauschgift
Aber andererseits stimulieren sie den Alkoholkonsum in der Favela, verdienen daran unheimlich viel Geld
Die Kinder hier haben keine Zukunft, gehen nur in die Schule, weils dort was zu essen gibt, die lernen dort nichts “ denn ihnen fehlt Selbstwertgefühl, Gesundheit..
Ein Freund von mir verdiente richtig gut Geld, hatte Auto und Rolex,
wurde an jener Privatschule erschossen, deren gutbetuchte Kids er mit Kokain versorgte.
Ein Mann wird verdächtigt, Überfälle begangen zu haben, er hat Vorstrafen, war im Knast, ist geliefert.
Ich vertraue nicht in die Polizei, sagt er sich, dreckige Rasse, wenn die mich angeschossen auf dem Fußweg finden, treten sie mir ins Gesicht, spucken mich an, ich werde verbluten. Deshalb muß ich selber für meine Sicherheit sorgen.
Und dann im Morgengrauen kommt die Polizei, fünfzehn Mann, und er nur mit einer Pistole…
Später heißt es:”Mulatte an der Straße M` Boi Mirim tot aufgefunden, offenbar von einer gegnerischen Verbrecherbande ermordet, er hatte zahlreiche Vorstrafen…”

Racional-Jury
Du hast keine Selbstachtung, Mann!
Durch dein Minderwertigkeitsgefühl gibts du den Rassisten unheimlich viele Gründe, uns weiter so zu ficken, wie sie es immer taten
Weißes Schaf der Rasse, Verräter!
Du hast deine Seele dem Feind verkauft, deine eigene Hautfarbe verleugnet!..
Schau dich an, denk an unsere Brüder
Getötet von der Polizei, erschossen, als sie schon am Boden lagen
Ich bin wütend und entrüstet über deine Indifferenz angesichts unserer Vernichtung!..
Diese miesen Frauen, die du immer so lobtest, amüsieren sich, lachen dich aus.
Diese Kühe, haben dich ausgenutzt, ausgebeutet bis zum letzten!
Du brauchst sie doch gar nicht.
Wenn es so schöne schwarze Frauen gibt, du die besten davon haben kannst,
warum bist du immer nur mit den schlechtesten zusammen?
Bourgeoise Hündinnen!
Jetzt stehst du vor der Racional-Jury, weil du der Gegenseite dienst.
Ich mag Nelson Mandela, bewundere Spike Lee
Zumbi, ein großer Held, der größte hierzulande.
Die sind wichtig für mich “ aber du lachst und drehst dich weg
Ich weiß, welche Scheiße du magst:
Sich anziehen wie ein Playboy, in Diskotheken gehen, hinter diesen miesen Weibern herlaufen, jeden Tag TV-Serien glotzen “ so eine Scheiße!
Gut vorstellbar, daß du dich so ganz schön fickst, dich selbstzerstörst, uns da mit reinziehen willst.
Ich will dieses Selbstwertgefühl zurückkriegen, das uns die andere Rasse weggenommen hat.
Aber hörst du, ich bin kein Rassist!
Doch du hast ja nicht einmal Interesse, dich zu befreien.
Ein echter Schwarzer muß gegen den Strom schwimmen können, opferbereit sein.
Einstimmig entscheidet deshalb die Jury, daß der Angeklagte schuldig ist, weil er den Kampf unserer schwarzen Vorfahren ignoriert, die jahrtausendealte Kultur der Schwarzen mißachtet, die anderen Schwarzenbrüder lächerlich macht, freiwilliges Instrument des rassistischen Feindes ist.
Der Fall ist erledigt.

Teil zwei
Vagabundin: Na, Edy, willst du mal mit mir?
Edy:Aber ich kenne doch deinen Mann schon tausend Jahre, das geht doch nicht
Vagabunda: Vergiß ihn, es bleibt doch unter uns, auf diesen Moment, daß ich mal mit dir könnte, habe ich so lange gewartet. Ich will – und damit basta, ein Nein akzeptiere ich nicht
Edy: Scheiße, diese Frau ist unerträglich
Solche Frauen sind für mich einfach gewissenlos, durchtrieben, ausgekocht
Am liebsten möchte ich ihrem Mann sagen, daß er aufpassen soll “ aber er wirds nicht glauben, wird denken, das sei Neid, oder ich sei durchgeknallt. Sie will wirklich alle, alles, was sie kriegen kann.
Doch sie tauscht dich eiskalt aus, ist unter den Frauen die schlimmste, macht ihm Szenen vor anderen
Und er glaubt auch noch ihren Tränen, Schwüren.
Mir fallen viele Männer ein, die sich von solchen Frauen einlullen lassen.
Sie agiert ganz diskret, sucht Freunde von ihm zu verführen, die eigentlich an durchgekautem Fleisch gar nicht interessiert sind “ aber manchmal ins Nachdenken kommen “ soll ich, oder soll ich nicht?
In wenige Freunde kann man heute noch vertrauen,
in Frauen noch weniger…
Paß auf deine Frau auf
Selbst wenn du sie unheimlich lange kennst, glaub ihr nur fünfzig Prozent
Glaub nicht, daß sie dazu gar nicht fähig ist
Sie lügt, wenn sie will,
du weißt nie, was in ihrem Kopfe vorgeht
mal ist sie Hund, mal Hündin..
Mit solchen Frauen lasse ich mich nicht ein
Und wers macht, verdient eine Revolversalve in die Fresse.
Auf jeden Mann entfallen sieben Frauen oder noch mehr
Warum dann auch noch seinen Kameraden hintergehen
Ich jedenfalls verzeihe sowas nicht, nicht mal im Höllenfeuer
Sie ißt vom selben Teller, auf den sie spuckt, hat bis zu einem Dutzend verschiedene Gesichter, saugt dich total aus
Sie tauscht dich aus für jeden andern…
Vagabundin: Na, Blue, willst du mal mit mir!
Blue: Was ist denn los “ ein Freund von mir ist dein Mann, trotzdem schmeißt du dich an einen anderen Freund ran “ und jetzt willst du auch noch mit mir?
Vagabundin: Denk nicht an die beiden, es bleibt doch unter uns…

Magische Friedensformel
Diese Scheiße hier ist wie vermintes Gelände
So oft habe ich schon gedacht “ nichts wie weg hier
Aber andererseits habe ich weiter nichts als dieses Viertel
Mein Leben ist hier, ich kann hier nicht weg
Es ist leicht abzuhauen, aber ich mache es nicht
Denn das wäre Verrat an mir selber
Ich mag, woher ich bin, woher ich komme
Die Lektionen der Favela waren gut für mich
Jede Favela anders, jede mit anderen Regeln,
die ich immer respektiert habe…
Als ich klein war, habe ich nur ans Tanzen, meine Black-Frisur, All-Star-Tennisschuhe gedacht..
Nichts ernstgenommen, die Gangster hier bewundert
Aber sag mir mal, wer von denen ist denn aufgestiegen, übriggeblieben
Seitdem hats hier reichlich Beerdigungen gegeben,
und wer ist die nächste Mutter, die weint..
Wenn ich so zurückschaue “ alle meine Freunde sind zu weit gegangen,
liegen jetzt schon auf dem Sao-Luis-Friedhof…
Ich habe meine Verhaltensregeln, rauche kein Crack,
mich mit Freunden zu treffen, macht mich glücklich
gegenseitiger Respekt ist der Schlüssel, das wollte ich immer
und sag mir, suche deinen Schlüssel, bis bald, bei unserer magischen Friedensformel
Die suche ich pausenlos …
Weinen und Gerenne im Hospital am Kindertag, Blut und Sterben auf dem Korridor
Lebt er noch, bei der Liebe Gottes, Herr Doktor.
Vier Schüsse vom Hals aufwärts, Scheiße, die Chancen sind minimal
Da begriff ich, wer ich bin, hörte mein Unterbewußtsein; Mano Brown, Arschloch, wo bist du denn, dein Kumpel stirbt “ was wirst du machen
Kannst es glauben, fühlte mich nutzlos, winzig, noch ein rachsüchtiges Arschloch mehr.
Unheimliche Hoffnungslosigkeit, alles ein Albtraum
So geht es nicht weiter
Dieser Delei war doch ein ganz normaler Junge.
Wenige Minuten später eine Dona Maria mehr in Trauer.
An der Wand das Kreuz.
Was ist das für eine Scheiße?Was für eine Welt ist das?Wo ist Jesus?..
Ich bin total durcheinander, muß nachdenken, gib mir ein bißchen Zeit dafür
Ich kann schon nicht mehr unterscheiden, wer hier falsch handelt,
meine Ideologie auf schwächsten Füßen
Schwarzer, Weißer, Polizei, Gangster oder ich
Wer ist denn nun der größte Hurensohn, ich weiß es nicht, bin gefickt, gefickt
So eine Enttäuschung in solchen Stunden
Die Depression will mich kriegen “ ich haue ab.
Jede Favela mit eigenen Gesetzen
Im extremen Süden der Südzone läuft alles falsch
Dort ist dein Leben ganz wenig wert
Unsere Gesetze funktionieren nicht, die Gewalt ist selbstmörderisch…
Hier bringen sich die Leute gegenseitig um “ Bruder, warum?
Schau mich nicht so an, ich bin einer wie du
Nimm deinen Finger vom Revolver-Abzug…

Peripherie bleibt Peripherie
Dieser Ort ist ein peripherischer Albtraum
Ein Menschenhaufen
Tagsüber das kleine Diebsgesindel auf dem Weg zur Schule
Nachts schlafen die, während die „Großen” sich mit Kokain und Crack befassen
Die konsumieren massenhaft Drogen, eine Scheiße ist das!
Mir tun deren Familien leid..
Alles ein schlechtes Beispiel für die Heranwachsenden.
Obacht, Senhora, paß auf deine Kinder auf!
Schon gefickt, denn der Chef des Hauses arbeitet nur und ist nie da
Den sieht niemand gehen, niemand kommen
Die Arbeit frißt seine ganze Zeit auf
Überstunden sind nötig, damits zum Essen reicht.
Ein paar Real mehr in der Lohntüte, Almosen vom Boß,
diesem Millionärs-Arschloch!
Sklave des Geldes, das ist es!
360 Tage im Jahr, und nicht mal versichert.
Wenn diese Sklaverei für dich endet, wovon lebst du dann?
Das System manipuliert, ohne daß man es merkt.
Gehirnwäsche läßt dich alles vergessen…
Ich habe schon zuviel Tränen gesehen,
das reicht für einen Kriegsfilm!
Ein Typ sagte mir, als er hierherkam, war noch alles Wald, er erinnere sich nur noch an Schüsse.
Ein anderer Verrückter sagte, er sei sprachlos.
Wer nicht tot ist, sitzt in Ruhe im Knast.
Wer heiratete, will sein Kind großziehen “ oder auch nicht.
Crack rauchen und davon so verrückt werden wie die Kids.
Hier wohnt überall die Feigheit, gilt das Gesetz der Wildnis.
Hast dus gesehen, jetzt haben sie dem Alten doch das bißchen Monatslohn geraubt, alles für Crack ausgegeben.
Der Alte, ein Arbeiter, Stadtsklave, aus dem Nordosten, kriegt den Haß, kauft sich eine Knarre zur Selbstverteidigung. ..
Im Morgengrauen, die Knarre im Hosenbund, wacht er auf “ da ist doch ein Strauchdieb im Hof, will die Wäsche klauen.
Schau, wie das Schicksal zuschlägt, nicht zu verhindern, beklagenswert!
Dieser Hurensohn, der ihn beraubte, erwacht voller Blei, so hat ers gewollt!
Neunzehn Lebensjahre einfach weggeschmissen “ gefickt!
Diese Nacht regnets viel.
Weil Gott weint.
Viel Armut, die Gewalt explodiert
Unsere Rasse stirbt
Sag mir nicht, daß doch alles gut läuft.
Ich brauche mir doch nur die letzten Jahre anzuschauen,
das reicht, um mir Sorgen zu machen.
Mit zwei Kindern “ da ist die Peripherie doch überall gleich.
Alle haben Angst, im Morgengrauen raus auf die Straße zu gehen
Letztens sieht man dort nur noch Verrückte, voll mit Drogen.
Verrückt bis zum Gehtnichtmehr
Die sind für dich gefährlich in ihrem Wahnsinn..
Mütter weinen, Brüder bringen sich um. Wie lange noch?
Peripherie bleibt Peripherie.
„Hier, mein Lieber, ist jeder nur für sich allein”Ich höre, wie mich jemand ruft
Hallo, Kumpel, Guina schickt das hier für dich “
Ich höre jemanden meinen Namen rufen..
Guina ist im Knast, ich hörte, der sei tot..
Wir waren starke Partner
Der hat wie irre Kokain geschnupft
War hier Lehrer in Verbrechen
Ein eiskalter Typ, supernervös
Immer die schärfste Frau
Immer die schicksten Klamotten..
Leben als Gangster, gar nicht so schlecht..
Ich habe dann mitgemacht, beim Banküberfall..
Da sah ich zum ersten Mal das System zu meinen Füßen
Der Sicherheitsmensch wollte intelligent sein, den Besitz vom Playboy verteidigen
Das Arschloch (Schüsse)..
Guina hatte kein Mitleid
Wer reagierte, wurde immer sofort umgelegt…
Dann war da so ein Verrückter hier, auf Villenüberfälle spezialisiert..
Einmal saß unser Opfer vorm Fernseher
Wir rein, Guina hat draußen aufgepaßt
Der Mann sieht mich, lacht, sagt, na Schwarzer, als ob ich ein Nichts wäre
Da stand meine Ehre auf dem Spiel
Es war einmal Robin Hood
Der Mann fiel um, noch die Augen offen
Ich habe ihm aus nächster Nähe sechs Kugeln reingejagt,
Guina dann noch drei dazu
Einmal sagte er mir, daß er nicht weiß, was Liebe ist
Erzählte von seiner Kindheit
Eine Mischung aus Haß, Frust und Schmerz
Wie erniedrigend es war, zur Schule in erbettelten Klamotten zu gehen
Ein nutzloser Vater,mit dem man Mitleid hatte
Besoffen, ein Hurensohn…
Ein bißchen Geld würde meine Probleme lösen
Aber was mache ich hier?
Meine Tennisschuhe voller Blut, der Mann auf dem Boden
Ein weinendes Kind, ich mit dem Revolver in der Hand
Es ist der Terror “ und ich habe das alles verzapft.
Doch jetzt ist es zu spät
Ich weiß, daß ich für diese Scheiße mal teuer bezahle
Im Spiegel erkenne ich mich nicht mehr,
bin verrückt geworden, schlafe nicht mehr..
Aufhören damit, abhauen, eine anständige Arbeit, vielleicht wieder in die Schule gehen
Sie sagen, Guina sei im Knast, weil ich ihn verpfiffen habe, wollen von mir Geld, das ich nicht habe
Schlimmer als meine Angst ist die Enttäuschung
Verraten, ausgetrixt, hintergangen werden
Meine Kumpels, meine Partner wollen mich wegen Geld umlegen…
In dieser Nacht, zu heiß, um zu schlafen, bin ich mal ohne Kanone zu der Straßenbar..
Zehn Minuten später gingen zwei Jugendliche auf mich zu
Ich renne nicht weg, weiß, was sie wollen
Na denn, knallt mich ab…
Die Waffe kenne ich, das ist die von Guina, ich habe sie ihm geschenkt..
Nach dem vierten Schuß habe ich nichts mehr gesehen
Spüre, wie die Klamotten am Körper kleben.
Ich will leben, kann doch jetzt nicht einfach tot sein
Wenn ich hier weggehe, werde ich mich wirklich ändern.
Ich höre, wie mich jemand ruftHey Boy
Laß uns mal ein paar Worte wechseln
Hey boy, was hast du hier zu suchen
Mein Viertel ist nicht das richtige für dich
Hier kanns dir schlecht ergehen
Du weißt nicht, wo du hingeraten bist
Mitten in ein Schlangennest
Und ich muß dir auch noch erklären,
daß du hier so leicht nicht wieder rauskommst
Das Leben hier ist hart
Brutal ist das Gesetz des Stärkeren
Für die Misere hier gibts kein Gegenmittel
Das wahrscheinlichste ist der Tod
Am Leben zu bleiben, heißt Kampf
Ich darf keinen Fehler machen
Muß gerissen sein
Oder sie nehmen mir alles weg
Ziehen mir die Haut ab…
Das bißchen Geld, was ich habe
Reicht nicht für das, was ich brauche..
Oftmals gehts nicht anders,
die einzige Lösung ist Rauben
Und deine Eltern meinen, daß das Gefängnis für uns der richtige Ort ist
Das System ist die Ursache
Und wir sind die Konsequenz…
Das ist alles wahr
Aber du brauchst kein Mitleid mit mir zu haben
Weil ich hier lebe
Ich will ja hier sein
Obwohls die vergessene Seite der Stadt ist
Und Sündenbock für alles Mittelmäßige
Die Gesellschaft weiß schon nicht mehr, was sie tun soll
Eingreifen oder einfach alles so weiter laufen lassen..
Hey boy,
du bist von denen, die beitragen
daß so viele dermaßen schlecht leben
Alleine löst das keiner
Aber viele denken wie du
Daß sich die Situation extrem verschlechtert
Und wie immer denkst du nur an dich
Dein Egoismus, Ehrgeiz und Mißachtung
Werden jene Argumente sein, die dich selber umbringen
Deshalb sage ich , hey boy
Sei nicht überrascht
Wenn dieser lächerliche, hassenswerte Kreislauf
Dieses System, dem du angehörst
Dich in einen Kriminellen verwandelt..
Also, lerne diese Lektion..
Hau ab hier und laß dich nie wieder blicken!

HipHop und Rap zum Draufschlagen
Brasiliens Massendiscos „Baile Funk“
von Klaus Hart

Millionen von dunkelhäutigen Kids strömen jedes Wochenende an den Slum-Peripherien der brasilianischen Großstädte zu ihren gewalttätig-machistischen HipHop-und Rap-Feten, Verletzte und Tote sind normal. Die nie auf kommerzielle CD gepreßten Texte der populären Gangsta-Raps sind weit brutaler, sadistischer als die Vorbilder aus den USA. Einen oberflächlichen Eindruck vermittelt die jetzt in Deutschland veröffentlichte CD „Baile Funk – Favela Booty Beats“(Essay Recordings/Universal)

In der Escola Estadual „Julio Ribeiro“ von Sao Paulo heizen die Rapper oben von der Bühne ein, unten im Publikum beginnt irgendwann die übliche Massenschlägerei, Revolver werden gezogen, der 24-jährige Funkeiro Carlos Roberto Marino fällt nach einem Kopfschuß tot um – in Rio de Janeiro werden am selben Tag gleich drei Funkeiros erschossen, dort ist die Todesrate stets höher. Schauplatz Nordzone, weitab von Copacabana und Ipanema. Mehrere tausend Dunkelhäutige drängen in den Clube Chaparral des Viertels Bonsuccesso nahe Rios internationalem Flughafen, schwülheiße Luft um dreißig, vierzig Grad, Adrenalin. Rechts von der Bühne mit den Lautsprechertürmen konzentrieren sich Kids jener Elendsviertel, die vom Verbrechersyndikat“ Comando Vermelho“, Rotes Kommando, dominiert werden, links bauen sich feindselig Heranwachsende aus dem Herrschaftsbereich des rivalisierenden „Terceiro Comando“, Drittes Kommando, auf. Die DJs starten mit HipHop, Techno, neuesten Gangsta-Raps, die Lautstärke übertrifft Hardrock-Konzerte. Auch sinistre Töne werden angeschlagen: „Jetzt wirst Du sterben, sterben, sterben – wenn Du weißt, was ein Neunziger-Patronengurt ist.“

Die Spannung steigt, der freie meterbreite „Corredor da Morte“ zwischen den Tänzermassen von rechts und links wird enger, erste Fausthiebe, Tritte, Schlägereien zwischen Gruppen, den Galeras. Sicherheitspersonal geht nach einer Weile dazwischen, trennt die Gegner – bis zum nächsten Gewaltausbruch, im Slang „Saddam Hussein“ genannt. . Die Kids springen ähnlich Boxern beim Kampf, doch stets im Rap-oder Techno-Rhythmus, versuchen auch, dem Feind, der im Rio-Slang stets „Alemao“, Deutscher, heißt, irgendetwas zu entreißen. Vor Mitternacht hat die Baile-Funk-Ambulanz schon Arbeit, blutende Kopfwunden, ein Knochenbruch. Bis zum Baile-Schluß wird hier Bruno Lopes Escobar, 16, erschlagen, Braulio Vieira dos Santos, 12, und Bruno de Souza Machado, 15, werden erschossen.

Die DJs stimulieren auch auf den anderen über 150 Massendiscos der Sieben-Millionen-Stadt zur selben Zeit Gewalt meist direkt, fordern, falls der Baile Funk „mole“, lahm zu werden droht, per Mikro zu Attacken auf, widmen Titel nur den Galeras einer Hallenseite, was die andere in Rage bringt. Als das Ganze auf ein „Massacre“ zudriftet, wie man im Baile-Funk-Slang sagt, verstummen die Wummerbässe abrupt, leiten die DJs zu sexistischen Einlagen über, folgt Sacanagem, Sauerei. Der MC in den gleichen Rapperklamotten wie an der US-Westküste schreit ins Mikro “Eta, eta, eta“ – aus tausenden Kehlen kommt „Pau na Buceta“ zurück. Auf der Bühne beginnen minderjährige Mädchen Striptease, manchmal ist es auch nur eine Professionelle, mit deren Auftritt ein Erektionswettbewerb gekoppelt wird. Hit der Bailes Funk sind auch superfeminine Gays, die auf der Bühne mit Partnerinnen einen Coito simulieren.

Elf-Zwölfjährige schauen reichlich zu, eigentlich dürften auch im Clube Chaparral nur fast Erwachsene sein. Koitus-ähnliche Bewegungen der Jugendlichen, zu zweit, zu dritt sind normal. Mädchen in knappen Tops, mit superkurzen Röcken provozieren die Jungs vor ihnen, indem sie sich immer wieder raffiniert so in die Hocke fallen lassen, daß für einen Moment ihr winziges Tangahöschen sichtbar ist. Obszönitäten beinahe jeder Art am laufenden Band. Claro, daß selbst Zwölfjährige auf Bailes Funk schon zur Prostitution oder für Pornofilme angeworben werden.In den Hallenecken dealen sie Kokain und Crack, der DJ jagt das Rap-Stakkato „Vai dancar“, x-mal viederholt, mit finsterem Höllenecho in die Menge. Klingt mechanisch übersetzt harmlos, dieses vai dancar, du wirst tanzen – doch alle Welt in Rio nutzts im Slang-Sinne: Du wirst sterben, gekillt werden, Blei fressen. Tudo mundo vai dancar – alle sind dran.

Brasiliens Bailes Funk, Bailes do Corredor enden meist gegen fünf – davor liegen noch einmal Stunden mit Tumult, Risiko, Enthemmung, mit ritualisierter Macho-Gewalt und der sogenannten „Viertelstunde der Fröhlichkeit“. Das häufig sogar mit Revolvern bewaffnete Hallenpersonal zieht sich zurück – zu den härtesten, aggressivsten Hits schlagen die Funkeiros ungehindert aufeinander, auch Mädchen sind darunter. Funkeiros sagen es offen:“Die Disco ist gut, weil es Schlägereien gibt, die gehören einfach dazu. Wir imitieren hier das Videospiel „Mortal Kombat“. Wer zu einer Galera gehört, muß zum Schlagen und sogar Töten bereit sein.“ Und wenn es am berühmten Ipanema-Strand von Rio ist, wo sich häufig verfeindete Funkeiro-Haufen bekämpfen. Schüsse fallen, Omnibusse gehen zu Bruch oder in Flammen auf – die romantischen Girl-from-Ipanema-Zeiten sind lange vorbei

Schwer zu übersehen, daß blutende Baile-Wunden Eindruck bei vielen Mädchen schinden, die dann nicht selten „Siegertrophäen“ werden. “Mir gefällt das, mit dem Gewinner zu bleiben“, meint eine Vierzehnjährige. Eine Freundin widerspricht:“Die Typen sind unheimlich machistisch – es gibt welche, die dich schlagen, wenn du nicht einwilligst. Dann muß man einen vom Sicherheitspersonal rufen. Mist, wenn mein Klo ausgerechnet neben der gegnerischen Galera liegt.“ Baile Funk ist Rivalenkampf, auch um den schärfsten Typen. „Ich ziehe immer ganz enge Sachen an, das macht mich sinnlich“, erklärt Ana Paula, „anders gehts garnicht, würde ich mir niemanden angeln, keinen abkriegen.“ Sie blinkert einen Jungen an, damit der weiß, daß sie will. Denn noch schmust er mit der Freundin. Kein Hinderungsgrund, in der Erwachsenenwelt außerhalb der Bailes Funk ja auch nicht: Für viele brasilianische Frauen ist es geradezu ein Sport, die „Treue“ verheirateter Männer zu testen, mit ihnen zu schlafen – wegen der Genugtuung, es „geschafft“ zu haben. Oder der anderen den Partner wegzuschnappen.

Ein Ehering gilt gewöhnlich als Beleg dafür, daß dieser Mann bereit ist, feste Beziehungen einzugehen, es ernst meint. Einer in Sao Paulo kommentiert:“ Einen Ehering anzustecken, zieht Frauen magisch an, da kommen sie in Scharen und greifen an.“ Wie Soziologen herausfanden, hat die Mehrheit der weiblichen Funkeiros von elf, zwölf Jahren an Geschlechtsverkehr, verzichtet meist auf Verhütung – Frühschwangerschaften sind entsprechend häufig. Es gibt Bailes Funk, bei denen draußen in heißer Tropenluft Matratzen ausgelegt werden. Mädchen betreiben sogar Gruppen-Mobbing gegen mißliebige Funkeiras, haben dafür drastische, unerhört sexistische Songs, die man nur übelsten Machos zutrauen würde.

Die Rhythmen der Bailes Funk wurden in Los Angeles und der Bronx erfunden, von der Musikindustrie auch nach Brasilien durchgeschaltet. Die Texte der US-Gangsta-Rapper sind verglichen mit denen Rios eher fürs Poesiealbum. Unterlegt mit Geräuschen von Mpi-Salven und Granatenexplosionen, singen Rios Rapper übers Töten, lebendig Verbrennen, Stapeln von Leichen, den Spaß am Kidnappen , Foltern. Im „Rap da Bandida“ ist vom Vergnügen die Rede, Leute mit der Mpi zu durchsieben, sie aufzuhängen. Zitat:“Ich bin Rauschgifthändler und Straßenräuber, mache massenhaft Entführungen – ich will dich an meiner Seite, Banditin von guter Rasse.“ Solche Songs sind auch in Kolumbien und Mexiko populär, gehören inzwischen zur Alltagskultur. Rapper Jefferson Sapao in Rio, derzeit superbeliebt bei den Kids, gehört selber zu einer Banditenmiliz, mag besonders das deutsche Bundeswehr-Sturmgewehr „G 3“ – wie das wohl in so großer Zahl in die Hände der Gangster gerät? Rappend preist er natürlich die brutalsten Banditenchefs über alle Maßen:“Wenn die Polizei sich in einem Slum wagt, muß sie mit Mpi-Salven empfangen werden.“ Was ja auch stets passiert.

Schauplatz Antares, ebenfalls Rio-Peripherie. Das lokale „Radio radical“verbreitet auf UKW und übers Lautsprechernetz den neuesten Gangsta-Rap, nachts läuft er auf den Bailes – eine Botschaft des Banditenbosses Magno vom Comando Vermelho an einen Rivalen:“Es gibt ein Blutbad, wenn er nicht Antares in Ruhe läßt – die Leute von Magno werden töten, köpfen, vom Friedhof bis zur Gerdau-Fabrik Leichen stapeln.“ Die Drohungen sind kaum übertrieben – in der Woche vor der ersten Rap-Ausstrahlung fallen sechsundzwanzig Gangster bei Schießereien, für die Slumbewohner Tage und Nächte des Terrors. Flüchtet ein bekannter Gangster aus den Hochsicherheitstrakten Rios, meist durch Wärterbestechung, feiern die Slums seines Comando tagelang, machen frischkomponierte Gangsta-Raps die Runde, werden von den Heranwachsenden gleich in Gruppen, auch in Bussen und Vorortzügen gesungen, rühmt man die „Heldentaten“ des Entwichenen.

Kein Rio-Wochenende ohne tote Funkeiros. Im Slum Formiga gegenüber Borel werden auf einer einzigen Massendisco elf Minderjährige, Mädchen und Jungen, darunter eine Elfjährige, mit großkalibrigen Waffen erschossen. Der Polizeichef reagiert vor den Journalisten grob:“Soll ich eine Atombombe auf Rio werfen, damit sowas aufhört?“ Auf einem anderen Baile sterben sechs. Einmal wirft eine Funkeiro-Gruppe drei selbstgebastelte Bomben am „Todeskorridor“ in tanzende Gegner – zwei vierzehnjährige Mädchen sterben, eines verliert das Augenlicht, ein weiteres den rechten Arm. Schon in den Zubringerbussen, oft von Gangstersyndikaten gesponsert, ist die Stimmung aufgeheizt. Die in einen überfüllten Funkeiro-Bus geschleuderte Spezialgranate der Armee hätte gemäß einem Offizier alle getötet, explodiert gottseidank nicht. Molotov-Cocktails auf Rivalen-Busse zu werfen, ist nichts Besonders mehr Auch das gibts: Funkeiros wollen den von einem rivalisierenden Verbrechersyndikat beherrschten Slum Antares provozieren, hängen beim Vorüberfahren aus dem Busfenster die nackten Hintern heraus. Auf diese schießen Banditen sofort mit Mpis – neun Funkeiros landen schwerverletzt im Hospital. Eine schwarze Menschenrechtsanwältin kennt einen Zeugen, demzufolge inmitten von Bailes Funk Jugendliche lebendig verbrannt wurden. Fotos verkohlter Opfer veröffentlichen die Horror-und Crime-Boulevardblätter Rios allen Ernstes fast jeden Tag. Funkeiro-Galeras haben nach der Disco wiederholt Bettler verbrannt. Die Reste des vierzigjährigen Joel da Silva aus dem Rio-Slumgürtel Baixada Fluminense werden in Großaufnahme abgebildet. Kirchliche Sozialarbeiter sagen, auch andere Obdachlose endeten genauso.

Seit Jahren lassen die Baile-Veranstalter Tote, Schwerverletzte, Jugendliche im Koma, clever „verschwinden“: Ein Spezialteam, genannt „Servica de Desova“, schafft sie in öffentliche Hospitäler, gibt dort stets zu Protokoll, alle irgendwo in dunklen Straßen aufgefunden zu haben , weit entfernt vom nächsten Baile Funk. Gleice, 16, ließ man liegen. Auf dem berüchtigten Baile des Country Club von Jacarepaguà wird sie von einer gegnerischen Galera zuerst zusammengeschlagen, dann ins Klo geworfen. Das reichte nicht – auf Gleice wird uriniert, man beschmiert sie mit Kot. Julio, 15, wird beim „Mortal Kombat“ im Country Club erschlagen, Mauricio, 16, erschossen – in wenigen Jahren sterben allein auf diesem Wochenend-Baile über zwanzig Jugendliche.

Das organisierte Verbrechen finanziert, veranstaltet viele Bailes Funk, läßt sogar populäre Sambistas gegen Höchstgage auftreten, wirbt dort Bandenmitglieder an. Kokain, Crack oder Heroin werden selbst an Kinder häufig kostenlos verteilt, bis es zum verführerischen Angebot kommt:“Wenn du mitmachst, kriegst du die Drogen immer gratis, hast viel Geld und eine Waffe, kannst dich schick anziehen, nimmst dir die Frauen, die du willst.“Comando-Leute sind in der Menge leicht zu erkennen – sie tragen Goldkettchen und teure Ringe, sind am besten gekleidet, werden als Idole, Aufsteiger angesehen und behandelt, „erobern“ die meisten Mädchen. Üblich ist, der Logik des Bosses der jeweiligen Favela auch in puncto Machismo zu folgen: Man hat drei bis vier Geliebte, die voneinander wissen, und eine Namorada de Fè, Geliebte des Vertrauens, zum Heiraten, mit der man Kinder haben will.

Die Baile-Funk-Realität erscheint absurd bis irrsinnig, zumal sie von den Autoritäten hingenommen wird. Marcia ist Soziologin, forscht in der Baile-Funk-Szene, dachte anfangs, mit progressiven Baile-Projekten ein Gegengewicht, Alternativen schaffen zu können. An einer Straßenbar von Lapa schüttet sie mir ihren Frust vor die Füße, ist nur noch pessimistisch. „Das alles ist die Antwort unseres neoliberalen Staates auf die Verhältnisse – es gibt keine Politik, um die Jugendlichen für die Gesellschaft zurückzugewinnen. Fast dreißig Prozent der Heranwachsenden Rios sind ins organisierte Verbrechen verwickelt, hier geschieht ein Genozid an den jungen Leuten!“ Die Kugel sei die erste Todesursache in dieser Altersgruppe.

Nach jahrelangem Zögern haben auch andere brasilianische Sozialwissenschaftler das Kulturphänomen Baile Funk schließlich intensiv untersucht. Selbst Therapeuten und Musikexperten nennen die Massendiscos Feste einer „Jugend ohne Perspektive“, die zynisch-nihilistische Antwort der jungen Generation auf eine Gesellschaft ohne Projekte – eine Ablehnung sozialer Werte und eine Form der Entfremdung. Inzwischen frequentieren auch zunehmend weiße Jugendliche der Mittelschicht die Bailes Funk, damit, so heißt es, wollten sie eine tiefe innere Leere und Einsamkeit überdecken..“Die gefährliche Seite dieser Annäherung“, so der renommierte Jugendpsychiater Christian Gauderer, „ist die Anziehungskraft, die der Kriminelle auf die Mittelschichtskids ausübt – diese versuchen, Freunde der Drogengangster zu werden, um Waffen und Status zu bekommen.“

Claro, die Bailes Funk machen an der Peripherie dem Samba den Garaus.

Wieder dröhnt mir auf einem Baile Sinistres um die Ohren – die „Montagem do Aviso“. Monoton die zigmal geflüsterte, geschriene Botschaft „Paß sehr gut auf“, gewöhnlich die Ankündigung, daß man der nächste ist, der umgelegt werden soll. Aviso – das kennen die im Slum sehr gut. Dann heißt es nur, alles stehen und liegen lassen, sofort abhauen, nie mehr in der Gegend auftauchen.

Österreicher, Schweizer, Deutsche, die Leme, Laranjeiras oder im Bergstadtteil Santa Teresa wohnen, hassen die Bailes Funk der umliegenden Favelas, besonders jene vom Morro da Coroa. In einer Novembernacht werden dort vier Funkeiros angeschossen, in Bauch und Rücken, eine Zwölfjährige und ein etwas älterer Junge fallen tot auf den Baile-Beton. „Guilherme Augusto Salvador hat einen Schuß in die Eier gekriegt“, amüsiert einen von der gegnerischen Galera. Eigentlich sind die Lärmschutzgesetze streng, ist Rios Umweltchef immerhin ein sogenannter Grüner, dennoch dröhnen HipHop und Rap von Freitagnacht bis Montagmorgen in Hardrock-Lautstärke über die Hügel. Ausländerinnen fliehen deshalb regelmäßig mit ihren brasilianischen Geliebten in die Bungalows außerhalb der Stadt, andere schlafen bei Freunden. Und alle fragen sich, wie eigentlich die Slumbewohner mit dem Krach klarkommen, all die Kranken, Alten, am Schlafen gehinderten Babies. In einem Hangslum des Mittelschichtsviertels Tijuca ist der Chef der Bewohnerassoziation, mit schwerkranker Frau in der Kate, mehr als genervt, hat wegen der letzten Baile-Funk-Nacht Ringe unter den Augen, erklärt mir die Lage: “Was soll ich machen? Die Leute kommen zu mir, wollen, dass ich mich bei den Veranstaltern beschwere. Mache ichs, werde ich erschossen. Denn der Veranstalter hier ist das Comando Vermelho.“

In einer Uni-Fakultät Tijucas unterrichtet ein auswärtiger Dozent den ersten Tag, fährt sechs Uhr abends wegen einer nur zweihundert Meter entfernt abgefeuerten Mpi-Salve erschreckt zusammen. Seine Studenten im Hörsaal klären ihn lachend auf. Gerade hat in der nahen Favela der Baile Funk begonnen, die Gangster schießen deshalb immer am Anfang in die Luft, tuns auch zwischendurch, mitten in der tanzenden, wogenden Menge. In Sichtweite ist das weltgrößte Fußballstadion Maracanà. Als drinnen beim Baile Funk mit sieben DJ-Teams unter den über 6500 Jugendlichen die ersten Massenschlägereien losbrechen, mache ich mich lieber aus dem Staub, komme aber nicht weit. Denn rund ums Maracanà bekämpfen sich bereits über zweitausend Funkeiros, sogar Schüsse fallen. „Bleib lieber drin, Gringo, bist du verrückt!“, sagt der Stadionwächter, öffnet aber das dicke Vorhängeschloß, damit ich rauskann. Wenige Sekunden später flehe ich ihn an, mich wieder reinzulassen, denn eine Galera rennt auf mich zu, sichtlich nicht in friedlicher Absicht. Das geht über eine Stunde so, bis das Abtauchen in dunkler Nacht gelingt. Hinter mir werden noch Autos umgeworfen, Busse und Telefonzellen ruiniert, angeblich gibt es nur Angeschossene, keine Toten. Mir gellen die Galera-Schlachtrufe noch in den Ohren – auf Comando Vermelho oder Terceiro Comando gemünzt. Besonders aktiv ist mal wieder die über hundertzwanzig Köpfe starke Galera des Borel-Slums, in Tijuca besonders gefürchtet. „Wir schlagen zu, weils uns gefällt“, sagt Pedro, siebzehn. „Unsere Galera hat die öffentlichen Busse im Griff – steigt ein Alemao zu, hauen wir ihn zusammen.“ Borels berühmteste Rapper waren das Duo Willian und Duda, die zum Karrierestart vom Comando Vermelho bezahlt wurden, auf deren Bailes auftraten, deren Taten verherrlichten. Reich geworden, zogen beide in bessere Viertel.

Als sich erster öffentlicher Protest gegen die Bailes Funk regt, auf Verwicklungen zwischen Politik, Gangstern und Disco-Betreibern verwiesen wird, wollen Funkeiro-Galeras spätnachmittags vor Oper und Parlamentspalast im Stadtzentrum aller Welt zeigen, was für grundfriedliche, harmoniebedürftige Jungs sie sind. Der Evento mit Rappershow geht nach hinten los, ich sehs mir aus der Nähe an, renne vor fliegenden Pflastersteinen davon. Wie auf den Bailes kriegen sich die Galeras sofort in die Haare; wer nicht mitprügelt, reißt solange schwangeren Frauen, alten Leutchen die Taschen weg, macht teils bewaffnet Straßenüberfälle. Ein Greis wird direkt vorm Parlament nicht nur beraubt, sondern auch noch zu Boden gestoßen und getreten, Hunderte, auch Zufallspassanten, schauen zu.

Natürlich sind die Bailes Funk auch ein Riesengeschäft, eine Industrie, an der wenige verdienen. Monatsumsatz in Rio – umgerechnet weit über dreißig Millionen Mark. Soziologin Marcia erklärt mir die Strukturen:“Romulo Costa, Pastor einer Sektenkirche, ist Marktführer, hat sogar eine mehrstündige TV-Sendung. Das ist dermaßen absurd – fast schon komisch bis grotesk, wenn nicht alles so tragisch wäre.“ Auf einem Video ist zu sehen, wie Prediger Romula Costa ungerührt einer Massenschlägerei auf einem seiner Bailes zuschaut, der im Maracanà war auch sein Werk. Anfang Zweitausend findet man seine Firma erstmals schriftlich in der Buchhaltung einer Gangstermiliz festgehalten, die zu selber Zeit dem Militärpolizisten Marco de Oliveira den Kopf abschlägt. In den Zeitungen steht, für Romulo Costas längst fast jedermann bekannte Verwicklungen gebe es damit erstmals einen „technischen Beweis“. Folgenlos. Seine DJs schreien in die Massen:“Tötet die Deutschen, schnappt euch die dort, bildet Gruppen!“ Romula Costa konkurriert mit Josè Claudio Braga, der sich ironisch-zynisch selber einen „Empresario des Teufels“ nennt. Über seinen Bailes schwebt eine fünf Meter lange Riesenpuppe, die den berüchtigten Gangster Bagulhao verherrlicht. Bragas tägliche Seite im Sex-, Crime-und Horror-Blatt „O Povo de Rio“, Volk von Rio, ist aufschlußreich. Ein mit Bild vorgestelltes Galera-Mitglied erklärt:“Unser Wahlspruch ist Terror“. Und ein Kommentar von Veranstalter Braga beginnt so:“Die schönste Waffe, die es gibt, ist die nordamerikanische Heeres-Mpi AR – 15. Schön in Größe und Form, auch der Art, wie sie zerstört, nämlich auf der Stelle. Vapt-vupt – und die getroffene Person leidet nicht einmal, fühlt keinerlei Schmerz.“ Wenn ihm Konkurrent Romulo Costa öffentlich vorwirft, Gewalt-Bailes zu veranstalten, haut Braga in seiner Kommentarspalte zurück, beschreibt Panik und Schießereien auf dessen Discos.

Funkeiros tragen massenhaft Gewalt in die Stadien, was selbst Multimillionär und Ex-Fußballstar Pelè hart reagieren läßt: „An den Schlachtrufen ist zu erkennen, daß viele Gewalttäter zu den Fans der Bailes Funk zählen, sich kaum für Fußball interessieren, dafür um so mehr für Brutalitäten.“ Schuld an den Zuständen sind die führenden egoistischen und korrupten Politiker, donnert Pelè, denen die Zukunft des Landes schlichtweg egal ist. Was sich bei europäischen Fußballmatchs abspielt, sind Peanuts gegen die brasilianischen Verhältnisse: In Rio oder Sao Paulo gehen Hunderte, oft sogar Tausende mit Revolvern, Molotovcocktails, selbstgebastelten Bomben und Messern aufeinander los – Busse von Fanclubs werden sogar mit Maschinenpistolen beschossen. Üblich sind inzwischen sogenannte Arrastoes, Fischzüge, in den Stadien: Einer Menschenwalze gleich fallen Ungezählte über zumeist ältere, friedfertige Fußballanhänger her und rauben diese unter Schlägen restlos aus. Ein Glück, daß wenigstens in Sao Paulo die Rap-und Funk-Szene teilweise politisiert ist, radikalen Protest äußert. Keine Rappertruppe agiert radikaler, erfolgreicher als die „Racionais MC`s“, aus den gefährlichsten, elendesten Favelas der reichsten lateinamerikanischen Metropole, unweit von VW, Mercedes-Benz und Ford. Grünenpolitiker wollen nicht anders als ihre Klientel der weißen Mittelschichtsviertel die Freigabe und Entkriminalisierung von Drogen – die „Racionais MC`s“ sind radikal dagegen, sehen in Rauschgifthandel und – konsum das Hauptübel der armen Vorstädte Brasiliens. Bereits Kinder unter zehn Jahren rauchen Crack, nehmen Kokain, Heroin, LSD, ganz zu schweigen von den Älteren – und überhaupt kein Vergleich mit Europa. Im Drogenrausch wird Entsetzlichstes begangen – kaum ein Tag ohne Zerstückelte, lebendig Verbrannte.

Die Besserbetuchten, auch jene der Ersten Welt, verdrängen diese Realität, die Rapper von Racionais MC`s haben sie kontinuierlich vor Augen, sehen in Aufklärung, Politisierung ihre Mission. Sänger Mano Brown, der früher mit einem Revolver am Gurt herumlief, schreit von der Bühne, daß Drogen betäuben, debil und stupide machen. „Das System hat kein Interesse an Armen, die intelligent sind!“ Die Schwarzen müßten endlich erkennen, in welch tiefer Dekadenz sie stecken – und die Dinge ändern. Lernen, zum Buch greifen, anstatt in die Kriminalität abzurutschen. Zwar rasch mehr Geld zu haben, dafür aber früh, mit zwanzig, fünfundzwanzig Jahren bereits ins Gras zu beißen. Die Racionais MC`s wollen ein Beispiel geben, rauchen nicht, trinken nicht, manche wurden Vegetarier. Drogen sind sowieso out. Die CDs der Gruppe verurteilen nicht nur Drogen, deren Nutzer und Profiteure, sondern vor allem die Eliten, die sozial unsensible Mittelschicht. Biblische Salme über göttliche Gerechtigkeit fehlen nicht – Slumbewohnern, meint Mano Brown, bleibt heute im Grunde nur die Alternative, kriminell zu werden, mit dem Crime organizado zu kollaborieren – oder sich entschieden der Kirche zuzuwenden. Im „Tagebuch eines Gefangenen“ rappt Mano über den ersten Oktober 1992, als eine Spezialeinheit der berüchtigten Militärpolizei im Carandirù-Gefängnis von Sao Paulo mindestens 111 Insassen erschießt, in weniger als dreißig Minuten auf die Unbewaffneten über dreitausend Schuß abfeuert, viele durch Bluthunde zerreißen läßt:

“Du weißt nicht, wie das ist, ein deutsches oder israelisches Maschinengewehr auf deinen Kopf gerichtet, das einen Dieb in Stücke fetzt wie Papier… Der Mensch ist Wegwerfware in Brasilien, wie Slipeinlage, das System verheimlicht, was die TV-Serien nicht zeigen. Blut rinnt wie Wasser aus Ohren, Mund und Nase, der Herr ist mein Hirte, Kadaver im Brunnen, im ganzen Gefängnishof, Adolf Hitler lacht in der Hölle, Gouverneur Fleury und seine Gang werden in einem Becken voller Blut schwimmen, aber wer wird meinen Worten glauben?“ Das Massaker blieb bisher ungesühnt, der befehligende Offizier wurde Politiker, Abgeordneter. Interessant, bezeichnend – die so hochpopulären Racionais MC`s schaffen es nicht, an der Rio-Peripherie aufzutreten. Denn die soziale Kontrolle der Gangstersyndikate ist so effizient, daß Rapper-Kritik an Banditen und Drogen nirgendwo zugelassen wird, wirklich sozialkritische Bands keine Auftrittschancen haben. Wenige Jahre zuvor gibts dort ein großes Rapper-Festival, die Banditenmilizen machen den Ordnungsdienst. Also wagt niemand, etwa die massenhaft Anwerbung von Straßenkindern für Verbrechen zu kritisieren. Um so heftiger wird der Polizeiterror angeprangert, das gefällt den Comandos. Daß Banditen Rios minderjährige Mädchen vergewaltigen, zum Mitmachen bei Pornofilmen zwingen, die man später in ihrer eigenen Favela öffentlich zeigt, ist ebenfalls kein Thema. Wenigstens rappt „Justica Negra“, Schwarze sollten sich nicht gegenseitig, wegen ein paar Tennisschuhen, einer Uhr, einer schicken Rappermütze umlegen, zuviele seien deshalb schon im Knast. Auf den Bailes Funk in Sao Paulo manifestiert sich in Ansätzen wachsendes Selbstbewußtsein der dunkelhäutigen Unterschicht, kaum aber in Rio.

Sänger Ice Blue von den Racionais MC`s ist lieber vorsichtig, spricht nur von einer gewissen „Bequemlichkeit“der Slumjugend am Zuckerhut. Arnaldo Jabor, Starkolumnist von Brasiliens auflagenstärkster Qualitätszeitung „Folha de Sao Paulo“ nimmt dagegen kein Blatt vor den Mund, reflektiert den Abstand der Reichen, der Mittelschichtler, der Intellektuellen wie er selber, von der Peripherie-Realität: “Auf den Bailes Funk pulsiert ein brutaler Strom des Wollens, der Lust – die Gewalt als Hunger nach Ausdruck, das Töten als Erleichterung, Trost, Erholung nach Erniedrigungen. Eine Normalität des Mordens entsteht, bar jeder Schuld und Sünde. Die Masse der Unglücklichen wächst jeden Tag, wir können sie nicht mehr ignorieren. Erinnert sich jemand an den Videoclip der Racionais MC`s im MTV, die Faszination der privilegierten Mittel-und Oberschichtskids für die rohe, viehische, brutale Ethik der Slumkids? Die Peripherie wird zur Avantgarde der Verhaltensnormen. Unser hübschen kleinen Sozialprojekte -–wie sind die doch lächerlich. Aber die Regierung steht nun einmal zur Avenida Paulista(Sao Paulos Straße der Großbanken, Konzerne und Multis, der Verf.). Wahrscheinlicher ist, daß dort in ein paar Jahren eine Wissenschaft der Ausrottung hochsprießt, entwickelt wird – anstatt eines radikalen Projektes zur Rettung dieser Unglücklichen. Die Idee einer Lösung ist immer weiter weggerückt. Eine Lösung? Zu spät, vorbei…“

Dieser Beitrag wurde am Mittwoch, 22. Juli 2015 um 16:28 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Politik abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen.

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