Klaus Hart Brasilientexte

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„Erlesenes: Tamtam und Tabu“. Ostdeutscher Krimi-Autor Hartmut Mechtel rezensiert sensationelles Buch von Daniela Dahn und Rainer Mausfeld. „Die Inbesitznahme der DDR durch den Kapitalismus war einer der größten Raubzüge in der deutschen Geschichte.“(Mechtel)

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Erlesenes: Tamtam und Tabu

‚Die Einheit – Drei Jahrzehnte ohne Bewährung‘ stand vor zwei Jahren als Untertitel auf dem Cover des Buchs ‚Tamtam und Tabu‘ von Daniela Dahn und Rainer Mausfeld. Verlegt wurde es zum 30. Jahrestag des wieder- oder niedervereinigten Deutschland. Dieser Tage ist eine aktualisierte, erweiterte Fassung erschienen, die an die Gegenwart herangeführt wurde. Die neue Unterzeile lautet ‚Meinungsmanipulation von der Wendezeit bis zur Zeitenwende‘. Der Mainstream nahm das Buch nicht zur Kenntnis, obwohl (oder eher weil) darin auch die Meinungsmache durch die Medien seziert wird. Tamtam und Tabu wurde und wird nur in Blogs rezensiert – und bei Amazon von einem Dutzend begeisterter Leser.

Der Mainstream schweigt dröhnend. Steht Verwerfliches im Buch, ist es gar dumm? Im Gegenteil. Darin steht Wahres und Nachdenkenswertes. Dass die Autoren lange nachgedacht haben, ehe sie es aussprachen und aufschrieben, spürt man in jeder Zeile. Ich stimme nicht hundertprozentig zu (die beiden sind ja auch gelegentlich unterschiedlicher Meinung), doch selbst wenn sie etwas anderes sagen, als ich für richtig halte, handelt es sich um kluge und daher auch wichtige Gedanken. Die Meinungsmache durch Propaganda betrifft alle, denn wir sind ihr täglich ausgesetzt. Und sie ist bei vielen (um nicht zu sagen: bei den meisten) verheerend wirksam.

Mit Tamtam ist nicht der große chinesische Gong gemeint, sondern die daraus abgeleitete übertragene Bedeutung: Lärm machen, laut und intensiv Propaganda verbreiten. Das Gegenteil davon ist Tabu – das Verschwiegene, das Verbotene. Mit Tamtam – Verdrehungen, Übertreibungen, Lügen – wurde das, womit man Menschen dazu bringen kann, zu wollen, was sie nicht wollen, so kräftig propagiert, dass es sich durchsetzte, und das von der Wende bis zur Corona- und Ukrainekrise. Und Fakten und Ereignisse, die nicht in die Propagandaschublade passten, wurden verschwiegen, marginalisiert. Sie wurden zum Tabu.

In sechs Gesprächen, die den essayistischen Hauptteil rahmen, blicken sie auf die Realität hinter der Rhetorik. Vorangestellt ist das jüngste Gespräch. Darin geht es um den Ukrainekrieg. Der Einmarsch der russischen Truppen war ein Zivilisationsbruch. Er bringt uns einem Weltkrieg näher. Der kann beim gegenseitigen Hochschaukeln durch Drohungen, Schüsse, Terroraktionen entstehen. Die Autoren wissen natürlich, dass der Krieg bereits vor acht Jahren ausbrach, gleich nach dem Maidan-Putsch. Und dass der Westen Russland auch schon vorher hemmungslos provozierte und alle Friedens- und fast alle Handelsvorschläge nicht zur Kenntnis genommen oder abgeschmettert wurden. Die Ukraine wurde wie ein Nato-Mitglied aufgerüstet. Die großen Medien trieben die Regierungen vor sich her zur Ausweitung des Krieges. Die Moral, von der aus der Westen Russland kritisiert, steht auf tönernen Füßen, denn die USA und die Nato haben auch völkerrechtswidrige Kriege geführt. Die EU hat bei der Ukraine-Krise in historischem Ausmaß versagt und wird zu den großen Verlierern gehören.

Über ein friedliches Miteinander nachzudenken, ein Wort wie ‚Verhandlungen‘ auch nur auszusprechen, klingt schon fast defätistisch. Gefragt sind die propagandistischen Durchhalte- und Hochrüstungsparolen. Was früher geschah und früher auch von denselben Medien gelegentlich berichtet wurde (beispielsweise dass die Asow-Truppen – und nicht nur sie – tatsächlich Nazis sind und gern Hakenkreuze auf ihre Panzer gemalt haben oder dass der Krieg bereits 2014 begann – gegen einen Teil der eigenen Bevölkerung), hat nie stattgefunden oder gibt es nicht. Wahr ist nur das, was mit maßloser Propaganda den Massen serviert wird.

Der Rest des Buches widmet sich einem anderen Schwerpunkt: ‚Volkslektüre. Eine Presseschau‘ von Daniela Dahn ist das umfangreichste Kapitel. Es gab Ereignisse, deren akribische Darstellung selbst Menschen, die dabei waren (wie ich), überrascht. Die Sichtung von Publikationen aus den Jahren 1989 und 1990 ergibt fast schon Sensationelles, wenn man nur die offizielle Geschichtsschreibung und die Vereinigungsjubiläen-Reden kennt.
Als die Mauer gefallen war, konnten bald darauf auch Westzeitungen für Ostgeld gekauft werden, so dass die Propaganda sich schnell verbreitete. Zunächst wurde an der Delegitimierung der bisherigen Regierung gearbeitet, damit von Anfang an klar ist, dass aus dem Osten nichts Gutes kommen konnte. Die Parteiführung sei nicht nur korrupt, sondern vor allem auch heuchlerisch. Erich Honecker besaß laut Spiegel 14 Luxuswagen (er besaß kein einziges privates Auto). Sein Nachfolger Egon Krenz kutschierte in einem Jaguar herum und war laut Bild hinter feschen Mädels aus der FDJ her, Wodka war ihm lieber als Glasnost, und so wurde er der flotte Egon oder Don Promillo genannt (von der Lotterlebensbeschreibung war kein Wort wahr). Die Funktionäre lebten in Wandlitz in luxuriösen Häusern mit Marmor an den Wänden (das ist eher sozialer Wohnungsbau als Luxus, spottete eine West-Besucherin).

Das, was gerade geschehen war, wurde im Eiltempo umgeschrieben. Auf der Leipziger Montagsdemo am 9. Oktober 1989 sei skandiert worden: ‚Wir sind ein Volk‘. Dabei wurde damals noch das emanzipatorische ‚Wir sind das Volk‘ gerufen. Um die Vereinigung ging es noch nicht, sondern eher um die Einführung von Glasnost und Perestroika in der DDR. Die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage in der DDR wurden (immerhin) im Spiegel 52/1989 bekanntgegeben. 27 % wollten, dass DDR und BRD einen gemeinsamen Staat bilden. 71 % sprachen sich dafür aus, die DDR solle ein souveräner Staat bleiben. 44 % konnten sich in der Zukunft eine Konföderation vorstellen. Dass sich so wenige eine schnelle Vereinigung wünschten, missfiel Kohl. Das musste die Propaganda bereinigen. Es geschah Schritt für Schritt, von Daniela Dahn tagesgenau erzählt und mit Zeitungsausschnitten belegt.
Am Ende des Buches sind Faksimiles von Zeitungen zu finden. Krawallige Überschriften, verlogene Artikel. Honecker hatte 100 Millionen auf dem Konto, Modrow ließ das Volk prügeln, DDR in Not – Angst vor Hunger. Nichts davon ist wahr. Dass die DDR vor dem Zusammenbruch steht, ging auf eine Äußerung Kohls zurück: Modrow habe ihm das bei einem Vieraugengespräch mitgeteilt. Nur dass Modrow davon nichts wusste und dass es nicht stimmte. Der Staat ist pleite? fragten sich viele. Dann ist es wohl sicherer, wir wählen die schnelle Vereinigung. Binnen einer Woche drehte sich die Meinung vieler (vor allem bis dato Unentschlossener).

Die großen Westparteien unterstützten massiv ihre östlichen Pendants. Die Ost-CDU und zwei kleinere Bürgerbewegungen schmiedeten die Allianz für Deutschland, die verlautbarte, dass sie auf schnelle Währungsunion und schnelle Vereinigung setzen wolle. Unterstützt wurde die Allianz mit mehreren Millionen Wahlkampfhilfe. Sie schickten im Westen gefertigte Plakate und wohl auch ein paar Leute, die erwünschte Losungen skandierten wie: Wir sind ein Volk. In der letzten Woche vor den Wahlen zur Volkskammer schlug die Stimmung dann um, verlor der als sicher gewähnte Gewinner SPD Stimmen (die war für ein langsames Zusammegehen), die CDU erhielt den Zuschlag. Es war nicht der Druck der Straße, der die schnelle Vereinigung erzwang. Es war die westforcierte Propaganda, die in den letzten Tagen vor den Wahlen eine knappe Mehrheit für den Anschluss schuf.

Wenn wir uns schon vereinigen müssen, dann wenigstens nach Artikel 146 des Grundgesetzes, sagten viele der Bürgerbewegten. Der zentrale Runde Tisch entwarf eine Verfassung, die bei einer Wiedervereinigung vom ganzen deutschen Volk zu bestätigen wäre. Der Entwurf sah auch plebiszitäre Elemente vor und legte großen Wert auf Soziales und Umwelterhaltung. Die Volkskammer nahm ihn nicht zur Kenntnis, desgleichen der Bundestag. So kam es zum ‚Beitritt‘ nach Artikel 23 GG. Und die DDR wurde bei den Verhandlungen über den Tisch gezogen. Die Inbesitznahme der DDR durch den Kapitalismus war einer der größten Raubzüge in der deutschen Geschichte.
Das war jetzt sehr stark gerafft, noch dazu in meinen Worten. Im Buch wird das und mehr Tag für Tag oder zumindest Woche für Woche untersucht und belegt. Wer es genauer wissen will und wer auch etwas über die kognitiven Prozesse erfahren will, die bei Manipulationen wirken, greife einfach zum Buch. Es lohnt sich.
Hartmut Mechtel

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Text von Mechtel-Website: http://www.hartmut-mechtel.de/

-http://www.hart-brasilientexte.de/2022/10/19/die-deutsche-presse-ist-die-boesartigste-ueberhaupt-seite-20-russenhass-aus-der-nazizeit-maxime-westdeutscher-politik-von-heute-tamtam-und-tabu-meinungsmanipulation-von-der-wendezeit-bis-z/

Völkerrechtswidrige Angriffs-und Eroberungskriege von NATO/USA und internationale Straf-Sanktionen… **

Völkerrechtswidriger NATO-Krieg gegen den Irak, rd. 1,5 Millionen Tote, meist Zivilisten. Internationale Straf-Sanktionen: Keine

Völkerrechtswidriger NATO-Krieg gegen Syrien, u.a. geführt über NATO-Mitglied Türkei, Hunderttausende zivile Opfer: Internationale Straf-Sanktionen: Keine

Völkerrechtswidriger NATO-Krieg gegen Afghanistan, Übergabe der Landesbevölkerung an islamistische Taliban-Terroristen: Internationale Straf-Sanktionen: Keine

Völkerrechtswidriger NATO-Krieg gegen Libyen – Zerstörung des am höchsten entwickelten Staates ganz Afrikas: Internationale Straf-Sanktionen: Keine

Völkerrechtswidriger NATO-Krieg gegen Jugoslawien: Internationale Straf-Sanktionen: Keine

Völkerrechtswidriger Krieg der USA gegen Vietnam – über zwei Millionen vietnamesische Kriegstote. Internationale Strafsanktionen: Keine

US-Atombombenabwurf auf Zivilisten von Hiroshima und Nagasaki…

Dieser Beitrag wurde am Freitag, 13. Januar 2023 um 12:44 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Politik abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen.

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