Besucher aus Deutschland oder der Schweiz, die sich bereits jetzt im Land der Fußball-WM aufhalten, beobachten im Alltag fast überall bemerkenswerte Ineffizienz – die mehrere hundert Meter langen Schlangen vor Schnellkassen von Supermärkten beispielsweise in Sao Paulo gehören dazu. Zwar existieren häufig zwanzig und mehr Kassiererplätze – doch zumeist sind nur vier oder fünf besetzt – die Supermarkt-Administration sieht schon jahrelang nicht ein, das Problem zu beheben. Was indessen den Unterschied zu Deutschland oder der Schweiz ausmacht – niemand in den entsetzlich langen Schlangen reklamiert, protestiert, beschwert sich – alle warten stumpf-unterwürfig, bis sie endlich dran sind. Einen der herumstehenden Leiter zur Rede zu stellen, wie es beispielsweise in Deutschland wäre, kommt aus soziokulturellen Gründen niemandem in den Sinn. Auch das beobachtet man im Lande – zwanzig Bankschalter nebeneinander – doch nur einer ist besetzt.
Nicht anders läuft es bei der WM-Vorbereitung: Der LKW-Fahrer will am Bauplatz oder Materiallager seine bestellte Fracht abliefern – nur – da ist keiner, der sie ihm abnähme. Zwar ist Arbeitszeit, nur ist weit und breit kein Zuständiger zu erblicken. Also läuft der arme LKW-Fahrer teils stundenlang herum, bis er jemanden auftreibt. Solche Art von „Effizienz“ schafft enorme Zusatzkosten, dazu Streß, Frust, senkt Löhne, verringert Freizeit enorm. In deutschen Medien ist wegen der Zensurvorschriften politischer Korrektheit verboten, über die meisten Besonderheiten brasilianischer Mentalität zu berichten.
Brasiliens Bestsellerautor Joao Ubaldo Ribeiro hat in Büchern, Zeitungskolumnen diese bemerkenswerte Mentalität seiner Landsleute sehr oft kritisiert. Humorig, ironisch und erfrischend politisch unkorrekt analysiert er alle Mißstände und Widersprüchlichkeiten des Tropenlandes, geißelt die „Kultur der Unehrlichkeit”, nimmt die Mentalität seiner Landsleute, deren Autoritätshörigkeit und Passivität, aufs Korn. “Wir sind ein Volk mit dem Temperament von Schafen, von Hammeln, wir sind an Autorität gewöhnt. Hier reklamiert doch niemand…Das folgt aus dem niedrigen Bildungsgrad. Das Bildungswesen in Brasilien kam zu einem fürchterlichen Punkt. Da ist der Fakt, daß es Kindern und Jugendlichen mit kompletter Schulausbildung nicht gelingt, einen geschriebenen Text zu verstehen…Geh in die Bundesuniversität von Rio de Janeiro – furchtbar ist es dort! Wir bilden Generationen von Analphabeten heran!“
“In einer Kultur wie der unseren, in der die Scheinheiligkeit mit Sicherheit die herrschende Moral ist, deklariert man nie die wahren Absichten.” O Estado de Sao Paulo
Die derzeitigen Anti-WM-Straßenproteste können nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich an ihnen nur eine kleine Minderheit der rund 200 Millionen Landesbewohner beteiligt.
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”Os dirigentes brasileiros mentem.”
Laut Valor economico haben die Top-Manager eingeräumt, daß in ihren Unternehmen das Lügen gängig sei – in Angelegenheiten, die Angestellte, Zulieferer, Partner und sogar die Regierung betreffen. “Sie sagen eine Sache, und tun etwas ganz anderes.” 74 Prozent hätten zugegeben, daß der offizielle Diskurs das Gegenteil von dem sei, was in der Praxis geschehe. In den brasilianischen Unternehmen sei Autoritarismus vorherrschend. Von demokratischer Führung zu reden, sei eine große Lüge. Unter Top-Managern jemanden “Amigo” zu nennen, bedeute garnichts, da hinter dessen Rücken” jeder mit dem Messer auf diesen einsticht”. Klassischer Fall sei, daß der Manager etwas abstreite, was er tatsächlich gesagt habe.
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”Bei der Rückkehr in Brasilien packte mich das Gefühl, daß wir ein Land der billigen Trends und Moden sind. Ein nichtiges, belangloses Volk…Brasilien – dieses Land, das keine Bücher liest, aber wo fast alle ein Handy haben…Wir sind eitel. Wir wollen Botox im Gesicht und Silikon in den Brüsten…Auf den Straßen in Europa sieht man nicht diese Quantität an künstlichen Brüsten wie hier.”
Die andere Sicht: „Brasilien ist mit seiner Lebendigkeit, Kreativität und kulturellen Vielfalt ein ungemein inspirierender Partner, der gleichzeitig durch Exzellenz in Wirtschaft und Wissenschaft besticht.“ Außenminister Guido Westerwelle, FDP 2013