Klaus Hart Brasilientexte

Aktuelle Berichte aus Brasilien – Politik, Kultur und Naturschutz

29. Biennale in Sao Paulo. Kunst, Scheiterhaufen, Widersprüche einer Megacity. Sicherheitsinfos für Biennale-Touristen.

http://www.29bienal.org.br/FBSP/pt/29Bienal/Paginas/default.aspx

http://www.hart-brasilientexte.de/2010/09/17/kunstbiennale-in-sao-paulo-wichtigste-qualitatszeitung-brasiliens-veroffentlicht-umstrittenes-werk-von-gil-vicente-der-beim-toten-von-lula-und-dessen-amtsvorganger-cardoso-zu-sehen-sei-polemica/

Fotoserie 2010: http://www.hart-brasilientexte.de/2010/10/25/biennale-2010-in-sao-paulo-fotoserie/

lulafhckillerbiennale.JPG

http://www.hart-brasilientexte.de/2010/07/05/scheiterhaufen-in-sao-paulo-mindestens-15-menschen-in-der-megacity-seit-jahresbeginn-lebendig-verbrannt-laut-landesmedien-fogo-para-matar-rivais/

Hintergrund:

27. Kunstbiennale Sao Paulo 2006

Motto: “Wie miteinander leben”

118 Künstler auf 25000 Quadratmetern in Lateinamerikas Kulturhauptstadt

Erfolgreichste Biennale der Erde

In Lateinamerikas Kulturmetropole Sao Paulo, der drittgrößen Stadt der Welt, beginnt die 27. Internationale Kunstbiennale. Wiederum werden mindestens eine Million Besucher erwartet, so daß die nach Venedig zweitälteste Biennale die mit Abstand erfolgreichste des Erdballs ist. 118 Künstler, nur etwa zwanzig Prozent davon Brasilianer, setzen auf 25000 Quadratmetern diesmal das sehr politische Motto: Como viver junto, wie miteinander leben, um. Dazu zahlreiche Seminare, Filme, Debatten bis zum Schlußtag, dem 17. Dezember. Zu den Kuratoren der Biennale zählt der deutsche Kunsthistoriker Jochen Volz  die vier deutschen Biennale-Beiträge sind von drei in Deutschland lebenden Ausländern – und Jeanne Faust aus Hamburg.Sao Paulo, seit Mai von Terroranschlägen des organisierten Verbrechens heimgesucht, über 500 Opfer – im unerklärten Bürgerkrieg Brasiliens auch dieses Jahr wieder über fünfzigtausend Gewalttote, weit mehr als im Irakkrieg. In einem solchen Land, in einer solchen Stadt eine Kunstbiennale dieser Größenordnung, mit sage und schreibe zwanzigtausend Besuchern pro Tag. Bizarre Widersprüche, entsetzliche Sozialkontraste und elektrisierende Konflikte sind Alltag im Tropenland – an ihnen reiben sich die Künstler, auch die zugereisten aus Europa. Im Stadtpark Ibirapuera der Hochhaus-Megacity steht das riesige Biennale-Gebäude  die erste Provokation gleich am Eingangsportal, passend zum Biennale-Motto Wie miteinander leben. Saftig grüner Rasen, eingezäunt von hohen Metallgittern, obendrauf Nato-Stacheldraht, wie man ihn alle paar Schritte in den besseren Vierteln, gleich am Park sieht. Dem italienischen Künstler Francesco Jodice sind sie gleich aufgefallen, diese geschlossenen Villen-Wohnanlagen hinter hohen Mauern mit Stacheldraht und Sicherheits-Hightech, mißtrauischer schwerbewaffneter Privatpolizei. Zwischen den Slums, mitten in der Misere, wirken diese Privilegierten-Ghettos wie Festungen.( Das ist nicht die Lösung, sondern Wurzel des Problems sagt Francesco Jodice aus Milano.) Der deutsche Kunsthistoriker Jochen Volz ist Gastkurator der Biennale.Wir haben versucht, all diese Konflikte in ihrer Bandbreite zu reflektieren.

Es sind alles Künstler, die recht politisch arbeiten, über soziale Themen arbeiten, viel über das Zusammenleben reflektieren, oder auch das Alleinleben als Gegenpol. Ich denke, das Thema Como viver junto in Brasilien ist hoch spannend, aber ist auch auf internationaler Ebene ein hoch spannendes Thema, eine wirklich wichtige Frage. Und es ist natürlich auch klar, daß die Ausstellung überhaupt keinen Anspruch stellt, daher eine Antwort zu geben.Kreatives Chaos, alles erscheint auf den ersten Blick konfus und abstrakt. Jochen Volz nennt die deutsche Beteiligung eine ziemliche Sensation  ein Kubaner, eine Koreanerin, ein Argentinier, die in Deutschland leben  und Jeanne Faust aus HamburgSpektakulärer Blickfang der Biennale sogenannte utopische Architektur des Argentiniers Tomas Saraceno aus Frankfurt am Main – drei Stockwerke hoch im Lichthof. Enorme, miteinander verbundene transparente Plastikballons, in denen die Besucher per Strickleiter hochklettern können.

Sao-Paulo-Fotoserie: http://www.hart-brasilientexte.de/2010/01/25/sao-paulo-ist-456-interessanten-megacity-rundblick-anklicken/

http://www.hart-brasilientexte.de/2010/09/14/steinigen-im-iran-unter-ahmadinedschad-und-in-brasilien-unter-lula-lula-konnte-sich-uber-die-tatsache-beunruhigen-das-brasilien-zu-den-landern-gehort-in-denen-am-meisten-gelyncht-wird-jose/

hakenkreuzdrachenneu.JPG

Junge im Biennale-Park Ibirapuera mit Hakenkreuz-Drachen in den 70er Jahren – Ausstellungsfoto.

Hintergrundtext:

Internationale Architekturbiennale 2007 in Sao Paulo

Noch bis Mitte Dezember ist in Lateinamerikas Kulturhauptstadt, der brasilianischen Megametropole Sao Paulo, die siebte Internationale Architekturbiennale zu sehen, eine der wichtigsten Biennalen dieser Art auf der Welt. 25000 Quadratmeter Ausstellungsfläche, 200000 erwartete Besucher, rund eintausend präsentierte Projekte, darunter viele von gro�en Namen der modernen Architektur aus den USA, Japan, Europa.� Dieses Jahr steht die Biennale unter dem Motto �Architektur � das �ffentliche und das Private�. In Brasilien, aber auch vielen afrikanischen L�ndern ein Generalthema voller Brisanz � da der �ffentliche Raum u.a. durch ein in Europa kaum vorstellbares Ausmaß an Gewaltkriminalität f�r den Bürger immer st�rker reduziert wird, sich die Mittel-und Oberschicht in festungsartigen Privilegiertenghettos, den ��Condominios fechados�, den �Gated Communities� abschottet. �sterreich ist auf der Biennale gleich zweimal sehr originell vertreten � durch das Architekturb�ro von Gernot Hertl aus Steyr und das Architektenkollektiv �feld72� aus Wien.Die Megacity Sao Paulo hat etwa dreimal so viele Einwohner wie �sterreich, ist Lateinamerikas reichste Stadt und z�hlt doch weit �ber 2000 Slums, in denen Lepra und Tuberkulose grassieren. Neben den Ghettos der Verelendeten die Privilegiertenghettos der Mittel-und Oberschicht, umgeben von �bermannshohen Mauern, bewacht durch Privatpolizei. Einige besonders luxuri�se Wohnsiedlungen dieser Art grenzen direkt an Sao Paulos tropisch-�ppigen Stadtpark Ibirapuera und k�nnten der dortigen Architekturbiennale glatt die Idee f�r das brisante Motto geliefert haben: O publico e o privado, das �ffentliche und das Private. Biennale-Pr�sident und Architekt Jose Magalhaes Junior�Wir wollen eine sch�nere, eine kollektive Architektur f�r ein menschliches Zusammenleben � doch stattdessen haben wir diese boomenden Privilegiertensiedlungen, wahre Festungen. Da wird eine Art des Wohnens, eine Lebensform produziert, die nicht gerade ideal ist. Deshalb diskutieren wir auf der Biennale �ber eine multifunktionelle, multikulturelle Stadt, wo sich alle Bewohner �berall treffen k�nnen � trotz unterschiedlicher Einkommen. Die Autoindustrie �bersch�ttet uns mit Fahrzeugen, w�hrend eine Metro bis zum Biennale-Park immer noch fehlt. Unsere H�user hier in Sao Paulo sind von hohen Stahlgittern umgeben � jedes Geb�ude hat genau davor ein Haus f�r den Wachschutz. Bis in die sechziger Jahre gab es so etwas� nicht.� Jos� Wolf, schweizerischer Abstammung, und vom Institut der Architekten Brasiliens, nennt das Biennale-Motto eine gro�e Herausforderung:�Unser Dilemma ist, da� der �ffentliche Raum immer mehr reduziert wird, weil wir in Angst leben. Ich selbst kann zu bestimmten Tageszeiten, vor allem abends und nachts aus Sicherheitsgr�nden nicht mehr auf die Stra�e gehen. Wir haben hier eine Stadtguerillha.�Mit um so gr��erer Neugier betrachten die fast ausschlie�lich brasilianischen Biennale-Besucher, wie man sich in L�ndern wie �sterreich dieser Problematik stellt. Das Architekturb�ro von Gernot Hertl in Steyr zeigt auf Gro�fotos zahlreiche realisierte Projekte, darunter Gesch�fts-und Wohngeb�ude, durchweg stimmige und elegante L�sungen -� mit flie�enden �berg�ngen zwischen dem �ffentlichen und dem Privaten, wie es in Gesellschaften mit extrem starken Sozialkontrasten nicht zu verwirklichen w�re. Kuratorin Lilli Hollein w�hlte zudem das Architektenkollektiv �feld72� aus Wien f�r die Biennale aus. �feld72�zeigt zwanzig architektonisch-k�nstlerische Arbeiten und eine provozierende Installation namens �urbanism for sale�: 74 Schaufensterpuppen mit bedruckten T-Shirts, Poster sowie 20000 verteilte �Sticker mit 15 verschiedenen Statements zu �ffentlichen und kommerziellen R�umen: This place has no soul/Here I am only a number/This place is full of joy � oder Be polite, you are being filmed here! �Einer nur versprochenen Welt an nie umsetzbaren M�glichkeiten�, so betont feld72, �setzen wir eine Welt an gelebten Erfahrungen im sozialen Raum gegen�ber.�Architekt Henning Rasmus leitet die Biennale-Ausstellung S�dafrikas und sieht zahlreiche Parallelen zwischen seinem Kontinent und Brasilien. Und ist �berzeugt, da� jene Privilegiertenghettos auch in Europa Mode werden. �Unsere Kinder m�ssen das ausbaden, was wir jetzt bauen. Das sind die St�dte von morgen. Man baut physisch sehr schnell Lebensmuster in die Landschaft, die man dann nicht mehr loswerden kann. Wir machen Wohnungsbauprojekte in Angola � jeder will in Angola in so einer Gated Community leben, weil das das Superluxusding �berhaupt ist. Keiner versteht, da� das langfristig sehr schlecht ist, deprimental, ja.�Das mehrst�ckige Geb�ude der Biennale und mehrere andere Parkbauten wurden von Architekt Oscar Niemeyer entworfen. Am 15. Dezember wird er hundert Jahre alt, �weshalb man ihm zwei Sonderausstellungen widmete, die pure W�rdigungen seiner Werke sind. Brasilianische Architekturkritiker wie Paulo Basil� aus Sao Paulo sind damit nicht einverstanden. ��Ich finde, man kann w�rdigen u n d kritisieren. Niemeyers Bauten sind �sthetisch sehr sch�n � doch manche haben in Bezug auf die Funktion, die Nutzung, die Akustik zahlreiche Probleme. Viele kritisieren diese fehlende Funktionalit�t. Denn Bauten sollten ja nicht nur sch�n sein, sondern eben auch funktionieren.�Architekt Rasmus aus S�dafrika bewertet Oscar Niemeyer �hnlich:�Mir gef�llt nat�rlich auch der gro�e Wurf, die Skizze � das ist, wie er sich auch verkauft, wie er auch verkauft wird. Das ist halt ein Kulturkult, wer kritisiert schon das Leben von Popstars, macht auch keiner, alle finden das toll. Nat�rlich mu� Architektur funktionieren, f�r Akustik und sowas kann man sich auch Leute anstellen. Im Grunde ist das nicht zu entschuldigen. Es w�re gut, wenn wir alle mehr Kritik an den, wie sagt man auf Englisch � the Starchitects, die Stararchitekten , wenn wir die mal kritischer unter die Lupe nehmen w�rden � alle. Die Architekten versuchen mitzud�mpeln in diesem Spiel � dieses Fashion-Ding, mit Design und Architektur, das ist ein zweischneidiges Schwert. Wir k�nnen alle Fehler machen � ich wei� auch, manche Sachen kann ich als Architekt gut und andere kann ich nicht.

http://www.hart-brasilientexte.de/2010/01/31/oscar-niemeyer-gebaude-in-sao-paulo-california-eiffel-montreal-copan/

http://www.hart-brasilientexte.de/2010/07/20/amazonia-teatro-musica-em-tres-partes-no-sesc-sp-amazonasoper-in-sao-paulo/

mentetododiasp.jpg

Stra�enkunst in Sao Paulo. http://www.hart-brasilientexte.de/2009/09/22/prof-dr-marcus-mazzari-prasident-der-goethe-gesellschaft-brasiliens-associacao-goethe-do-brasil-gesichter-brasiliens/

Touristeninfo: http://www.hart-brasilientexte.de/2009/03/09/das-menschenrecht-auf-personliche-sicherheit-unter-lula-die-deutsche-botschaft-in-brasilia-informiert/

http://www.hart-brasilientexte.de/2009/01/12/gewalt-und-psyche-in-brasilien-uber-650000-bewohner-sao-paulos-mental-gestort/#more-1597

http://wissen.dradio.de/index.37.de.html?dram:article_id=4122

Dieser Beitrag wurde am Montag, 20. September 2010 um 16:41 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Kultur, Politik abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen.

«  –  »

Keine Kommentare

Noch keine Kommentare

Die Kommentarfunktion ist zur Zeit leider deaktiviert.

    NEU: Fotoserie Gesichter Brasiliens

    Fotostrecken Wasserfälle Iguacu und Karneval 2008

    23' K23

interessante Links

Seiten

Ressorts

Suchen


RSS-Feeds

Verwaltung

 

© Klaus Hart – Powered by WordPress – Design: Vlad (aka Perun)