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	<title>Klaus Hart Brasilientexte &#187; Brasiliens Konzentrationslager</title>
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	<description>Aktuelle Berichte aus Brasilien - Politik, Kultur und Naturschutz</description>
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		<title>Brasiliens Konzentrationslager &#8211; Landesgeschichte.</title>
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		<pubDate>Sat, 12 Mar 2011 19:58:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[Klaus Hart]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
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<p>Hintergrund von 2010:</p>
<p><strong>Brasiliens Massengräber</strong><strong> </strong></p>
<p><span id="more-8844"></span></p>
<p><strong>„Wenn die Toten da reingeschmissen werden, sind das Szenen  wie in diesen Holocaustfilmen“, beklagen sich Anwohner von  Massengräber-Friedhöfen der größten lateinamerikanischen Demokratie. In  der Tat wird seit der Diktaturzeit vom Staat die Praxis beibehalten,  nicht identifizierte, zu „Unbekannten“ erklärte Tote in Massengräbern zu  verscharren.  Die Kirche protestiert seit Jahrzehnten dagegen und sieht  darin ein gravierendes ethisch-moralisches Problem, weil es in einem  Land der Todesschwadronen damit auch sehr leicht sei, unerwünschte  Personen verschwinden zu lassen. In der Megacity Sao Paulo mit ihren  mehr als 23 Millionen Einwohnern empört sich der weltweit angesehene  Menschenrechtspriester Julio Lancelotti: „In Brasilien wird monatlich  eine erschreckend hohe Zahl von Toten anonym in Massengräbern  verscharrt, verschwinden damit Menschen auf offiziellem Wege, werden als  Existenz für immer ausgelöscht. Wir von der Kirche nehmen das nicht  hin, versuchen möglichst viele Tote zu identifizieren, um sie  dann auf  würdige Weise christlich zu bestatten. Wir brauchten einen großen  Apparat, ein großes Büro, um alle Fälle aufklären zu können – dabei ist  dies eigentlich Aufgabe des Staates!“</strong><strong>Padre Lancelotti  erinnert daran, daß während der 21-jährigen Diktaturzeit in Sao Paulo  von den Machthabern 1971 eigens der Friedhof Dom Bosco geschaffen wurde,  um dort zahlreiche ermordete Regimegegner heimlich gemeinsam mit jenen  unbekannten Toten, den sogenannten „Indigentes“, in Massengräber zu  werfen. Wie die Menschenrechtskommission des Stadtparlaments jetzt  erfuhr, wurden seit damals allen Ernstes 231000 Tote als Namenlose  verscharrt – allein auf d i e s e m Friedhof. Heute  kommen Monat für  Monat dort zwischen 130 und 140 weitere Indigentes hinzu. Nach einem  Massaker an Obdachlosen Sao Paulos kann Priester Lancelotti zufällig auf  dem  Friedhof Dom Bosco beobachten, wie sich der Staat der Namenlosen  entledigt: “Als der Lastwagen kommt und geöffnet wird, sehe ich mit  Erschrecken, daß er bis obenhin voller Leichen ist. Alle sind nackt und  werden direkt ins Massengrab geworfen. Das wird zugeschüttet &#8211; und  fertig. Sollten wir später noch Angehörige ermitteln, wäre es unmöglich,  die Verstorbenen in der Masse der Leichen wiederzufinden. Was sage ich  als Geistlicher dann einer Mutter?“ </strong><strong>Lancelotti hält  einen Moment inne, reflektiert: „Heute hat das Konzentrationslager  keinen Zaun mehr, das KZ ist sozusagen weit verteilt – die Menschen sind  nach wie vor klar markiert, allerdings nicht auf der Kleidung, sondern  auf dem Gesicht, dem Körper. Und sie werden verbrannt, verscharrt, wie  die Gefangenen damals, und es gibt weiter Massengräber.“ </strong><strong>Was  in Sao Paulo geschieht, ist keineswegs ein Einzelfall. In der  nordostbrasilianischen Millionenstadt Fortaleza leiden die Anwohner des  Friedhofs „Bom Jardim“ seit Jahren bei den hohen Tropentemperaturen  unter grauenhaftem Leichengeruch. „Die Toten werden oft schon verwest  hergebracht, wie Tiere verscharrt, wir müssen zwangsläufig zusehen, es  ist grauenhaft“, klagt eine Frau. „Fast jeden Tag kommt der Leichen-LKW –  doch bei den heftigen Gewitterregen wird die dünne Erdschicht über den  Toten weggeschwemmt, sehen wir die Massengräber offen, wird der Geruch  im Stadtviertel so unerträglich, daß viele Kopfschmerzen kriegen,  niemand hier eine Mahlzeit zu sich nimmt.“ Der Nachbar schildert, wie  das vergiftete Regenwasser vom Friedhof durch die Straßen und Gassen des  Viertels läuft: „Das Wasser ist grünlich und stinkt, manchmal werden  sogar Leichenteile mitgeschwemmt – und weggeworfene Schutzhandschuhe der  Leichenverscharrer. Die Kinder spielen damit – haben sich an die  schrecklichen Vorgänge des Friedhofs gewöhnt.  Wir alle haben Angst, daß  hier Krankheiten, Seuchen ausbrechen.“</strong><strong>Selbst in Rio de  Janeiro sind die Zustände ähnlich, werden zahllose Menschen von  Banditenkommandos der über 1000 Slums liquidiert und gewöhnlich bei  Hitze um die 35 bis 40 Grad erst nach Tagen in fortgeschrittenem  Verwesungszustand zum gerichtsmedizinischen Institut abtransportiert.  Wie aus den Statistiken hervorgeht, werden in den Großstädten monatlich  stets ähnlich viele Tote als „Namenlose“ in Massengräber geworfen wie in  Sao Paulo, der reichsten Stadt ganz Lateinamerikas. </strong><strong>Priester  Julio Lancelotti und seine Mitarbeiter stellen immer wieder  Merkwürdigkeiten und verdächtige Tatbestände fest. „Werden Obdachlose  krank und gehen in bestimmte öffentliche Hospitäler, bringt man an ihrem  Körper eine Markierung an, die bedeutet, daß der Person nach dem Tode  zu Studienzwecken Organe entnommen werden. Die Männer registriert man  durchweg auf den Namen Joao, alle Frauen als Maria. Wir streiten heftig  mit diesen Hospitälern und wollen, daß die Obdachlosen auch nach dem  Tode mit den echten Namen geführt werden. Schließlich kennen wir diese  Menschen, haben über sie Dokumente. Man meint eben, solche Leute sind  von der Straße, besitzen also weder eine Würde noch Bürgerrechte. Wir  haben in der Kirche eine Gruppe, die den illegalen, kriminellen  Organhandel aufklären will, aber rundum nur auf Hindernisse stößt. Denn  wir fragen uns natürlich auch, ob jenen namenlos Verscharrten vorher  illegal Organe entnommen werden.“</strong><strong>Fast in ganz  Brasilien  und auch in Sao Paulo sind Todesschwadronen aktiv, zu denen  Polizeibeamte gehören, wie sogar das Menschenrechtsministerium in  Brasilia einräumt. Tagtäglich würden mißliebige Personen  außergerichtlich exekutiert, heißt es. Darunter sind auch Obdachlose,  von denen allein in Sao Paulos Zentrum weit über zehntausend auf der  Straße hausen. Wie Priester Julio Lancelotti betont, ist zudem die Zahl  der Verschwundenen auffällig hoch. </strong><strong>„Auf den Straßen Sao  Paulos werden viele Leichen gefunden. Denn es ist sehr einfach, so  einen Namenlosen zu fabrizieren. Man nimmt ihm die Personaldokumente  weg, tötet ihn und wirft ihn irgendwo hin. Wir gehen deshalb jeden Monat  ins gerichtsmedizinische Institut, um möglichst viele Opfer zu  identifizieren. Die Polizei ist immer überrascht und fragt, warum uns  das interessiert. Das Identifizieren ist für uns eine furchtbare,  psychisch sehr belastende Sache, denn wir müssen monatlich stets  Hunderte von Getöteten anschauen, die in großen Leichenkühlschränken  liegen &#8211; alle schon obduziert und wieder zugenäht. Und man weiß eben  nicht, ob da Organe entnommen wurden.“</strong><strong>Solchen Verdacht  hegen nicht wenige Angehörige von Toten, die seltsamerweise als  „Namenlose“ im Massengrab endeten. In der nordostbrasilianischen  Küstenstadt Maceio geht letztes Jahr der 69-jährige Sebastiao Pereira  sogar mit einem Protestplakat voller Fotos seines ermordeten Sohnes auf  die Straße. Dem Vater hatte man im gerichtsmedizinischen Institut die  Identifizierung der Leiche verweigert – diese dann mysteriöserweise auf  einen Indigentes-Friedhof gebracht. Kaum zu fassen – ein  Friedhofsverwalter bringt es fertig, Sebastiao Ferreira später  mehrere  Leichenteile, darunter einen Kopf zu zeigen. „Mein Sohn wurde allein am  Kopf von vier MG-Schüssen getroffen – und dieser Kopf war doch intakt!  Ich setzte eine DNA-Analyse durch – der Kopf war von einem Mann, das  Bein von einem anderen, der Arm wiederum von einem anderen – doch nichts  stammte von meinem Sohn“, sagt er der Presse. </strong><strong>In Sao  Paulo hat Priester Lancelotti durchgesetzt, daß ein Mahnmal auf dem  Friedhof Dom Bosco an die ermordeten Regimegegner, aber auch an die mehr  als 200000 „Namenlosen“ erinnern wird.</strong><strong> Neuerdings  macht der Friedhof in Brasilien immer wieder Schlagzeilen, allerdings  nicht wegen der Massengräber von heute. Progressive Staatsanwälte  versuchen das Oberste Gericht in Brasilia zu überzeugen, den zur  Diktaturzeit für den Friedhof verantwortlichen Bürgermeister Paulo Maluf  und den damaligen Chef der Politischen Polizei, Romeu Tuma, wegen des  Verschwindenlassens von Oppositionellen vor Gericht zu stellen.  Erschwert wird dies jedoch durch den Politikerstatus der Beschuldigten:  Paulo Maluf ist Kongreßabgeordneter und Romeu Tuma sogar Kongreßsenator –  beide gehören zum Regierungsbündnis von Staatspräsident Lula.</strong></p>
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