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	<title>Klaus Hart Brasilientexte &#187; Brasiliens Tag des Samba</title>
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	<description>Aktuelle Berichte aus Brasilien - Politik, Kultur und Naturschutz</description>
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		<title>Brasiliens &#8222;Tag des Samba&#8220; am 2. Dezember: &#8222;Der Brasilianer weiß nicht, was Samba ist.&#8220; Starke Förderung von Primitiv-Rhythmen unter der Lula-Rousseff-Regierung, laut brasilianischen Musikexperten.</title>
		<link>http://www.hart-brasilientexte.de/2011/12/02/brasiliens-tag-des-samba-am-2-dezember-der-brasilianer-weis-nicht-was-samba-ist/</link>
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		<pubDate>Fri, 02 Dec 2011 18:00:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Klaus Hart]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Brasiliens Tag des Samba]]></category>

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		<description><![CDATA[http://www.academiadosamba.com.br/memoriasamba/artigos/artigo-024.htm http://g1.globo.com/pop-arte/noticia/2011/12/o-brasileiro-nao-sabe-o-que-e-o-samba-diz-fabiana-cozza.html In den letzten Jahren ist die elektronische Primitivmusik zuungunsten einheimischer Rhythmen in Brasilien stark gefördert worden &#8211; selbst während des Karnevals in Rio de Janeiro werden große Techno-Konkurrenzveranstaltungen, mit namhaften Sponsoren, immer häufiger.  In den Armenvierteln sorgt der u.a. vom organisierten Verbrechen gepuschte Baile Funk seit über einem Jahrzehnt dafür, daß der früher [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.academiadosamba.com.br/memoriasamba/artigos/artigo-024.htm"><strong>http://www.academiadosamba.com.br/memoriasamba/artigos/artigo-024.htm</strong></a></p>
<p><a href="http://g1.globo.com/pop-arte/noticia/2011/12/o-brasileiro-nao-sabe-o-que-e-o-samba-diz-fabiana-cozza.html"><strong>http://g1.globo.com/pop-arte/noticia/2011/12/o-brasileiro-nao-sabe-o-que-e-o-samba-diz-fabiana-cozza.html</strong></a></p>
<p><strong>In den letzten Jahren ist die elektronische Primitivmusik zuungunsten einheimischer Rhythmen in Brasilien stark gefördert worden &#8211; selbst während des Karnevals in Rio de Janeiro werden große Techno-Konkurrenzveranstaltungen, mit namhaften Sponsoren, immer häufiger.  In den Armenvierteln sorgt der u.a. vom organisierten Verbrechen gepuschte Baile Funk seit über einem Jahrzehnt dafür, daß der früher dort heimische Samba immer weniger Chancen hat. </strong></p>
<p><img src="http://www.hart-brasilientexte.de/wp-content/uploads/2010/09/sambapaulista1.JPG" alt="sambapaulista1.JPG" /></p>
<p><strong>Alcione anklicken, &#8222;Nao deixe o samba morrer&#8220; &#8211;  nur eine immer kleinere Minderheit Brasiliens kann dazu noch echten Samba tanzen, die offizielle Kulturpolitik hats geschafft: <a href="http://www.youtube.com/watch?v=O85aPBh99P0"> </a><a href="http://www.youtube.com/watch?v=O85aPBh99P0">http://www.youtube.com/watch?v=O85aPBh99P0</a></strong></p>
<p><span id="more-11710"></span></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2010/02/25/chico-buarque-uber-rio-klischees-in-den-karnevalssambaschulen-wird-schon-lange-kein-samba-mehr-gelehrt-tanzt-doch-keiner-mehr-echten-samba-no-pe-was-man-dort-komponiert-interessiert-mich-langst/"><strong>http://www.hart-brasilientexte.de/2010/02/25/chico-buarque-uber-rio-klischees-in-den-karnevalssambaschulen-wird-schon-lange-kein-samba-mehr-gelehrt-tanzt-doch-keiner-mehr-echten-samba-no-pe-was-man-dort-komponiert-interessiert-mich-langst/</strong></a></p>
<p><strong><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2010/12/22/brasiliens-kulturexport-nur-02-prozent-vom-weltvolumen-retrato-de-um-pais-que-nao-exporta-sua-cultura-o-estado-de-sao-paulo-brasilianische-musik-verkauft-sich-garnicht-so-gut-im-ausland/">http://www.hart-brasilientexte.de/2010/12/22/brasiliens-kulturexport-nur-02-prozent-vom-weltvolumen-retrato-de-um-pais-que-nao-exporta-sua-cultura-o-estado-de-sao-paulo-brasilianische-musik-verkauft-sich-garnicht-so-gut-im-ausland/</a></strong></p>
<p><strong> </strong><strong><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2008/02/22/kulturminister-gilberto-gils-amtszeit-eine-grausige-bilanz-fur-brasilien/">http://www.hart-brasilientexte.de/2008/02/22/kulturminister-gilberto-gils-amtszeit-eine-grausige-bilanz-fur-brasilie</a></strong></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2008/09/25/charles-aznavour-kritisiert-brasiliens-popmusik-imititation-nordamerikanischer-stile-singen-wie-mariah-carey-und-madonna/"><strong>http://www.hart-brasilientexte.de/2008/09/25/charles-aznavour-kritisiert-brasiliens-popmusik-imititation-nordamerikanischer-stile-singen-wie-mariah-carey-und-madonna/</strong></a></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2011/11/29/brasiliens-musik-und-tanzphanomen-baile-funk-in-europa-vom-kulturbetrieb-gelobt-gefordert-baile-funk-bringt-terror-und-tod-an-die-peripherie-zeitung-sao-paulos-zu-lynch-verbrechen-am-tag-d/"><strong>http://www.hart-brasilientexte.de/2011/11/29/brasiliens-musik-und-tanzphanomen-baile-funk-in-europa-vom-kulturbetrieb-gelobt-gefordert-baile-funk-bringt-terror-und-tod-an-die-peripherie-zeitung-sao-paulos-zu-lynch-verbrechen-am-tag-d/</strong></a></p>
<h2>Alcione &#8211; Brasiliens derzeit populärste  Sängerin &#8211; trifft weiter den Nerv der Massen. Auffällig viele Fans unter  den Frauen der Slumperipherien Brasiliens. Neue, selbst durch Europa  gescheuchte Wegwerf-Talente der Musikindustrie, mit schwachen Stimmchen,  sind gegen Alcione chancenlos. “Alcione &#8211; Stimme Lateinamerikas.”(UNO) <a href="http://www.hart-brasilientexte.de/wp-admin/post.php?action=edit&amp;post=8711" title="Beitrag bearbeiten">**</a></h2>
<p><!--more--><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/tag/musica-popular-brasileira/" rel="tag"> </a></p>
<p><a href="http://pt.wikipedia.org/wiki/Alcione">http://pt.wikipedia.org/wiki/Alcione</a></p>
<p><a href="http://www.alcioneamarrom.com.br/">http://www.alcioneamarrom.com.br/</a></p>
<p><strong>“Provinziell ist für mich, daß Brasilianer Rockmusik  imitieren &#8211; in einem Land, das so starke musikalische Wurzeln hat und so  unendlich reich an Rhythmen ist. Verglichen damit ist Rock, musikalisch  gesehen, eine recht armselige Angelegenheit. Ich habe keine Angst vor  denen, die unsere Kultur zerstören wollen, wir leisten Widerstand &#8211; so  habe ich auch eine Platte genannt. Es gibt viele sehr gute Sänger in  diesem Land, die einfach keinen Plattenvertrag kriegen &#8211; und  andererseits wird unheimlich viel Mist produziert. Sie wollen aus  Brasilien einen Markt für Rock, für ausländische Musik machen &#8211; da ist  sehr viel Bestechung im Spiel. Amis, die hierherkommen und das Radio  anmachen, fühlen sich wie zuhause, weil dieselbe Musik wie dort läuft.  Die Plattenfirmen fangen jetzt auch hier an, Wegwerfkünstler zu  produzieren; Leute die nach zwei Jahren ausgebrannt sind, weggeschmissen  werden. Wenn ich in diesem Land was ändern könnte, würde ich zuerst die  Banken verstaatlichen. Noch ist das hier nicht Rambo-Land. Ich habe  einen Fuß in Afrika, meine Großeltern waren Sklaven, in Afrika sind  meine Wurzeln, auch die musikalischen &#8211; für dieses Erbe setze ich mich  ein. Ich habe eine starke Struktur aufgebaut &#8211; da kann keine  Plattenfirma kommen und sagen, wir machen Schluß mit Alcione. Ich weiß,  daß ich für meinen Plattenkonzern nur ein Produkt bin,  eine Nummer in  einer Serie. Aber ich erlaube ihnen nicht, mir vorzuschreiben, was ich  aufnehmen soll, nur weil es Mode ist.” (Alcione im  Vor-Website-Exklusiv-Interview in Rio de Janeiro &#8211; bei gemeinsamen  Streifzügen durch die Musikszene außerhalb des Multi-Mainstreams)</strong></p>
<p><a href="http://www.youtube.com/watch?v=O90CRV4-T4I">http://www.youtube.com/watch?v=O90CRV4-T4I</a></p>
<p><img src="http://www.hart-brasilientexte.de/wp-content/uploads/2011/02/alcionevaivai2011.JPG" /></p>
<p><strong>Alcione 2011 vor begeistertem Publikum der Sambaschulen Sao Paulos. </strong></p>
<p><a href="http://www.youtube.com/watch?v=IN1foTAKimw">http://www.youtube.com/watch?v=IN1foTAKimw</a></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2008/02/11/neue-hit-cd-de-tudo-que-eu-gosto-von-sangerin-alcione/">http://www.hart-brasilientexte.de/2008/02/11/neue-hit-cd-de-tudo-que-eu-gosto-von-sangerin-alcione/</a></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2010/06/22/argentinische-tanzwut-an-der-spree-argentinien-hat-den-tango-erfolgreich-exportiert-und-warum-brasilien-eigentlich-nicht-den-viel-einfacher-zu-tanzenden-samba/"><strong>http://www.hart-brasilientexte.de/2010/06/22/argentinische-tanzwut-an-der-spree-argentinien-hat-den-tango-erfolgreich-exportiert-und-warum-brasilien-eigentlich-nicht-den-viel-einfacher-zu-tanzenden-samba/</strong></a></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2010/09/12/samba-tanzen-auf-der-avenida-paulista-sao-paulo-nur-ein-videoclip-wird-gedreht-normale-brasilianer-konnen-das-langst-nicht-mehr-gesichter-brasiliens/"><strong>http://www.hart-brasilientexte.de/2010/09/12/samba-tanzen-auf-der-avenida-paulista-sao-paulo-nur-ein-videoclip-wird-gedreht-normale-brasilianer-konnen-das-langst-nicht-mehr-gesichter-brasiliens/</strong></a></p>
<p><strong>Spielfilm über Brasilien heute:</strong></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2010/10/15/tropa-de-elite-2-neuer-film-uber-menschenrechtspolitik-in-brasilien-unter-lula-steuert-zuschauerrekord-an/"><strong>http://www.hart-brasilientexte.de/2010/10/15/tropa-de-elite-2-neuer-film-uber-menschenrechtspolitik-in-brasilien-unter-lula-steuert-zuschauerrekord-an/</strong></a></p>
<p>Texte v0n 2011:</p>
<h1>Panzer und Crack</h1>
<p>Der Militär-und Medien-Zirkus um die „Erstürmung“ und „Eroberung“ der  Rio-Slumregion „Complexo do Alemão“ wäre schon jetzt ein heißes Thema  auch für Deutschlands Kommunikationswissenschaftler – aber wie es  aussieht, trauen sie sich nicht. Als „Farce“ hatten brasilianische  Rechtsexperten und Menschenrechtspriester die Slumbesetzung vom letzten  November verurteilt – und schneller als erwartet ausgerechnet von der  Gegenseite die Beweise geliefert bekommen. Die schwerbewaffneten  Banditenkommandos des organisierten Verbrechens sind rasch  zurückgekehrt, zitieren Brasiliens Landesmedien aus vertraulichen  Militärberichten. Die Gangster haben, wie es heißt, wieder  Verkaufspunkte für harte Drogen installiert, der hochprofitable  Rauschgifthandel geht perfekt neoliberal weiter. Der Terror gegen  Bewohner des Parallelstaats der Slums ebenfalls – trotz Militärpräsenz  sind mindestens vier Menschen ermordet worden. Eine Frau wird zur  Abschreckung totgeschlagen, weil sie an der Plünderung eines  Banditenhauses teilnahm – TV-Teams auch des Auslands hatten solche  Volkszorn-Szenen am Start der Militäroperation gern gefilmt. Doch nun  beklagen sich die Bewohner ausgerechnet über eine unzureichende Präsenz  von brauchbaren Polizisten – von den Militärs würden die  herumstreunenden Banditen gar nicht bemerkt. Viele Soldaten stammen ja  just aus diesen Slums. Zudem seien 42 Militärpolizisten zwar wegen Raub,  Erpressung und Übergriffen gegen die Bewohner angezeigt, doch bisher  nicht bestraft worden.</p>
<p>Die militärische Besetzung ist Modell und Beispiel für das ganze  Land, sagt der neue Justizminister Cardozo – hat er es gar böse-ironisch  gemeint? Panzer, martialisch wirkende Militärpatrouillen, deren Fotos  gern auch in die Erste Welt durchgeschaltet werden, sind den Angaben  zufolge jedenfalls keinerlei Hindernis für die Banditenkommandos des  organisierten Verbrechens. Das mag für Mitteleuropäer bizarr, grotesk,  unglaublich erscheinen, für unsereinen hier ist es banale Normalität.<br />
Immer wieder wird in der Ersten Welt behauptet, in den  lateinamerikanischen Ländern zeige sich deutlich, dass die bisher  praktizierte Drogenbekämpfung per Polizei und Militär nichts bringe, man  sich andere Konzepte überlegen müsse. Was denn für eine  Drogenbekämpfung, möchte man gegenfragen. In der Banken-City von Sao  Paulo beispielsweise, der führenden Wirtschaftsmetropole Lateinamerikas,  wird Crack, die zerstörerischste harte Droge, direkt neben  Polizeipräsidien, Polizeiwachen massenhaft und offen verkauft und ebenso  offen gleich von Hunderten konsumiert. Die Beamten im Hauptsitz der  Stadtgendarmerie schauen direkt auf eine kilometerlange Straße, in der  sich ganze Horden grauenhaft verwahrloster und abgemagerter Gestalten  mit Crack zügig ins Jenseits befördern. Manche Brasilianer fragen daher,  ob es nicht eher so ist, dass die Sicherheitskräfte, von Ausnahmen  abgesehen, der unter Staatschef Lula aufgeblühten Crack-Branche eine  ordentlich-angenehme Abwicklung der Geschäfte garantieren. 1,2 Millionen  Brasilianer sind laut Expertenschätzungen bereits Crack-süchtig.  Kenarik Felippe von der angesehenen nationalen Richtervereinigung für  Demokratie (AJD): „Der Staat ist ins organisierte Verbrechen verwickelt.  Besonders die Slumbewohner leiden stark unter der Gewalt durch Polizei,  paramilitärische Milizen und die Banditenkommandos. Im ganzen Land, und  nicht nur in Rio de Janeiro, foltern Staatsangestellte, gibt es  Todesschwadronen, zu denen Staatsbeamte gehören. Man redet nur von den  kleinen Fischen im Rauschgiftgeschäft, nicht von den Drogenbaronen.“ Der  Richter und AJD-Präsident Luis Barros Vidal fordert, die „Farce von  Rio“ auf keinen Fall zu unterstützen. „Die Geheimdokumente der Militärs  zeigen, dass die Drogenmafia, der Drogenhandel in diesen Slums  fortbestehen. Die regierenden Autoritäten, die von einem groß angelegten  Krieg gegen die organisierte Kriminalität sprachen, machten also leere,  falsche Versprechen, handeln unredlich. Wir sehen die Resultate – Tote  und nochmals Tote. Selbst UNO-Friedenstruppen wären erfolglos, weil  vordringlich soziale und wirtschaftliche Probleme gelöst werden müssen,  die Slumbewohner vor allem feste Arbeitsplätze brauchen.“ Niemand wisse  das besser als die brasilianische Regierung, früher unter Lula, jetzt  unter Dilma Rousseff. „Todesschwadronen sind derzeit in Rio aktiv – doch  auch in Sao Paulo, landesweit, straflos“, fügt Richter Vidal gegenüber  dem <em>Blättchen</em> hinzu, in Brasilien fehle eine Kultur der  Menschenrechte. Zu erkennen seien „starke Merkmale eines totalitären  Staates, der das Gesetz nicht respektiert“; mit Blick auf Fußball-WM und  Olympische Spiele am Zuckerhut werde ein Medienspektakel veranstaltet.<br />
Und das hatte es von Anfang an in sich. In brasilianischen  Qualitätsmedien, die nur einen winzigen Bruchteil der Bevölkerung  erreichen, hieß es immerhin, die jüngsten Polizei-und Militäroperationen  seien nur für das Ausland gedacht – de facto ändere sich nichts. Rio  habe wegen der geplanten Sportereignisse international Kompetenz  demonstrieren müssen, um Milliardeninvestitionen zu erhalten. Es werde  wieder Wahlen geben – und die Politiker würden erneut Gelder des  organisierten Verbrechens brauchen.<br />
In mitteleuropäischen Medien weiß man’s offenbar viel besser. Rio de  Janeiro wolle mit dem Drogenhandel Schluss machen, wird  freundlicherweise unterstellt, obwohl sogar Rios Sicherheitschef  Beltrame öffentlich erklärt, dies keineswegs vorzuhaben.<br />
Aber richtig klasse ist der Mediengag über die „heldenhafte“ Einnahme  jenes „Complexo do Alemão“: Unentwegt ballern Polizei und Militär  fotogen auf nicht vorhandene Gegner, was das Zeug hält. Alles wird von  zahlreichen TV-Teams direkt an der Seite der Einheiten begeistert  abgefilmt und teuer weltweit verbreitet. Sozusagen „sturmreif  geschossen“ fehlt nur noch die „Eroberung“ des Slumkomplexes. Dies geht  so vonstatten, dass Soldaten und Elitepolizisten mit handverlesenen  Journalisten einfach die Gassen zur Slumspitze hochgehen und dort die  Landesfahne hissen. Schließlich hatte man den Banditenkommandos tage-und  nächtelang reichlich Zeit und Möglichkeiten zum Rückzug in üblicher  Guerilla-Taktik gegeben und auf eine Einkesselung verzichtet – die  Gangster verteilten sich auf andere der weit über 1.000 Rio-Slums.<br />
Wohl einmalig in der Fernsehgeschichte, wie der  TV-Globo-Nachrichtenkanal vom Hubschrauber aus den problemlosen Rückzug  der schwerbewaffneten Banditenkommandos aus dem Slum Vila Cruzeiro  direkt übertrug. Die Konditionen, um die Banditen zu schnappen, waren  bestens.Warum, so ist zu fragen, ließen Polizei und Armee die Gangster  entkommen? Man saß vor dem Fernseher und traute seinen Augen nicht.  Stundenlang sah man von nahem, wie sich die Verbrecherkommandos  davonmachten, und bekam es von Polizeiexperten auch noch kommentiert:  „Kampfhubschrauber wie die im Vietnamkrieg greifen jetzt nun mal leider  nicht ein.“<br />
Jahrzehntelang, so wird in Europa verbreitet, wagten sich die  Sicherheitskräfte angesichts übermächtiger Banditenpräsenz nicht in den  „Complexo do Alemão“ – umso mehr sei daher die Rückeroberung zu  würdigen. Sind Lula und seine Nachfolgerin Dilma Rousseff also wahrhaft  todesmutig, weil sie den Slumkomplex noch vor der „Erstürmung“  besuchten? Spaß beiseite – Lula war 2008, 2009 und sogar im Oktober  2010, kurz vor dem Militäreinsatz, im „Complexo do Alemão“, hatte teils  sogar Ehefrau Marisa dabei. Rios Polizei und Militär kennen die  Favela-Gegend bestens, 2002 wurden zur Besetzung gar 50.000 Mann  aufgeboten. Mehr Sicherheit gibt’s deshalb nicht – seit 2007 wurden in  Rio über 25.000 Gewalt-Tote gezählt.<br />
Jetzt, nach vertraulichen Militärberichten, weist die Leiterin eines  angesehenen kirchlichen Rio-Sozialprojekts auf ein „großes Massaker im  „Complexo do Alemão“, wobei vor allem Jugendliche getötet, doch  keinerlei Informationen darüber freigegeben wurden. Laut  Uni-Anthropologen Luiz Mott, angesehenster Schwulenaktivist des  Tropenlandes, hält Brasilien bei Morden an Homosexuellen weltweit eine  „grauenhafte Führungsrolle“, verschlechterte sich unter Lula die  Situation der Gays. Bei Tötungen durch Schusswaffen liegt Brasilien  gemäß NGO-Daten an der Spitze, 92 Prozent der Rio-Morde bleiben  straffrei.<br />
Gregor Gysi von der deutschen Partei DIE LINKE gilt als Rechtsexperte,  war 2010 in Brasilien, kennt daher sicherlich die Positionen der  dortigen Richtervereinigung für Demokratie gut – und schlussfolgert:  „Von allen linken Präsidenten hat Lula, der als am wenigsten links  eingeschätzt wird, die größten Erfolge.“</p>
<h1>Dilma Rousseffs schlechter Start</h1>
<p>Brasiliens neue Staatspräsidentin, zuvor Lulas Chefministerin,  verschont die Nation bisher mit dem vom Ziehvater gewohnten Schwall aus  Propagandareden – dafür haben es die politischen Ereignisse in sich.</p>
<p>Der angesehene kirchliche Menschenrechtsanwalt Sebastiao Bezerra da  Silva wurde sadistisch gefoltert und ermordet – auch in den acht  Regierungsjahren zuvor war das Verfolgen von Menschenrechtsaktivisten  normal. Silva ermittelte gegen die landesweit aktiven, von  Staatsangestellten geleiteten Todesschwadronen, gegen folternde  Militärpolizisten und bekam deshalb Morddrohungen. Im archaischen  nordöstlichen Teilstaat Maranhao, der laut Kirchenangaben bei  Gefängnis-Folter an der Spitze steht, kam es zur ersten Häftlingsrevolte  unter Rousseff – sechs Männer wurden getötet, Fotos der abgeschlagenen  Köpfe waren in den Regionalzeitungen zu sehen. Maranhao wird von  Gouverneurin Roseane Sarney regiert, die mit Dilma Rousseff befreundet  ist, und bei nettem privaten Beisammensein mit ihr zur Laute allerlei  populäre Liebeslieder sang. Eine unabhängige Untersuchungskommission zum  Häftlingsaufstand gibt es nicht, Brasilia reichen die Angaben der  Militärpolizei – ein Relikt der Militärdiktatur. Der Teilstaat ist zudem  Herrschaftsgebiet des Oligarchen José Sarney, der einst die  Folterdiktatorenpartei ARENA führte – und heute als Senatspräsident den  brasilianischen Nationalkongress. Mit ihm, dem hochwichtigen politischen  Bündnispartner, feierte Dilma Rousseff ihren Wahlsieg – auch das  spricht Bände.<br />
Auch die neue Menschenrechtsministerin Maria do Rosario beschreibt – wie  ihr Vorgänger – die größte lateinamerikanische Demokratie als  Folterstaat, nennt Torturen in total überfüllten Gefängnissen und selbst  in psychiatrischen Anstalten ein „gravierendes nationales Problem“. Als  Dilma Rousseff noch zuständige Chefministerin war, hatten derartige  Eingeständnisse allerdings keinerlei praktische Bedeutung. Gleiches gilt  für den jetzt auf der Berlinale gezeigten sozialkritischen Streifen  „Tropa de Elite 2“, der Brasiliens bedrückende Menschenrechtslage  eindrücklich abbildet. Wie im Vorgängerfilm, der 2008 den Goldenen Bären  gewann, gibt es wieder eine der für Rio de Janeiro typischen  Scheiterhaufenszenen – weder Lula noch Rousseff haben sich jemals zu  dieser in den Slums unweit des neuen ThyssenKrupp-Stahlwerks gängigen  Hinrichtungs-und Einschüchterungspraxis geäußert.<br />
Wie es sich gehört, hat Brasilien als vielgelobte Demokratie und  strategischer Partner auch der Berliner Regierung natürlich die  UNO-Menschenrechtsabkommen unterzeichnet. Von möglichen Sofortmaßnahmen  der Rousseff-Regierung zwecks Umsetzung ist aber nichts bekannt. Dafür  erfährt man aus einer jetzt veröffentlichten Studie, was sich unter dem  Gespann Lula-Rousseff noch so entwickelte. Bei Tötungen durch  Schusswaffen liegt Brasilien weltweit an der Spitze – und von drei  Ermordeten sind zwei schwarz. Der Soziologe Julio Waiselfisz, dessen  Team die Studie erarbeitete, spricht von „Merkmalen der Ausrottung,  Vernichtung“ und von fehlender öffentlicher Sicherheit für die arme,  mehrheitlich schwarze Bevölkerung. Mit der öffentlichen Sicherheit  passiere dasselbe wie bei Bildung, Gesundheit, Sozialversicherung – es  werde privatisiert. „Wer kann, zahlt für privaten Sicherheitsdienst. Die  Schwarzen gehören zu den Ärmsten, leben in Risikozonen und können nicht  zahlen.“<br />
Laut unvollständigen Statistiken werden in Brasilien jährlich immerhin  etwa 55.000 Menschen ermordet. Die UNICEF ergänzt: Bei Morden an 15-bis  19-Jährigen liegt Brasilien weltweit an der Spitze, 38 Prozent der  brasilianischen Jugendlichen leben in Armut und Misere. Die  Rousseff-Regierung sollte daher in Programme für Gesundheit, Bildung und  Sicherheit investieren, die sich gezielt an die 33 Millionen  Heranwachsenden zwischen 10 und 19 Jahren richten. Aber irgendwie  scheint Brasilia gar nicht so gut bei Kasse zu sein, wie Lula unter  Hinweis auf angeblich fette Devisenreserven stets verkündete. Als die  hausgemachte Erdrutsch-Umweltkatastrophe im Januar bei Rio de Janeiro  rund tausend Todesopfer forderte – etwa 500 Menschen werden noch  vermisst – fehlte es den Rettungsmannschaften arg an Mitteln und  Ausrüstung, weil zuvor beim Katastrophenschutz extrem gespart worden  war. Als Präsidentin Rousseff die Region besuchte, wurde sie mit ihren  eigenen Fehlleistungen aus der Zeit als Chefministerin direkt  konfrontiert. Das großflächige Abholzen und Bebauen von  Steilhang-Risikozonen war erlaubt und wurde sogar gefördert– doch nun  bettelt Rousseff gar die Weltbank um einen Milliardenkredit an, damit  Slumbewohner  aus entsprechenden Zonen umgesiedelt werden können.  Bereits 2008 wurde die Region von einer solchen Umweltkatastrophe  heimgesucht – und der Lula-Regierung vorgerechnet, für  Präventivmaßnahmen nur 12 Prozent (!) der vorgesehenen Haushaltsmittel  investiert zu haben. Sogar die UNO wirft Lula vor, bereits 2005 ein  Katastrophenwarnsystem versprochen zu haben, das aber immer noch nicht  funktioniere.<br />
Um 2010 Rousseffs Wahlsieg zu garantieren, wurden die  Regierungsausgaben, darunter für Propaganda, stark erhöht. Derzeit  werden sie, notgedrungen, drastisch zurückgefahren, denn die  Sozialbewegungen protestieren heftig, weil Präsidentin Rousseff die  Anhebung des Mindestlohns deutlich unter der kräftigen Teuerungsrate  hielt. Die umgerechnet etwa 248 Euro brutto monatlich passen schwerlich  zu den erneuten Versprechen, nun aber wirklich Hunger und Misere  auszutilgen. Das Mindestsalär bekommen laut offiziellen Angaben 29,1  Millionen registriert oder unregistriert Beschäftigte sowie 18,6  Millionen Sozialversicherte, darunter zwei von drei Rentnern. Doch ein  Großteil der unregistriert, ohne Arbeitsvertrag und rechtliche  Absicherung Beschäftigten hat deutlich geringere Einkünfte – in einem  Land mit inzwischen oft deutlich höheren Preisen als in Deutschland,  gerade bei Grundnahrungsmitteln als in Deutschland – und in einer Phase  schmerzhafter Preisanstiege.<br />
Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch das Phänomen, dass  Gewerkschaften inzwischen sogar Rechtsparteien applaudieren, weil die  einen höheren Mindestlohn vorschlugen. Zugleich wird an die enormen  Diätenerhöhungen der Kongresspolitiker sowie an das Einkommen von  „Working Class Hero“ Lula erinnert. Seit Januar bekommt er monatlich  allein als Ehrenpräsident der Arbeiterpartei umgerechnet rund 6.000  Euro, dazu die satten Bezüge als Ex-Staatschef. Zudem erhält er seit  seinem 51. Lebensjahr eine Entschädigung von 1.900 Euro monatlich, weil  er 31 Tage in Diktatur-Haft saß. Als ihm jetzt ein Unternehmen für einen  Vortrag 100.000 Dollar Honorar anbot, lehnte Lula laut Landesmedien ab –  entweder 200.000 Dollar oder kein Vortrag. Da bietet sich ein Vergleich  mit den Hilfen des Anti-Hunger-Programms „Bolsa Familia“ an – denn 42  Prozent der Empfänger, also 5,3 Millionen Menschen, leben gemäß neuen  Studien nach wie vor im Elend. Zwischen 14 und maximal 105 Euro werden  monatlich ausbezahlt – pro Familie wohlgemerkt, meist sind sie  kinderreich. Die Möglichkeit, Elend und Hunger unter den  Bezugsempfängern rasch durch eine angemessene Hilfe zu beseitigen, werde  nicht einmal erwogen, empören sich Kommentatoren. Die Regierung kürzt  jetzt stattdessen sogar die Gelder eines Hausbauprogramms für die  Unterschicht fast um die Hälfte.<br />
Im Zuge des Rousseff-Starts erfuhr man auch, wie Brasilien heute  kulturell tickt. Nach der Umweltkatastrophe erklärte die Präsidentin für  mehrere Tage Staatstrauer, der Teilstaat Rio de Janeiro sogar für eine  ganze Woche – doch selbst am Zuckerhut gingen die Vorkarnevalsfeste der  Sambaschulen und andere karnevalistische Aktivitäten auf vollen Touren  weiter. Renommierte Therapeuten und Sozialwissenschaftler haben auf  diesen befremdlichen Umgang mit Tragödien aufmerksam gemacht.  Andererseits – beim Kulturexport kommt das Riesenland laut UNO-Daten nur  auf 0,2 Prozent des Weltvolumens, liegt auf Platz 26, gleichauf mit  Rumänien. Zum Rousseff-Start verließ der Komponist und Dirigent John  Neschling nach 14 Jahren frustriert das Land in Richtung Schweiz. Er  hatte das völlig unbedeutende Sinfonieorchester Sao Paulos zu einem  international anerkannten aufgebaut, wurde jedoch von der reaktionären  Teilstaatsregierung gefeuert. Beim Weggang verwies er auf fehlende  Kulturpolitik, eine paralysierende und unsensible Staatsbürokratie,  brutalen Umgang mit Kulturgütern. Neschlings Rückkehr nach Europa ist  symptomatisch, ein schmerzhafter Verlust für Brasilien.</p>
<h1>Leonardo Boffs Ungereimtheiten</h1>
<p>In Ländern wie Deutschland betreibt eine bestimmte Gutmenschen-Szene  um den einst interessanten brasilianischen Befreiungstheologen einen  regelrechten Kult. Sie bewahrt ihn vor öffentlicher Kritik, die als  politisch unkorrekt gälte. Im Tropenland dagegen wird Boff seit den  neunziger Jahren zunehmend heftig kritisiert. Selbst frühere Anhänger  werfen ihm Fehleinschätzungen über die katholische Kirche,  intellektuelle Unehrlichkeit und Opportunismus vor. Boff sei eitel auf  Medienpräsenz aus – was mit Verbalattacken auf Papst und Vatikan  natürlich am leichtesten gelinge.</p>
<p>In der Tat wirkt Boffs Eindreschen auf den Papst infantil und  lächerlich. Nationale Religionsexperten bescheinigen ihm eine  unbestreitbare Rolle in der Reflexionsgeschichte Brasiliens, nennen ihn  sehr intelligent und intuitiv. Boff spüre sehr gut bestimmte  gesellschaftliche Probleme und Tendenzen, sei ein brillanter Professor.  Doch seine Äußerungen müssten kritisch analysiert werden – andernfalls  akzeptiere man häufig Dinge, die nicht der Wahrheit entsprächen.<br />
In Deutschland sind evangelikale Wunderheiler-Sekten unbeliebt – Boff  begrüßte indessen bereits im Jahr 2000 öffentlich die Expansion der  Evangelikalen vorbehaltlos als Bereicherung. In Brasilien fasste man  sich an den Kopf. Denn die evangelikalen Sektenkirchen propagieren  massiv die „Theologie der Prosperität“, wonach materieller Wohlstand  eine Gabe Gottes sei und durch die Macht des Glaubens erreicht werden  könne. An Misere, persönlichem Misserfolg sei der Teufel schuld, den man  auf speziellen Tempelsitzungen austreibe – wobei natürlich jeder  Gläubige soviel Geld wie möglich an die Kirche spenden müsse. Mit dieser  Theologie, analysieren Sozialwissenschaftler, verbreiten die  Evangelikalen Illusionen, beuten die Leute aus, schaffen Leiden. Und  fördern sogar Rassismus und Diskriminierung, da die schwarze Bevölkerung  nunmehr nur deshalb arm sei, weil sie sündige. Gemäß aus Afrika  ererbten Schlechtigkeiten werde sie als eine verfluchte Rasse angesehen,  die sich von allen Vorfahren und Wurzeln lösen müsse.<br />
Wenn Boff diese wie Wirtschaftsunternehmen funktionierenden Kirchen als  Bereicherung auffasse, müsse man seine Bewertungen relativieren, zeige  sich zunehmende Oberflächlichkeit. Im akademischen Umfeld, bei den  Studenten sei Boffs frühere Attraktivität weg.<br />
Boff müsste wissen, dass evangelikale Kirchen im Christlich-Ethischen  mancherlei Sonderwege fahren. So wurde ein Bischof der politisch  einflussreichen „Universalkirche vom Reich Gottes“, der Brasiliens  zweitgrößter TV-Sender gehört, wegen Mordes eingesperrt. In Salvador da  Bahia hatte er laut Polizei im Tempel gemeinsam mit zwei Pastoren einen  14-jährigen Jungen sexuell missbraucht und danach lebendig verbrannt.<br />
Manche mögen Boff zustimmen, wenn er die Evangelikalen-Ausbreitung  begrüßt, weil ihm „jede Art von Vielfalt“ so gefällt. Denn nun ist in  rappelvollen „Gotteshäusern“ endlich mal echt was los, ziehen Ex-Killer  und Ex-Frauenaufreißer wie Pastor Salles vom Leder:„Ich war reich, hatte  Villen und tausende Frauen – in Rio hörten tausende schwerbewaffnete  Banditen auf mein Kommando. Ich war Bankräuber, Berufskiller, Monster,  Psychopath – so viele Opfer flehten vergeblich um Barmherzigkeit! Wie  von den Dämonen gefordert, habe ich mit meiner Frau unseren sechs Monate  alten Sohn getötet, in der Pfanne gebraten, sein Fleisch gegessen – ich  war schon in der Hölle!“<br />
Frei Betto, wichtigster Befreiungstheologe Brasiliens, hochangesehen bei  Kardinälen, Bischöfen und Padres der Kirche des Riesenlandes,  analysiert solche evangelikalen Sekten tiefgründig, fühlt sich durch  ihre nervende Präsenz im Alltag nicht eben bereichert. Leonardo Boff  indessen wirft kurioserweise dieser Kirche „feudale Mentalität“,  „totalitäre Ideologie“ und „mittelalterliche Strukturen“ vor, gar die  Ablehnung von Kritik und Alternativen.  Damit hat er schlichtweg die  Dynamik, Entwicklung und Komplexität der katholischen Kirche nicht  begriffen. Als anschauliches Beispiel gilt, dass Rom zwar Kondome  kritisiert, deren massive Verteilung in der pastoralen Aids-Prävention  indessen zulässt – und fördert, gemäß katholischer Moraltheologie.<br />
Der Soziologe Claudio Monteiro leitet in Sao Paulo die bischöfliche  Aids-Pastoral – direkt neben seiner Bürotür kann sich jedermann aus  einem stets gut gefüllten Plastikbehälter gratis und überreichlich  mit  Kondomen eindecken. Monteiro lacht über Boffs Vorwurf, dass die  katholische Kirche in der Kondomfrage lebensfeindlich, verantwortungslos  und intolerant handele. „Leonardo Boff gehörte zum Franziskanerorden,  der in Brasilien eines der ersten Aids-Präventionsprojekte startete und  natürlich Kondome verteilt – seit über 16 Jahren. Unsere nationale  Aids-Pastoral, von einem Bischof geführt, verfährt genauso. Völlig  unmöglich, daß Boff davon nicht weiß. Wenn er die Ausbreitung der  Evangelikalen, die Expansion des religiösen Fundamentalismus positiv  bewertet, ist dies fragwürdig und anfechtbar.“<br />
Boff greift immer wieder auch in die Politik ein. Im letzten  Präsidentschaftswahlkampf unterstützte er zuerst die evangelikale  Predigerin Marina Silva. Die Ex-Umweltministerin zählte zur  Revolutionären Kommunistischen Partei Brasiliens, wuchs im  befreiungstheologischen Spektrum der Katholiken auf und ging dann zur  „Assembleia de Deus“. Richtig, die von Pastor Salles, dem Ex-Killer und  Ex-Frauenaufreißer, die zudem laut Eigendarstellung Homos zu Heteros  umdreht und Strich-Transvestiten zu Geistlichen macht.<br />
Zuletzt wechselte Marina Silva von Lulas Arbeiterpartei zu den  brasilianischen Grünen. Die verkaufen sie als lupenreine  Umweltschützerin – obwohl zahlreiche verhinderbare Umweltverbrechen in  ihre Amtszeit fallen. Amazonas- und Savannenwälder werden vernichtet,  Brasilien avanciert zum weltgrößten Agrargiftverbraucher, das Geschäft  mit Gen-Pflanzen boomt. Umweltschützer laufen Sturm gegen das  gigantische Umleitungsprojekt am Rio Sao Francisco – Marina Silva  verteidigt es als „ökologisch nachhaltig, wirtschaftlich machbar und  sozial gerecht“. Was sie von massenhafter Folter durch Staatsangestellte  oder von den landesweit operierenden Todesschwadronen hält, erfährt man  bis heute nicht.<br />
2002 nahm Leonardo Boff begeistert an der Wahlkampfkarawane von Lula  teil, verglich ihn mit Mahatma Gandhi, lobte sogar dessen Vize, den  Milliardär und Diktaturaktivisten José Alencar. Angesichts der  Korruptionsskandale schwenkte er später um, verurteilte Lulas Politik  als niederträchtig neoliberal.<br />
2010 aber, als Marina Silva die Stichwahl nicht erreichte, wechselte  Boff flugs zu Lulas Wunschkandidatin und bisheriger Chefministerin Dilma  Roussef – und wieder zu Lob über den grünen Klee: „Lula machte die  größte Revolution der sozialen Ökologie des Planeten, eine Revolution  für die Bildung, ethische Politik.“ Die gravierenden  Menschenrechtsverletzungen, den strikt antiökologischen Kurs von  Lula-Rousseff kritisiert er nicht, die von ihm so heftig gescholtene,  stark systemkritische katholische Kirche Brasiliens tut das umso  kräftiger: Fehlende soziale Besorgnis bei Lula und Rousseff trotz  Hunger, Misere und rasch wachsenden Slums, Zementierung der grauenhaft  ungerechten Einkommensverteilung, Begünstigen der ohnehin  Privilegierten. Boff faselt von sozialer Ökologie-Revolution, dabei ist  längst klar, dass Dilma Rousseff das umweltvernichtende  Mega-Wasserkraftwerk „Belo Monte“ in Amazonien unbedingt realisieren  will. Nach ihrem Wahlsieg erneut ein Schwenk: Boff geißelt das  Belo-Monte-Projekt.<br />
Mancher hat vielleicht den desillusionierenden ARD-Weltspiegel-Beitrag  „Brasilien: Kindsmord am Amazonas“ über das Töten von Kindern bei  Indianerstämmen gesehen – rund 600 Babies werden danach jährlich allein  in Amazonien umgebracht. Viele Indianer sitzen wegen Sex mit Kindern im  Gefängnis, auch Indios sind als Naturzerstörer bekannt. Yanomami pflegen  gar das Verprügeln der eigenen Ehefrau mit Freunden, bei  Fremdgeh-Verdacht – von Schamanen als Hexen beschuldigte Indiofrauen  wurden ermordet – das Blättchen hatte über diese Praktiken berichtet.  Boff indessen ignoriert diese Fakten: „Und ich habe sie immer bewundert,  sie sind unsere großen Meister im Hinblick auf die Haltung gegenüber  der Natur. Die sind technologisch gesehen rückständig, aber  zivilisatorisch, sie sind vorwärts, sie sind reicher als wir. Wenn wir  lernen wollen, was wir für eine Beziehung mit der Natur eingehen sollen,  die Beziehung zwischen dem Alter und den Kindern, den Erwachsenen und  alten Leuten, die Beziehung zwischen Arbeit und Freizeit, die Beziehung  zwischen Leben und Tod, dann müssen wir die Indianer hören. Die haben  eine große Weisheit und vieles haben sie uns zu sagen.“ Kommentar  überflüssig.</p>
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<p><strong>Obama in Brasilien</strong></p>
<p>Auf Gesten und Symbolik, sorgsam abgestimmt zwischen beiden Seiten,  sei besonders zu achten, hatte Brasilia vor der Ankunft des  US-Präsidenten verlauten lassen. Und als Barack Obama dann in den  Amtssitz von Präsidentin Dilma Rousseff schritt, ging es Schlag auf  Schlag. Mitten in der persönlichen Unterredung befahl Obama über einen  Mitarbeiter die Attacke auf Libyen mit zunächst 110 Tomahawk-Raketen.  Und etwas später, mitten im Bankett für Obama im brasilianischen  Außenministerium, ging es richtig los mit den Bombardements. „Ein  historischer Tag“, titelten die Zeitungen – und „historisch“ verhielt  sich Brasiliens neue Staatschefin, die einst als Guerilleira gegen die  Militärdiktatur kämpfte, eingesperrt und gefoltert wurde. Erst nach der  Abreise Obamas äußerte sie Missfallen über die Kriegserklärung  ausgerechnet in Brasilien – vermied indessen, wie viele Brasilianer  erwartet hatten, dies Obama sofort und direkt zu sagen, womöglich die  offiziellen Gespräche abzubrechen. Mit einer Note, die einen  Waffenstillstand in Libyen erbat, wurde ebenfalls solange gewartet, bis  Obama abgereist war. Brasiliens wichtigster Befreiungstheologe, Frei  Betto, nannte es gegenüber dem <em>Blättchen</em> „zumindest takt- und  geschmacklos, den Krieg gegen Libyen just in Brasilien zu erklären, das  gegen eine solche kriegerische Aggression ist.“ Der Diskurs des Westens  sei Demokratie, das Interesse indessen Öl und nicht etwa die  Verteidigung der Menschenrechte in Libyen. Brasilia hatte sich im  UN-Sicherheitsrat, abgestimmt mit Russland, Indien und China, wenigstens  der Stimme enthalten, eine friedliche Lösung befürwortet.</p>
<p>Absolut symbolträchtig ging es beim Bankett zu – denn wie zu hören  war, hatte Rousseff offenbar mit Ziehvater Lula da Silva abgemacht, dass  am Tische direkt neben den beiden Obamas just der hochwichtige  Regierungspartner José Sarney sitzen sollte. Die USA hatten 1964 zur  Unterstützung des Militärputschs sogar eine Kriegsflotte vor die Küste  Brasiliens entsandt. Und nun prosteten sich just der Präsident dieses  Landes und der damalige Chef der brasilianischen Folterdiktatorenpartei  ARENA freundlichst zu, unterhielten sich auch Michelle Obama und Sarney  sichtlich nett miteinander. Er gilt in Brasilien nach wie vor als der  archaischste, reaktionärste und politisch mächtigste Oligarch, ist  Präsident des Kongresssenats und wurde trotz seiner Verwicklung in  zahllose Skandale von Lula stets hochgeschätzt und umworben. „I love  this guy“, sagte Obama einmal über Lula – und wollte ihn gerne mit am  Tisch. Doch der mit scharfem politischen Instinkt gesegnete  Ex-Gewerkschaftsführer lehnte die Einladung ab. Als hochbezahlter  Ehrenpräsident seiner Arbeiterpartei PT hatte er womöglich Rücksicht zu  nehmen auf jenen Parteiflügel, der sich scharf gegen einen Libyenkrieg  wandte, an die Kriege im Irak und in Afghanistan erinnerte, die  Obama-Regierung als „Feind des Weltfriedens“ einstufte. Vor Obamas  Ankunft brodelte es in diesem Teil der PT, der sich den Sozialbewegungen  eng verbunden fühlt, die Obama zur „persona non grata“ erklärt hatten.  Zorn erregte daher, dass Brasiliens Regierung, eingeschlossen Dilma  Rousseff, und die Führungsspitze der Arbeiterpartei die von  PT-Mitgliedern angekündigten Proteste gegen den Besuch Obamas  verurteilten. Wie durchsickerte, sollten solche Aktivitäten erstickt,  unzufriedene Kader auf Linie gebracht werden. Zu den Abweichlern gehörte  sogar Rousseffs Frauenministerin Iriny Lopes. Zu Kriegsbeginn nicht am  Tische mit Obama sitzen zu wollen, könnte Lula eines Tages Lorbeeren  einbringen – wer erinnert sich dann noch an die Hintergrund-Details?  Sehr aufschlussreich, was dann in Chile ganz anders lief als in  Brasilia. Eine weit politisiertere Öffentlichkeit erreichte, dass beim  Obama-Besuch die Diktaturproblematik nicht ausgeklammert wurde. Anders  als unter Dilma Rousseff wurde im chilenischen Regierungssitz natürlich  eine Pressekonferenz anberaumt, konnte ein chilenischer Journalist offen  fragen, ob Obama und dessen Regierung bereit seien, sich für die  Beteiligung am Militärputsch vom 11. September 1973 zu entschuldigen –  und bei den gerichtlichen Ermittlungen über Diktaturverbrechen zu  kooperieren. Der Journalist erinnerte an bezeichnende Fälle, darunter  die Ermordung von Orlando Letelier, Außenminister von Salvador Allende,  1976 in Washington. Dem überraschten Obama blieb nichts weiter übrig,  als zuzustimmen – er vermied indessen, um Entschuldigung zu bitten.<br />
Obama plante vor Rio de Janeiros Opernhaus eine Rede ans Volk, zog sich  dann aber wegen der drohenden Proteste ins Innere des imposanten  Gebäudes zurück, wollte handverlesenes Publikum. Draußen PT-Fahnen und  „Obama-go-home“-Plakate – drinnen fragwürdigste Symbolik. Die nationale  Schwarzenbewegung forderte, dass sich der erste dunkelhäutige  US-Präsident zum grauenhaften Rassismus klar positionieren muss.  Schwarzen-Aktivist Mauricio Pestana: ”Es gibt keinerlei Zweifel, dass im  ‚demokratischen’ Brasilien von heute schwarze Bürger mehr Opfer von  Folter, Mord und Verschwindenlassen sind als in irgendeiner autoritären  Epoche unserer Geschichte.“ Die Schwarzenbewegung hatte versucht, über  die neue Ministerin für Rassengleichheit, Luiza Bairros, das  Rassismusthema auf die Besuchs-Agenda zu setzen, wurde jedoch  abgeblockt. Der Studentenverband UNEAFRO nannte Obama „den Verräter der  Schwarzen in aller Welt“ – und wird sich jetzt vermutlich bestätigt  fühlen. Obama hatte nicht vor, den Rassismus, andere gravierende  Menschenrechtsverletzungen in Brasilien zu kritisieren. Seine  Besuchsvorbereiter griffen daher tief in die Symbol-Kiste, ließen vor  der Rede eine Afro-Band aufspielen und platzierten viele  Schwarzen-Aktivisten gut sichtbar vor dem US-Präsidenten. Die Ansprache  wurde von Brasiliens wichtigsten Kommentatoren arg verrissen: Denn Obama  lobte ausgerechnet die brasilianische Demokratie als beispielhaft,  stellte damit klar, welche Menschenrechtskriterien er nach eigenem  Werteverständnis an Brasilien anlegt. Systematische Folter durch  Staatsangestellte, Todesschwadronen, Scheiterhaufen, neofeudale  Banditen-Diktatur in den Armenvierteln, Morde an  Menschenrechtsaktivisten, Sklavenarbeit – „no problem“ fürs Weiße Haus.  Brasilien werde zum Modell für die Welt, so Obama. In Rio wurde ganz in  der Nähe seines Copacabana-Hotels kurz nach der Abreise der  Systemkritiker und Anwalt Ricardo Gama, der hohe Politiker auf seiner  Website aufs Korn nahm, bei einem Attentat von zwei Kopfschüssen  getroffen. Er wird hoffentlich überleben. Zuvor war ein kirchlicher  Menschenrechtsanwalt in Nordostbrasilien ermordet worden. In Sao Paulo  liquidierten zwei Militärpolizei-Todesschwadronen seit 2006 mindestens  150 Menschen, steht in einem neuen Untersuchungsbericht. Als  ausgesprochenen Folterstaat beschrieb sogar Brasiliens neue  Menschenrechtsministerin Maria do Rosario ihr eigenes Land – kein  einziges Massenmedium brachte die Äußerung. Nicht zufällig ist Brasilien  jetzt auf dem britischen Welt-Demokratie-Index vom 41. auf den 47.  Platz zurückgefallen – liegt auf dem neuesten UNO-Ranking für  menschliche Entwicklung nur auf Platz 73. – Libyen immerhin auf dem 53.,  Chile auf dem 45., Argentinien auf dem 46 und der Iran auf dem 70.  Platz.<br />
Aber heißt es nicht immer, seit Lula zeige Brasilia gegenüber den USA  zunehmend Selbstbewusstsein und Eigenständigkeit? Brasiliens  Qualitätsmedien analysierten ironisch Wikileaks- Enthüllungen.  Öffentlich habe es nur zu oft leere antiamerikanische Rhetorik gegeben –  „ im vertraulich-privaten Umgang indessen Liebkosungen für die Brüder  im Norden, Anerkennung der Hegemonie des Partners.“  US-Diplomateneinschätzungen lauteten, das Tropenland sei noch gar nicht  reif, um ein Global Player zu sein. Für US-Sozialwissenschaftler sind  die brasilianischen Regierenden unfähig zu längst überfälligen  strukturellen Reformen, gibt es „gravierende interne Probleme“.  Menschenrechtsaktivist Fabio Konder Comparato, Rechtsprofessor an  Brasiliens führender Bundesuniversität in Sao Paulo: “Wir hatten bis  heute nie Demokratie, leben immer unter einem oligarchischen Regime.  Unsere Politik hat stets zwei Gesichter. Eines für außen, zivilisiert –  und eines für innen, grausam. Wir halten diese Doppelzüngigkeit des  Charakters im gesamten politischen Leben aufrecht. Die Wahlen sind  Theater. Lula bewies, dass er für die Oligarchie nicht gefährlich ist.  Ich widerspreche dem Begriff Redemokratisierung.“</p>
<h1>Brasilien und der Libyenkrieg</h1>
<p>Frankreichs Rafale-Kampfflugzeuge starteten auf Befehl von Präsident  Nicolas Sarkozy als erste gen Libyen, bombten, was das Zeug hielt,  feuerten neueste Hightech-Raketen auch auf zivile Ziele, zeigten aller  Welt, was in den Kisten steckt. Der überstürzt wirkende Rafale-Einsatz  hatte womöglich seinen besonderen, zynischen Hintersinn – denn  Lateinamerikas größte Kriegswaffenmesse LAAD in Rio de Janeiro stand vor  der Tür. Rafale-Oberverkäufer Sarkozy bemüht sich seit Jahren meist  vergeblich, bei seinen Auslandsreisen die superteuren Jagdbomber an den  Mann zu bringen, auch in Brasilien. 2010 schien der Ankauf durch die  Lula-Regierung fast sicher – doch selbst in französischen Medien wurde  herumgemäkelt, größtes Verkaufshindernis sei die fehlende  Praxiserprobung im Kriegseinsatz. Das Argument ist nun wohl vom Tisch.  Am Tag der Messeeröffnung von Rio schrieb die „O Globo“, dass die  Rafales nun „mit Erfolg bei den Attacken gegen Libyen“ getestet worden  seien, und in einer LAAD-Sonderbeilage warb der französische  Rüstungskonzern gleich ganzseitig, die Vortrefflichkeit der Bomber sei  im Kampf bewiesen worden. Deutsche Medien zitieren Jean-Pierre Maulny,  stellvertretender Direktor des französischen Instituts für  Internationale und Strategische Beziehungen (IRIS), wonach der  Libyen-Einsatz ein Weg sein könne, um für die nunmehr „kampferprobten“  Rafale-Bomber Propaganda zu machen. Dabei war es in Libyen vorhersehbar  zu keinerlei Luftkämpfen gekommen, wurden durch die Bombardements, wie  man inzwischen weiß, aber zahlreiche Zivilisten umgebracht, deren Häuser  zerstört, immense Massenfluchten ausgelöst.</p>
<p>Die brasilianische Öffentlichkeit hat, anders als die  mitteleuropäische, weit weniger Illusionen, worauf der Libyenkrieg  tatsächlich zielt. Schließlich hatten führende Blätter, darunter  Brasiliens auflagenstärkste Zeitung „Folha de Sao Paulo“, den  Europa-üblichen Mainstream von Anfang an der Lächerlichkeit  preisgegeben. Gleich auf einer ganzen Seite analysierte der renommierte  Politikexperte und Universitätsprofessor José Luis Fiori, dass es um  Libyens Öl und die Kontrolle einer Grenzregion zu Europa gehe, nicht  aber um Menschenrechte. Die würden von den großen Mächten stets benutzt,  um geopolitische Entscheidungen zu legitimieren. Afrika nannte Fiori  den Schauplatz eines neuen imperialistischen Wettkampfs – es sei nicht  ausgeschlossen, dass über eine neue Form des Kolonialismus ebenso  nachgedacht werde wie über die Eroberung bestimmter afrikanischer  Staaten, die durch europäische Kolonialisten geschaffen worden waren.  Lokale Konflikte würden künftig immer häufiger – und stets seien die USA  involviert.<br />
Wer das womöglich linkslastig fand, bekam „ausgewogen“ im selben Blatt  die Version des konservativen Politikers und Ex-Finanzministers Luiz  Carlos Bresser-Pereira präsentiert, wonach Libyen lediglich abgestraft  werde, weil es sich dem informellen Kolonialismus der Großmächte nicht  unterwerfe. Der Libyenkrieg werde nicht mit guten Absichten geführt. Man  versuche dort nicht, wie behauptet werde, „das Massaker an einem  revoltierenden Volk zu verhindern“, sondern wolle die Herrschaft über  ein ölreiches Land wiedergewinnen. In Libyen, so Bresser-Pereira, gebe  es im übrigen gar kein revoltierendes Volk. Einzige  „Massenmanifestation“, von der Journalisten Fotos machten, sei eine  Masse von Autos in Bengasi gewesen – zwecks Feier der  NATO-Bombardements. Nach dem Zweiten Weltkrieg sei der offene  Kolonialismus durch einen informellen ersetzt worden – die alten  Metropolen assoziierten sich mit korrupten Eliten der armen Länder. Dies  treffe besonders auf den mittleren Osten sowie auf Staaten  Lateinamerikas und Afrikas zu. Lediglich asiatische Länder und einige  Staaten wie Libyen zeigten sich nicht fügsam für diese neue  Herrschaftsform. „Deshalb verzeichneten sie Wachstum und verbesserten  den Lebensstandard der Bevölkerung.“ Der Anwalt und Ex-Minister verwies  auf den UNO-Index für menschliche Entwicklung und verglich – Libyen  liege auf dem 53. Platz, Lateinamerikas größte Demokratie Brasilien  indessen nur auf dem 73. Platz. Für Unbotmäßigkeit werde Libyen jetzt  bestraft durch zwei alte imperiale Mächte, Frankreich und  Großbritannien, gefolgt von den USA. Sarkozy meine, durch sein Vorgehen  wiedergewählt zu werden – „doch die Franzosen wissen, dass dieser Krieg  wenig Sinn hat und dass sie Sarkozy nicht vertrauen können“.<br />
Kommentatoren, die solcher Sicht widersprechen? Keine. Leicht  nachvollziehbar, dass sich auch Brasiliens Künstlerschaft nicht vom  europäischen Mainstream beeindrucken lässt, darunter der populäre  Schriftsteller ÉnricoVeríssimo in seiner landesweit nachgedruckten  Kolumne: „Alles wiederholt sich in Libyen, angefangen mit der  Scheinheiligkeit der selektiven Empörung: Einige Tyrannen, zuvor  toleriert, wenn nicht gar offen unterstützt wie Saddam, werden  unakzeptabel und attackierbar, während der Knüppel andere schont, die  noch nütze sind. Danach folgen die Verluste an Zivilisten, angeklagt von  der einen Seite und bestritten von der anderen, Fotos verstümmelter  Kinder und Diskussionen über die Effizienz von ‚chirurgischen’  Luftschlägen. Und so haben wir ein weiteres Beispiel eines modernen  Beitrags zu den Kriegstaktiken, die eigenartige Doktrin des humanitären  Bombardements.“<br />
Komponist Aldir Blanc fragt, wie viele unschuldige Zivilisten bereits  durch das westliche Bombardement auf Libyen umgekommen seien. Und macht  sich bitter-ironisch über „Hilaria Clinton“ lustig, legt ihr folgendes  Zitat in den Mund: „Unsere Politik ist, das da zu bombardieren und das  Wort Petroleum durch Menschenrechte zu ersetzen.“ Der Komponist  erinnerte zudem an das US-Geheimgefängnis in Ägypten, in dem des  islamischen Terrors Verdächtigte gefoltert worden seien.<br />
Da erübrigt es sich beinahe, Positionen aus der recht  befreiungstheologisch orientierten Kirche des größten katholischen  Landes zu erwähnen. Frei José Francisco, Leiter des  Franziskaner-Sozialwerks in der Megacity Sao Paulo, eine der  angesehensten Franziskaner-Persönlichkeiten Brasiliens, nennt die  Einschätzung des Weltsozialforum-Gründers Oded Grajew völlig korrekt,  wonach die Waffenverkäufer Regierungen wollen, die Kriege führen. „Eine  große Wirtschaft, zu deren Stützen die Rüstungsindustrie gehört, muss  Kriege haben – denn zur kapitalistischen Basis gehört Konsum. Für die  Rüstungsindustrie bedeutet dies – sie wird durch Kriege stimuliert. Die  unterstützen die Wirtschaft jener großen Länder, die heute die Welt  beherrschen.“ Für Andersdenker Francisco versucht in Libyen lediglich  eine Gruppierung, an die Macht zu kommen – „doch eine Mobilisierung des  Volkes gibt es dort nicht. Bemerkenswert, dass Vatikan und katholische  Friedensbewegung Pax Christi mit ihrer Position zum Libyenkrieg der  NATO-Haltung komplett widersprechen. Der Krieg zeigt, wie oft die UNO  leider instrumentalisiert wird.“ Für den Franziskaner ist völlig klar,  dass das Völkerrecht jetzt auf jene anzuwenden ist, die durch  Bombardements in Libyen ungezählte Zivilisten umbrachten. „Die an den  Luftangriffen beteiligten Länder müssen raschestmöglich Wiedergutmachung  und Entschädigung an die Hinterbliebenen der Todesopfer sowie an  Verletzte und anderweitig Geschädigte leisten. Die Täter und ihre  politisch-militärischen Auftraggeber müssen gemäß Völkerrecht bestraft  werden. Ich weiß, dass in der brasilianischen Kirche sehr viele denken  wie ich.“<br />
Zu ihnen zählt Waldemar Rossi. Einst war er aktiver Diktaturgegner,  bereitete mit Gewerkschaftsführer Lula Streiks vor – heute leitet er  unter einem deutschstämmigen Kardinal in Sao Paulo die bischöfliche  Arbeiterseelsorge. „Seit den ersten Bombardements hat die NATO nicht nur  die Streitkräfte Libyens attackiert, sondern auch Zivilisten, die dabei  umkamen. Auf normale libysche Bürger wurde keinerlei Rücksicht  genommen. Notwendige Entschädigung, Wiedergutmachung bringt indessen die  Getöteten nicht zurück ins Leben. Zur Verteidigung von Ölinteressen  nehmen sich die an den Luftschlägen beteiligten Regierungen das Recht  heraus, jegliche Verbrechen zu begehen – wie zuvor bereits im Irak und  in anderen Staaten. Absolut verrückt, dass Barack Obama den Libyenkrieg  anfangs von einem Copacabana-Hotel aus koordiniert hat.“ (Während seines  jüngsten Brasilienaufenthaltes – <em>Anm. d. Red.</em>) Schwer  vorauszusagen, ob auch westliche Libyenkrieger Fronturlaub an der  Copacabana machen werden – die Kollegen aus dem Irakkrieg sind längst da  und sorgen als Sextouristen für reichlich Negativschlagzeilen. „Die  Truppe auf der Suche nach Sex provoziert Polemik“, titelte schon 2007  ein Rio-Blatt. Washington finanziere diesen Fronturlaub, habe das  US-Konsulat bestätigt.</p>
<h1>Brasiliens vertrackter Rassismus</h1>
<p>Wie wäre das in Deutschland – dürfte man selbst nach richterlichem  Verbot noch offen auf der Straße und vor Konzertmikros singen, dass  schwarze Frauen stinken und mit diesen Kraushaaren hässlich aussehen? In  Brasilien darf man – ein Lied dieses Inhalts machte 1996 Furore,  Komponist Tiririca, ein Musikclown und Kinderstar, ging mit dem Song in  die Fernsehshows und forderte alle zum Mitsingen, Mittanzen auf. Bis  heute kann sich jedermann „Veja os cabelos dela“ von brasilianischen  Websites herunterladen. Obwohl die nationalen Schwarzenorganisationen  über ein Jahrzehnt lang gegen Sony Music wegen des rassistischen Lieds  klagten – und jetzt schließlich gewonnen haben. Der Musikkonzern muss  umgerechnet über eine halbe Million Euro Entschädigung zahlen und durfte  das Lied bereits seit Jahren nicht mehr vertreiben. Der Text indessen  ist überall greifbar und hat es in sich. Diese Negerin stinkt wie  verrückt, mehr noch als ein Stinktier, singt Tiririca, der Geruch dieser  Frau ist nicht zum Aushalten. Ich habe ihr gesagt, sie soll sich  waschen – aber sie ist stur, will nicht hören. Und dann schau dir mal  die grauenhaften Kraushaare von der Negerin an – die sind wie dieser  Putzschwamm, mit dem man Töpfe und Pfannen scheuert.</p>
<p>Blonde Mädchen und Jungen Brasiliens trällern das Lied lustvoll in  den teuren Privatkindergärten der weißen Mittelschicht, es klingt durch  Schulkorridore, wird auf Feten gesungen, eignet sich prächtig, um  Schwarze zu hänseln, zu beleidigen. Aber wieso kann ausgerechnet so ein  offen rassistisches Lied in Brasilien diesen Erfolg haben? Ein führender  Schwarzenaktivist, Mauricio Pestana, Herausgeber der einzigen  Schwarzenzeitschrift, „Raca Brasil“, sagte dem <em>Blättchen </em>in Sao  Paulo: „Brasilien ist das rassistischste Land der Erde – hier wirken die  Strategien des Rassismus seit jeher sehr intelligent. Es gibt keinerlei  Zweifel, dass im `demokratischen` Brasilien von heute schwarze Bürger  mehr Opfer von Folter, Mord und Verschwindenlassen sind als in  irgendeiner autoritären Epoche unserer Geschichte. Dagegen kämpfen wir  an.“<br />
Nicht einfach, wie der Fall des Tiririca-Lieds zeigt. Die  Schwarzenorganisationen protestierten 1996 sofort, beriefen sich auf ein  Gesetz gegen Rassendiskriminierung, reichten Klage ein – sogar im  Nationalkongress wurde darüber diskutiert. Eine Richterin verbot den  Verkauf der Tiririca-CD wenigstens für den Teilstaat Rio de Janeiro –  Sony Music ging in Berufung. Die Lieder Tiriricas seien unschuldig, für  Kinder gemacht und ohne Vorurteile. „Die Ausdrucksfreiheit unserer  Künstler ist unantastbar“, betonte ein Sony-Music-Manager. Der  Musikkonzern musste das Lied schließlich von der CD nehmen.<br />
Aber wieso ist wegen der erfolgreichen Entschädigungsklage eigentlich  Sony Music am Pranger – und nicht der Liedermacher Tiririca, fragen  derzeit viele. Da zeigt sich ein Dilemma der Schwarzenbewegung – denn  dieser unheimlich populäre Tiririca ist ja selber dunkelhäutig. Auch er  wurde gleich am Anfang mit verklagt: „Aber meine eigene Frau ist doch  eine Schwarze – und ich bin ein Mulatte!“, sagte er den Richtern.  Freispruch.<br />
Denn schmerzhafte Tatsache ist, dass sich in Brasilien Schwarze  gegenseitig rassistisch beschimpfen, herabsetzen – selbst als „hässlich  schwarz“ titulieren. Immer wieder kommt es vor, dass sogar schwarze  Frauen, die schwarze Männer beleidigend als „preto“ beschimpften, von  schwarzen Militärpolizisten vorübergehend festgenommen werden.<br />
Mit acht Jahren arbeitete jener Francisco Everardo Oliveira Silva,  genannt Tiririca, bereits als Zirkusclown, sitzt heute, mit 45 Jahren,  sogar im Nationalkongress, gehört zum Regierungsbündnis der neuen  Präsidentin Dilma Rousseff. Und hievte durch ein Rekordergebnis von 1,3  Millionen Stimmen eine ganze Reihe belasteter Politiker seiner  Republikanischen Partei mit ins Parlament. „Was macht so ein  Kongressabgeordneter? Ich weiß es nicht. Votiere für mich und ich  erzähle es dir!“ Dieses banale Wahlkampfmotto Tiriricas hat bestens  funktioniert – viele Brasilianer finden es zum Heulen, doch bezeichnend  für den Zustand des Politikbetriebs. Und der tief verwurzelte Rassismus  ist weiterhin vertrackt, äußert sich auf überraschende Weise, selbst im  öffentlichen Gesundheitswesen. „Man muss sich das so vorstellen“, sagt  Lucia Xavier von der Schwarzenorganisation „Criola“ in Rio. „Eine  schwarze Frau geht zur Behandlung und auch zur Krebsvorsorge in eine  öffentliche Klinik, doch der weiße Arzt tastet nicht einmal ihre Brust  ab, weil er sich vor der Frau ekelt, ja, wegen ihrer Hautfarbe Ekel  empfindet. Und damit wird die Frau ihres Rechts auf korrekte  medizinische Behandlung beraubt. Die Frau teilt mit, dass sie Schmerzen  habe, doch den Arzt interessiert das nicht, dessen Team ebenso wenig –  weil man die Frau wegen ihres ganzen Erscheinungsbildes nicht mag.“  Nicht zufällig sind die Sterblichkeitsraten der Schwarzen weit höher als  die der Weißen. Dunkelhäutige, immerhin die Bevölkerungsmehrheit,  besetzen nur 3,5 Prozent der Führungsposten, sind im höheren Management  extrem selten. Erklärt wird dies gewöhnlich mit dem sehr begrenzten  Zugang dieser Bevölkerungsgruppe zu besserer Qualifikation. Das  weitverbreitete Vorurteil, dass Schwarze keine intellektuelle Kompetenz  besäßen, wird dagegen kaum einmal als Hinderungsgrund genannt. Befragte  schwarze Manager räumten ein, sich lange Zeit tatsächlich als weit  weniger kompetent eingestuft und unter einem tiefsitzenden  Minderwertigkeitskomplex gelitten zu haben. Eine Folge dieses geringen  Selbstwertgefühls: Als Lebenspartner, Freunde oder Bekannte werden  erstaunlich häufig hellhäutige Personen bevorzugt. Es gibt dafür sogar  eine gängige Redewendung – „melhorar a raça“, die Rasse verbessern. Und  das heißt, Kinder mit Weißen zu zeugen, um so die Farbe der Familie  aufzuhellen und dadurch in der Gesellschaft an Wert zu gewinnen. Als  eine schwarze Favela-Frau nach sechs kaffeebraunen Kindern zum ersten  Mal eine auffällig helle, beinahe weiße Tochter zur Welt bringt, bei  einem dunkelhäutigen Vater, freut sich die ganze Sippe wie wild und  feiert das Ereignis. Schwamm drüber, dass da irgendwas mit der  Vaterschaft nicht stimmen kann – der Papa freut sich ja auch, dass die  Kleine so überraschend hell geraten ist. In ungezählten Slumfamilien  bläut man die Aufhell-Idee besonders den Mädchen frühzeitig ein, sucht  ihnen Beziehungen zu schwarzen Jungen auszureden. Als ein Mädchen zum  ersten Mal zu Hause mit dem schwarzen Freund auftaucht, fallen schon die  Schwestern über sie her: Willst du denn die Rasse verschlechtern, die  Familie noch schwärzer machen, bist du verrückt? Dunkelhäutige Frauen,  die sich hocharbeiten und dann auf einmal in einem Großraumbüro allein  unter 100, 200 Weißen sitzen, berichten davon, als „schwarzes Schaf“  tituliert zu werden, sich diskriminiert zu fühlen.<br />
Besonders in den Slums von Sao Paulo sind auch andere Verhaltensmuster  möglich. Politisierte Schwarze suchen sich für ein Abenteuer, eine  nicht-feste Beziehung, gern eine Hellhäutige – aber zum Heiraten, zum  Familiegründen muss es eine Schwarze sein. So werde die eigene Identität  gestärkt. Eigentlich auch eine Form des Rassismus, kommentiert eine  dunkle Paulistana. Auffällig wiederum, dass schwarze Männer, die  Karriere machen, gar als Fußballspieler zu viel Geld kommen, Blondinen  als Statussymbol bevorzugen. Der dunkelhäutige Historiker Joel dos  Santos formulierte es bitter so: „Die Weiße ist schöner als die Schwarze  – und wer vorankommt, wechselt nun einmal automatisch den Wagen.“</p>
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<p><strong>Wirtschaften in Brasilien</strong></p>
<p>Jetzt in der Erntezeit brennen sie wieder bis zum Horizont – die  riesigen Zuckerrohrplantagen des Tropenlandes. Fliegt man über das  Flammenmeer, vergisst man’s nie wieder. Nossa Senhora – der ätzende  Qualm steigt ja höher als die Maschine! Unten kriegt man Angstzustände,  wenn der Bus plötzlich von dichtem Rauch eingehüllt wird, an beiden  Straßenseiten Flammen züngeln, Gluthitze eindringt, der Fahrer flucht,  weil er nichts mehr sieht. Während der gefürchteten „Queimadas da cana“  häufen sich tödliche Verkehrsunfälle, explodieren gar Tanklaster.  „Niemals hatte ich soviel Angst um die Kinder, meine Frau und mich wie  im PKW in einer solchen Feuerzone – ich dachte, jetzt sind wir alle  geliefert“, sagt Mario Mantovani, Präsident der Umweltstiftung „SOS Mata  Atlantica“, in Sao Paulo. „Und dabei kam ich grade von einem  Umweltschutzkongress, hielt einen Vortrag über den Wahnsinn der  Treibstoffproduktion aus Zuckerrohr!“ Deutsche Multis, deutsche  Zuckerunternehmen, deutsche Banken und Spekulanten sind seit Jahren in  die Ethanol- und Zuckerbranche Brasiliens groß eingestiegen, mischen  heftig mit, tragen entsprechende Mitverantwortung. Unter Staatschef Lula  hat die Branche einen Boom erlebt, wuchs in seinen acht Amtsjahren der  Anteil ausländischer Multis von fünf auf über 35 Prozent. In der  Megacity wirbt die „Industria Sucroalcooleira“ gerne mit Großfotos des  grünen, wogenden Meers aus Zuckerrohr, Cana. Das wirkt auf viele direkt  sympathisch, wie die so schön gelben, doch extrem umweltschädlichen,  massiv mit gefährlichsten Agrargiften besprühten Rapsfelder in  Deutschland. Abgefackelt werden seit der Kolonialzeit kurz vorm Ernten  die störenden, unnützen Zuckerrohr-Seitenblätter. Brasilianische  Wissenschaftler nennen die Flächenbrände „pervers“ und ein  Umweltverbrechen – Mario Mantovani machen sie Naturschutzgebiete kaputt.  Auch jetzt, 2011, sind wieder reichlich Schutzzonen draufgegangen, weil  das Feuer außer Kontrolle gerät, sich in Wälder hineinfrisst. Und immer  werden sogar Plantagenarbeiter von den Flammen eingekreist und  verbrennen lebendig – ebenso wie Unmengen an theoretisch streng  geschützten Tieren. „Alle denkbaren Vorteile des Ethanoltreibstoffs  werden allein durch das Abfackeln aufgehoben. Man braucht sich nur den  Ausstoß an klimaschädlichem Dioxin und Kohlenmonoxid anzuschauen. Die  Gesundheitsposten in Städten bei Sao Paulo sind voll von Leuten, die  wegen der Plantagenbrände Sauerstoff-Behandlungen machen müssen, schwere  Atemprobleme haben. Unser Staat dürfte diese Ethanolunternehmen nicht  auch noch finanzieren, sogar über die Entwicklungsbank! Es gibt kein  Umweltbewusstsein in Brasilien. Die Kultur des Landes ist Zerstörung.“  Mantovani klassifiziert Brasilien als viertgrößten Erzeuger  klimaschädlicher Gase – wegen der Brandrodungen im Regenwald und dieser  Plantagenbrände. „Doch der heutige Weltmarkt will garnicht wissen, ob  das Zuckerrohr von Sklavenarbeitern geerntet wurde und ob man die  Plantagen abgebrannt hat.“</p>
<p>Hauptbetroffene sind die Zuckerrohrarbeiter, die zudem über Haut und  Atmung den krebserzeugenden Brandruß aufnehmen. Die Feuer zerstören die  Bodenfruchtbarkeit und kontaminieren Oberflächen- und Grundwasser,  vernichten zudem sämtliche natürlichen Feinde von Schädlingen, daher  werden immer mehr Agrargifte eingesetzt. Brasilien ist wegen der  Zuckerrohr-Monokulturen heute weltgrößter Verbraucher selbst solcher  Gifte, die in der EU und in den USA längst verboten sind. Klar, ein  Großteil kommt von deutschen Multis. Alles dummes Zeug, was Mantovani da  erzählt – ginge es nach den auch in Deutschland überreichlich  verbreiteten Argumenten zugunsten der brasilianischen Ethanolproduktion.  Die wird als ökologisch und „Bio“ gerühmt. Bitte, es geht doch, so wie  bei der Windkraft. „E 10 – mehr Bio im Benzin“, wirbt das  Bundesumweltministerium: „Biokraftstoffe spielen eine wichtige Rolle  beim Klimaschutz und bei der Energieversorgung.“<br />
Francisco Anselmo de Barros, genannt Francelmo, einer der wichtigsten,  bekanntesten Umweltaktivisten Brasiliens, verbrannte sich 2005 selbst,  um gegen die Ausweitung der „Biosprit“-Produktion zu protestieren. Doch  das Tropenland bleibt weltweit führender Zuckerproduzent und -exporteur,  zudem zweitwichtigster Hersteller von Ethanol. Zwischen 2009 und 2010  hat die EU ihre Zuckerkäufe in Brasilien verdreifacht – das  Bundesumweltministerium rechnet mit großen Ethanol-Importen. Für Roberto  Malvezzi, kirchlicher Umweltexperte wie Francelmo, ist „Biosprit“  jedenfalls kein sauberer Kraftstoff: „Um die Anbauflächen zu erweitern,  vertreibt das exportorientierte Agrobusiness Indiostämme und Kleinbauern  sogar durch Terror und Mord. Hinter moderner Fassade verstecken  Großfirmen nur zu oft Sklavenarbeit.“ Nur durch solch abstoßendes  Sozialdumping seien brasilianischer Zucker und Ethanol auf dem Weltmarkt  so billig und wettbewerbsfähig.<br />
Anfang 2011 passiert eine kuriose Panne, ist monatelang Ethanol an den  Tankstellen häufig teurer als Benzin, dieses die landesweit beste und  billigste Kraftstoffalternative. Denn der Wirkungsgrad von Benzin ist  deutlich größer. Wegen der hohen Weltmarktpreise für Zucker stellten die  Ethanolfabriken auf Zuckerproduktion um, provozierten eine  „Biosprit“-Versorgungskrise, musste die Regierung große Ethanol-Mengen  ausgerechnet aus den USA importieren. „Das ist so, als würde  Saudi-Arabien Öl einführen“, spottete die Wirtschaftspresse.  Universitätsprofessor Dr. Eduardo Moreira, Ethanolexperte aus Sao Paulo,  rechnet mit solchen Krisen immer wieder. Ethanol könne Benzin nicht  ersetzen – nicht einmal in Brasilien, sei nur eine Art Neben-Treibstoff:  „Obwohl unsere Produktionsbedingungen extrem vorteilhaft sind, kann  dieser Kraftstoff nicht einmal hier mit Benzin konkurrieren.“ An diesen  Produktionsbedingungen sind in- und ausländische Teilhaber natürlich  höchst interessiert, weil sich nur so hohe Profite erzielen lassen.  Deutsche und österreichische Landwirte haben wiederholt vergeblich auf  das brasilianische Sozialdumping hingewiesen und faire Spielregeln  gefordert. „Durch diese gewissenlose Form der Produktion ist es der  Landwirtschafts-Industrie Brasiliens möglich, die Preise am Weltmarkt zu  unterbieten”, hieß es in einer Bauernzeitschrift. „Weder europäische  Bauern noch solche aus den Entwicklungsländern können mithalten.” Wird  Brasilien die gigantischen, durch die Zucker- und Ethanolproduktion  verursachten Umweltschäden rückgängig machen, all die vernichteten  Tierarten der Natur zurückgeben? Über politische Positionen dazu von  deutscher Seite ist nichts bekannt.<br />
„Wer Ethanol tankt, kippt sich Blut in den Tank“, sagt Brasiliens  katholischer Priester Tiago – „Biosprit ist Todessprit“, urteilt  Befreiungstheologe Frei Betto. „Denn die Ethanolproduktion bringt  zahllosen Armen und Hungernden der Erde den Tod.“ Zu den komplexen  Auswirkungen des Biosprit-Booms gehören derzeit in Brasilien brutale  Preissprünge bei Lebensmitteln. „Wenn man die Ackerflächen für  Nahrungsmittel verkleinert, steigen deren Preise, sterben viele  Menschen, die sich keine guten Grundnahrungsmittel leisten können.  Unsere Regierung spricht von 16,2 Millionen hungernden Brasilianern in  absolutem Elend – aus meiner Sicht sind es doppelt so viel!“, sagte er  dem <em>Blättchen</em>. Hungernde, Unterernährte seien besonders anfällig  für viele auch tödliche Krankheiten, vegetieren mit stark geschwächtem  Immunsystem dahin, verlieren Initiative und Konzentrationsfähigkeit.  „Wegen immer mehr Zuckerrohrplantagen wurden riesige Urwaldgebiete  Amazoniens abgeholzt, das ökologische Gleichgewicht, die Ökosysteme in  Nord- und Südamerika geschädigt, was sich auf die ganze Welt negativ  auswirkt. Denn Amazoniens Tropenwald ist der größte des Planeten. Und  die Regenfälle, ob im Süden Floridas oder Argentiniens, hängen von der  Verdunstung in Amazonien ab.“<br />
Die Förderung des Zuckerrohranbaus bewirke zudem Landvertreibung,  starkes Slumwachstum, mehr Morde und Drogenhandel, mehr  Kinderprostitution. „84 Prozent der Brasilianer leben bereits in den  Städten“, so Frei Betto. „Die Menschen migrieren dorthin auf der Suche  nach besseren Lebensbedingungen, was aber gravierende zerstörerische  Konsequenzen hat, weil Risikozonen illegal mit Slums bebaut werden.  Deshalb haben wir jedes Jahr Erdrutschkatastrophen mit vielen Toten. Ein  Heer von Arbeitslosen zieht im Lande umher und verdingt sich bei der  Zuckerrohrernte, haust den Rest der Zeit aber in Armenvierteln mit  Drogen, Gewalt, Prostitution. Es fehlt eben dringlich eine  Bodenverteilungsreform, um die Menschen auf dem Lande zu halten.“</p>
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<p><strong>Brasiliens Kreuz mit dem Sex</strong></p>
<p>Bei Morden an Homosexuellen habe das Land im Weltvergleich „eine  grauenhafte Führungsrolle“, prangert der Schwulen-Führer und  Anthropologe Luiz Mott an. Es handele sich um „Hass-Verbrechen,  ausgeführt mit besonderer Grausamkeit“. In Brasilien würden mehr Gays  getötet als bei Homosexuellen-Hinrichtungen im Iran, Saudi-Arabien,  Sudan, Nigeria und weiteren sieben Staaten, in denen die Todesstrafe für  Schwule gelte. „In den USA, mit etwa 100 Millionen mehr Bewohnern,  tötet man 25 Gays pro Jahr, hier 250!“ Die Dunkelziffer sei indessen  sehr hoch, man erfahre nur von einem Bruchteil der Morde. Ex-Präsident  Luiz Inácio Lula da Silva gehe in die Geschichte als „Vampiro dos Gays“  ein. Da erschien lobenswert, dass die neue Regierung unter Präsidentin  Dilma Rousseff an 6.000 öffentlichen Mittelschulen des größten  bisexuellen Landes der Erde eine intensive Aufklärungskampagne zugunsten  der Rechte von Schwulen, Lesben und Transvestiten starten, einen so  genannten „kit anti-homofobia“ verteilen wollte. „Wir machen keine  Propaganda für sexuelle Optionen“, erklärte dann jedoch überraschend die  Präsidentin, zog den „kit“ zurück. Man werde sich in das Privatleben  der Leute nicht einmischen.</p>
<p>Geplant war, den Heranwachsenden auch sehr anschauliche Videos  vorzuführen, in denen als Vorteil der Bisexualität genannt wird, doppelt  so viele Chancen zu haben, eine attraktive Person, einen  Beziehungspartner zu finden. In einem Lande immerhin, in dem entgegen  gängigen Klischees Einsamkeit ein Massenphänomen ist. Der  Stimmungswandel bei Präsidentin Rousseff, hieß es in den Landesmedien,  sei auf Druck der starken puritanischen Fraktion evangelikaler Sekten im  Regierungsbündnis erreicht worden. Doch nicht wenige Brasilianer  meinen, dass man mit dem Aufklärungs-Kit bei Brasiliens Jugendlichen  ohnehin nur offene Türen eingerannt hätte – alles ist den  Heranwachsenden ja aus ihrem Lebensumfeld bekannt. Die geplante  Anti-Homophobie-Kampagne ginge an den Landesrealitäten vorbei, weil sie  die gravierendsten Probleme aussparte – wohl um keine schlafenden Hunde  zu wecken.<br />
Einen wichtigen Hinweis hatte 2010 der brasilianische Erzbischof Dadeus  Grings gegeben, der als Problem nannte, dass die heutige Gesellschaft  pädophil sei – und die Menschen leicht dafür anfällig. Als Erzbischof  konnte er schwerlich in die Details gehen. Yvonne Bezerra da Silva,  bildende Künstlerin und Slum-Sozialexpertin kann das, nimmt kein Blatt  vor den Mund. Bereits in den neunziger Jahren spricht sie sich für  Sexualerziehung schon für Siebenjährige aus, will Kenntnisvermittlung  über Familienplanung für Arme an sämtlichen Grundschulen. „Die große  Mehrheit der Unterschichtskinder ist Teil völlig zerrütteter Familien,  nicht selten hausen auf nur neun Quadratmetern zehn Personen; Jungen und  Mädchen sehen täglich homo- und heterosexuellen Verkehr, betrachten  diesen Umstand gleichwohl als natürlich, nicht etwa als unmoralisch oder  Sünde.“ Auch der Umgang mit Rauschgift sei alltäglich. „Für die Mädchen  gehört zu den gängigen Erfahrungen, mit acht, neun oder zehn Jahren  vergewaltigt zu werden. Alles ist für sie Teil eines bekannten und  akzeptierten Konzepts, integrierender Bestandteil ihrer Existenz.“ Als  sehr dramatisch stuft Yvonne Bezerra de Mello die Situation der Jungen  ein. Bereits von sechs oder sieben Jahren an ließen sie sich von  Jugendlichen oder erwachsenen Männern sexuell missbrauchen, kennen bis  13 oder 14 nur homosexuellen Verkehr. „Keineswegs selten ist, dass  bereits Zehnjährige zwei- bis dreimal pro Tag Sex mit Männern haben –  und wie die anderen stets im Tausch gegen irgendetwas, häufig  umgerechnet nur 75 Cents; im Unterschied zu den Mädchen, die sich  sexuell missbrauchen lassen, als ob es ihr Schicksal wäre.” Nicht wenige  Brasilianer nennen Fälle allgemein bekannt, dass sogar an öffentlichen  Schulen schwächere Schüler von den stärkeren selbst in Gruppen  vergewaltigt, zu Analverkehr gezwungen werden, was für die Betroffenen  keineswegs selten zu einem lebenslangen Trauma und gestörten Beziehungen  zum anderen Geschlecht führt. Denn was jene Jungen, die sich in der  brutalen Macho-Gesellschaft nicht gegen Vergewaltigung wehren konnten,  durch andere erlitten haben, wird verbreitet, herumerzählt – mit den  entsprechenden psychologischen Wirkungen.<br />
Den Roman „Ana in Venedig“ von Thomas-Mann-Experte Joao Silverio  Trevisan aus Sao Paulo hat vielleicht mancher gelesen – in Brasilien ist  der Autor indessen auch ein angesehener Schwulen-Aktivist, der den  eigenen Haufen politisch unkorrekt immer wieder in die Mangel nimmt. Als  Brasiliens Oberstes Gericht 2011 gleichgeschlechtlichen Partnerschaften  die gleichen Rechte zubilligt wie verheirateten homosexuellen Paaren,  hat dies Trevisan heftig begrüßt – und kommentiert. ”Die Menge an  verheirateten Männern, die in Brasilien ihre Homosexualität heimlich  ausleben, ist skandalös und erschreckend hoch. Bei der brasilianischen  Bisexualität handelt es sich um eine heimlich ausgelebte Homosexualität …  Männer schlafen gerne miteinander – und danach heiraten sie Frauen. Das  ist in Brasilien historisch … Es ist die Scheinheiligkeit, in der wir  leben. Brasiliens Kultur ist karnevalisiert. Es ist die Kultur der Maske  … Wir benutzen die Maske im Guten wie im Bösen … Die falsche  Bisexualität gehört zu dieser Maske … Ich übe ernste Kritik an der  Homosexuellenbewegung. Es ist eine der Elite, und was sie erreichte, war  durch Lobbyarbeit. Die brasilianische Homosexuellengemeinde ist  politisch entfremdet…” Aber warum fühlen sich in Brasilien so viele  Leute durch Gays gestört, warum gibt es all diese Gewalt? „Der Macho  fühlt sich bedroht, man frage mich nicht, warum. Ich persönlich denke,  dass sich hinter den ideologischen Motiven sehr ernste psychologische  verstecken. Vereinfacht könnte man sagen: Sie sind bedroht, weil es  irgendeine Art von Verzauberung, Anziehung gibt, gegen die sie sich  verteidigen.”<br />
Karnevalisierte Kultur und Kultur der Maske – Trevisan gibt wichtige  Hinweise zum Verständnis soziokultureller Besonderheiten Brasiliens, die  im Alltagsleben teils extrem widersprüchlich daherkommen. Wer wird  schon gerne zugeben, dass ihm Analverkehr mit Tieren unheimlich liegt –  aber beinahe auf jedem Marktplatz, bei großen Kabarettisten und  Musikclowns wie Caçarola ist die verbreitete Zoophilie ein beliebtes  Thema. Zum „Tarado do Sertao“, einem lustigen Forró, im Internet leicht  zu finden, lässt es sich gut tanzen – und mitsingen: „Liebe machen mit  der Eselin im Wald – ach war das schön!“ Wer meint, hier werde  Sensationalismus betrieben, wird bei <em>Wikipedia Brasilien</em> über  Zoophilie geschrieben finden, dass im Lande bekanntlich viele junge  Menschen Geschlechtsverkehr mit Tieren pflegten. Hühner überleben ihn  gewöhnlich nicht, heißt es. Gruppen von Jungen liquidierten auf diese  Weise ganze Hühnerställe alter Frauen. Brasilianerinnen berichten, dass  Sexpartner ihnen gestanden hätten, den ersten Geschlechtsverkehr des  Lebens mit Tieren gehabt zu haben. Den Frauen war diese Praxis  männlicher Jugendlicher und Männer indessen gut bekannt, überraschte gar  nicht. Esel-Songs wie von Caçarola sind ja jedermann geläufig.<br />
Heitere Szenen würden besonders im brasilianischen Nordosten auf den  Straßen ausgelöst, wenn an Zoophilie gewöhnte Esel sich ihren Partnern  näherten, an ihnen rieben und dadurch für jedermann das  Zoophilie-Verhältnis offenbar werde. Bekannt ist der Habitus junger  Männer, mit ihrer neuen Freundin jene Ecken von Stadt oder Dorf zu  meiden, wo ein vorher zur Zoophilie genutzter Esel, eine Eselin  plötzlich auftauchen und diese Männer kompromittieren könnte. Ist eine  Weide in Sicht, wo solche Esel grasen, machten diese Männer mit ihren  Partnerinnen schleunigst kehrt oder einen Bogen – ob im Nordosten oder  im südlichen Paraná. Ein bekannter Musiker erläuterte im Interview, dass  Jungen im Nordosten bei Eseln die nötige Höhe herstellten, indem sie  hinter den Tieren Ziegelsteine aufschichten. Genug der Details,  höchstens noch ein makabrer Schlenker in die Politik. Leonel Brizola aus  Rio, zu Lebzeiten Vizepräsident der Sozialistischen Internationale und  nach eigenen Angaben Freund von Willy Brandt, sprengte 1994 zu Ostern  eigenhändig einen berüchtigten Kerker auf der paradiesischen Ilha Grande  in die Luft, um sich von dunklen Punkten in seiner politischen  Biographie zu befreien. Die Explosion tötete, so ein Gefängniswärter und  zahlreiche Inselbewohner, auch etwa 300 zumeist von Lepra und anderen  Krankheiten befallene Hunde, die von den zuletzt 700 Häftlingen zum  Zwecke der Zoophilie gehalten wurden.</p>
<h1>Brasiliens umstrittene Wasserkraftwerke</h1>
<p>Was stimmt denn nun? Bis heute wird das Tropenland von europäischen  Öko-Parteien, Umweltorganisationen wie Germanwatch sowie vielen Medien  heftig gelobt, weil es den Strombedarf zu etwa 80 Prozent aus  Wasserkraftwerken decke. Das sei sehr klima- und umweltfreundlich, es  gebe keinerlei schädliche Emissionen, der Strom sei sauber. Beim  Klimaschutz habe Brasilien die Nase vorn, hieß es in Kopenhagen. Doch  dann kommt so ein schnauzbärtiger Öko-Ami wie Philip Fearnside daher,  der als Biologe auch noch für ein brasilianisches Regierungsinstitut  arbeitet, und sagt bereits seit 1995, alles Mumpitz – das Gegenteil sei  richtig.</p>
<p>Die Bilder könnten ja nicht gegensätzlicher sein: Hier grausig  rauchende Schlote von Kohlekraftwerken, dort dagegen die Idylle von  Stauseen, in denen fröhliche Kinder baden und Touristendampfer sowie  Segelboote unterwegs sind. Aber so einer wie Fearnside will uns  weismachen, richtig schlimm seien die Staudämme besonders in Amazonien,  schlimmer als die mit fossilen Brennstoffen betriebenen Kraftwerke. Der  geplante Staudamm von Belo Monte am Rio Xingú gar werde eine regelrechte  Treibhausgas-Fabrik. Komischerweise behaupten so etwas auch andere  Wissenschaftler Brasiliens – aber man muss nach ihnen regelrecht suchen,  weil in der öffentlichen Meinung die Wasserkraft-Bewunderer dominieren.<br />
Dr. Sergio Pacca von der Bundesuniversität in Sao Paulo ist jedenfalls  so ein Quertreiber, der Wasserkraftwerke auch als extrem klimafeindliche  Methan-Schleudern kritisiert. Giftiges Methan entstehe im Staubecken –  durch Zersetzung organischer Materie mittels Mikroorganismen unter  Ausschluss von Sauerstoff, bekommt man von Pacca zu hören. „Je höher die  Temperatur, umso schneller läuft der Prozess ab. In tropischen Ländern  vermehren sich die Mikroorganismen rascher und bilden entsprechend mehr  Methangas als in den kühleren Ländern. Bei einem neuen Staubecken wird  die dortige reiche Biomasse überflutet – Basis der Methanproduktion.“  Selbst wenn die teilweise noch vorhandenen Urwälder vorher abgeholzt  worden seien, bleibe noch viel Wurzelwerk im Boden. Und das entstehende  Methan, so Pacca, werde an die Atmosphäre abgegeben, trage sehr stark  zum Treibhauseffekt bei.<br />
Darauf muss man erstmal kommen, zumal das klimaschädliche Potenzial  einer Tonne Methangas laut neueren Studien 34-mal größer als das einer  Tonne Kohlendioxid ist, über das gewöhnlich immer geredet wird. „Selbst  kleinere Mengen Methan müssen daher beim globalen Klimawandel wichtig  genommen werden“, so Sergio Pacca. Es sei einfach nicht haltbar,  Wasserkraftwerke mit anderen Energietechnologien zu vergleichen, ohne  den Methan-Faktor zu berücksichtigen. Doch genau dies geschiehe.<br />
Würden nicht Indianerstämme aus ihrem Lebensraum vertrieben, wäre Belo  Monte eigentlich gar nicht so schlecht, ist auch in Deutschland zu hören  – Brasilien wollw sich ja schließlich entwickeln, wirtschaftlich  wachsen, habe ein Recht darauf. Leute wie Pacca oder gar Fearnside, der  Amazoniens Stauwerke seit Jahrzehnten vor Ort am intensivsten beforscht,  kommen mit ihren Einwänden da nie vor, was stutzig macht. In Brasilien  wird Fearnside auch von Regierungsstellen kräftig beharkt, weil er Belo  Monte ablehnt, das immerhin auch Ex-Präsident Lula und seine  Amtsnachfolgerin Dilma Rousseff unbedingt durchziehen wollen.<br />
Fragt man den Biologen in der drückend heißen Amazonasmetropole Manaus,  etwa 4.000 Kilometer nördlich von Sao Paulo, wie das eigentlich  funktioniert – er als Ausländer am staatlichen Nationalinstitut für  Amazonasstudien/INPE, aber in scharfer Gegnerschaft zu Brasilias  gigantomanischen Wasserkraftprojekten – kommt als Antwort nur ein kurzes  ironisches Lachen. Vielleicht kann man einem wie Fearnside schlecht an  den Karren fahren – der Mann bekam den UN-Umweltpreis „Global 500“, dazu  den brasilianischen Öko-Nationalpreis.Darüber hinaus gehört Fearnside  zur Akademie der Wissenschaften Brasiliens und ist weltweit einer der  führenden Experten für Klimaerwärmung. „Unter jenen, die die Erlaubnis  für alle derzeit im Bau befindlichen Amazonas-Wasserkraftwerke  erteilten, gibt es welche, die alles bestreiten, was ich sage. Ich  zitiere sie natürlich ausführlich.“<br />
Spricht man Fearnside auf das überschwängliche Kopenhagen-Lob für  Brasilias Klimaschutzpolitik an, kommt noch so ein ironisches Lachen.  „Zwar gibt es viele Studien wie die von mir über den Methan-Sachverhalt,  doch wird in der Presse und in politischen Reden so oft wiederholt,  dass diese Energie sauber sei, dass die Leute schließlich nur dies  gehört haben und sich daher nicht weiter in die Sachlage vertiefen. Doch  an den Fakten über die klimaschädlichen Emissionen ändert das nichts.“<br />
Fearnside nutzt gerne anschauliche Beispiele – wie den Hinweis auf das  beim Öffnen einer Colaflasche zischend entweichende Gas. „Alles  organische Material, Kohlenstoff im Boden, Bäume und Wasserpflanzen  zersetzen sich auf dem Grund des Stausees – das Wasser dort ist also  unter hohem Druck stark methanhaltig und gelangt schließlich in die  Turbinen der Wasserkraftwerke, wo ebenfalls noch hohe Drücke herrschen.  Aber danach gelangen die Wassermassen dann an die freie Atmosphäre. Die  im Wasser gebundenen Gase, darunter Methan, zischen in Bläschen heraus –  deshalb mein Vergleich mit der Colaflasche. Und die Sicherheitsabläufe  der Stauseen wirken auf ähnliche Weise. So wird der Treibhauseffekt  erheblich befördert. In Amazonien wirken Wasserkraftwerke im Endeffekt  häufig schädlicher, negativer, als die zur Elektrizitätsgewinnung  verbrannten fossilen Energieträger.“ Die bereits in Amazonien  existierenden Wasserkraftwerke produzierten daher keineswegs saubere  Energie, seien in Bezug auf den Klimaschutz keineswegs nützlich. Belo  Monte treibe es auf die Spitze. „Vier Monate im Jahr kann man wegen  tiefen Wasserstands keine einzige Turbine betreiben, da entsteht dann  ein Schlammbecken von 3.500 Quadratkilometern, wo üppig Pflanzen  wachsen, die später zu Methan zersetzt werden. Doch in amtlichen  Umweltgutachten für Brasiliens Wasserkraftwerke wird stets nur der  geringe Gasaustritt über die Wasseroberfläche berücksichtigt, nicht der  über Turbinen und Sicherheitsabläufe.<br />
Ebenfalls in Manaus forscht André Muggiati von Greenpeace und kann  ebenso wenig Gründe für soviel deutsches Lob an Brasilias  Klimaschutzpolitik entdecken. „Die Abholzung ist Hauptursache der  Treibhausgase aus Brasilien. Das Land ist daher der viertgrößte  Luftvergifter der Welt – nach Indonesien, China und den USA.“ Und für  den brasilianischen Umweltexperten Dr. Fabio Olmos ist jene  Germanwatch-Statistik, die Brasilien an vorderste Stelle rückt, eine  „unehrliche Form, die Situation darzustellen. Es ist unverständlich,  wieso jemand diese Germanwatch-Statistik überhaupt für bare Münze  nimmt.“<br />
Inzwischen haben Brasiliens Umweltschützer zusätzliche altbekannte  Sorgen, weil seit dem Start der Rousseff-Regierung gleich eine ganze  Serie systemkritischer Öko-Aktivisten ermordet worden ist – allein fünf  im April bei Curitiba, drei im Juni in Amazonien. Auch ein  Menschenrechtsanwalt wurde erschossen. Entsprechend stark ist das Klima  der Einschüchterung und Angst. Brasiliens neue Menschenrechtsministerin  Maria do Rosario räumte ein, dass auch in Amazonien Todesschwadronen  aktiv sind, zu denen bekanntlich Staatsangestellte gehören. Laut  Landgewerkschaftsangaben wurden in den letzten Jahren, also unter der  Lula-Regierung, nach 17 derartigen Morden nicht einmal  Ermittlungsverfahren durch die Bundespolizei eingeleitet.<br />
Indessen erhält die Rousseff-Regierung – ebenso wie die  Vorgängerregierung – aus Europa, darunter Deutschland, sehr viel Lob und  wird ausdrücklich als modern und progressiv eingestuft. Das wird wohl  mit dem neoliberalen Wertewandel zusammenhängen. Auf dem UNO-Index für  menschliche Entwicklung rangiert Brasilien jedenfalls nur auf Platz 73,  und die UNO-Bildungsstatistik verzeichnet das Tropenland gar erst an 93.  Stelle. Aufschlussreich ist da, welche Länder bessere Plätze belegen:  Iran (89), Saudi-Arabien (84), Botswana (81), Libyen (66), Bolivien  (61), Bahrein (49), Argentinien (40) Kuba (16).</p>
<h1>Brasiliens beneidenswerte (relative) Pressefreiheit</h1>
<p>Die Presselandschaft des Tropenlandes bietet ein eher erfreuliches  Bild. Investigativer Journalismus ist auffällig stark in Qualitäts-und  Alternativmedien – unabhängig agierende Reporter und Redakteure  widersetzen sich den weltweit üblichen Medien-Eingriffen durch Parteien  oder Regierungsfunktionäre und enthüllen kontinuierlich gravierende  Skandale um Machtmissbrauch und Korruption an der Staatsspitze. Auch der  Libyenkrieg zeigt es plastisch – es gibt viel weniger Mainstream als in  Deutschland.</p>
<p>Kurz vor seinem Abtreten sorgte Staatschef Lula Ende 2010 für ein  kommunikationswissenschaftlich bemerkenswertes Faktum: Vor Vertretern  großer Auslandsmedien, besonders aus der Ersten Welt, lobte er in Rio de  Janeiro die internationale Presse geradezu euphorisch für ihre  Berichterstattung über das heutige Brasilien. Die günstige Darstellung  sei verantwortlich für das gute Image, das das Land derzeit im Ausland  habe. Die brasilianischen Landesmedien kommentierten Lulas Auftreten  teils tief ironisch – denn die Auslandskorrespondenten behandelte er  völlig anders als die nationale Presse, die er konstant und sogar wütend  kritisierte, ihr sogar vorwarf, ihn zu verfolgen oder nicht die guten  Seiten seiner Regierung zu zeigen. Auffällig war gerade in den letzten  Jahren: Je schärfer die Kritik von innen an Lula, dessen Arbeiterpartei  und seiner Chefministerin Dilma Rousseff, inzwischen Nachfolgerin im  Präsidentenpalast, umso lauter das Lob von außen.<br />
Noch mitten im Präsidentschaftswahlkampf von 2010 ärgerte sich Lula  öffentlich heftig über Zeitungsenthüllungen, die ihn zum Entlassen von  Regierungsmitgliedern zwangen: Wunschkandidatin Dilma Rousseff hatte für  ihren Chefministerposten eine enge Freundin, Erenice Guerra, bestimmt.  Lula nahm sie zunächst in Schutz, würdigte ihre „enormen Leistungen für  das Land“. Doch Brasiliens investigative Journalisten förderten Tag für  Tag mehr belastendes Material gegen Erenice Guerra zutage – bis Lula sie  schließlich feuern musste. Und Dilma Rousseff bricht bereits im ersten  Amtsjahr sämtliche Entlassungsrekorde, rutscht mit ihrer ganzen  Regierung in eine tiefe Korruptionskrise. Wegen Presseenthüllungen  musste sie sich zuerst ausgerechnet von ihrem engen Freund,  Wahlkampfleiter und wichtigstem Minister, dem Chef des Zivilkabinetts,  Antonio Palocci, trennen. Dann stürzten der Transportminister und über  zwanzig weitere hohe Regierungsfunktionäre. Die Liste der Gefeuerten  wird fast täglich länger.<br />
Ohne wache, unabhängig agierenden Journalisten wäre im heutigen  Brasilien kaum ein realistischer Einblick in die weiter von Lula  mitbestimmte Regierungsarbeit unter Dilma Rousseff möglich. Aber immer  noch ist eine Unmenge zwielichtiger Figuren auf höchsten Posten.<br />
Brasiliens Presse unterscheidet sich soziokulturell erheblich von der  mitteleuropäischen. Der Mainstream wird häufiger durchbrochen, das  sachliche Gegenüberstellen von Positionen und Beobachtungen ist normal.  Die Scheu vor unbequemen Fakten ist geringer, die Schilderung selbst  schockierender Alltagstatsachen gewöhnlich authentischer, unbefangener  und weit weniger <em>politisch korrekt</em>. Als Anfang 2011 bei einem  Häftlingsaufstand Menschen geköpft wurden, zeigten Landesmedien die  abgeschlagenen Köpfe, um den Brasilianern ein realistisches Bild der  gravierenden Menschenrechtsverletzungen zu vermitteln.<br />
Brasiliens Qualitätsmedien stellen auch den Libyenkrieg anders dar als  der mitteleuropäische Mainstream – sie wiesen sofort auf die zivilen  Opfer der Bombardements hin, nannten als Hauptmotiv der Militäraktionen  strategische Ressourcen wie Erdöl und betonten Parallelen zu den unter  einem Vorwand begonnenen Irakkrieg.<br />
Doch es gibt auch die andere Seite der Medaille. Eine Fundamentalkritik,  wie sie die Universitätsprofessorin Zilda Iokoi, eine frühere  politische Gefangene, auf einer Tagung des Goethe-Instituts Sao Paulo  äußerte, ist durchaus zutreffend: „Die großen tonangebenden Medien  Brasiliens berichten systematisch über viele brisante Fakten nicht – und  das ist Zensur. Neun Familien beherrschen das nationale Mediensystem –  man liest nur, was die Zeitungsbosse wollen. Oft schreiben Journalisten  über Unerwünschtes, doch deren Texte werden gekürzt, zensiert. Mir sagen  Journalisten beim Interview immer wieder: Ich weiß aber nicht, ob es  gedruckt, gesendet wird.“ Welchem Kollegen in Mitteleuropa kommt dies  nicht irgendwie bekannt vor …<br />
Vieles, was große kommerzielle Medienkonzerne wie „O Globo“ trotz  hervorragender, mit zahlreichen Publizistik-Preisen geehrter  investigativer Journalisten nicht liefern – oder nicht liefern wollen,  kommt allerdings seit Jahren wenigstens teilweise von alternativen  Internet-Medien, darunter der befreiungstheologisch orientierten  Nachrichtenagentur ADITAL, von der Wochenzeitung „Brasil de fato“ oder  der Radioagencia NP. Längst sind Brasiliens Leitmedien gezwungen, Blogs  und Community Media zu verfolgen und dort geäußerten Vorwürfen  nachzugehen.<br />
Anfang 2011 erinnerte Brasiliens nationaler Presseverband ANJ in  ganzseitigen Anzeigen an die enorme Leistung jener investigativen  Journalisten, die Lulas größtes politisches Desaster, den so genannten  Mensalao-Skandal um Parteien-und Abgeordnetenkauf, an die Öffentlichkeit  brachten. Lula drohte sogar die Amtsenthebung – in nicht wenigen  Auslandsmedien wurde das Thema indessen auf sehr kleiner Flamme  gehalten. Gleiches galt für die auffällig engen freundschaftlichen  Beziehungen des angeblich linksorientierten Ex-Gewerkschaftsführers  ausgerechnet zu Oligarch José Sarney, Ex-Chef der Folterdiktatorenpartei  ARENA, starker Mann des rechtsgewirkten Partido do Movimento  Democrático Brasileiro (PMDB) und wichtigster politischer  Regierungspartner auch derzeit unter Dilma Rousseff. Als Lula von einem  Journalisten auf die Unterstützung durch die „Sarney-Oligarchie“  angesprochen wurde, entgegnete er irritiert und verärgert: „Sie müssen  sich medizinisch behandeln lassen, vielleicht eine Psychoanalyse machen,  um das Vorurteil zu vermindern.“ Für die Hilfe der Sarney-Gruppe sei er  durchaus dankbar.<br />
Ein Hinweis darauf, dass in Brasilien die Uhren in der Politik und auch  im Journalismus tatsächlich anders gehen als in Mitteleuropa, sind zudem  die vom Steuerzahler finanzierten Ausgaben für Propagandaanzeigen der  Regierung, etwa in den Zeitungen, die unverhältnismäßig hoch sind. Sie  übersteigen ganze Sozialetats – bei fortdauerndem Hunger und weiter  rasch wachsenden Slums.<br />
Kritik einheimischer Journalisten geht jedoch nur zu oft ins Leere, wird  kaum wahrgenommen. Laut José Arbex, Kommunikationsexperte und  Universitätsprofessor aus Sao Paulo, verhinderte der Mensalao-Skandal  die Wiederwahl Lulas nicht, weil dieser von einer Gesellschaftsschicht  unterstützt werde, die keine Zeitung lese und sich daher nicht betroffen  fühle. Aus dem gleichen Grunde habe auch der Skandal um Erenice Guerra  keine größeren nachteiligen Wirkungen für die Wahl von Dilma Rousseff  gehabt.<br />
Ein TV-Wahlkampfspot zeigte die Verhältnisse ebenfalls exemplarisch: In  der UNO-Vollversammlung von New York erheben sich Staatschefs,  Außenminister und Diplomaten von den Plätzen und jubeln Lula stehend zu.  Brasilianische Journalisten gingen der Sache nach. An jenem Tag  nahmUNO-Generalsekretär Kofi Annan seinen Abschied und erhielt  entsprechende Ovationen. Wahlkampfmanager montierten diese hinter den  nur schwach applaudierten Lula-Auftritt. Als vorhersehbar beschrieben  und kommentierten lediglich zwei, drei Qualitätszeitungen diesen alten  PR-Trick und zitierten Oppositionspolitiker, die von „großem Betrug“,  Verletzung der Wahlgesetze und „lächerlichen Lügen“ sprachen – weitere  Reaktionen der Öffentlichkeit gab es nicht.<br />
Doch Qualitätszeitungen sind im größten Teil des Landes gar nicht  erhältlich. Und Manipulationen dieser Art werden auch dadurch  erleichtert, dass aufgrund des laut Intellektuellen und kirchlichen  Menschenrechtsaktivisten absichtlich niedrig gehaltenen Bildungsniveaus  drei Viertel der Erwachsenen nicht in der Lage sind, einen simplen  Zeitungs- oder Buchtext auch nur zu lesen, geschweige denn zu verstehen.  So hat gemäß Umfragen das Gros der Pflichtwähler gar nicht begriffen,  um was es bei den zahlreichen Korruptionsskandalen um Lula und dessen  Regierung eigentlich ging – Skandale immerhin, die in Ländern wie  Deutschland zu enormer öffentlicher Empörung geführt hätten. Auch die  Wirkungsmöglichkeiten alternativer Internet-Medien sind dadurch stark  eingeschränkt.<br />
Die Interamerikanische Pressegesellschaft (SIP) hat Attacken von Lula  und anderen hohen Politikern auf unbequeme Landesmedien scharf  verurteilt. Angesehene Diktaturgegner veröffentlichten sogar ein  „Manifest zur Verteidigung der Demokratie“, warfen Lula „Autoritarismus“  vor und wandten, wenden sich gegen offene und verdeckte Einschüchterung  von Journalisten.<br />
Die Auslandsmedien ignorieren derartige Vorgänge in der Regel ebenso wie  die alltäglichen gravierenden Menschenrechtsverletzungen, darunter  landesweite, systematische Folter durch Staatsangestellte, das Wüten der  Todesschwadronen, die Scheiterhaufen von Rio de Janeiro, die  Massengräber für „Nichtidentifizierbare“, die außergerichtlichen  Exekutionen. Brasiliens Qualitätsmedien berichten darüber detailliert  und kontinuierlich, kritisierten auch die jüngsten Slum-Besetzungen von  Rio de Janeiro durch Militär und Polizei erstaunlich scharf. Von  Auslandsmedien kommt dagegen fast nur Lob.<br />
Entsprechend zufrieden ist Brasilia, das in den letzten Jahren  erhebliche Summen in die Auslandspropaganda investierte. Laut  Wirtschaftszeitschrift <em>Brasil Economico</em> wurden allein 2009  umgerechnet über 40 Millionen Euro verausgabt. Zitiert wird ein  Regierungsfunktionär Brasilias: „Unsere Priorität ist, Brasiliens Image  als das einer großen, sozial, politisch und wirtschaftlich stabilen  Demokratie zu stärken.“ Auch die Inlandspropaganda wurde unter der  Lula-Rousseff-Regierung enorm forciert. 2003, zum Amtsantritt, hätten  499 Medien Regierungsgelder für Propaganda-Verbreitung erhalten, 2009  seien es indes schon 7.047 Medien gewesen, heißt es in kritischen  Analysen. Viele brasilianische Politiker besäßen Zeitungen, Radio-und  TV-Stationen, und zahlreiche Medien seien von Regierungspropaganda  regelrecht abhängig.<br />
Für Propagandazwecke ausgegebene Mittel fehlen dann natürlich für die Hunger-und Elendsbekämpfung, für Bildung und Gesundheit.<br />
Nicht ungewöhnlich ist schließlich, dass hohe Politiker, gegen die  ermittelt wird, Medien gerichtlich untersagen lassen, darüber zu  berichten.<br />
Fast täglich drucken die Zeitungen aber weiterhin interessante,  unbequeme, gut fundierte Texte, die Brasilienklischees und offiziellen  Versionen widersprechen. Als die Lula-Rousseff-Regierung weltweit  verbreiten ließ, dass die internationale Wirtschafts-und Finanzkrise auf  Brasilien nur geringe Auswirkungen gehabt habe, belegten investigative  Journalisten just das Gegenteil, weisen auf Rekordentlassungen, den  Stopp vieler Industrieprojekte, auf Exportprobleme und  Deindustrialisierung sowie auf geschönte offizielle Statistiken hin.<br />
Und Wikileaks rennt mit seinen Brasilien-Enthüllungen bei den  einheimischen Journalisten lediglich offene Türen ein. Leere  antiamerikanische Rhetorik Brasilias wurde stets gegeißelt und die jetzt  bekanntgewordene, ans Weiße Haus gerichtete „Bitte um Verständnis für  Sprüche gegen die USA in Wahlkampfzeiten“ daher genüsslich zitiert. „Es  existierten zwei Beziehungen zwischen Brasilien und den Vereinigten  Staaten während der acht Lula-Jahre im Präsidentenpalast“, analysierte  Fernando Rodrigues von der <em>Folha de Sao Paulo</em>, Brasiliens größter  Qualitätszeitung. „In der Öffentlichkeit gab es Prügel für die  Nordamerikaner – im vertraulich-privaten Umgang indessen Liebkosungen  für die Brüder im Norden.“ In der Öffentlichkeit dominiere zwar ein  bestimmter infantiler Antiamerikanismus – im Wirtschaftlichen dagegen  die Anerkennung der Hegemonie des Partners. „Im kulturellen Bereich, um  die Schizophrenie komplett zu machen, sieht man sogar eine  enthusiastische Übernahme von Sitten, Gebräuchen, Moden.“<br />
Dr. Claudio Guimaraes dos Santos in Sao Paulo zählt zu den wichtigsten  Denkern Brasiliens und liefert zum Verständnis der widersprüchlichen  (Medien-)Realität des Landes wichtige Argumente: „Das Volk schaut den  schockierendsten Skandalen stumm zu – die immense Passivität des  Brasilianers wird teils durch fehlende Bildung und Kultur verursacht. Es  fehlt Bewusstsein dafür, dass man eine solidarische Gesellschaft  aufbauen müsste. Die brasilianische Demokratie ist krank. Eine der  Säulen der Demokratie, der freie, mündige, kritische, bewusste Bürger,  existiert in Brasilien nicht. In den letzten zweihundert, dreihundert  Jahren hat man eine unkritische Masse geschaffen – unfähig, zu  entscheiden. Unsere Eliten sind immer kulturloser, ungebildeter. Niemand  mag schlechtes, verdorbenes Essen – doch schlechte Informationen  schlucken alle massenweise und völlig unkritisch. Hier fehlt  intellektueller Dialog. Ich fordere meine Kollegen stets auf: Wenn ihr  es nicht aussprecht, wer wird es dann tun? Der Fußballer, der  Pagodesänger, der schlechte Politiker, der jede Chance zum Reden sofort  nutzt? Wenn wir schweigen, beherrschen diese Leute die Szene. Deshalb  dürfen wir auch Risiken nicht scheuen!“</p>
<h1>Juden in Sao Paulo</h1>
<p>Als Deutschlands Bundespräsident Christian Wulff 2011 die chaotische  Megacity, Lateinamerikas führenden Wirtschaftsstandort mit über 1.200  deutschen Firmen besucht, wird am Ankunftstag im Zentrum ein Obdachloser  lebendig verbrannt, am Abreisetag ein weiterer. In Sao Paulo wüten  Todesschwadronen der Militärpolizei, gibt es Massengräber, über 2.000  grauenhafte Slums mit Hunger und Lepra, prostituieren sich schon  zehnjährige Mädchen für weniger als einen Euro, um Crack zu kaufen – und  vor aller Augen in ganzen Horden zu konsumieren. Man muss sich diese  Zustände vergegenwärtigen, die von den allermeisten Paulistanos  apathisch-passiv hingenommen oder sogar verdrängt werden, um Situation  und Rolle der etwa 70.000 Juden im Menschenmeer der elf, zwölf Millionen  zu verstehen. Denn diese „judeus“ scheinen schärfer zu diskutieren,  sich effizienter zu engagieren, bringen Resultate, von denen dann alle,  ob Arme oder Reiche, etwas haben. Lateinamerikas bestes Hospital, ein  Riesenkomplex namens „Albert Einstein“ im Viertel Morumbi, haben die  Stadt-Juden errichtet – geleitet wird es von dem weltbekannten Mediziner  Claudio Lottenberg, Präsident der jüdischen Gemeinde ganz Brasiliens.</p>
<p>Der in Israel geborene Oded Grajew aus Sao Paulo, Erfinder, Aktivist  des Weltsozialforums, verweist auf dessen Bedeutung für die jüngsten  arabischen Entwicklungen. „Für jene, die das Weltsozialforum und unsere  Spezialforen in Ägypten oder Tunesien mit Interesse und Sensibilität  frequentierten, ist alles, was derzeit in der arabischen Welt geschieht,  keinerlei Überraschung.“<br />
Und dann Pedro Herz, dessen Kulturkaufhäuser, mit Kinos, Theatern,  Kursen und Konzerten in ganz Brasilien tonangebend sind. In einem Land  des Analphabetismus, in dem sogar ungezählte Uni-Studenten in ihrem  Leben nicht einen einzigen Roman lasen, wird der Deutschstämmige zum  Kulturpionier – die größte „Livraria Cultura“ Sao Paulos ist selbst am  Wochenende voll wie ein Supermarkt, dort kaufen sogar  lateinamerikanische Staatspräsidenten. „Da bin ich stolz drauf – wir  verkaufen Ideen!“, sagt Pedro Herz.<br />
Nachvollziehbar daher, dass viele im kosmopolitischen Sao Paulo die  jüdische Gemeinde bewundern, stark und gut organisiert empfinden,  ausdrücklich als ein Beispiel für die anderen Einwanderergemeinden  nennen. Die Juden, heißt es, seien sich einig im Kampf für  Menschenrechte, bei der Hilfe für Bedürftige, leisteten gerade im  öffentlichen Gesundheitswesen, das außerhalb Sao Paulos oft katastrophal  sei, ganz Erstaunliches, weit über ihr Einstein-Hospital hinaus. Ob das  den „judeus“ bewusst ist, in einer von Desorganisation und  Laissez-faire geprägten Gesellschaft? Redet man mit ihnen, fällt das  hohe Maß an Selbstkritik auf, das Messen an höchsten Qualitätsmaßstäben.  Für Außenstehende scheint die seit über hundert Jahren existierende  Gemeinde stabil zu sein – die Juden selbst beobachten indessen Rückgang,  gar Schwächung. Viele, die teils noch vor den Nazis aus Deutschland  flohen, erleben bestürzt, dass ihre hoch qualifizierten Kinder just in  dieses Land, doch auch in die USA, nach Australien und selbst Israel  auswandern, weil sie in Brasilien keine Arbeitsmarkt-und Lebenschancen  sehen. Würde die wirtschaftlich-soziale Lage besser, sagt Nelson  Rozenchan, Direktor des jüdischen Peretz-Gymnasiums, kämen viele Juden  zurück oder migrierten gar hierher. Manche junge Juden Sao Paulos sagen  ihren Eltern unumwunden, dass sie in einem Land mit solch einer  reaktionären politischen Klasse, unglaubwürdigen Politikern, soviel  Unehrlichkeit, ungesundem gesellschaftlichem Klima nicht leben wollen –  und weggehen. Rozenchan nennt Zahlen: Vor 20 Jahren gab es in den  jüdischen Schulen von Sao Paulo etwa 5.000 Heranwachsende, heute nur  noch rund 3.000. In die Synagogen kamen an den Festtagen bis zu 8.000  Juden, heute nur noch etwa 5.000. „Vielen in Sao Paulo Geborenen ist es  anders als den vor Pogromen, dem Nazismus Geflohenen leider nicht mehr  so wichtig, ihre jüdische Identität zu zeigen, zu stärken, zu betonen –  sie nutzen die Synagoge nur noch bei Taufe, Heirat Tod. Viele Juden  geben ihr Judentum auf.“<br />
Medienmacher Roni Gotthilf sieht seine Gemeinde im gigantischen,  unübersichtlichen Sao Paulo in kleine Inseln zerstreut, deren Bewohnern  es lediglich um die eigenen Interessen, vielleicht auch die der eigenen  Synagoge gehe. Gotthilf fiele es schwer, die Interessen der gesamten  Gemeinde klar zu benennen – doch dass sie schrumpft, steht für ihn außer  Zweifel. Viele Juden haben sich assimiliert, dem Lebensstil der anderen  Brasilianer angepasst – in einer von Stress, Hektik, Kriminalität und  überraschend viel Einsamkeit geplagten Metropole. Junge Juden heiraten  immer öfter Nicht-Juden, schicken ihre Kinder nicht mehr in jüdische  Schulen, stehen dem Judentum ihrer Eltern fern. „Im neoliberalen Kontext  der heutigen Welt kann man sicher relativieren.  In Sao Paulo gehen die  Leute eher oberflächlich miteinander um – wogegen wir Juden enger  zusammenleben, besser zusammenhalten. Doch das Klima hier prägt alle:  Wenn die Gesellschaft egoistisch und individualistisch ist, sind wir es  in gewisser Weise dann eben auch.“<br />
Durch die schicke Rua Oscar Freire ziehen bei Tropenhitze Gruppen  orthodoxer Juden in schwarzem Anzug mit Weste, schwarzem Mantel und  Filzhut, umringt von ihren Kinderscharen. Die Familien haben fünf bis  sieben Sprösslinge – Liberale, Reformisten oder Konservative bringen es  dagegen auf höchstens zwei. Die Orthodoxen, etwa 15 Prozent der  Gemeinde, gleichen den Rückgang nicht aus und sind, wie Roni Gotthilf  betont, gar nicht gut angesehen. Andere relativieren, sehen bei aller  Kritik auch positive Aktivitäten, wie die der Hilfsorganisation Ten Yad  mit über 300 Freiwilligen und einer Garküche, die zudem Sozialprojekte  der Präfektur leitet und durchweg öffentliches Lob erntet. Die orthodoxe  Kleiderordnung gilt indessen als lächerlich und für die jüdische  Gemeinde blamabel. „Wer sogar bei schwüler Hitze mit diesen dicken,  hochgeschlossenen Klamotten rumläuft, leidet, schwitzt, ermüdet rasch –  das ist doch kein Judaismus, sondern Fundamentalismus!“, lauten  drastische Kommentare. Andere halten den Orthodoxen zugute, dass sie  besonders intensiv versuchen, junge abgedriftete Juden ins Gemeindeleben  zurückzuholen, deren jüdische Identität wiederzubeleben.<br />
Der konservative Schuldirektor Nelson Rozenchan stellt unbequeme Fragen.  „Zehn Rabbiner haben zur Abtreibung zehn verschiedenen Auffassungen.“  Jetzt, nach Bin Ladens Tötung, erhitzt ihn das Thema Folter. „Wäre ich  absolut sicher, dass Folter Menschenleben rettet, würde ich sie  anwenden! Ich habe in Israel selbst erlebt,wie es durch Folter gelang,  aus Jordanien eindringende Terroristen zu fangen und dadurch etwa 50  Menschen vor dem Tod durch Selbstmordattentate zu bewahren. An dieser  Lebenserfahrung kann ich nicht vorbei!“<br />
Mag die Mitgliederzahl der Gemeinde auch abnehmen, die Zahl ihrer  identitätsstiftenden Aktivitäten nicht. Herausragend wirkt dabei Sao  Paulos  Hebraica-Klub, das größte jüdische Gemeindezentrum außerhalb  Israels, eine grüne Oase im Betonmeer der Megacity. Viele der jährlich  etwa 700 Veranstaltungen, ob Theater, Filmfestival, Konzerte oder Sport,  laufen hier – dazu immer neue Aktionen gegen den Antisemitismus.  Niemand in Lateinamerika hat soviel über Antisemitismus geforscht und  publiziert wie Maria Luiza Tucci Carneiro von der Bundesuniversität Sao  Paulo. „Die Gemeinde ist sehr besorgt über zunehmenden Antisemitismus  nicht nur in Brasilien, sondern vor allem in Europa – will, dass endlich  auch die Regierung mehr dagegen tut.“ Der Lula-Regierung wird von den  Juden allgemein vorgeworfen, nicht eben hilfreich gewesen zu sein – des  Staatschefs Freundschaft zum Holocaust-Leugner Ahmadinedschad spreche  Bände. Neonazi-Gruppen wüchsen täglich mehr in Brasilien, nazistische  Symbole, Figuren von Hitler und Himmler würden für 350 Euro ganz offen  in Sao Paulo verkauft, Antisemitismus entlade sich auf bizarrste Weise.  Taxifahrer schimpfen, an Sao Paulos irrwitzigen Verkehrsstaus seien nur  die Juden schuld. Im auch von 15.000 Juden bewohnten Viertel  Higienopolis schimpft ein Vater lautstark in der Impf-Schlange, dass er  nur wegen dieser „verdammten Juden“ solange warten müsse. „Den Impfstoff  für dein Kind hat ein Jude entwickelt“, kontert ein Kipa-Träger. Sei  der dann auch ein „judeu maldito?“ Der Vater wird ganz still.</p>
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