Klaus Hart Brasilientexte

Aktuelle Berichte aus Brasilien – Politik, Kultur und Naturschutz

Rio de Janeiro, Favela Vidigal. Gesichter Brasiliens. Heckler & Koch-Waffen bei Banditenkommandos von Rio de Janeiro sehr beliebt. Fußball-WM-Hit “Rap das Armas” anklicken.

Samstag, 26. September 2009 von Klaus Hart

Clodovis Boff kritisiert die Befreiungstheologie – sein Bruder Leonardo Boff, Frei Betto und Maria Clara Bingemer weisen dies als falsch zurück. (Wikipedia-verlinkt)

Mittwoch, 10. September 2008 von Klaus Hart

Zwischen den Gebrüdern Leonardo und Clodovis Boff, beides Befreiungstheologen, ist heftiger Streit entbrannt. Nicht Gott, sondern der Arme sei zum Wirkprinzip der Befreiungstheologie geworden –  der Arme sei auf den Platz von Jesus Christus gesetzt worden, betont Clodovis Boff. Eine solche Umkehrung sei nicht nur ein Irrtum im Prinzip, im Vorrang und deshalb auch in der Perspektive. Der Glaube werde für politische Zwecke instrumentalisiert, er werde entleert, in Ideologie verwandelt. Das schwäche die christliche Identität. Sein Bruder weist dies zurück –  und Frei Betto gegenüber dieser Website auch: „Diese Interpretation von Clodovil Boff ist falsch, irrtümlich. Denn unsere Beziehung zu Gott vermittelt sich ja über den Armen, Jesus selbst identifiziert sich mit ihm. Der Arme ist eine zentrale Figur im christlichen Glauben.”
Maria Clara Bingemer, Dekanin der Katholischen Universität von Rio de Janeiro, sieht es genauso, der Arme sei keineswegs an die Stelle von Gott gesetzt worden.

http://www.adital.com.br/site/noticia.asp?lang=PT&cod=33508

Dekanin der Katholischen Universität von Rio, Maria Clara Bingemer, eine der angesehensten Theologinnen des Tropenlandes: ”Die Menschenrechte der Slumbewohner werden gravierend verletzt “ wir leben in einem unerklärten Bürgerkrieg.”bingemerneu.jpg

Maria Clara Bingemer

Dekanin Maria Clara Bingemer von der Katholischen Universität Rio de Janeiros begrüßt, daß das völlig obsolete, patriarchalische Strafrecht von 1940 modernisiert wird – auf  Druck der Frauenbewegung des Landes. „Endlich etwas mehr Menschenwürde für die Brasilianerinnen – die neuen Gesetze könnten dazu beitragen,die machistische Mentalität in unserem Land zu verändern.“ Dann zitiert sie landesübliche Macho-Überzeugungen:“Frauen mögen es, verprügelt zu werden.“ Oder:“Wenn du eine Frau schlägst, weißt du vielleicht nicht warum – aber sie weiß genau, weshalb sie Prügel verdient hat.“In den Texten des „Rio-Funk“, zur Zeit in Deutschland hoffähig gemacht, taucht immer wieder auf, daß man Frauen ruhig immer mal eine reinhauen sollte, da sie dies ja sogar mögen.

Hintergrund:

Brasiliens Theologin Maria Clara Bingemer:”Wir leben im nichterklärten Bürgerkrieg” 

Die Dekanin des Zentrums für Humanwissenschaften an der Katholischen Universität Rio de Janeiros will eine sehr spirituelle „Kirche der Laien“

Wer aus Europa anreist und die Theologin in ihrem geräumigen Kabinett aufsucht, wird sie spontan beneiden. Aus breiten Fenstern blickt man nur auf wunderschönen exotischen Tropenwald wie aus der Tourismuspropaganda, die ganze Universität scheint mitten in einer Naturoase zu liegen. Da stimmen die Brasilienklischees – Rio, schönste Stadt der Erde. Nur zu viele Besucher fliegen mit diesem Eindruck wieder ab, haben nichts gesehen, nichts begriffen. Just hinter Maria Clara Bingemers Bilderbuchwald liegen Slums, in denen auch derzeit wieder schwerbewaffnete neofeudale Banditenmilizen um die Vorherrschaft kämpfen, Mißliebige sogar lebendig verbrennen. Brasilien zählt jährlich über fünfzigtausend Gewalt -Tote. In ihrem Kabinett hört die Theologin keine Granatenexplosionen, aber sie weiß davon. „Wir sind in einem nichterklärten Bürgerkrieg – wer in Rio de Janeiro lebt, ist ähnlichen Gefahren ausgesetzt wie im Irakkrieg oder in Afghanistan, muß sich permanent den Normen der Rechtsbrecher unterwerfen.“ Die gravierende Menschenrechtslage im Lande, die Massaker von Todesschwadronen in den Slums, die Staatskorruption – das bringt sie tagtäglich sichtlich auf, das schreit geradezu nach Aktionen, Engagement.  Die 55-Jährige beschränkt sich dabei längst nicht nur auf die Universität, die Debatten mit Studenten im Hörsaal. Sie mischt sozusagen an allen Ecken und Enden in der Zivilgesellschaft mit, zählt zu den am meisten gehörten kirchlichen Intellektuellen Brasiliens. Interviews im Fernsehen, ständige Kolumnen in Qualitätsblättern, Mitarbeit in Sozialpastoralen, das von ihr geleitete „Centro Loyola de Fè e Cultura“, die Gruppe „Teopoètica“, welche Theologie mit Literatur, Poesie verknüpft, dazu Buchveröffentlichungen, Vorträge – ein Pensum, das Respekt abnötigt.  Auch in Deutschland sind manche erstaunt, geschockt, daß der durch geschicktes Polit-Marketing zum „Hoffnungsträger“ der lateinamerikanischen Massen, gar zur Ikone der Welt-Progressiven, der Globalisierungskritiker aufgebaute Staatschef Lula mit seiner Arbeiterpartei derzeit tief im Korruptionssumpf steckt, gar von Amtsenthebung bedroht ist. Seit Monaten diskutiert Brasilien nur darüber – und natürlich ist überall Maria Clara Bingemers Analyse gefragt. Lange vor der Präsidentschaftswahl von 2002 hatte die katholische Kirche gewarnt, daß Lula mit der gesamten Parteispitze fortschrittliche Positionen verlasse, nach rechts tendiere. Schon seit den Neunzigern wußte man, daß es mit Lulas Ethik nicht weit her war. Deshalb kommt das jetzige Debakel für die Theologin keineswegs überraschend. „Lula paktierte mit den übelsten, skrupellosesten Figuren der brasilianischen Rechten, nutzte alle Mittel, um an die Macht zu kommen – jetzt sehen wir die Konsequenzen.“ Die Wirtschaftspolitik sei konservativ, erhoffte soziale Fortschritte blieben aus, das Anti-Hunger-Programm stehe im Grunde nur auf dem Papier, sei keine echte Misere-Bekämpfung. Doch von Massenprotesten, wie in Argentinien üblich, keine Spur, auch die Studenten bleiben passiv. „Wir damals vibrierten noch vor Politik, gingen zu jeder Demo – doch die junge Generation von heute ist größtenteils desinteressiert, hält sich aus der Politik heraus.“ Das gelte auch für die Katholische Universität – einst immerhin Widerstandsnest gegen die Militärdiktatur. Maria Clara Bingemer ist mit einem Deutsch-Argentinier verheiratet, hat mit ihm drei erwachsene Kinder. „Mein Sohn ist Anwalt, eine meiner Töchter Ökonomin – sie mögen weder Lula noch die Arbeiterpartei, sind klar für Brasiliens Sozialdemokraten vom PSDB.“ Und die Kirche, der Glaube? „Die Leute wechseln hier von einer Religion zur anderen – alles ist fragil, so wie Ehen, Beziehungen, Kompromisse.“ Theologen nutzten gerne das Bild vom Supermarkt, von religiöser Atomisierung:“Greif dir Elemente verschiedener Religionen, die dir gerade gefallen – und mix dir deinen eigenen Cocktail!“ In keiner Großstadt ist der Katholikenanteil geringer als in Rio, hier wuchsen die Sektenkirchen am raschesten, vor allem in den riesigen Slums. „Das sind keine Kirchen, sondern Unternehmen wie MacDonalds – daher funktionieren sie hocheffizient.“ Maria Clara Bingemer studiert die Erfolgsrezepte der Konkurrenz vor Ort – oder  in den eigenen vier Wänden an ihren Hausangestellten, alles keine Katholiken, wie bei so manchem Padre in Rio. “In unseren historischen Kirchen herrscht Anonymität – doch bei denen spricht man sehr persönlich mit jedem Gläubigen, werden Laien massiv in den Gottesdienst einbezogen.“ Deshalb fühlten sich  die Leute in diesen  Tempeln so wohl. In der katholischen Kirche müsse  das vernachlässigte Spirituelle wieder viel stärker betont werden. „Die Menschen müssen zuallererst eine tiefe, prägende Gotteserfahrung machen – nur auf dieser Basis kann man ihnen bestimmte Normen vermitteln. Nur zu sagen, Pille und Sex vor der Ehe, das geht nicht  – soetwas funktioniert gerade bei der postmodernen Generation überhaupt nicht mehr. Die Kirche muß deshalb ihren Diskurs völlig ändern – und sie wird künftig eine Kirche der Laien sein!“

Rund achtzig Prozent der etwa 190 Millionen Brasilianer leben bereits in großen Städten – wie kommen die Gemeinden der Katholiken mit Sekten, Evangelikalen zurecht?

 

Maria Clara Bingemer: Die sind aggressiv, deren Organisationsstruktur ist weit weniger rigide als unsere. Jeder Gläubige, der sich in deren Gottesdiensten durch den Heiligen Geist inspiriert fühlt, redet einfach los! Unsere Liturgie ist da viel kontrollierter. Deren Pastoren sind zudem Laien, können eine Familie haben, müssen sich an kein Zölibat halten. Eine kleine Gruppe kann bereits eine neue Kirche bilden. Deren Flexibilität kontrastiert mit unserer Strenge und dem Gewicht unserer Institution – was die Situation sehr kompliziert. Deshalb müssen wir unsere Strukturen flexibilisieren, Konzessionen machen, ohne das Essentielle anzutasten. Ganz dringlich ist, die Laien stärker mitreden zu lassen, nicht nur in den Klerus zu investieren. Andernfalls werden immer mehr Katholiken zu den Sekten überlaufen, gewinnen diese an Attraktivität.

 

Stehen die Sekten den katholischen Gemeinden geschlossen wie ein Block gegenüber?

Maria Bingemer: Man muß differenzieren – in Sekten, envangelikalen Kirchen geschieht viel Migration, wechseln die Gläubigen häufig von einer zur anderen, gibt es religiöse Atomisierung, darunter die Phänomene einer doppelten, gar vielfachen Religions-und Kirchenzugehörigkeit. Das nimmt zu!

 

 Die charismatische Erneuerungsbewegung mit ihrer Symbolfigur, dem ungemein populären Padre Marcelo Rossi aus Sao Paulo, bringt heute bereits problemlos drei bis vier Millionen Gläubige zu einer Freiluftmesse zusammen. Bilden die „Carismaticos“ nicht zunehmend erfolgreicher ein Gegengewicht zu den Sekten?

 

Maria Clara Bingemer: In der Tat ist die charismatische Erneuerungsbewegung stark angewachsen – und in den katholischen Gemeinden ganz Brasiliens inzwischen sehr anerkannt. Ich sehe das nicht nur negativ, weil unsere Kirche dadurch gefühlvoller, lebendiger geworden ist, wir auf einmal fröhliche, sogar von Tanz geprägte Gottesdienste haben. Gerade die jungen Menschen identifizieren sich mit der Musik der Charismatiker. All dies ist eine klare Botschaft an die Kirchenführung, sich mehr um die Gefühle der Gläubigen zu kümmern. Ich beobachte in dieser Bewegung aber eine bestimmte Oberflächlichkeit –  das echte spirituelle Leben ist nicht gut assimiliert. Wichtige Herausforderung der katholischen Kirche Brasiliens ist, eine tiefe Gotteserfahrung wiederzubeleben – zu der sehr fröhliche Messen durchaus gut passen. Doch alles muß auch Tiefgang haben. Die Kirche redet viel davon, die Laien stärker einzubeziehen, tut dies aber längst nicht genug. Man muß eben mehr in die Laien investieren, die Geld-und Humanressourcen nicht nur für den Klerus aufbrauchen. An meiner theologischen Fakultät in Rio de Janeiro sind die allermeisten Studenten Laien, zudem größtenteils Frauen – da spüre ich den Hunger nach Spiritualität, aber auch nach theologischen Kenntnissen. Dieses Potential muß die Kirche besser fördern, muß besonders die Frauen darunter unterstützen, theologisch-spirituelle Inhalte zu produzieren. Ein ernstes Problem in unseren Gemeinden ist, daß die Laien nicht an sich glauben, weil sie eben doch noch nicht so einbezogen werden, wie es gelegentlich scheint. Ich bin eine Frau – und spüre das selbst, wenn ich mich als Laie betätige. Und auch dies will bedacht sein: Wer sein Leben – oder einen Teil davon – der Kirche widmen will, braucht Geld, um dies unter menschenwürdigen Bedingungen tun zu können.

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“Gaddafi, Märtyrer.”

http://www.hart-brasilientexte.de/2011/10/24/gaddafis-tod-es-war-kaltblutiger-mord-brasiliens-befreiungstheologerischer-padre-haroldo-coelho-in-fortalezaceara-im-website-interview-solche-rasch-wachsenden-elendsviertel-wie-in-fortalez/

Leonardo Boffs Ungereimtheiten

In Ländern wie Deutschland betreibt eine bestimmte Gutmenschen-Szene um den einst interessanten brasilianischen Befreiungstheologen einen regelrechten Kult. Sie bewahrt ihn vor öffentlicher Kritik, die als politisch unkorrekt gälte. Im Tropenland dagegen wird Boff seit den neunziger Jahren zunehmend heftig kritisiert. Selbst frühere Anhänger werfen ihm Fehleinschätzungen über die katholische Kirche, intellektuelle Unehrlichkeit und Opportunismus vor. Boff sei eitel auf Medienpräsenz aus – was mit Verbalattacken auf Papst und Vatikan natürlich am leichtesten gelinge.
In der Tat wirkt Boffs Eindreschen auf den Papst infantil und lächerlich. Nationale Religionsexperten bescheinigen ihm eine unbestreitbare Rolle in der Reflexionsgeschichte Brasiliens, nennen ihn sehr intelligent und intuitiv. Boff spüre sehr gut bestimmte gesellschaftliche Probleme und Tendenzen, sei ein brillanter Professor. Doch seine Äußerungen müssten kritisch analysiert werden – andernfalls akzeptiere man häufig Dinge, die nicht der Wahrheit entsprächen.
In Deutschland sind evangelikale Wunderheiler-Sekten unbeliebt – Boff begrüßte indessen bereits im Jahr 2000 öffentlich die Expansion der Evangelikalen vorbehaltlos als Bereicherung. In Brasilien fasste man sich an den Kopf. Denn die evangelikalen Sektenkirchen propagieren massiv die „Theologie der Prosperität“, wonach materieller Wohlstand eine Gabe Gottes sei und durch die Macht des Glaubens erreicht werden könne. An Misere, persönlichem Misserfolg sei der Teufel schuld, den man auf speziellen Tempelsitzungen austreibe – wobei natürlich jeder Gläubige soviel Geld wie möglich an die Kirche spenden müsse. Mit dieser Theologie, analysieren Sozialwissenschaftler, verbreiten die Evangelikalen Illusionen, beuten die Leute aus, schaffen Leiden. Und fördern sogar Rassismus und Diskriminierung, da die schwarze Bevölkerung nunmehr nur deshalb arm sei, weil sie sündige. Gemäß aus Afrika ererbten Schlechtigkeiten werde sie als eine verfluchte Rasse angesehen, die sich von allen Vorfahren und Wurzeln lösen müsse.
Wenn Boff diese wie Wirtschaftsunternehmen funktionierenden Kirchen als Bereicherung auffasse, müsse man seine Bewertungen relativieren, zeige sich zunehmende Oberflächlichkeit. Im akademischen Umfeld, bei den Studenten sei Boffs frühere Attraktivität weg.
Boff müsste wissen, dass evangelikale Kirchen im Christlich-Ethischen mancherlei Sonderwege fahren. So wurde ein Bischof der politisch einflussreichen „Universalkirche vom Reich Gottes“, der Brasiliens zweitgrößter TV-Sender gehört, wegen Mordes eingesperrt. In Salvador da Bahia hatte er laut Polizei im Tempel gemeinsam mit zwei Pastoren einen 14-jährigen Jungen sexuell missbraucht und danach lebendig verbrannt.
Manche mögen Boff zustimmen, wenn er die Evangelikalen-Ausbreitung begrüßt, weil ihm „jede Art von Vielfalt“ so gefällt. Denn nun ist in rappelvollen „Gotteshäusern“ endlich mal echt was los, ziehen Ex-Killer und Ex-Frauenaufreißer wie Pastor Salles vom Leder:„Ich war reich, hatte Villen und tausende Frauen – in Rio hörten tausende schwerbewaffnete Banditen auf mein Kommando. Ich war Bankräuber, Berufskiller, Monster, Psychopath – so viele Opfer flehten vergeblich um Barmherzigkeit! Wie von den Dämonen gefordert, habe ich mit meiner Frau unseren sechs Monate alten Sohn getötet, in der Pfanne gebraten, sein Fleisch gegessen – ich war schon in der Hölle!“
Frei Betto, wichtigster Befreiungstheologe Brasiliens, hochangesehen bei Kardinälen, Bischöfen und Padres der Kirche des Riesenlandes, analysiert solche evangelikalen Sekten tiefgründig, fühlt sich durch ihre nervende Präsenz im Alltag nicht eben bereichert. Leonardo Boff indessen wirft kurioserweise dieser Kirche „feudale Mentalität“, „totalitäre Ideologie“ und „mittelalterliche Strukturen“ vor, gar die Ablehnung von Kritik und Alternativen.  Damit hat er schlichtweg die Dynamik, Entwicklung und Komplexität der katholischen Kirche nicht begriffen. Als anschauliches Beispiel gilt, dass Rom zwar Kondome kritisiert, deren massive Verteilung in der pastoralen Aids-Prävention indessen zulässt – und fördert, gemäß katholischer Moraltheologie.
Der Soziologe Claudio Monteiro leitet in Sao Paulo die bischöfliche Aids-Pastoral – direkt neben seiner Bürotür kann sich jedermann aus einem stets gut gefüllten Plastikbehälter gratis und überreichlich  mit Kondomen eindecken. Monteiro lacht über Boffs Vorwurf, dass die katholische Kirche in der Kondomfrage lebensfeindlich, verantwortungslos und intolerant handele. „Leonardo Boff gehörte zum Franziskanerorden, der in Brasilien eines der ersten Aids-Präventionsprojekte startete und natürlich Kondome verteilt – seit über 16 Jahren. Unsere nationale Aids-Pastoral, von einem Bischof geführt, verfährt genauso. Völlig unmöglich, daß Boff davon nicht weiß. Wenn er die Ausbreitung der Evangelikalen, die Expansion des religiösen Fundamentalismus positiv bewertet, ist dies fragwürdig und anfechtbar.“
Boff greift immer wieder auch in die Politik ein. Im letzten Präsidentschaftswahlkampf unterstützte er zuerst die evangelikale Predigerin Marina Silva. Die Ex-Umweltministerin zählte zur Revolutionären Kommunistischen Partei Brasiliens, wuchs im befreiungstheologischen Spektrum der Katholiken auf und ging dann zur „Assembleia de Deus“. Richtig, die von Pastor Salles, dem Ex-Killer und Ex-Frauenaufreißer, die zudem laut Eigendarstellung Homos zu Heteros umdreht und Strich-Transvestiten zu Geistlichen macht.
Zuletzt wechselte Marina Silva von Lulas Arbeiterpartei zu den brasilianischen Grünen. Die verkaufen sie als lupenreine Umweltschützerin – obwohl zahlreiche verhinderbare Umweltverbrechen in ihre Amtszeit fallen. Amazonas- und Savannenwälder werden vernichtet, Brasilien avanciert zum weltgrößten Agrargiftverbraucher, das Geschäft mit Gen-Pflanzen boomt. Umweltschützer laufen Sturm gegen das gigantische Umleitungsprojekt am Rio Sao Francisco – Marina Silva verteidigt es als „ökologisch nachhaltig, wirtschaftlich machbar und sozial gerecht“. Was sie von massenhafter Folter durch Staatsangestellte oder von den landesweit operierenden Todesschwadronen hält, erfährt man bis heute nicht.
2002 nahm Leonardo Boff begeistert an der Wahlkampfkarawane von Lula teil, verglich ihn mit Mahatma Gandhi, lobte sogar dessen Vize, den Milliardär und Diktaturaktivisten José Alencar. Angesichts der Korruptionsskandale schwenkte er später um, verurteilte Lulas Politik als niederträchtig neoliberal.
2010 aber, als Marina Silva die Stichwahl nicht erreichte, wechselte Boff flugs zu Lulas Wunschkandidatin und bisheriger Chefministerin Dilma Roussef – und wieder zu Lob über den grünen Klee: „Lula machte die größte Revolution der sozialen Ökologie des Planeten, eine Revolution für die Bildung, ethische Politik.“ Die gravierenden Menschenrechtsverletzungen, den strikt antiökologischen Kurs von Lula-Rousseff kritisiert er nicht, die von ihm so heftig gescholtene, stark systemkritische katholische Kirche Brasiliens tut das umso kräftiger: Fehlende soziale Besorgnis bei Lula und Rousseff trotz Hunger, Misere und rasch wachsenden Slums, Zementierung der grauenhaft ungerechten Einkommensverteilung, Begünstigen der ohnehin Privilegierten. Boff faselt von sozialer Ökologie-Revolution, dabei ist längst klar, dass Dilma Rousseff das umweltvernichtende Mega-Wasserkraftwerk „Belo Monte“ in Amazonien unbedingt realisieren will. Nach ihrem Wahlsieg erneut ein Schwenk: Boff geißelt das Belo-Monte-Projekt.
Mancher hat vielleicht den desillusionierenden ARD-Weltspiegel-Beitrag „Brasilien: Kindsmord am Amazonas“ über das Töten von Kindern bei Indianerstämmen gesehen – rund 600 Babies werden danach jährlich allein in Amazonien umgebracht. Viele Indianer sitzen wegen Sex mit Kindern im Gefängnis, auch Indios sind als Naturzerstörer bekannt. Yanomami pflegen gar das Verprügeln der eigenen Ehefrau mit Freunden, bei Fremdgeh-Verdacht – von Schamanen als Hexen beschuldigte Indiofrauen wurden ermordet – das Blättchen hatte über diese Praktiken berichtet. Boff indessen ignoriert diese Fakten: „Und ich habe sie immer bewundert, sie sind unsere großen Meister im Hinblick auf die Haltung gegenüber der Natur. Die sind technologisch gesehen rückständig, aber zivilisatorisch, sie sind vorwärts, sie sind reicher als wir. Wenn wir lernen wollen, was wir für eine Beziehung mit der Natur eingehen sollen, die Beziehung zwischen dem Alter und den Kindern, den Erwachsenen und alten Leuten, die Beziehung zwischen Arbeit und Freizeit, die Beziehung zwischen Leben und Tod, dann müssen wir die Indianer hören. Die haben eine große Weisheit und vieles haben sie uns zu sagen.“ Kommentar überflüssig.

Hintergrund:

„CIA spionierte Brasiliens Kirche aus, fördert Sekten”
Bischofskonferenz analysiert freigegebene Geheimdokumente

Bischöfe und Theologen des Tropenlandes befassen sich derzeit mit ungewöhnlicher Lektüre: Das Weiße Haus hat weitere hochbrisante Geheimdokumente über CIA-Operationen vor und während der brasilianischen Militärdiktatur freigegeben, die auch die katholische Kirche betreffen. Renommierte Menschenrechtsaktivisten, Intellektuelle wie Helio Bicudo und der Befreiungstheologe Frei Betto aus Sao Paulo sehen ihre früheren Recherchen bestätigt. „Dank dieser Geheimdokumente wissen wir nun genau, daß Washington die südamerikanischen Militärputsche der sechziger und siebziger Jahre vorbereitete.” Auch in Brasilien, so der Dominikanerbruder und Bestsellerautor mit Millionenauflagen, sei mit CIA-Hilfe 1964 ein Willkürregime an die Macht gebracht worden, das bis 1985 währte. Der damalige US-Botschafter in Brasilia habe sogar finanzielle und militärische Hilfe für die Putschisten angefordert. „Argumentiert wurde mit dem Hirngespinst von der kommunistischen Gefahr – obwohl die katholische Kirche und speziell deren befreiungstheologischer Flügel bedrohlicher für die Interessen der USA angesehen wurden als der Marxismus.”Auf die Veröffentlichungen reagierte auch die Familie des 1964 weggeputschten demokratischen Präsidenten Joao Goulart. „Wir gehen jetzt vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag und werden beweisen, daß es eine Intervention der USA gab”, erklärten Joao Vicente und Denise Goulart, Kinder des damaligen Staatschefs, vor der Presse. „Sie haben einen gewählten Präsidenten gestürzt, Brasiliens Souveränität gebrochen.” Vicente und Denise Goulart verweisen zudem auf Dokumente, denen zufolge damals tatsächlich im Rahmen der sogenannten „Operation Brother Sam” eine US-Militärflotte vor der brasilianischen Küste bereitgestanden habe. Die Familie will eine hohe Entschädigungssumme von Washington –  umgerechnet über 1,3 Milliarden Euro. Brasiliens Kirche war zur Diktaturzeit weitgehend regimekritisch, war Opposition. Um ein Gegengewicht zu schaffen, so Frei Betto, habe die CIA deshalb die Ausbreitung von Sekten gefördert – und tue dies offenbar bis heute. ”Die USA finanzierten jene Sektenkirchen, denen es darum geht, Brasiliens Christen zu spalten und progressive Tendenzen in der katholischen Kirche auszulöschen. Jene „elektronischen Kirchen” propagierten sogar eine Theologie des Wohlstands. Dagegen stehe die Botschaft Jesu für Gerechtigkeit und Frieden in der Welt. Dies sollten die Gläubigen nicht entdecken. Bezeichnend sei, daß die brasilianischen Chefs wichtiger evangelikaler Kirchen heute alle in den Vereinigten Staaten wohnten, nicht in Brasilien.

Nicht zufällig herrscht Frohlocken, klammheimliche bis offene Freude über ein Anwachsen der CIA-geförderten Sekten bei jenen, denen der weltweite Kampf der katholischen Kirche für Menschenrechte, darunter in Ländern wie Brasilien, sehr ungelegen kommt.  Auch in deutschsprachigen Ländern stoßen daher solche Sekten auf viel Wohlwollen, werden häufig beschönigend als Freikirchen eingestuft.

Befreiungstheologe Frei Betto verbrachte als politischer Gefangener mehrere Jahre in den Foltergefängnissen der Diktatur, erlebte all den Horror am eigenen Leibe mit. In den CIA-Dokumenten steht, daß die USA über die Folterpraxis sehr genau Bescheid wußten. „Das Verhör politischer Gefangener ist häufig begleitet von Folter, unter anderem Aufhängen mit dem Kopf nach unten, Elektroschocks, Hunger”, heißt es in einem Geheimtelegramm von 1973. Zitiert wird auch ein CIA-Informant aus dem Repressionsapparat:”Er beschrieb uns den Mord an einem der Subversion Verdächtigten, der er „genäht” habe, wie er es nannte –  indem er auf ihn mit einer automatischen Waffe vom Kopf bis zu den Zehen des Fußes gefeuert habe.” Kurz vor dem Putsch telegraphierte der damalige US-Botschafter Gordon nach Washington, man müsse Hilfe leisten, „um ein größeres Desaster zu verhindern, welches Brasilien zu einem China der sechziger Jahre machen könnte”. Der damalige US-Präsident Lyndon Johnson erklärte unter Bezug auf Brasilien:”Wir können das dort nicht tolerieren.” Öffentliche Kritik an diesen Menschenrechtsverletzungen und der laut US-Gesetzen mögliche Stopp von Wirtschaftshilfe seien unterblieben, um die Gewinne aus den rasch wachsenden Rüstungslieferungen an die Militärdiktatur nicht zu gefährden, betont der Dominikaner. ”Kardinal Evaristo Arns aus Sao Paulo zählte zum Widerstand gegen die Diktatur und schlug den USA sogar ein Wirtschaftsembargo gegen Brasilien vor.” Seine Bitte habe natürlich kein Gehör gefunden. „Denn die USA finanzierten ja die Diktatur.” Die CIA habe zudem Persönlichkeiten wie Kardinal Arns oder Erzbischof Helder Camara ausspioniert, Geistliche beispielsweise als progressiv, als hilfreich für die Interessen der USA oder gar als Feinde klassifiziert.Viele Dollars flossen gemäß den nordamerikanischen Quellen auch in die Ausbildung von Todesschwadronen, von Eliteeinheiten der politischen Polizei Brasiliens. „Ab 1968 ging die Diktatur brutaler, aggressiver gegen Regimegegner vor, wurde gemordet, ließ man Menschen verschwinden”, erinnert sich Frei Betto. Der Repressionsapparat sei mit Washingtoner Hilfe besser organisiert worden. „An US-Militärakademien wurden Folterer für verschiedene lateinamerikanische Diktaturen, darunter für Brasilien ausgebildet.”

Brasiliens Bischofskonferenz fordert seit Jahren, daß die Regierung von Staatschef Luis Inacio Lula da Silva endlich die geheimen Diktaturarchive der Streitkräfte öffnet. „Damit würde mehr über die Zusammenarbeit mit der CIA bekannt.” Doch genau dies solle verhindert werden. Länder wie Chile oder Argentinien seien bei der Vergangenheitsbewältigung schon viel weiter. ”Die Lula-Regierung ist eigentlich dazu verpflichtet, die Öffentlichkeit über diese dunkle Phase unserer Geschichte aufzuklären, damit man weiß, wer verantwortlich war für all die Verbrechen.” Lula, so sieht es Frei Betto, müßte als Chef der Streitkräfte die Militärs zwingen, alle Repressionsarchive zu öffnen. „Unerklärlich, ja verrückt, daß er es nicht tut.” Schließlich legten selbst die USA ihre Geheimdokumente über diese Zeit, die Beteiligung am Militärputsch offen.

“Nicht ohne Grund hat etwa der frühere US-Präsident Ronald Reagan in Südamerika die Sekten gefördert, weil sie individualisierend und systemstabilisierend wirken.” (Paulo Suess)

    NEU: Fotoserie Gesichter Brasiliens

    Fotostrecken Wasserfälle Iguacu und Karneval 2008

    23' K23

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