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	<title>Klaus Hart Brasilientexte &#187; Theologie</title>
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	<description>Aktuelle Berichte aus Brasilien - Politik, Kultur und Naturschutz</description>
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		<title>Clodovis Boff kritisiert die Befreiungstheologie &#8211; sein Bruder Leonardo Boff, Frei Betto und Maria Clara Bingemer weisen dies als falsch zurück. (Wikipedia-verlinkt)</title>
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		<pubDate>Wed, 10 Sep 2008 20:57:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Klaus Hart]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
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		<description><![CDATA[Zwischen den Gebrüdern Leonardo und Clodovis Boff, beides Befreiungstheologen, ist heftiger Streit entbrannt. Nicht Gott, sondern der Arme sei zum Wirkprinzip der Befreiungstheologie geworden &#8211;  der Arme sei auf den Platz von Jesus Christus gesetzt worden, betont Clodovis Boff. Eine solche Umkehrung sei nicht nur ein Irrtum im Prinzip, im Vorrang und deshalb auch in [&#8230;]]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Zwischen den Gebrüdern Leonardo und Clodovis Boff, beides Befreiungstheologen, ist heftiger Streit entbrannt. Nicht Gott, sondern der Arme sei zum Wirkprinzip der Befreiungstheologie geworden &#8211;  der Arme sei auf den Platz von Jesus Christus gesetzt worden, betont Clodovis Boff. Eine solche Umkehrung sei nicht nur ein Irrtum im Prinzip, im Vorrang und deshalb auch in der Perspektive. Der Glaube werde für politische Zwecke instrumentalisiert, er werde entleert, in Ideologie verwandelt. Das schwäche die christliche Identität. Sein Bruder weist dies zurück &#8211;  und Frei Betto gegenüber dieser Website auch: „Diese Interpretation von Clodovil Boff ist falsch, irrtümlich. Denn unsere Beziehung zu Gott vermittelt sich ja über den Armen, Jesus selbst identifiziert sich mit ihm. Der Arme ist eine zentrale Figur im christlichen Glauben.”<br />
Maria Clara Bingemer, Dekanin der Katholischen Universität von Rio de Janeiro, sieht es genauso, der Arme sei keineswegs an die Stelle von Gott gesetzt worden.</strong></p>
<p><font size="3"><a href="http://www.adital.com.br/site/noticia.asp?lang=PT&amp;cod=33508">http://www.adital.com.br/site/noticia.asp?lang=PT&amp;cod=33508</a></font></p>
<p><strong>Dekanin der  Katholischen Universität von Rio, Maria Clara Bingemer, eine der  angesehensten Theologinnen des Tropenlandes: ”Die Menschenrechte der  Slumbewohner werden gravierend verletzt “ wir leben in einem unerklärten  Bürgerkrieg.”</strong><strong><img src="http://www.hart-brasilientexte.de/wp-content/uploads/2009/09/bingemerneu.jpg" alt="bingemerneu.jpg" /></strong></p>
<p><strong>Maria Clara Bingemer</strong></p>
<p><strong>Dekanin Maria Clara Bingemer von der Katholischen Universität Rio de       Janeiros begrüßt, daß das völlig obsolete, patriarchalische  Strafrecht       von 1940 modernisiert wird – auf  Druck der Frauenbewegung des       Landes. „Endlich etwas mehr Menschenwürde für die Brasilianerinnen  &#8211;       die neuen Gesetze könnten dazu beitragen,die machistische  Mentalität in unserem Land zu verändern.“ Dann       zitiert sie landesübliche Macho-Überzeugungen:“Frauen mögen es,  verprügelt       zu werden.“ Oder:“Wenn du eine Frau schlägst, weißt du vielleicht       nicht warum – aber sie weiß genau, weshalb sie Prügel verdient  hat.“In den Texten des „Rio-Funk“, zur Zeit in Deutschland hoffähig       gemacht, taucht immer wieder auf, daß man Frauen ruhig immer mal  eine       reinhauen sollte, da sie dies ja sogar mögen.</strong></p>
<p><strong>Hintergrund:</strong></p>
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<p><strong>Brasiliens Theologin Maria Clara Bingemer:”Wir leben im nichterklärten Bürgerkrieg”  </strong></p>
<p><strong>  </strong></p>
<p><strong>Die Dekanin des Zentrums für Humanwissenschaften an der Katholischen Universität Rio de Janeiros will eine sehr spirituelle „Kirche der Laien“</strong></p>
<p><strong>  </strong></p>
<p><strong>Wer aus Europa anreist und die Theologin in ihrem geräumigen Kabinett aufsucht, wird sie spontan beneiden. Aus breiten Fenstern blickt man nur auf wunderschönen exotischen Tropenwald wie aus der Tourismuspropaganda, die ganze Universität scheint mitten in einer Naturoase zu liegen. Da stimmen die Brasilienklischees – Rio, schönste Stadt der Erde. Nur zu viele Besucher fliegen mit diesem Eindruck wieder ab, haben nichts gesehen, nichts begriffen. Just hinter Maria Clara Bingemers Bilderbuchwald liegen Slums, in denen auch derzeit wieder schwerbewaffnete neofeudale Banditenmilizen um die Vorherrschaft kämpfen, Mißliebige sogar lebendig verbrennen. Brasilien zählt jährlich über fünfzigtausend Gewalt -Tote. In ihrem Kabinett hört die Theologin keine Granatenexplosionen, aber sie weiß davon. „Wir sind in einem nichterklärten Bürgerkrieg – wer in Rio de Janeiro lebt, ist ähnlichen Gefahren ausgesetzt wie im Irakkrieg oder in Afghanistan, muß sich permanent den Normen der Rechtsbrecher unterwerfen.“ Die gravierende Menschenrechtslage im Lande, die Massaker von Todesschwadronen in den Slums, die Staatskorruption – das bringt sie tagtäglich sichtlich auf, das schreit geradezu nach Aktionen, Engagement.  Die 55-Jährige beschränkt sich dabei längst nicht nur auf die Universität, die Debatten mit Studenten im Hörsaal. Sie mischt sozusagen an allen Ecken und Enden in der Zivilgesellschaft mit, zählt zu den am meisten gehörten kirchlichen Intellektuellen Brasiliens. Interviews im Fernsehen, ständige Kolumnen in Qualitätsblättern, Mitarbeit in Sozialpastoralen, das von ihr geleitete „Centro Loyola de Fè e Cultura“, die Gruppe „Teopoètica“, welche Theologie mit Literatur, Poesie verknüpft, dazu Buchveröffentlichungen, Vorträge – ein Pensum, das Respekt abnötigt.  Auch in Deutschland sind manche erstaunt, geschockt, daß der durch geschicktes Polit-Marketing zum „Hoffnungsträger“ der lateinamerikanischen Massen, gar zur Ikone der Welt-Progressiven, der Globalisierungskritiker aufgebaute Staatschef Lula mit seiner Arbeiterpartei derzeit tief im Korruptionssumpf steckt, gar von Amtsenthebung bedroht ist. Seit Monaten diskutiert Brasilien nur darüber – und natürlich ist überall Maria Clara Bingemers Analyse gefragt. Lange vor der Präsidentschaftswahl von 2002 hatte die katholische Kirche gewarnt, daß Lula mit der gesamten Parteispitze fortschrittliche Positionen verlasse, nach rechts tendiere. Schon seit den Neunzigern wußte man, daß es mit Lulas Ethik nicht weit her war. Deshalb kommt das jetzige Debakel für die Theologin keineswegs überraschend. „Lula paktierte mit den übelsten, skrupellosesten Figuren der brasilianischen Rechten, nutzte alle Mittel, um an die Macht zu kommen – jetzt sehen wir die Konsequenzen.“ Die Wirtschaftspolitik sei konservativ, erhoffte soziale Fortschritte blieben aus, das Anti-Hunger-Programm stehe im Grunde nur auf dem Papier, sei keine echte Misere-Bekämpfung. Doch von Massenprotesten, wie in Argentinien üblich, keine Spur, auch die Studenten bleiben passiv. „Wir damals vibrierten noch vor Politik, gingen zu jeder Demo – doch die junge Generation von heute ist größtenteils desinteressiert, hält sich aus der Politik heraus.“ Das gelte auch für die Katholische Universität – einst immerhin Widerstandsnest gegen die Militärdiktatur. Maria Clara Bingemer ist mit einem Deutsch-Argentinier verheiratet, hat mit ihm drei erwachsene Kinder. „Mein Sohn ist Anwalt, eine meiner Töchter Ökonomin – sie mögen weder Lula noch die Arbeiterpartei, sind klar für Brasiliens Sozialdemokraten vom PSDB.“ Und die Kirche, der Glaube? „Die Leute wechseln hier von einer Religion zur anderen – alles ist fragil, so wie Ehen, Beziehungen, Kompromisse.“ Theologen nutzten gerne das Bild vom Supermarkt, von religiöser Atomisierung:“Greif dir Elemente verschiedener Religionen, die dir gerade gefallen – und mix dir deinen eigenen Cocktail!“ In keiner Großstadt ist der Katholikenanteil geringer als in Rio, hier wuchsen die Sektenkirchen am raschesten, vor allem in den riesigen Slums. „Das sind keine Kirchen, sondern Unternehmen wie MacDonalds – daher funktionieren sie hocheffizient.“ Maria Clara Bingemer studiert die Erfolgsrezepte der Konkurrenz vor Ort – oder  in den eigenen vier Wänden an ihren Hausangestellten, alles keine Katholiken, wie bei so manchem Padre in Rio. “In unseren historischen Kirchen herrscht Anonymität – doch bei denen spricht man sehr persönlich mit jedem Gläubigen, werden Laien massiv in den Gottesdienst einbezogen.“ Deshalb fühlten sich  die Leute in diesen  Tempeln so wohl. In der katholischen Kirche müsse  das vernachlässigte Spirituelle wieder viel stärker betont werden. „Die Menschen müssen zuallererst eine tiefe, prägende Gotteserfahrung machen – nur auf dieser Basis kann man ihnen bestimmte Normen vermitteln. Nur zu sagen, Pille und Sex vor der Ehe, das geht nicht  – soetwas funktioniert gerade bei der postmodernen Generation überhaupt nicht mehr. Die Kirche muß deshalb ihren Diskurs völlig ändern – und sie wird künftig eine Kirche der Laien sein!“ </strong></p>
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<p><strong>Rund achtzig Prozent der etwa 190 Millionen Brasilianer leben bereits in großen Städten – wie kommen die Gemeinden der Katholiken mit Sekten, Evangelikalen zurecht?</strong></p>
<p><strong>  </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>  </strong></p>
<p><strong>Maria Clara Bingemer: Die sind aggressiv, deren Organisationsstruktur ist weit weniger rigide als unsere. Jeder Gläubige, der sich in deren Gottesdiensten durch den Heiligen Geist inspiriert fühlt, redet einfach los! Unsere Liturgie ist da viel kontrollierter. Deren Pastoren sind zudem Laien, können eine Familie haben, müssen sich an kein Zölibat halten. Eine kleine Gruppe kann bereits eine neue Kirche bilden. Deren Flexibilität kontrastiert mit unserer Strenge und dem Gewicht unserer Institution – was die Situation sehr kompliziert. Deshalb müssen wir unsere Strukturen flexibilisieren, Konzessionen machen, ohne das Essentielle anzutasten. Ganz dringlich ist, die Laien stärker mitreden zu lassen, nicht nur in den Klerus zu investieren. Andernfalls werden immer mehr Katholiken zu den Sekten überlaufen, gewinnen diese an Attraktivität. </strong></p>
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<p><strong> </strong></p>
<p><strong>  </strong></p>
<p><strong>Stehen die Sekten den katholischen Gemeinden geschlossen wie ein Block gegenüber?</strong></p>
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<p><strong>Maria Bingemer: Man muß differenzieren – in Sekten, envangelikalen Kirchen geschieht viel Migration, wechseln die Gläubigen häufig von einer zur anderen, gibt es religiöse Atomisierung, darunter die Phänomene einer doppelten, gar vielfachen Religions-und Kirchenzugehörigkeit. Das nimmt zu!</strong></p>
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<p><strong> Die charismatische Erneuerungsbewegung mit ihrer Symbolfigur, dem ungemein populären Padre Marcelo Rossi aus Sao Paulo, bringt heute bereits problemlos drei bis vier Millionen Gläubige zu einer Freiluftmesse zusammen. Bilden die „Carismaticos“ nicht zunehmend erfolgreicher ein Gegengewicht zu den Sekten?</strong></p>
<p><strong>  </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
<p><strong>  </strong></p>
<p><strong>Maria Clara Bingemer: In der Tat ist die charismatische Erneuerungsbewegung stark angewachsen – und in den katholischen Gemeinden ganz Brasiliens inzwischen sehr anerkannt. Ich sehe das nicht nur negativ, weil unsere Kirche dadurch gefühlvoller, lebendiger geworden ist, wir auf einmal fröhliche, sogar von Tanz geprägte Gottesdienste haben. Gerade die jungen Menschen identifizieren sich mit der Musik der Charismatiker. All dies ist eine klare Botschaft an die Kirchenführung, sich mehr um die Gefühle der Gläubigen zu kümmern. Ich beobachte in dieser Bewegung aber eine bestimmte Oberflächlichkeit &#8211;  das echte spirituelle Leben ist nicht gut assimiliert. Wichtige Herausforderung der katholischen Kirche Brasiliens ist, eine tiefe Gotteserfahrung wiederzubeleben – zu der sehr fröhliche Messen durchaus gut passen. Doch alles muß auch Tiefgang haben. Die Kirche redet viel davon, die Laien stärker einzubeziehen, tut dies aber längst nicht genug. Man muß eben mehr in die Laien investieren, die Geld-und Humanressourcen nicht nur für den Klerus aufbrauchen. An meiner theologischen Fakultät in Rio de Janeiro sind die allermeisten Studenten Laien, zudem größtenteils Frauen – da spüre ich den Hunger nach Spiritualität, aber auch nach theologischen Kenntnissen. Dieses Potential muß die Kirche besser fördern, muß besonders die Frauen darunter unterstützen, theologisch-spirituelle Inhalte zu produzieren. Ein ernstes Problem in unseren Gemeinden ist, daß die Laien nicht an sich glauben, weil sie eben doch noch nicht so einbezogen werden, wie es gelegentlich scheint. Ich bin eine Frau – und spüre das selbst, wenn ich mich als Laie betätige. Und auch dies will bedacht sein: Wer sein Leben – oder einen Teil davon &#8211; der Kirche widmen will, braucht Geld, um dies unter menschenwürdigen Bedingungen tun zu können. </strong></p>
<p><img src="http://www.hart-brasilientexte.de/wp-content/uploads/2011/10/haroldocoelhomartir.JPG" alt="haroldocoelhomartir.JPG" /></p>
<p><strong>“Gaddafi, Märtyrer.” </strong></p>
<p><a href="http://www.hart-brasilientexte.de/2011/10/24/gaddafis-tod-es-war-kaltblutiger-mord-brasiliens-befreiungstheologerischer-padre-haroldo-coelho-in-fortalezaceara-im-website-interview-solche-rasch-wachsenden-elendsviertel-wie-in-fortalez/"><strong>http://www.hart-brasilientexte.de/2011/10/24/gaddafis-tod-es-war-kaltblutiger-mord-brasiliens-befreiungstheologerischer-padre-haroldo-coelho-in-fortalezaceara-im-website-interview-solche-rasch-wachsenden-elendsviertel-wie-in-fortalez/</strong></a></p>
<h1>Leonardo Boffs Ungereimtheiten</h1>
<p><em> </em></p>
<p>In Ländern wie Deutschland betreibt eine bestimmte Gutmenschen-Szene  um den einst interessanten brasilianischen Befreiungstheologen einen  regelrechten Kult. Sie bewahrt ihn vor öffentlicher Kritik, die als  politisch unkorrekt gälte. Im Tropenland dagegen wird Boff seit den  neunziger Jahren zunehmend heftig kritisiert. Selbst frühere Anhänger  werfen ihm Fehleinschätzungen über die katholische Kirche,  intellektuelle Unehrlichkeit und Opportunismus vor. Boff sei eitel auf  Medienpräsenz aus – was mit Verbalattacken auf Papst und Vatikan  natürlich am leichtesten gelinge.<br />
In der Tat wirkt Boffs Eindreschen auf den Papst infantil und  lächerlich. Nationale Religionsexperten bescheinigen ihm eine  unbestreitbare Rolle in der Reflexionsgeschichte Brasiliens, nennen ihn  sehr intelligent und intuitiv. Boff spüre sehr gut bestimmte  gesellschaftliche Probleme und Tendenzen, sei ein brillanter Professor.  Doch seine Äußerungen müssten kritisch analysiert werden – andernfalls  akzeptiere man häufig Dinge, die nicht der Wahrheit entsprächen.<br />
In Deutschland sind evangelikale Wunderheiler-Sekten unbeliebt – Boff  begrüßte indessen bereits im Jahr 2000 öffentlich die Expansion der  Evangelikalen vorbehaltlos als Bereicherung. In Brasilien fasste man  sich an den Kopf. Denn die evangelikalen Sektenkirchen propagieren  massiv die „Theologie der Prosperität“, wonach materieller Wohlstand  eine Gabe Gottes sei und durch die Macht des Glaubens erreicht werden  könne. An Misere, persönlichem Misserfolg sei der Teufel schuld, den man  auf speziellen Tempelsitzungen austreibe – wobei natürlich jeder  Gläubige soviel Geld wie möglich an die Kirche spenden müsse. Mit dieser  Theologie, analysieren Sozialwissenschaftler, verbreiten die  Evangelikalen Illusionen, beuten die Leute aus, schaffen Leiden. Und  fördern sogar Rassismus und Diskriminierung, da die schwarze Bevölkerung  nunmehr nur deshalb arm sei, weil sie sündige. Gemäß aus Afrika  ererbten Schlechtigkeiten werde sie als eine verfluchte Rasse angesehen,  die sich von allen Vorfahren und Wurzeln lösen müsse.<br />
Wenn Boff diese wie Wirtschaftsunternehmen funktionierenden Kirchen als  Bereicherung auffasse, müsse man seine Bewertungen relativieren, zeige  sich zunehmende Oberflächlichkeit. Im akademischen Umfeld, bei den  Studenten sei Boffs frühere Attraktivität weg.<br />
Boff müsste wissen, dass evangelikale Kirchen im Christlich-Ethischen  mancherlei Sonderwege fahren. So wurde ein Bischof der politisch  einflussreichen „Universalkirche vom Reich Gottes“, der Brasiliens  zweitgrößter TV-Sender gehört, wegen Mordes eingesperrt. In Salvador da  Bahia hatte er laut Polizei im Tempel gemeinsam mit zwei Pastoren einen  14-jährigen Jungen sexuell missbraucht und danach lebendig verbrannt.<br />
Manche mögen Boff zustimmen, wenn er die Evangelikalen-Ausbreitung  begrüßt, weil ihm „jede Art von Vielfalt“ so gefällt. Denn nun ist in  rappelvollen „Gotteshäusern“ endlich mal echt was los, ziehen Ex-Killer  und Ex-Frauenaufreißer wie Pastor Salles vom Leder:„Ich war reich, hatte  Villen und tausende Frauen – in Rio hörten tausende schwerbewaffnete  Banditen auf mein Kommando. Ich war Bankräuber, Berufskiller, Monster,  Psychopath – so viele Opfer flehten vergeblich um Barmherzigkeit! Wie  von den Dämonen gefordert, habe ich mit meiner Frau unseren sechs Monate  alten Sohn getötet, in der Pfanne gebraten, sein Fleisch gegessen – ich  war schon in der Hölle!“<br />
Frei Betto, wichtigster Befreiungstheologe Brasiliens, hochangesehen bei  Kardinälen, Bischöfen und Padres der Kirche des Riesenlandes,  analysiert solche evangelikalen Sekten tiefgründig, fühlt sich durch  ihre nervende Präsenz im Alltag nicht eben bereichert. Leonardo Boff  indessen wirft kurioserweise dieser Kirche „feudale Mentalität“,  „totalitäre Ideologie“ und „mittelalterliche Strukturen“ vor, gar die  Ablehnung von Kritik und Alternativen.  Damit hat er schlichtweg die  Dynamik, Entwicklung und Komplexität der katholischen Kirche nicht  begriffen. Als anschauliches Beispiel gilt, dass Rom zwar Kondome  kritisiert, deren massive Verteilung in der pastoralen Aids-Prävention  indessen zulässt – und fördert, gemäß katholischer Moraltheologie.<br />
Der Soziologe Claudio Monteiro leitet in Sao Paulo die bischöfliche  Aids-Pastoral – direkt neben seiner Bürotür kann sich jedermann aus  einem stets gut gefüllten Plastikbehälter gratis und überreichlich  mit  Kondomen eindecken. Monteiro lacht über Boffs Vorwurf, dass die  katholische Kirche in der Kondomfrage lebensfeindlich, verantwortungslos  und intolerant handele. „Leonardo Boff gehörte zum Franziskanerorden,  der in Brasilien eines der ersten Aids-Präventionsprojekte startete und  natürlich Kondome verteilt – seit über 16 Jahren. Unsere nationale  Aids-Pastoral, von einem Bischof geführt, verfährt genauso. Völlig  unmöglich, daß Boff davon nicht weiß. Wenn er die Ausbreitung der  Evangelikalen, die Expansion des religiösen Fundamentalismus positiv  bewertet, ist dies fragwürdig und anfechtbar.“<br />
Boff greift immer wieder auch in die Politik ein. Im letzten  Präsidentschaftswahlkampf unterstützte er zuerst die evangelikale  Predigerin Marina Silva. Die Ex-Umweltministerin zählte zur  Revolutionären Kommunistischen Partei Brasiliens, wuchs im  befreiungstheologischen Spektrum der Katholiken auf und ging dann zur  „Assembleia de Deus“. Richtig, die von Pastor Salles, dem Ex-Killer und  Ex-Frauenaufreißer, die zudem laut Eigendarstellung Homos zu Heteros  umdreht und Strich-Transvestiten zu Geistlichen macht.<br />
Zuletzt wechselte Marina Silva von Lulas Arbeiterpartei zu den  brasilianischen Grünen. Die verkaufen sie als lupenreine  Umweltschützerin – obwohl zahlreiche verhinderbare Umweltverbrechen in  ihre Amtszeit fallen. Amazonas- und Savannenwälder werden vernichtet,  Brasilien avanciert zum weltgrößten Agrargiftverbraucher, das Geschäft  mit Gen-Pflanzen boomt. Umweltschützer laufen Sturm gegen das  gigantische Umleitungsprojekt am Rio Sao Francisco – Marina Silva  verteidigt es als „ökologisch nachhaltig, wirtschaftlich machbar und  sozial gerecht“. Was sie von massenhafter Folter durch Staatsangestellte  oder von den landesweit operierenden Todesschwadronen hält, erfährt man  bis heute nicht.<br />
2002 nahm Leonardo Boff begeistert an der Wahlkampfkarawane von Lula  teil, verglich ihn mit Mahatma Gandhi, lobte sogar dessen Vize, den  Milliardär und Diktaturaktivisten José Alencar. Angesichts der  Korruptionsskandale schwenkte er später um, verurteilte Lulas Politik  als niederträchtig neoliberal.<br />
2010 aber, als Marina Silva die Stichwahl nicht erreichte, wechselte  Boff flugs zu Lulas Wunschkandidatin und bisheriger Chefministerin Dilma  Roussef – und wieder zu Lob über den grünen Klee: „Lula machte die  größte Revolution der sozialen Ökologie des Planeten, eine Revolution  für die Bildung, ethische Politik.“ Die gravierenden  Menschenrechtsverletzungen, den strikt antiökologischen Kurs von  Lula-Rousseff kritisiert er nicht, die von ihm so heftig gescholtene,  stark systemkritische katholische Kirche Brasiliens tut das umso  kräftiger: Fehlende soziale Besorgnis bei Lula und Rousseff trotz  Hunger, Misere und rasch wachsenden Slums, Zementierung der grauenhaft  ungerechten Einkommensverteilung, Begünstigen der ohnehin  Privilegierten. Boff faselt von sozialer Ökologie-Revolution, dabei ist  längst klar, dass Dilma Rousseff das umweltvernichtende  Mega-Wasserkraftwerk „Belo Monte“ in Amazonien unbedingt realisieren  will. Nach ihrem Wahlsieg erneut ein Schwenk: Boff geißelt das  Belo-Monte-Projekt.<br />
Mancher hat vielleicht den desillusionierenden ARD-Weltspiegel-Beitrag  „Brasilien: Kindsmord am Amazonas“ über das Töten von Kindern bei  Indianerstämmen gesehen – rund 600 Babies werden danach jährlich allein  in Amazonien umgebracht. Viele Indianer sitzen wegen Sex mit Kindern im  Gefängnis, auch Indios sind als Naturzerstörer bekannt. Yanomami pflegen  gar das Verprügeln der eigenen Ehefrau mit Freunden, bei  Fremdgeh-Verdacht – von Schamanen als Hexen beschuldigte Indiofrauen  wurden ermordet – das Blättchen hatte über diese Praktiken berichtet.  Boff indessen ignoriert diese Fakten: „Und ich habe sie immer bewundert,  sie sind unsere großen Meister im Hinblick auf die Haltung gegenüber  der Natur. Die sind technologisch gesehen rückständig, aber  zivilisatorisch, sie sind vorwärts, sie sind reicher als wir. Wenn wir  lernen wollen, was wir für eine Beziehung mit der Natur eingehen sollen,  die Beziehung zwischen dem Alter und den Kindern, den Erwachsenen und  alten Leuten, die Beziehung zwischen Arbeit und Freizeit, die Beziehung  zwischen Leben und Tod, dann müssen wir die Indianer hören. Die haben  eine große Weisheit und vieles haben sie uns zu sagen.“ Kommentar  überflüssig.</p>
<p><strong>Hintergrund: </strong></p>
<p><strong>„CIA spionierte Brasiliens Kirche aus, fördert Sekten”</strong><strong><br />
<strong>Bischofskonferenz analysiert freigegebene Geheimdokumente</strong></strong></p>
<p><strong>Bischöfe und Theologen des Tropenlandes befassen sich derzeit    mit ungewöhnlicher Lektüre: Das Weiße Haus hat weitere hochbrisante    Geheimdokumente über CIA-Operationen vor und während der  brasilianischen   Militärdiktatur freigegeben, die auch die katholische  Kirche  betreffen.  Renommierte Menschenrechtsaktivisten, Intellektuelle  wie  Helio Bicudo  und der Befreiungstheologe Frei Betto aus Sao Paulo  sehen  ihre früheren  Recherchen bestätigt. „Dank dieser Geheimdokumente  wissen  wir nun genau,  daß Washington die südamerikanischen  Militärputsche der  sechziger und  siebziger Jahre vorbereitete.” Auch  in Brasilien, so der   Dominikanerbruder und Bestsellerautor mit  Millionenauflagen, sei mit   CIA-Hilfe 1964 ein Willkürregime an die  Macht gebracht worden, das bis   1985 währte. Der damalige  US-Botschafter in Brasilia habe sogar   finanzielle und militärische  Hilfe für die Putschisten angefordert.   „Argumentiert wurde mit dem  Hirngespinst von der kommunistischen Gefahr &#8211;   obwohl die katholische  Kirche und speziell deren   befreiungstheologischer Flügel bedrohlicher  für die Interessen der USA   angesehen wurden als der Marxismus.”Auf die  Veröffentlichungen reagierte   auch die Familie des 1964 weggeputschten  demokratischen Präsidenten   Joao Goulart. „Wir gehen jetzt vor den  Internationalen Gerichtshof in   Den Haag und werden beweisen, daß es  eine Intervention der USA gab”,   erklärten Joao Vicente und Denise  Goulart, Kinder des damaligen   Staatschefs, vor der Presse. „Sie haben  einen gewählten Präsidenten   gestürzt, Brasiliens Souveränität  gebrochen.” Vicente und Denise Goulart   verweisen zudem auf Dokumente,  denen zufolge damals tatsächlich im   Rahmen der sogenannten „Operation  Brother Sam” eine US-Militärflotte vor   der brasilianischen Küste  bereitgestanden habe. Die Familie will eine   hohe Entschädigungssumme  von Washington &#8211;  umgerechnet über 1,3   Milliarden Euro. Brasiliens  Kirche war zur Diktaturzeit weitgehend   regimekritisch, war Opposition.  Um ein Gegengewicht zu schaffen, so Frei   Betto, habe die CIA deshalb  die Ausbreitung von Sekten gefördert &#8211; und   tue dies offenbar bis  heute. ”Die USA finanzierten jene Sektenkirchen,   denen es darum geht,  Brasiliens Christen zu spalten und progressive   Tendenzen in der  katholischen Kirche auszulöschen. Jene „elektronischen   Kirchen”  propagierten sogar eine Theologie des Wohlstands. Dagegen  stehe  die  Botschaft Jesu für Gerechtigkeit und Frieden in der Welt.  Dies  sollten  die Gläubigen nicht entdecken. Bezeichnend sei, daß die    brasilianischen Chefs wichtiger evangelikaler Kirchen heute alle in den    Vereinigten Staaten wohnten, nicht in Brasilien.</strong></p>
<p><strong>Nicht zufällig herrscht Frohlocken, klammheimliche bis offene    Freude über ein Anwachsen der CIA-geförderten Sekten bei jenen, denen    der weltweite Kampf der katholischen Kirche für Menschenrechte,   darunter  in Ländern wie Brasilien, sehr ungelegen kommt.  Auch in    deutschsprachigen Ländern stoßen daher solche Sekten auf viel    Wohlwollen, werden häufig beschönigend als Freikirchen eingestuft.</strong></p>
<p><strong>Befreiungstheologe Frei Betto verbrachte als politischer    Gefangener mehrere Jahre in den Foltergefängnissen der Diktatur, erlebte    all den Horror am eigenen Leibe mit. In den CIA-Dokumenten steht, daß    die USA über die Folterpraxis sehr genau Bescheid wußten. „Das Verhör    politischer Gefangener ist häufig begleitet von Folter, unter anderem    Aufhängen mit dem Kopf nach unten, Elektroschocks, Hunger”, heißt es  in   einem Geheimtelegramm von 1973. Zitiert wird auch ein CIA-Informant  aus   dem Repressionsapparat:”Er beschrieb uns den Mord an einem der    Subversion Verdächtigten, der er „genäht” habe, wie er es nannte &#8211;     indem er auf ihn mit einer automatischen Waffe vom Kopf bis zu den Zehen    des Fußes gefeuert habe.” Kurz vor dem Putsch telegraphierte der    damalige US-Botschafter Gordon nach Washington, man müsse Hilfe leisten,    „um ein größeres Desaster zu verhindern, welches Brasilien zu einem    China der sechziger Jahre machen könnte”. Der damalige US-Präsident    Lyndon Johnson erklärte unter Bezug auf Brasilien:”Wir können das dort    nicht tolerieren.” Öffentliche Kritik an diesen    Menschenrechtsverletzungen und der laut US-Gesetzen mögliche Stopp von    Wirtschaftshilfe seien unterblieben, um die Gewinne aus den rasch    wachsenden Rüstungslieferungen an die Militärdiktatur nicht zu    gefährden, betont der Dominikaner. ”Kardinal Evaristo Arns aus Sao Paulo    zählte zum Widerstand gegen die Diktatur und schlug den USA sogar ein    Wirtschaftsembargo gegen Brasilien vor.” Seine Bitte habe natürlich   kein  Gehör gefunden. „Denn die USA finanzierten ja die Diktatur.” Die   CIA  habe zudem Persönlichkeiten wie Kardinal Arns oder Erzbischof   Helder  Camara ausspioniert, Geistliche beispielsweise als progressiv,   als  hilfreich für die Interessen der USA oder gar als Feinde    klassifiziert.Viele Dollars flossen gemäß den nordamerikanischen Quellen    auch in die Ausbildung von Todesschwadronen, von Eliteeinheiten der    politischen Polizei Brasiliens. „Ab 1968 ging die Diktatur brutaler,    aggressiver gegen Regimegegner vor, wurde gemordet, ließ man Menschen    verschwinden”, erinnert sich Frei Betto. Der Repressionsapparat sei mit    Washingtoner Hilfe besser organisiert worden. „An US-Militärakademien    wurden Folterer für verschiedene lateinamerikanische Diktaturen,    darunter für Brasilien ausgebildet.”</strong></p>
<p><strong>Brasiliens Bischofskonferenz fordert seit Jahren, daß die    Regierung von Staatschef Luis Inacio Lula da Silva endlich die geheimen    Diktaturarchive der Streitkräfte öffnet. „Damit würde mehr über die    Zusammenarbeit mit der CIA bekannt.” Doch genau dies solle verhindert    werden. Länder wie Chile oder Argentinien seien bei der    Vergangenheitsbewältigung schon viel weiter. ”Die Lula-Regierung ist    eigentlich dazu verpflichtet, die Öffentlichkeit über diese dunkle Phase    unserer Geschichte aufzuklären, damit man weiß, wer verantwortlich  war   für all die Verbrechen.” Lula, so sieht es Frei Betto, müßte als  Chef   der Streitkräfte die Militärs zwingen, alle Repressionsarchive zu    öffnen. „Unerklärlich, ja verrückt, daß er es nicht tut.” Schließlich    legten selbst die USA ihre Geheimdokumente über diese Zeit, die    Beteiligung am Militärputsch offen.</strong></p>
<p><strong>“Nicht ohne Grund hat etwa der frühere  US-Präsident Ronald    Reagan in  Südamerika die Sekten gefördert, weil sie   individualisierend   und  systemstabilisierend wirken.”</strong> <strong>(Paulo Suess)</strong></p>
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