Klaus Hart Brasilientexte

Aktuelle Berichte aus Brasilien – Politik, Kultur und Naturschutz

Dengue-Epidemie in Brasilien(2): Nach Rio de Janeiro starker Zuwachs bei Infizierten und Todesopfern im Nordosten. Seuchenexperte aus Kuba gerufen.

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Brasiliens Presse: vermutlich bereits über 200 Dengue-Tote in Rio registriert

Dengue-Epidemie im Nordosten forderte bisher etwa 40 Todesopfer – bei weiteren 56 Toten gilt Dengue als Todesursache

Gesundheitsminister Temporao: Brasilien verlor Kampf gegen Dengue und muß mit der Epidemie noch für viele Jahre leben.

35 Länder, darunter USA, Kanada, Deutschland, Frankreich und Portugal, fordern von Brasilia exakte, verläßliche Wochenberichte über die Dengue-Epidemie

 Banditen-Diktatur in Slums contra Seuchenbekämpfung – “Organisiertes Verbrechen immer stärker – ebenso wie die Dengue-Moskitos”

Brasiliens Presse: Größte Dengue-Epidemie in der Geschichte Rio de Janeiros

 106 Tote hat die Dengue-Epidemie im Teilstaat Rio de Janeiro bisher laut amtlichen Angaben gefordert – bei weiteren 106 Leichen wird Dengue als Todesursache vermutet. Über 130000 Menschen seien an den Tropenfieber erkrankt. Die Epidemie ist damit weiterhin nicht unter Kontrolle. Unterdessen steigt im Nordosten, besonders in den Teilstaaten  Bahia, Sergipe und Ceará  die Zahl der Erkrankten und Toten sprunghaft an – betroffen sind hauptsächlich Kinder. Aus dem Teilstaat Alagoas wird der erste Dengue-Tote gemeldet, ein weiterer aus dem Südstaat Paraná. In Sergipe starben mindestens zehn Menschen an dem Tropenfieber.

Wie nationale Seuchenexperten betonen, wird die Lage überall durch Armut und Misere, mangelnde Hygiene und fehlende Abwassersysteme verschärft. Wenn nichts unternommen werde, dürfte das gefährliche Gelbfieber in die Großstädte zurückkehren. Gemäß amtlichen Statistiken wurden in den letzten zwei Jahren in Brasilien insgesamt 489 lokale und regionale Epidemien registriert, unter anderem von Dengue, Gelbfieber, Malaria, Kinderlähmung, Röteln und Tuberkulose.

In der demokratisch regierten Scheiterhaufen-und Lepra-Stadt Rio – siehe Berlinale-Sieger ”Tropa de Elite –  soll Ende April der kubanische Seuchenexperte Eric Martinez Torres vor Ort die Lage analysieren und  den Verantwortlichen des Gesundheitswesens ein weiteres Mal Hinweise zur Bekämpfung der Epidemie geben. Der Mediziner Torres war bereits während der Dengue-Epidemie von 2002 in Rio und hatte den zuständigen Behörden vergeblich wirksame Präventivmaßnahmen vorgeschlagen. Kuba hat annähernd soviele Einwohner wie  Rio de Janeiro, jedoch in den Bereichen Gesundheit und Bildung sowie bei der Mord-und Gewaltrate, darunter den Morden an Homosexuellen, völlig andere Indikatoren. Plastisches Beispiel sind die konkreten Auswirkungen der von den Autoritäten respektierten Diktatur des organisierten Verbrechens über die Slums: Laut neuesten Presseberichten können 84 von insgesamt 145 Gesundheitsposten nicht wie vorgesehen, rund um die Uhr für Dengue-Infizierte geöffnet bleiben, weil in von Banditenkommandos beherrschten Ghettos gemäß Medizinerangaben  ab 17.00 Uhr die Menschen aus Angst vor Schießereien nicht mehr Hütten und Katen verlassen. Rios Gesundheitssekretär Jacob Kligerman erklärte, dort einen Gesundheitsposten auch im Morgengrauen geöffnet zu lassen, bedeute, sowohl das Leben des Arztes als auch das Leben der Patienten aufs Spiel zu setzen. Damit wird deutlich, wie die Banditen-Diktatur von den politisch Verantwortlichen akzeptiert wird, nicht aber das Menschenrecht auf gesundheitliche Betreuung, nicht einmal im Dringlichkeitsfall. Unterdessen ist die im Spielfilm “Tropa de Elite” gezeigte Polizei-Sondereinheit BOPE lediglich in einzelne  Rio-Slums ausgerückt, um u.a. Barrikaden der Banditenkommandos zu beseitigen. Durch derartige Blockademaßnahmen war auch der Zugang der Bevölkerung zu Hospitälern und Gesundheitsposten erschwert oder gar verhindert worden. Die Präsidentin der Menschenrechtskommisssion des brasilianischen Anwaltsverbandes in Rio, Margarida Pressburger, erklärte, trotz der Polizeioperationen  sei das organisierte Verbrechen immer stärker, ebenso wie die Dengue-Moskitos.

Zu den günstigen Ausbreitungsbedingungen für Fiebermücken, Viren, Seuchenbakterien jeder Art zählt in Städten wie Rio de Janeiro die teils grauenhafte öffentliche Hygienelage: Stinkender organischer Müll beinahe überall an  Straßen und Plätzen, dazu selbst in den Strandregionen Geruch von Urin und Scheiße, weil es allgemein üblich ist, die Notdurft gleich in aller Öffentlichkeit, statt in Toiletten zu verrichten. Ein übliches Bild bei Strandkonzerten an der Copacabana oder in Ipanema: Tausende von Männern pinkeln an der Wasserlinie in den Sand, Frauen hocken sich irgendwo hin – andere Frauen stellen sich wegen des ”Sichtschutzes um sie herum. Die Chance, sich an Rios Stränden teils gefährliche Hautkrankheiten zu holen, ist auch deshalb beträchtlich hoch.

“Naturschutz, Dengue und Gelbfieber“

Erstmals wird zudem gefragt, wo jene früher so wirksamen natürlichen Vernichter von Fiebermücken geblieben sind – darunter Vögel, Frösche, Eidechsen und Fledermäuse. Die systematisch betriebene Umweltvernichtung in brasilianischen Großstädten hat derartige nützliche Predatoren häufig komplett ausgerottet, was die Vermehrung von Dengue-und Gelbfieber-Überträgern stark förderte.

Unterdessen ist auch in der Stadt Araraquara im Teilstaat Sao Paulo eine Dengue-Epidemie ausgebrochen, werden zudem Fälle aus dem Teilstaat Minas Gerais gemeldet.

Laut Gesundheitsministerium besteht für 2009 ein Epidemie-Risiko in 16 brasilianischen Teilstaaten, darunter Rio, Sao Paulo, Rio Grande do Sul, Minas Gerais, Bahia und Amazonas.

Dieser Beitrag wurde am Donnerstag, 17. April 2008 um 02:10 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Kultur, Politik abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen.

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