Klaus Hart Brasilientexte

Aktuelle Berichte aus Brasilien – Politik, Kultur und Naturschutz

Rio-Karneval und Banditendiktatur – brutale Verbrecherbosse als Komponisten von Karnevalssambas

Freitag, 08. Februar 2008 von Klaus Hart

Die Verflechtungen der Sambaschulen Rio de Janeiros mit dem organisierten Verbrechen waren bereits im Vorkarneval seit Monaten ein vieldiskutiertes Thema. Brasiliens Staatssekretär für Öffentliche Sicherheit, Antonio Carlos Biscaia:”Mich hat stets empört, daß jene, die sich dem Verbrechen widmen, den Karneval kommandieren. Sie steuern alles, sogar die Jury-Entscheidungen über den Wettbewerb der Sambaschulen.” Qualitätsmedien fordern, jene „Escolas de Samba” endlich von Gewaltverbrechern zu säubern: „Hora de limpar as quadras”. Selbst Brasiliens berühmteste Sambaschule „Mangueira” steht erneut im Zwielicht, steckt in der Krise. Wie Polizei und Medien herausfanden, sind die Beziehungen zwischen Brasiliens mächtigster Verbrecherorganisation „Comando Vermelho”(Rotes Kommando) und dem Karnevalsverein enger denn je. Die über 700 Rio-Slums werden fast durchweg von Gangstersyndikaten neofeudal und terroristisch beherrscht – die Mangueira-Favela nahe der City ist seit Jahrzehnten in der Hand des Comando Vermelho. In einer einzigen Nacht werden dort acht Frauen erschossen, die gewagt hatten, das Diktat der perversen Schwerverbrecher zu kritisieren. „Das sind Tyrannen –  sie verbrennen Menschen lebendig, zerstückeln Personen, begehen Greueltaten jeder Art”, sagt Chefinspektorin Marina Maggessi, inzwischen Kongreßabgeordnete, über Rios Banditenkommandos. Sie nutzen Sambaschulen zur Geldwäsche und zum Geldverdienen, finanzieren teuerste Allegorienwagen, bezahlen vielen Ärmsten die Kostüme, spielen sich als Gönner, Mäzene auf. Verbessern damit ihr Image, werden gesellschaftsfähig, bestimmen indessen als karnevalsfremde Figuren die Regeln des Festes, was diesem immer schlechter bekommt, dem Kommerz Vorschub leistet. Zwar ist direkt vor dem Eingang der Mangueira-Sambaschule neuerdings ein Posten der Militärpolizei, doch gleich um die Ecke, im Favela-Labyrinth patrouillieren sogar Kinder und Jugendliche des „Comando Vermelho” mit Revolvern und Maschinenpistolen.
Fernandinho Beira-Mar zählt zu Brasiliens grauenhaftesten Verbrecherbossen, sitzt derzeit im Knast. Letzten Oktober veranstaltet Beira-Mar eine rauschende Hochzeitsfeier, an der Percival Pires, Präsident der Sambaschule Mangueira teilnimmt. „Das ist ein glücklicher Tag für alle Anhänger von Mangueira”, erklärt Pires und überreicht eine Gedenktafel. „Die heutige Karnevalsprobe widmen wir dem neuen Ehepaar!” Die berühmte Percussionsgruppe der Sambaschule spielt auf, ebenso der auch in Deutschland inzwischen recht bekannte Rapper Mr. Catra. Mestre-Sala und Porta-Bandeira von Mangueira, „Saalmeister und Fahnenträgerin”, Blickfang jeder Sambaschule bei der Karnevalsparade, präsentieren sich ebenfalls. Später fällt der Bundespolizei das Hochzeitsfeier-Video in die Hände, der Skandal ist enorm, Mangueira-Präsident Pires muß gehen. Chef jener Percussionsgruppe ist damals Ivo Meirelles, der öfters mit seiner Band auch durch Deutschland tourt. Inzwischen mußte auch er abtreten. Rios Zivilpolizeichef Gilberto Ribeira startet die „Operation Karneval”, beschuldigt Mangueira enger Beziehungen zum Comando Vermelho. Nach anonymen Hinweisen entdeckt die Polizei einen geheimen Eingang, über den, wie es heißt, die Verbrecherbosse von der Favela aus unbemerkt zu Luxuslogen in der Sambaschule gelangten “ und im Falle einer Polizeirazzia problemlos wieder verschwinden konnten. Ivo Meirelles wird vorgeworfen, jenen Extra-Eingang installiert zu haben. Der bestreitet das.
Derzeit ist Tuchinha Boß des Comando Vermelho in der Favela Mangueira, die Polizei fahndet nach ihm fieberhaft. Doch immer wieder nimmt er an den Proben und Karnevalsfesten teil, mischt sich unter die bis zu zehntausend Feiernden. Den diesjährigen Mangueira-Karnevalssamba, der dem Nordost-Rhythmus Frevo gewidmet ist, hat Tuchinha mitkomponiert, was Bände spricht. Laut Zivilpolizei macht das Comando Vermelho wegen der Wochenend-Proben in der Sambaschule blendende Extraprofite bei harten Drogen. Sechzig Prozent der Umsätze würden an diesen Tagen erzielt. Tuchinha, so ergeben abgehörte Telefongespräche, nutzt die Sambaschule offenbar sogar als Büro. Unweit der „Escola de Samba” entdeckt die Polizei eine Art Festung mit Schießscharten, von denen die Banditenkommandos die Region beobachten und auf Polizeieinheiten oder rivalisierende Gangstergruppen feuern konnten. Bürgermeister Cesar Maia nennt die Beziehung zwischen der Sambaschule und dem Comando Vermelho uralt. „Jahrelang haben unsere sogenannten Intellektuellen und die Presse immer Mangueira als einzige Escola de Samba gelobt, in der die Glücksspielmafia keine Chance hatte. Dafür hatte Mangueira halt das organisierte Verbrechen, wie man seit langem sah und wußte.”
Viele Kölner Karnevalisten, selbst der Kölner Polizeichor waren schon in der Sambaschule. Brasiliens gravierende Widersprüche sind auch im Karneval so präsent, daß es häufig zwischendurch richtig weh tut. 1987 und 1989 werden die jeweiligen Präsidenten der Mangueira-Sambaschule ermordet, der ermittelnde Kriminalist gleich mit. 1993 defilieren über viertausend Mangueira-Fans am Rosenmontag, stehen Caetano Veloso, Gilberto Gil, Maria Bethania und Gal Costa oben auf dem Allegorienwagen, während exakt zur selben Stunde am Sitz der Sambaschule heftige Gefechte zwischen Comando Vermelho und dem rivalisierenden Terceiro Comando toben. Handgranaten explodieren, MGs rattern “ mindestens 35 Menschen, auch völlig unbeteiligte kleine Kinder werden getötet. 2004 widerspricht der überaus beliebte Percussionschef Robson Roque einem Mangueira-Banditenboß, wird sofort liquidiert. Auch in späteren Jahren defilieren immer wieder Mangueiras Gangsterchefs bei der berühmten Parade mit, die Waffe dezent versteckt. Bevor es losgeht, stehe ich einmal in einer Gruppe von Armee-und Polizeioffizieren, die ebenfalls bei Mangueira kostümiert mitmachen, über alles Bescheid wissen. Karneval in Rio “ schöner, schrecklicher Wahnsinn.

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    NEU: Fotoserie Gesichter Brasiliens

    Fotostrecken Wasserfälle Iguacu und Karneval 2008

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