Klaus Hart Brasilientexte

Aktuelle Berichte aus Brasilien – Politik, Kultur und Naturschutz

“Im Complexo do Alemao geschah eine Raubzug-Operation. Dutzende von Reportern und Kameraleuten waren dort – doch dies entging ihrer Beobachtung.” (O Estado de Sao Paulo) Kritik an Hurra-Berichterstattung über die Farce des Polizei-und Militäreinsatzes von Rio de Janeiro. Viele Fragen über gesteuerten Journalismus.

Freitag, 18. Februar 2011 von Klaus Hart

Im Zuge der jüngsten Enthüllungen über die tatsächlichen Vorgänge bei der Besetzung der Slumregion “Complexo do Alemao” von Rio de Janeiro geraten inzwischen immer mehr die Mainstreammedien und Mainstreamjournalisten in die Kritik, die in heute üblicher Manier offizielle Versionen des Militär-und Polizeieinsatzes verbreitet hatten. Brasiliens wichtigste Qualitätszeitung “O Estado de Sao Paulo” betont inzwischen, was brasilianische Richter und kirchliche Menschenrechtsexperten bereits seit dem Beginn der Operation vom vergangenen November scharf verurteilt hatten, indessen vorhersehbar  bei in-und ausländischen Mainstreammedien kein Gehör fanden. Gemäß der Analyse der Qualitätszeitung handelte es sich um eine große Raubzug-Operation. Die Reporter hätten sich als Teil der Kriegsoperation gesehen und ihr kritisches Potential verloren. “In der Schilderung war alles schön und wunderbar – während real im Schatten Raub und Plünderung abliefen.” “O Garimpo envolveu o saque de varias casas de cidadaos comuns, perplexos com a furia e a ganancia de seus salvadores…Aves de rapina agradecem.”Brasilianische Menschenrechtsaktivisten, die zu selber Zeit wie in-und ausländische Journalisten im Complexo do Alemao recherchierten, berichteten gegenüber der Website vom vorherrschenden Klima der Einschüchterung,  Angst unter den Slumbewohnern, von staatlichem Terror, Raub. Massakrierte habe man in der üblichen Weise zwecks Beseitigung von Schweinen auffressen lassen. Menschenrechtsaktivisten im Complexo do Alemao fürchteten Repressalien und Ermordung, zögen es vor, daß jegliche Art von Protesten gegen die Menschenrechtsverletzungen fern der Slumregion stattfinde und von Gruppierungen außerhalb des Teilstaats Rio de Janeiro organisiert werde. Ein Blick auf Berichte über die Besetzungsaktion zeigt, daß in nicht wenigen Medien offenbar verboten war, derartige kritische Stimmen überhaupt zu erwähnen.

Nicht nur in Brasilien ist allgemein bekannt, daß es bei Polizei-und Militäraktionen in Favelas fast stets zu derartigen gravierenden Menschenrechtsverletzungen kommt. Umso merkwürdiger mutet an, daß just in Berichten von ausländischen Reportern, die vor Ort waren,  solche nunmehr offengelegten Fakten komplett fehlen. Was war da passiert, welche Abstimmungen erfolgten mit den zuständigen Redaktionen? Fragen über Fragen, viel Stoff für Kommunikationswissenschaftler.

Zu den gerne weltweit verbreiteten offiziellen Versionen zählte just im November 2010, mitten in den Raub-und Gewaltaktionen,  auch die Einschätzung eines Rio-Polizeichefs, wonach man den Bewohnern des Complexo do Alemao die Freiheit gebracht habe. Präsidentin Dilma Rousseffs neuer Justizminister nannte laut Landesmedien die Besetzungsaktion ein “Modell und Beispiel für das ganze Land”.

 http://www.hart-brasilientexte.de/2011/01/11/militarische-besetzung-des-complexo-do-alemao-von-rio-de-janeiro-ist-modell-und-beispiel-fur-das-ganze-land-zitieren-brasiliens-landesmedien-neuen-justizminister/

http://www.hart-brasilientexte.de/2011/02/17/rio-de-janeiros-bejubelter-militareinsatz-in-der-slumregion-complexo-do-alemao-neue-enthullungen-uber-tatsachliche-vorgange/

riocomplexosoldaten2006.JPG

Militäreinsatz von 2006 im Complexo do Alemao – mit den bekannten Resultaten…

Fotoserie:  http://www.hart-brasilientexte.de/2010/09/05/brasiliens-zeitungen-eine-fundgrube-fur-medieninteressierte-kommunikations-und-kulturenforscher/

Bundesaußenminister Guido Westerwelle 2010 in Sao Paulo:

“Die brasilianische Regierung, mit der Autorität ihrer Erfolgsgeschichte im Hintergrund, sie macht ihr Wort in der Weltpolitik…Aber, meine Damen und Herren, was uns verbindet, das sind gemeinsame Werte. Und wenn man gemeinsame Werte hat, wenn man Ansichten zur Rechtsstaatlichkeit, zur Notwendigkeit internationaler Kooperation, zum Primat des Völkerrechts teilt, so ist das eine ganz besonders verlässliche Basis für eine strategische Partnerschaft. Wir haben ähnliche Vorstellungen über den Wert individueller Freiheit…”

Die Rio-Äußerung 2010 von Bundesaußenminister Guido Westerwelle(FDP), die wegen der grauenhaften Menschenrechtslage in Brasilien besonders aufhorchen ließ:”Erneut lobte Westerwelle in seiner Rede Brasilien als wichtigen “strategischen Partner” Deutschlands. Die Interessen reichten weit über Wirtschaftsinteressen hinaus. “Wir wissen, dass wir im Geiste sehr eng verbunden sind.” (Tagesspiegel) Außenminister Westerwelle traf diese Bewertung vor dem Hintergrund sehr genauer Kenntnis der gravierenden, von Staat und Regierung/Staats-und Regierungsangestellten begangenen Menschenrechtsverletzungen in Brasilien. Dies läßt wichtige Rückschlüsse auf aktuelle Politikziele in Deutschland zu. 

Folter und Haftbedingungen in Brasilien – Amnesty-Bericht 2010

Nach wie vor waren Häftlinge grausamen, unmenschlichen oder erniedrigenden Bedingungen ausgesetzt. Folter wurde als gängige Verhörmethode zur Bestrafung, Kontrolle, Erniedrigung und Erpressung eingesetzt. Auch die Überbelegung der Haftanstalten blieb ein ernsthaftes Problem. Die Kontrolle der Hafteinrichtungen durch Banden führte zu einer hohen Gewalttätigkeit unter den Häftlingen. Das Fehlen unabhängiger Kontrollinstanzen sowie ein hohes Maß an Korruption sorgten für eine weitere Verfestigung der Gewaltprobleme im Straf- und Jugendstrafvollzug.

http://www.hart-brasilientexte.de/2010/12/22/brasiliens-kulturexport-nur-02-prozent-vom-weltvolumen-retrato-de-um-pais-que-nao-exporta-sua-cultura-o-estado-de-sao-paulo-brasilianische-musik-verkauft-sich-garnicht-so-gut-im-ausland/

Hintergrund Favelas – Österreichs Südwind-Magazin:

http://www.suedwind-magazin.at/start.asp?ID=234729&rubrik=31&ausg=200304

http://www.hart-brasilientexte.de/2011/03/29/herzlich-willkommen-zum-letzten-fokus-amerika-ich-bin-sven-toniges-2532011/

Raubmord an AfroReggae-Leiter: Polizeioffiziere helfen dem verblutenden Verwundeten nicht, lassen die Täter wieder laufen, schnappen sich das Raubgut, laut Medien. ” A policia bandida”. Psychologin Sandra Salgado: “Desprezo pela vida e ausencia de culpa: sinais de sociopatia.” Rio-Zeitgeist.

Donnerstag, 22. Oktober 2009 von Klaus Hart

Die Umstände des Raubmords an Evandro Joao da Silva haben in Rio Empörung und Entsetzen über die im Polizeiapparat herrschende Dienstauffassung hervorgerufen. Erinnert wurde an zahlreiche andere Fälle, in denen Polizisten als Täter auftraten, darunter als Straßenräuber. Im Berlinale-Gewinner  von 2008, “Tropa de Elite”, wird gezeigt, wie Polizisten an Banditenkommandos sogar Maschinengewehre verkaufen. Immer wieder berichten Rios Zeitungen von Polizisten, die ausländische Touristen ausraubten – Hinweis auf das gesellschaftliche Klima, den Zeitgeist in der Stadt. Die beiden Beamten, die Evandro Joao da Silva verbluten ließen, waren Offiziere der Militärpolizei und für die “Kontrolle” der Arbeit vieler anderer Beamten zuständig.  Silva war nach den Schußverletzungen noch 50 Minuten am Leben, hätte gerettet werden können.

http://g1.globo.com/Noticias/Rio/0,,MUL1350192-5606,00-CAMERA+GRAVA+ASSALTO+QUE+TERMINOU+COM+A+MORTE+DE+MEMBRO+DO+AFROREGGAE.html

http://www.hart-brasilientexte.de/2009/10/19/afroreggae-chef-evandro-joao-da-silva-in-city-von-rio-de-janeiro-erschossen/

Vicente Maiolino, Ludmila Fragoso: http://www.hart-brasilientexte.de/2010/01/12/ein-guter-freund-und-langjahriger-nachbar-theaterregisseur-vicente-maiolino-in-rio-de-janeiro-bergstadtteil-santa-teresa-durch-12-schusse-getotet-kein-hinweis-auf-tater/

http://www.hart-brasilientexte.de/2009/03/11/brasiliens-organisiertes-verbrechen-und-der-massive-drogenexport-nach-europa-bestochene-flughafenbeamte-lassen-50-kilo-kokain-koffer-durchgehen/

Brasiliens wichtigste Berufsgruppe vorm Silvestereinsatz auf der Fest-Avenida Paulista. Anders als an der Copacabana keine Schießereien, Gewaltausbrüche, Raubüberfälle.

Mittwoch, 31. Dezember 2008 von Klaus Hart

    NEU: Fotoserie Gesichter Brasiliens

    Fotostrecken Wasserfälle Iguacu und Karneval 2008

    23' K23

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